Spiritualität und Ethik

Keine Predigt, sondern ein Vortrag. Zum 15-jährigen Bestehen des Benediktushofs, des von Willigis Jäger gegründeten und lange auch von ihm geleiteten Meditationszentrums, war ich eingeladen, den Eröffnungsvortrag zu halten. Thema: „Spiritualität und Ethik in der Welt von heute.“ Noch globaler geht’s nicht, dacht ich zuerst. Aber dann ist mir doch etwas eingefallen. Hier das Video und das Manuskript.

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Zengarten im Benediktushof; Foto: privat

 

Spiritualität und Ethik in der Welt von heute

Verehrte Anwesende, liebe Freundinnen und Freunde und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Benediktushofs, sehr geehrte Damen und Herren,

das ist für mich eine große Ehre, hier heute den Anfang zu machen. Und ich gratuliere dem Benediktushof, ich gratuliere Willigis Jäger und allen, die hier mitgearbeitet haben und mitarbeiten, allen, die dieses schöne Zentrum aufgebaut haben und die dazu beitragen, dass der Benediktushof lebt und blüht. Es ist ein wunderbarer Ort und Sie machen eine sehr wichtige Arbeit, „in der Welt von heute“. Herzlichen Glückwunsch!

 

Spiritualität und Ethik in der Welt von heute.

Was heißt Spiritualität? Ich denke, in dieser Runde muss ich nicht groß betonen, dass es bei Spiritualität um weit mehr geht als das, was heute in Frauenzeitschriften unter diesem Begriff verhandelt wird. Es geht nicht um Räucherstäbchen, Wellness-Yoga und die Buddha-Statue im Spa. Ich möchte Spiritualität auch nicht verstehen als Kampfbegriff gegenüber der institutionalisierten Religion nach dem Motto: Wir sind spirituell, aber nicht religiös. Eine solche Haltung hat durchaus ein gewisses Recht, aber sie reißt etwas auseinander, was zusammengehört. Deshalb möchte ich hier eine ganz elementare Definition vorschlagen.

Für mich heißt Spiritualität: Der Bezug zu einer wie auch immer gearteten Transzendenz. Also zu etwas, das die vorfindliche Welt übersteigt, trans-zendiert. Das kann Gott sein, die Buddha-Natur, das höhere Selbst, das Universum. Es geht um den Bezug zu einer so verstandenen Transzendenz, im Bewusstsein und in der Haltung. Und dazu gehört für viele auch die Übung, um den Kontakt zu dieser Transzendenz, zum Großen Ganzen, zu erspüren und zu pflegen.

Den zweiten Begriff, Ethik, kann ich nicht ganz so leicht definieren. Eigentlich kann ich erst am Ende dieses Vortrags genauer sagen, was ich darunter verstehen möchte. Deshalb hier am Anfang nur so viel: Bei Ethik geht es, ganz kurz gesagt, um das rechte Verhalten. Das hat individuelle Aspekte und es hat gesellschaftliche und politische Aspekte – das soll für den Anfang genügen.

Und der dritte Begriff, die Welt von heute – auch hier, und erst recht hier wird erst im Laufe des Vortrags deutlich, was darunter zu verstehen ist. Ich setze hier also ein Fragezeichen, aber ich verspreche Ihnen, dass es dabei nicht bleibt.

 

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Spiritualität und Ethik in der Welt von heute – ich möchte das Thema, wie ich es verstehe, so umschreiben: Welches ist das Verhältnis zwischen unserem bewussten Handeln einerseits und unserem Bezug zur Transzendenz auf der anderen Seite, und zwar unter den Bedingungen dieser Welt, in der wir heute leben? Anders gesagt: Zwischen Spiritualität und Ethik scheint es einen Zusammenhang zu geben – und der sollte so gestaltet sein, dass er in unsere heutige Welt passt, dass er uns heutige Menschen trifft und uns hilft oder befähigt, ein ethisch annehmbares Leben zu führen.

