Das Ammenmärchen vom Sündenfall

Sündenfall

 

Am kommenden Sonntag will ich also über das Thema „Was ist der Mensch“ predigen. Als Lesung habe ich die Geschichte vom „Sündenfall“ aus Genesis 3 ausgewählt – warum, das merkt ihr dann, wenn ihr die Predigt lest 😉 .

Zur Vorbereitung habe ich geschaut, was ich zu dieser Geschichte so auf der Festplatte habe, und festgestellt: Ich habe über diese Geschichte ein einziges Mal gepredigt, und zwar vor 16 Jahren. Heute würde ich zwar manche Sätze anders formulieren, aber im Großen und Ganzen kann ich noch gut dazu stehen. Hier als die Predigt über das Ammenmärchen vom Sündenfall.

 

Gen 3, 1–24    am 4. August 2002 in Grünwald

Sie kennen sie sicher: die Geschichte von Adam und Eva und dem Apfel. Es ist eine sehr wichtige Geschichte, die aber – so meine ich – allzu oft allzu falsch erzählt worden ist. Meistens wird sie nämlich als Ammenmärchen erzählt, das dazu dienen soll, Kinder brav und ruhig zu halten.

So geht das Ammenmärchen: Am Anfang, als Gott die ersten Menschen, Adam und Eva, gemacht hatte, war alles gut und in voller Harmonie. Sie lebten im Garten Eden, im Paradies. Aber in diesem Paradies gab es einen Baum, von dem die Menschen nicht essen durften. Gott hatte es verboten. Und meistens wird die Geschichte so erzählt, dass der Baum etwas mit Sex zu tun hat: So als würde einer, der einen der Äpfel dieses Baumes isst, plötzlich seine Sexualität entdecken.

Und dann kommt der Teufel und verlockt Eva, gegen das Verbot Gottes einen der Äpfel zu essen. Sie tut es und gibt ihrem Mann auch etwas davon ab. Jetzt ist also der Sex in der Welt und damit die Sünde (so jedenfalls ist die grundfalsche Version der Geschichte, die häufig erzählt wird). Gott kommt natürlich dahinter und schmeißt die beiden raus aus dem Paradies, weil sie gegen sein Verbot gehandelt haben.

Ich finde es sehr schade, dass diese Geschichte immer wieder als Ammenmärchen erzählt wird. Denn so wird völlig verdeckt, worum es in ihr eigentlich geht. Es geht nämlich darum, dass den Menschen die Augen aufgehen. Natürlich ist die Geschichte niemals so geschehen, wie sie in der Bibel steht. Trotzdem geschieht sie jeden Tag. Es ist nämlich eine von den Geschichten, die zeigen wollen, wie die Menschen sind. Deswegen heißen die Hauptpersonen auch Adam (das heißt auf Deutsch einfach „Mensch“) und Eva (zu Deutsch: „Mutter“).

Ursprünglich lebten die Menschen im Garten Eden. Sie mussten sich um nichts kümmern, alles war im Überfluss vorhanden. Ich sehe das als ein Bild für die Kindheit. Als ich klein war, musste ich mich  um nichts kümmern. Allenfalls musste ich mal schreien, um auf mich aufmerksam zu machen. Aber sonst war eigentlich immer alles da, was ich brauchte, ohne dass ich groß was unternehmen musste. Aber ich war eben auch noch ein Kind und hatte nicht viel Ahnung von der Welt und vom Leben.

Und nun wird erzählt, dass in der Mitte des Gartens ein besonderer Baum steht, der „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“. Es heißt, wer von diesem Baum isst, der weiß Bescheid, was gut ist und was nicht. Das ist eigentlich doch etwas Erstrebenswertes. Kleine Kinder wissen noch nicht, was gut und böse ist. Sie wissen nur, was sie wollen. Das ist für sie gut, egal, wie es sich für die anderen auswirkt. Je erwachsener ein Mensch wird, desto mehr muss er selbst entscheiden, und desto mehr muss er auch an die anderen denken. Ist das, was ich will, nur gut für mich, oder auch für andere? Für die Gemeinschaft? Und da muss ich für mich geklärt haben, was gut ist und was nicht.

Nun kommt die Schlange. Sie ist „das klügste von allen Geschöpfen, die Gott gemacht hatte“. In der Bibel ist keine Rede vom bösen Teufel, es geht nur um ein kluges Geschöpf. Die Schlange spricht Eva an, die noch nicht so klug ist, denn sie kann noch nicht einmal gut und böse unterscheiden. „Wenn ihr von den Früchten dieses Baums esst, werden euch die Augen aufgehen, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ Das will Eva natürlich ausprobieren, sie pflückt eine Frucht, isst sie und gibt ihrem Mann auch etwas davon (der wäre sonst dumm geblieben!).

Und tatsächlich: Ihnen gehen die Augen auf, und sie werden erwachsen (und weil zum Erwachsenwerden natürlich die Sexualität gehört, werden die beiden sich ihrer Sexualität bewusst – aber das ist keine Sünde). Die Frau wird Kinder bekommen, und das wird sehr schmerzhaft sein für sie. Der Mann muss arbeiten und sich abschuften, um die Brötchen ranzuschaffen. So ist es eben, wenn man groß wird (oder so war es damals, heute arbeiten die meisten Frauen ja auch und haben die doppelte Belastung). Hätten sie nicht von dem Baum der Erkenntnis gegessen, würden sie bis in alle Ewigkeit Kinder bleiben. So aber werden sie erwachsen und bekommen mit, dass das Leben nicht nur Zuckerschlecken ist. Dass es brutale Gesetze gibt in dieser Welt: ”Haste was, dann biste was”, oder ”Der Ober sticht den Unter”, oder ”Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben”.

Wäre es denn gut gewesen, wenn sie nicht von dem Baum gegessen hätten? Wenn sie nicht gelernt hätten, zwischen gut und böse zu unterscheiden? Wenn sie ewig Kinder geblieben wären? Ich glaube nicht, dass Gott das wollte.

Diese Erzählung hat den Namen: die Geschichte vom „Sündenfall“. Es scheint also um das Ereignis zu gehen, durch das die Sünde in die Welt gekommen ist. Aber das stimmt nur in einer Hinsicht: Wer nicht zwischen gut und böse unterscheiden kann, für den gibt es auch keine Sünde. Wer nicht weiß, was böse ist, kann nicht bewusst Böses tun. Erst wenn wir Menschen Maßstäbe haben für das, was richtig und falsch ist, können wir von Sünde, von Schuld, von Verfehlung reden. Einem Kleinkind kann man keine ernsthaften Vorwürfe machen, wenn es zum Beispiel etwas kaputtmacht. Das kann man erst, wenn es weiß, dass es einem anderen Menschen weh tut, wenn es so etwas macht.

Es ist absolut notwendig, dass ein Mensch lernt, zwischen gut und böse zu unterscheiden. Und dazu ist es sogar notwendig, auch mal etwas falsch zu machen. Das Kind kann nur lernen, dass es einem anderen weh tut, wenn es ihm tatsächlich mal ein Matchbox-Auto über den Schädel gehauen hat. Wir können die Grenzen, die wir beachten müssen, nur dann wirklich erkennen, wenn wir sie auch einmal überschritten haben.

Das Ammenmärchen sagt: Dadurch, dass die Menschen Gott ungehorsam waren und von der verbotenen Frucht gegessen haben, ist die Welt so schlecht geworden, wie sie heute ist. Ursprünglich war sie gut, ein Paradies eben, und jetzt gibt es Krieg und Gewalt und Hungersnöte – alles nur, weil die ersten beiden Menschen nicht folgsam waren. Aber so verhält es sich nicht. Die beiden – und das heißt: du und ich – haben eine Grenze überschritten, die Grenze von der Unbewusstheit zum Bewusstsein. Nun haben sie eine Ahnung von gut und böse. Ein Tier hat diese Ahnung nicht. Ein Tier kann Schmerz empfinden, aber es kann nicht darunter leiden, dass die Welt unvollkommen ist. In dem Moment, wo die Menschen Bewusstsein entwickeln (in der Geschichte: vom Baum der Erkenntnis essen), können sie unterscheiden. Sie beginnen, an den schlimmen Seiten der Welt – und an ihren eigenen – zu leiden. Das Paradies ist verloren, die Menschen leben jenseits von Eden. Und es gibt keinen Weg zurück. Wer einmal bewusst geworden ist, kann nicht wieder unbewusst werden. Es ist nicht alles so, wie es sein könnte, und vor allem wir Menschen sind nicht immer so, wie wir sein könnten. Das können wir nicht aus unserem Bewusstsein löschen.