Ich bin auf einen Satz von Matthieu Ricard gestoßen. Matthieu Ricard, geboren 1946, ist oder war Mikrobiologe und geht seit 50 Jahren den Weg des tibetischen Buddhismus, er ist der offizielle Französisch-Übersetzer des Dalai Lama und er arbeitet intensiv am Dialog zwischen Buddhismus und modernen Wissenschaften. Seine Dialoge mit dem Astrophysiker Trinh Xuan Thuan erschienen im Jahr 2001 unter dem Titel „Quantum und Lotus“, und in diesem Buch fand ich folgenden Satz, der einen bestimmten Begriff von Ethik voraussetzt, nämlich einen individuellen Ansatz. Hier das Zitat:

„Es gibt eine Vielzahl von Zeichen, die anzeigen, dass ein Mensch erfolgreich den kontemplativen Weg geht. Das Wichtigste ist aber zweifellos, dass nach einigen Monaten oder Jahren unser Egoismus schwächer und unser Mitgefühl für andere stärker wird. Wenn Fixiertheit, Hass, Hochmut und Neid nicht geringer werden, dann hat man seine Zeit verloren, ist vom Weg abgekommen und täuscht damit sich und andere.“[1]

Hier wird ein eindeutiger Zusammenhang hergestellt. Wenn ein Mensch Fortschritte auf dem spirituellen, dem kontemplativen Weg macht, dann wird notwendig auch sein ethisches Verhalten sich verbessern, ansonsten hat er etwas falsch gemacht.

Einen solchen Zusammenhang gibt es natürlich auch in anderen spirituellen Traditionen, nicht zuletzt in der Bibel. Im 1. Johannesbrief etwa steht: „Wenn jemand behauptet: »Ich liebe Gott!«, aber seinen Bruder oder seine Schwester hasst, ist er ein Lügner. Denn wenn jemand die nicht liebt, die er sieht – seine Geschwister – , wie kann er da Gott lieben, den er nicht sieht?“[2] Auch hier: Von Gottesliebe, also vom spirituellen Fortschritt kann man nur dann sprechen, wenn es auch einen ethischen Fortschritt, also die Bruderliebe gibt.

 

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Ich behaupte: Diesen Zusammenhang gibt es so nicht. Nach allem, was ich weiß, macht spirituelle Übung, also etwa Kontemplation oder Meditation, die Menschen nicht automatisch besser. So wünschenswert es wäre, dass ein tief spirituell verankertes Leben auch moralisch einwandfrei und vorbildlich gelebt wird – so wünschenswert das wäre, es besteht kein notwendiger Zusammenhang.

Warum das so ist und welcher Zusammenhang zwischen Ethik und Spiritualität tatsächlich besteht, darum soll es im Folgenden gehen.

Ich bin seit 35 Jahren Pfarrer, und ich habe mich in dieser Zeit in allerlei spirituellen Umfeldern bewegt. Da sind mir viele Menschen begegnet, darunter etliche, denen ich durchaus abnehme, dass sie entweder tief gläubig sind oder auf dem kontemplativen Weg intensive Erfahrungen gemacht haben, und manche dieser Menschen erschienen mir arrogant oder kleinlich, machtbewusst oder übergriffig oder manipulativ. Zugegeben, ich weiß natürlich nicht, wie arrogant oder manipulativ oder egoistisch diese Menschen ohne den spirituellen Weg wären, den sie gegangen sind. Vielleicht ist ja tatsächlich manches besser geworden mit ihnen. Aber dass, plakativ gesprochen, die Begegnung mit dem Heiligen die Menschen heilig macht – heilig im Sinn von ethisch einwandfrei –, das entspricht nicht meiner jahrzehntelangen Erfahrung im Raum der Kirche und im spirituellen Feld – und auch nicht mit mir selbst. Gar nicht groß ausmalen möchte ich die vielfältigen Missbrauchsskandale – nicht nur in der katholischen Kirche und auch nicht nur in der evangelischen Kirche, auch in anderen spirituellen Szenen gibt es erschreckende Geschichten von Machtmissbrauch bis hin zu sexuellem Missbrauch. Personen, deren spiritueller Tiefgang, deren Verbindung zum Transzendenten unstreitig erscheint, haben sich in moralisch höchst dubiose bis eindeutig amoralische Verhaltensweisen verstrickt. Kurz – aus meiner beruflichen Erfahrung und auch aus meiner Lebenserfahrung kann ich das nicht bestätigen, dass es einen selbstverständlichen, automatischen Zusammenhang gibt zwischen spiritueller Tiefe und ethisch hochstehendem Verhalten.

 

***

Wie kann das sein? Macht spirituelle Übung nicht bessere Menschen aus uns?

Ich differenziere meine Antwort: Ja und nein.

Erstens: ja. Natürlich, denn wer seinen Fokus nach innen richtet, wer sich in der Achtsamkeit übt, in der Wahrnehmung seiner inneren Impulse und Triebe, seiner Gedanken und Emotionen, und wer das aus der Übung am Morgen und vielleicht auch am Abend mit hineinnimmt in den Alltag, der wird gelassener, wird liebevoller, wird weniger abhängig von spontanen Impulsen und Emotionen.

Und zweitens: nein. Egoismus und Hass können bleiben, Angst muss nicht automatisch eingedämmt werden, Hochmut kann sogar befeuert werden durch das Bewusstsein, auf dem inneren Weg schon einige Schritte mehr gemacht zu haben als die anderen, Habgier ist auch bei dem einen oder anderen erleuchteten Meister zu erkennen, und so fort, durch die Wurzelsünden und die Lasterkataloge hindurch.

Der Grund für dieses merkwürdige Phänomen liegt meines Erachtens in der Natur der Psyche. Die menschliche Psyche, die Seele ist kein monolithischer Block. Schon der alte Goethe wusste: „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust.“ Ein anderes, bekanntes Beispiel aus der Literatur: Hermann Hesse hat in seinem „Steppenwolf“ eine Figur geschaffen, an der sehr deutlich wird, wie verschiedene Teilselbste in einem Menschen lebendig sind. Die Hauptperson Harry Haller hat ja nicht nur eine menschliche, bürgerlich-angepasste Seite und andererseits eine unangepasste, wilde, kritische Seite, eben den einsamen Steppenwolf. Im Roman tauchen auch noch andere Teilpersönlichkeiten auf, etwa in Gestalt der geheimnisvollen Hermine (eine weibliche Form von Hermann) oder in den Gaukelbildern des magischen Theaters.

Wissenschaftlich und therapeutisch wird das Ganze heute unter solchen Begriffen beschrieben: „Inneres Team“, „Ego States“ oder „Voice Dialogue“, und auf diese Richtung möchte hier im Speziellen eingehen.

Voice Dialogue wurde entwickelt von dem amerikanischen Psychologen- und Therapeutenpaar Hal und Sidra Stone in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Nach ihrer psychologischen Theorie gibt es im Menschen verschiedene Teilselbste, also Anteile der Persönlichkeit, die sehr unterschiedlich sind. Es gibt innere Kinder, es gibt Antreiber, es gibt den Don Juan oder die Nymphe ebenso wie den Asketen oder die Büßerin. Meistens steht ein Hauptselbst im Vordergrund, das unserem eigenen, bewussten Selbstbild entspricht und das so etwas wie unsere soziale Persönlichkeit darstellt. Aber manchmal wird aus dem Dr. Jekyll der Mr. Hyde, manchmal wird aus der angepassten Hausfrau die wilde Abenteurerin. In solchen Momenten tritt eine andere Teilpersönlichkeit gewissermaßen nach vorn und übernimmt Kontrolle und Kommunikation nach außen – und auch nach innen. Das passiert meistens vollkommen unbewusst. In manchen Augenblicken übernimmt das ängstliche, verletzte Kind, manchmal das vergnügte, spielerische Kind, manchmal die Amazone und manchmal der Unterwürfige, und das geht so weit, dass sich die Köperhaltung ändert, auch Mimik, Gestik und Stimme können sich stark ändern, je nachdem, welche Teilpersönlichkeit im Vordergrund steht.

Und dann gibt es ein spirituelles Teilselbst. Spirituelle Übung, Kontemplation, Achtsamkeitsübung und Meditation stärken dieses Teilselbst. Es gewinnt mehr Präsenz, kann zunehmend die führende Rolle übernehmen. Der Mensch wirkt tatsächlich gelassener, liebevoller, friedlicher, und er ist es auch.

Aber eben nur zum Teil. Die anderen Teilselbste verschwinden nicht einfach, sie lösen sich nicht auf. Sie treten in den Hintergrund und warten auf ihren Auftritt. Sie können auch abgedrängt werden und verschwinden dann in dem, was wir seit C. G. Jung den Schatten nennen, ein Teil des Unbewussten, der uns genauso bestimmt wie unser bewusster, lichter Anteil, und das unvermutet hervorbrechen kann, gerne im unpassendsten Moment.