So geht die Geschichte, wenn sie nicht als Ammenmärchen erzählt wird. In der ganzen Geschichte kommt kein einziges Mal das Wort „Sünde“ vor. Und kein Vorwurf. Und keine Strafe. Martin Luther hat in der Rede Gottes am Ende andauernd das Wörtchen „soll“ verwendet. Das gibt es im Hebräischen gar nicht. Korrekt übersetzt, heißt die Stelle: „Weil du von dem Baum gegessen hast, von dem ich gesagt habe: Iss nicht davon!, deswegen wird der Acker für dich zum Fluch werden. Du wirst dich mühsam ernähren. Dornen und Disteln wird dein Acker tragen. Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen müssen.“ So ist es. Keine Strafe, sondern die Konsequenz daraus, dass du kein Kind mehr bist. Und weil die Welt für die Menschen nun unwirtlicher geworden ist, versorgt Gott sie mit Kleidern und Ackerbautechnik. Er geht mit ihnen, und eines Tages wird er einer von ihnen, einer von uns Menschen. So dass wir eines Tages nicht mehr nur zwischen gut und böse unterscheiden können, sondern uns entscheiden können – für das Gute. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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Autor: tilmannhaberer

geboren 1955, Krisen- und Lebensberater, evangelischer Pfarrer, Gestaltseelsorger, systemischer Berater, zwischendurch mal sieben Jahre als freiberuflicher Schlussredakteur und Übersetzer (u.a. Richard Rohr, Suzanne Zuercher, Ken Wilber) unterwegs gewesen, Autor von Sachbüchern (u.a. "Gott 9.0") und Romanen.

3 Kommentare zu „Das Ammenmärchen vom Sündenfall“

  1. Etwas, was ich heute anders machen würde: Ich würde nicht mehr zwischen „richtiger“ und „falscher“ Interpretation der Geschichte unterscheiden. Ich würde wohl eher sagen: Ja, so (blau, mythisch, traditionell, vielleicht sogar wörtlich) kann man die Geschichte verstehen, man kann sie aber auch so (orange/grün, existenziell, psychologisch…) verstehen. Mir ist inzwischen wichtig geworden, den verschiedenen Menschen ihren je unterschiedlichen Standort und ihre je eigene Interpretationsmöglichkeit zuzugestehen bzw. einfach zu lasssen.
    Nur eins würde ich nach wie vor als „grundfalsch“ bezeichnen: die Interpretation, dass die Geschichte etwas mit Sex zu tun hat und dass durch diese Episode der Sex und damit die Sünde in die Welt gekommen sei. Das ist einfach Quatsch, finde ich nach wie vor…

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    1. Eine auf jeden Fall sehr tiefsinnige und hilfreiche Interpretation der Schöpfungserzählung, vielen Dank! Ich finde ja auch mittlerweile die Unterscheidung „richtig“ und „falsch“ unangemessen, und finde es für mich besser zwischen „hilfreich“ (in dieser oder jener Situation) oder allgemein „lebensdienlicher“ und „lebensfeindlich“ oder schlicht „lebensfern“ zu unterscheiden. Denn auf der einen Seite finde ich es gerade spannend, viele verschiedene Perspektiven auf biblische Texte gleichzeitig stehen zu lassen und ihren Wert anzuerkennen, auf der anderen klar eine Hierarchie aufzumachen zwischen denen, die dem Leben dienen und glücklich machen, und jenen, die tiefen psychischen oder gesellschaftlichen Schaden anrichten können, wie „Eva war eine Frau, die Frau ist die Ursache des/Verführerin zum Bösen“, „Der Mensch ist per se Gott ungehorsam und schlecht“ etc. Liebe Grüße

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