Der Psychologe und ehemalige Osho-Sannyasin Klaus Peter Horn hat über diese Zusammenhänge ein sehr aufschlussreiches Buch geschrieben. Es trägt den etwas irreführenden Titel „Erleuchtung und Meisterschaft“, die erste Ausgabe hatte noch den sehr viel aussagekräftigeren Titel „Die Erleuchtungsfalle“. Darin beschreibt Horn eingehend und überaus kenntnisreich, wie das vor sich geht. Ich zitiere: „Die ungeliebten Seiten (sprich: Egoismus, Lieblosigkeit, Neid, Hass, Gier usw.) wurden in spirituellen Wegen bekämpft durch Disziplin und strenge Selbstkasteiung. Oder sie wurden ignoriert und ausgetrocknet durch Meditation und Umleitung ihrer Energien in die höheren Zentren. Aber wehe, wenn sie wieder bewässert wurden! Umnachtet handelte dann manch erleuchteter Lehrer, denn die vergessene persönliche Form nahm Gestalt an, wurde plötzlich sichtbar durch ihren eigenen Schatten.“[3] Und an anderer Stelle sagt er: „Sicherlich ist der Buddha in mir – aber ich bin nicht der Buddha.“

Erleuchtet ist also selbst bei erleuchteten Meistern nicht der ganze Mensch. Erleuchtet ist nur ein Teilselbst, das spirituelle Teilselbst, der Heilige oder der Asket oder auch der weise Führer. Die anderen Teilselbste oder Teilpersönlichkeiten haben von der spirituellen Übung teilweise gar nichts mitbekommen – und umgekehrt bekommt der Übende von diesen anderen Teilaspekten seiner selbst nichts mit. Denn selbst bei andauernder Betrachtung und Achtsamkeitsübung treten sie nicht zutage, oder anders: Gerade bei der spirituellen Übung treten sie nicht zutage, denn da steht ja das spirituelle Teilselbst im Vordergrund und im Fokus der Aufmerksamkeit, auch wenn die Aufmerksamkeit frei schweifend ist. Ein spiritueller Meister, der seine Mitarbeiter schikaniert oder gar seine Schülerin missbraucht, kann also in seinem spirituellen Selbst durchaus tiefste oder höchste Erfahrungen gemacht haben, er kann zeitweise im Samadhi leben, und dennoch ist seine Persönlichkeit nicht einfach aufgelöst. Denn im Samadhi hält sich das spirituelle Teilselbst auf, die übrigen Aspekte der Persönlichkeit bleiben so unerleuchtet wir eh und je. So weit Klaus Peter Horn.

Ich möchte einen zweiten Gewährsmann für diese Sichtweise anführen, der vielleicht auch etwas bekannter ist: Ken Wilber. Wilber beschreibt das Phänomen mit dem Begriff „Entwicklungslinien“ oder „Intelligenzen“. In jedem Menschen, sagt Wilber, gibt es unterschiedliche Intelligenzen, etwa die kognitive, die emotionale (das ist die bekannteste, vielleicht kennen Sie das Buch von Daniel Goleman), die ästhetische, die ethische und eben auch die spirituelle Intelligenz oder Entwicklungslinie. Und diese Linien entwickeln sich nicht gleichmäßig, sie können sogar jeweils einen sehr unterschiedlichen Entwicklungsstand aufweisen. Bekannte Beispiele für dieses Phänomen sind der sprichwörtliche Computer-Nerd, dessen intellektuelle, kognitive Linie extrem weit entwickelt ist, während die soziale und emotionale Linie zurückbleiben. Oder der ebenso sprichwörtliche James-Bond-Schurke, der ebenfalls intellektuell höchste Ebenen erreicht hat, dessen moralische Intelligenz jedoch im Dschungel geblieben ist. Umgekehrt etwa ein Mensch mit Down-Syndrom, dessen kognitive Linie sich nicht sehr hoch entwickeln kann, der aber oft über eine ausgesprochen hohe emotionale und soziale Intelligenz verfügt.

Auch nach diesem Modell führt die Pflege der spirituellen Linie eben nicht dazu, dass sich auch die ethisch-moralische oder die soziale Linie automatisch im selben Maß weiterentwickeln. Dazu ist eine eigene, bewusste Anstrengung notwendig, die ich kurz mit dem Begriff „Schattenarbeit“ bezeichnen möchte. Dazu komme ich später.

 

***

Zuvor jedoch noch ein weiterer wichtiger Aspekt, der jetzt auch über den individuellen Ansatz deutlich hinausgeht. Dazu leihe ich mir eine Frage von Katharina Ceming, die sie immer wieder gestellt hat, nicht zuletzt in ihrem Buch „Spiritualität im 21. Jahrhundert“[4]:

Rettet mehr Spiritualität die Welt?

Das wäre also eine ethische Frage, die weit über das Individuum hinausgreift und sich auf die ganze Welt bezieht. Bevor wir vorschnell mit Ja oder Nein antworten, stellt sich mir erst einmal die Frage: Was heißt das denn, die Welt retten? Welche Welt ist gemeint? Und hier bin ich wieder am Anfang meines Vortrages, bei diesem Fragezeichen. Was soll das denn sein, die Welt von heute? Welche Welt ist eine gerettete Welt?

Eine gerettete Welt, das könnte ja sehr unterschiedlich aussehen. Einer meint vielleicht, die Welt wäre gerettet, wenn endlich alle dem einen Gott und dem einen König oder Herrscher oder Führer dienen, wenn alle sich in die Gesellschaft einpassen und es keine ­Abweichler und Dissidenten mehr gibt (denn alle Abweichler und Dissidenten sind entweder bekehrt oder umgebracht oder zumindest eingesperrt).

Ein anderer meint vielleicht, die Welt wäre gerettet, wenn überall die reine Vernunft herrscht, wenn der freie Welthandel ungehindert fließen kann, wenn jeder unbeirrt seinen eigenen Vorteil verfolgen kann, denn das dient nach Adam Smith dem allgemeinen Nutzen und Wohlstand.

Oder, eine dritte Möglichkeit: Die Welt wäre gerettet, wenn alle Menschen gleichberechtigt sind, wenn sie miteinander wertschätzend und freundlich umgehen, wenn Frieden und Toleranz herrschen, wenn alle so sein dürfen, wie sie sein mögen und wenn es keine Vorschriften welche Art auch immer braucht, weil alle eingesehen haben, dass das gemeinsame Gute das höchste erstrebenswerte Ziel ist.

Wer sich ein bisschen in der integralen Welt auskennt, wird in diesen drei Modellen vielleicht schon drei Entwicklungsstufen erkannt haben, wie sie in dem Buch Gott 9.0 beschrieben werden, das ich gemeinsam mit Marion und Tiki Küstenmacher 2010 veröffentlicht habe: die blaue, die orange und die grüne Stufe. Für alle, die das Modell nicht kennen, hier ein ganz kurzer Überblick über die Grundgedanken im Expresstempo.

Im Anschluss an das Modell Spiral Dynamics von Don Beck und Christopher Cowan und im Anschluss an die Arbeit von Ken Wilber gehen wir davon aus, dass sich das menschliche Bewusstsein in beschreibbaren Stufen entwickelt. Das betrifft alle Bereiche des Bewusstseins, nicht zuletzt das Gottesbild. Bislang sind neun Stufen erkennbar, daher der Titel Gott 9.0.

Nach der archaischen, der magisch-animistischen und der frühen mythischen Stufe mit ihren vielen Göttern, die überaus menschliche Eigenschaften haben, folgt die traditionelle, hoch mythische Stufe, die mit der Farbe Blau gekennzeichnet ist.

  • Blau ist charakterisiert durch Ordnungen und Gesetze, durch Gegensätze zwischen heilig und sündig, drinnen und draußen, durch Moral und Hierarchie. Gott wird erstmals monotheistisch gedacht, er ist der himmlische König und Richter.
  • Dann folgt Orange, eine Stufe, die durch Vernunft und Freiheit gekennzeichnet ist. Das Streben nach individuellem Erfolg und wirtschaftlicher Unabhängigkeit, nach Effizienz und Erfolg sind die Hauptantriebsfedern. Die aufgeklärte Vernunft stellt Gott radikal infrage oder schafft ihn gleich ganz ab. Unsere westliche Welt ist zum großen Teil durch dieses orange Weltbild geprägt.
  • Doch auch die nächste Stufe, Grün, ist gesellschaftlich schon wirksam. In Grün geht es um Toleranz und Harmonie, um Konsens und Versöhnung, um Ganzheitlichkeit und ökologisches Bewusstsein. Die Menschen werden wieder spirituell („aber nicht religiös“, hier passt der Ausdruck), sie öffnen sich für andere religiöse und spirituelle Traditionen, etwa den Buddhismus oder den mystischen Islam der Sufis. Ökumene und interreligiöse Zusammenarbeit sind zentral, Psychologie und Psychotherapie erhalten einen wichtigen Stellenwert.

Schon dieser Überblick lässt unschwer erkennen, dass das Thema dieses Symposiums, „Spiritualität und Ethik in der Welt von heute“, aus sehr unterschiedlichen Haltungen und Blickwinkeln betrachtet werden kann. Denn auch die Vorstellung davon, wie ethisch hochstehendes Verhalten aussieht, ist je nach Bewusstseinsstufe, auf der ein Mensch sich schwerpunktmäßig bewegt, offenbar sehr unterschiedlich. Ich will das an einem Beispiel holzschnittartig anreißen, an einem prominenten Thema der Ethik, nämlich der Ehemoral.

In Blau, der traditionell orientierten Stufe, gilt, jedenfalls in unseren Breiten, die Monogamie. Es gibt auch blau, also traditionell ausgerichtete Gesellschaften, in denen Polygamie üblich oder erlaubt ist – meistens ist das dann Polygynie, also ein Mann kann mehrere Ehefrauen haben. Aber auch diese Form von Ehe folgt strengen Regeln, so muss der Mann beispielsweise in der Lage sein, die Frauen und die damit einhergehende große Familie zu ernähren, und das Verhältnis der Frauen untereinander ist geordnet und ritualisiert.) Sex ist ausschließlich der Ehe vorbehalten, die Ehe muss nach einem bestimmten Ritus geschlossen werden und  gilt – in unseren Breiten –  als unauflöslich, selbst im Fall von Misshandlung. Überspitzt gesagt, herrscht die Maxime: Man (das heißt natürlich: frau!) sollte sich lieber ermorden lassen als die Ehe aufzulösen.

In der nächsten Stufe, Orange, lösen Vernunft, Gewissen und Freiheit die Orientierung an strikten Regeln ab. Nun beginnt die Gleichberechtigung beider Partner. Auch in der Ehe gelten die Menschenrechte, etwa das Gewaltverbot. Die starren Rollenbilder lösen sich auf, beide Partner können etwa berufstätig sein. Die Scheidung wird möglich, wenn einer oder beide Partner aus guten Gründen das wollen.

Dann folgt Grün, die Stufe der Pluralität und Toleranz. Die Institutionen, die in Blau noch als heilig galten, lösen sich auf. Es gibt serielle Monogamie, freie oder „wilde“ Ehe, es gibt Polyamorie. Es gibt Patchwork- und Regenbogenfamilien, die traditionellen Gender-Rollen lösen sich auf. Die Ehe für alle erlangt Gesetzeskraft.

Sehr unterschiedliche, teils widersprüchliche Konzepte. Was davon ist nun ethisch korrekt oder moralisch hochstehend? Es gibt für mich nur eine Antwort: Je nachdem. So wie die Gottesbilder, also die spirituelle Seite, sich von Stufe zu Stufe unterscheiden, so unterscheidet sich auch die Ethik fundamental, je nachdem in welchem Bewusstseinsraum jemand lebt. Und apropos „in der Welt von heute“: Unsere heutige Welt ist dadurch gekennzeichnet, dass mehrere Bewusstseinsstufen oder -räume gleichzeitig nebeneinander bestehen, miteinander konkurrieren und so eine eindeutige, für alle verbindliche Orientierung unmöglich machen.

Mehr Spiritualität wird also die Welt nicht retten, so muss die Frage von Katharina Ceming beantwortet werden. Zum einen, weil die Vorstellungen davon, wodurch die Welt gerettet wird und wie eine gerettete Welt aussehen würde, weit auseinanderklaffen, je nachdem, in welcher Bewusstseinsstufe jemand zu verorten ist. Zum anderen, weil auch die Vorstellungen und Konzepte von Spiritualität sich stark unterscheiden.

 

***

Aber ist die spirituelle Erfahrung nicht universal? Ist die Begegnung mit der Tiefe des Seins, die Erfahrung des Eins-Seins, die Ehrfurcht vor dem ganz Anderen, das sich plötzlich zeigen mag – sind das nicht Erfahrungen, die prinzipiell jedem Menschen offenstehen, egal auf welcher Bewusstseinsstufe er sich befindet?

In der Tat. Menschen auf allen Bewusstseinsstufen können spirituelle Erfahrungen machen, also Erfahrungen von tieferen oder höheren Bewusstseinszuständen. Doch diese Zustandserfahrungen sind ja in der Regel nicht von Dauer. Zum Beispiel: Da hat jemand eine Vision, und dann ist die Vision wieder vorbei und die Person kehrt zurück in ihr Alltagsbewusstsein. Und hier gilt es, die Vision zu interpretieren, denn solche tieferen oder höheren Bewusstseinszustände führen ja meist in einen Bereich jenseits von Raum und Zeit und alle, die so etwas erlebt haben – sei es eine Erleuchtungserfahrung oder auch, sagen wir, eine Nahtoderfahrung –, alle, die so etwas erlebt haben, haben Schwierigkeiten, das, was sie erlebt haben, in Worte zu fassen. Oder, im biblischen Beispiel gesprochen: Es gilt, die unaussprechlichen Worte, von denen Paulus im 2. Korintherbrief schreibt, in verständliches Koine-Griechisch bzw. in unserem Fall in verständliches Deutsch zu übersetzen. Wir übersetzen aber nicht nur in eine Sprache, sondern auch in eine Vorstellungswelt. Wenn jemand auf der blauen Bewusstseinsebene eine tiefe spirituelle Erfahrung macht, wird er sie im Rahmen seines blauen Bewusstseins interpretieren, etwa als Erscheinung des Auferstandenen oder – bei Katholiken – der Jungfrau Maria. Oder als Hindu, eine Begegnung mit Krishna. Ein Mensch, der seinen Bewusstseins-Schwerpunkt in der grünen Stufe hat, wird exakt dasselbe Erlebnis vielleicht als Erfahrung der unendlichen kosmischen Weisheit beschreiben.

Ein Beispiel, wie sich das auswirken kann, ist Bernhard von Clairvaux (1090–1153). Einerseits war er ein tief gläubiger Mensch, ein überzeugter Erneuerer des klösterlichen Gemeinschaftslebens. Er lebte eine überaus lebendige und innige Christusmystik, die ziemlich eindeutig belegt, dass er tiefe spirituelle Zustandserfahrungen in der Kontemplation hatte. Andererseits betrieb Bernhard von Clairvaux eine massive kirchliche Machtpolitik und agierte als flammender Einpeitscher für den Zweiten Kreuzzug gegen die Muslime. „Deus lo vult!“ – „Gott will es!“, das war sein Schlachtruf, mit dem er junge Männer in Europa zum Kreuzzug aufrief. Ich habe mir lange die Frage gestellt: Wie kann jemand, der Christus liebt, die „Feinde“ so sehr hassen und so massiv zu deren Vernichtung aufrufen? Diese Widersprüchlichkeit ist eklatant. Ich habe erst angefangen zu begreifen, wir das möglich ist, als ich das Modell der Bewusstseinsstufen kennengelernt habe. Die Widersprüchlichkeit zwischen Christusliebe und Hass gegen die Feinde kann man auf Blau gar nicht wahrnehmen, sondern erst auf weiteren Stufen, ab Orange, der rationalen Stufe.

Für Bernhard wäre es vermutlich ein ethisch hochstehendes Ziel, alle Muslime und sonstigen Ungläubigen auszurotten, alle Ketzer auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen und alle Heiden zum Christentum zu bekehren. Aus seinem blauen, traditionell mythischen Bewusstsein heraus ist das nachvollziehbar. Aber wir heute sehen das anders. Wir erstreben eine Welt, in der es friedlich und tolerant zugeht. Denn wir haben die Werte der orangen, wohl zumeist auch der grünen Stufe integriert und sehen Werte wie freie Entfaltung der Persönlichkeit, Toleranz und Menschenrechte als zentral an.

 

***

Was bleibt also? Wie verhalten sich Spiritualität und Ethik in der Welt von heute zueinander? Wie können wir bei all den spirituellen Unterschiedlichkeiten, die ich skizziert habe, Wege finden, ethisch verantwortlich zu leben und zu handeln?

Dazu drei Gesichtspunkte.

Zum Ersten: Für ein ethisch verantwortliches Leben in der Welt von heute ist es unerlässlich, die eigene Position innerhalb der Entwicklung des Bewusstseins zu kennen. Auf welcher Stufe, in welchem Raum bewege ich mich, wo liegt mein Schwerpunkt – und in welchem Raum bewegt sich mein Gegenüber? Wenn ich mir das klarmache, lösen sich so manche Verständnisprobleme auf, manches völlig unverständliche Verhalten des Gegenübers kann ich einordnen, mein eigenes Verhalten kann ich besser verstehen.

Zweitens: Es wird notwendig sein, die vorhin schon angedeutete Schattenarbeit zu wagen. Sich selbst kennenlernen, mit all den Widersprüchlichkeiten, mit all dem, was mir an mir nicht gefällt, mit all den unterschiedlichen, angenehmen und unangenehmen Seiten, all den unbewussten Teilselbsten. Selbsterforschung – und das ist etwas anderes als die reine Beobachtung auf dem Kissen. Um noch einmal Katharina Ceming zu zitieren: „Den eigenen Schatten meditiert man nicht weg, sondern man muss sich seiner bewusst werden.“[5] Bevor ich das Ego in der Meditation loslassen oder überwinden kann, ist es erst einmal notwendig, dieses Ego zu kennen – und dazu gehören auch die verdrängten Anteile, die Schattenthemen, das, was ins Unbewusste abgedrängt ist. Sonst passiert das, was ich vorhin angedeutet habe: Da erscheint jemand ganz gelassen, durchgeistigt und liebevoll, und plötzlich brechen irrationale, destruktive Seiten hervor. Deswegen ist es unerlässlich, sich selbst kennenzulernen. Welche Methoden der Selbsterfahrung oder Therapie dazu geeignet sind, ist von Fall zu Fall sicher unterschiedlich.

Und drittens: Ethisches Verhalten bedeutet auch bewusste Anstrengung. Ethik und Spiritualität sind – in der Welt von heute und zu allen Zeiten – zwei unterschiedliche Bereiche. Vielleicht sogar zwei unterschiedliche Provinzen im Gemüt, frei nach Schleiermacher. Und ethisches Handeln verlangt eine eigene Anstrengung: ehrliche Prüfung der eigenen Motive, der Sachlage und der Positionen der anderen Beteiligten, ein möglichst klares Abwägen und eine bewusste Entscheidung. Das fällt einem nicht auf dem Kissen in den Schoß.

 

***

Das alles ist nicht neu, es ist keine Erfindung von Ken Wilber und Konsorten. Buddha lehrt in seinem edlen achtfachen Pfad eben nicht nur die rechte Achtsamkeit und die rechte Versenkung, sondern auch die rechte Rede, das rechte Handeln und den rechten Lebenswandel. Und Jesus sagt, da erzähle ich nichts Neues: Liebe Gott und deinen Mitmenschen wie dich selbst. Es ist nicht so, dass aus der Gottesliebe automatisch die Nächstenliebe fließt. Beides, nein: alle drei Arten der Liebe stehen gleichberechtigt nebeneinander, die Gottesliebe als Prima inter Pares. Alle drei Arten der Liebe müssen geboten werden, d.h. sie sind nicht einfach selbstverständlich. Alle drei Arten von Liebe erfordern die Übung:

  • die spirituelle Übung,
  • die ethische Hinwendung zu den Mitmenschen, besonders den schwächeren,
  • und die Arbeit am eigenen Schatten, an der Selbstablehnung, aus der via Projektion die Ablehnung der anderer entspringt, wie auch an der Selbstüberhöhung, die in der Abwertung der anderen resultiert.

Das alles war jetzt doch sehr auf das Individuum abgestellt, das ethisch verantwortliche Individuum. Als Individuen sind wir gefragt, aber Ethik besitzt ja, wie schon angedeutet, eine umfassende überindividuelle Dimension. Ein Teil dieses weiten Feldes wird morgen beackert werden. Es ist gut, dass morgen Workshops angeboten werden, die die überindividuellen, die sozialen und politisch-ethischen Fragestellungen differenziert und kundig betrachten: Wirtschaft und Ethik, Kommunikation und Ethik, Journalismus und Ethik, Medizin und Ethik, Rechtsphilosophie und Ethik sowie Medien und Ethik. Brisante Themen, die zu diskutieren sich lohnt.

Spiritualität und Ethik: Das ist – in der Welt von heute wie schon vor zweitausendfünfhundert Jahren – ein Verhältnis, das nicht selbstverständlich ist. Beides ist notwendig und der Mühe wert. So können wir als ganze Menschen wachsen und reifen.

 

Ich danke Ihnen.

 


[1] Matthieu Ricard, Trinh Xuan Thuan: Quantum und Lotos, München 2008, S. 19

[2] 1 Joh 4, 20, Neue Genfer Übersetzung

[3] Klaus P. Horn: Erleuchtung und Meisterschaft, München 2005, S. 213

[4] Katharina Ceming: Spiritualität im 21. Jahrhundert, Palma de Mallorca o.J., Kapitelüberschrift zu Kap. II.5, S. 47

[5] Ceming, a.a.O. S. 27

 

Autor: tilmannhaberer

geboren 1955, Krisen- und Lebensberater, evangelischer Pfarrer, Gestaltseelsorger, systemischer Berater, zwischendurch mal sieben Jahre als freiberuflicher Schlussredakteur und Übersetzer (u.a. Richard Rohr, Suzanne Zuercher, Ken Wilber) unterwegs gewesen, Autor von Sachbüchern (u.a. "Gott 9.0") und Romanen.

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