Was ist die Schöpfung?

Schöpfung

Bild von Lolame auf Pixabay

 

Predigt am 18. August 2019

 

Liebe Gemeinde,

ich gebe es offen zu: Manche Atheisten gehen mir gehörig auf die Nerven. Und zwar vor allem dann, wenn sie mit einem mitleidigen Lächeln Dinge sagen wie: Das mit Gott ist doch Quatsch. Die Wissenschaft hat doch längst bewiesen, dass die Welt nicht von einem Gott in sechs Tagen erschaffen wurde, sondern in Jahrmilliarden aus einem Urknall entstanden ist.

Okay, sage ich. Und? Meint ihr etwa, das wüssten wir Christen nicht?

Natürlich, es gibt Christen, die meinen, es gehörte zu Christsein dazu, die Geschichte von der Schöpfung am Anfang der Bibel wortwörtlich zu nehmen, als eine Art Reportage. „Wie es damals wirklich zuging“, oder so ähnlich.

Aber diese Christen verwechseln etwas. Sie meinen, die Bibel biete eine Art naturwissenschaftlichen Bericht. Dabei übersehen sie, dass es in der Zeit, in der die Bibel geschrieben wurde, noch gar keine Naturwissenschaft gab. Und dass diese Geschichte eine ganz andere Absicht verfolgt als etwa ein Lehrbuch der Physik oder Biologie.

Die Geschichte, die ich Ihnen gerade vorgelesen habe, will kein wissenschaftlicher Bericht sein. Sie ist ein Bekenntnis, ein religiöses und politisches Statement.

Sie ist entstanden in einer Zeit, in der das Volk Israel so ziemlich am Ende war. Der König Nebukadnezar von Babel hatte nach einem verheerenden Krieg die Hauptstadt Jerusalem erobert und bis auf die Grundmauern zerstört. Und alle Überlebenden, die irgendwie von Nutzen sein konnten – also alle Handwerker, alle, die lesen und schreiben konnten, die sprichwörtlichen „oberen Zehntausend“, wurden in die Sklaverei fortgeführt, sie mussten Zwangsarbeit leisten und dem verhassten Eroberer dienen.

Nun stellten sich die Menschen damals vor, dass jedes Volk seinen eigenen Gott hatte, und ein Kampf von zwei Völkern gegeneinander war auch ein Kampf ihrer Götter. Der Gott des besiegten Volkes war dem Gott des siegreichen Volkes unterlegen. In dieser Sicht der Dinge war also der Gott Israels, der Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs, dem Gott Babels unterlegen. Dieser Siegergott trug den Namen Marduk und viele fromme Geschichten rankten sich um ihn. Eine davon ging ungefähr so: Am Anfang, als es noch keine Menschen gab, ja als es noch nicht einmal Himmel und Erde gab, sondern nur eine Handvoll Götter, da wurden diese Götter bedroht von einem schrecklichen Ungeheuer namens Tiamat. Tiamat ist so etwas wie die Urgewalt des Meeres, das Chaos, die Urflut, ein wässriges, schleimiges Ungeheuer, das auf Tod und Vernichtung aus ist. Da tritt Marduk auf, ein junger Gott. Er stellt sich Tiamat entgegen und tötet sie im Zweikampf. Er hackt sie in der Mitte entzwei und macht aus einem Teil ihres Körpers die Erde und aus dem anderen die Himmelskuppel.

Dann formt Marduk aus dem Blut eines weiteren erschlagenen Gottes die Menschen, und die Aufgabe der Menschen ist es, den Göttern zu dienen.

Diese Geschichte also, aufgeschrieben unter dem Namen Enuma Elisch, fanden die Israeliten vor, sie gehörte zur babylonischen Staatsreligion, die sie, als die Unterlegenen und Besiegten, nun gefälligst auch anzunehmen hatten.

Und nun geschieht etwas völlig Unerwartetes, ja geradezu Ungeheuerliches. Dieses besiegte Volk weigert sich, die Religion der Herrschenden anzunehmen. Und sie formulieren ihre eigene Schöpfungsgeschichte. Nicht Marduk hat Himmel und Erde aus dem Körper des erschlagenen Ungeheuers geformt, sondern der Eine Gott, der vermeintlich unterlegene Gott Israels. Er hat Himmel und Erde geschaffen. Durch sein Wort. Darum geht es. Um ein politisch-religiöses Statement. Nicht Marduk ist der Herr des Himmels und der Erde, und nicht Nebukadnezar ist der oberste Bestimmer. Sondern Gott, der Gott Israels, der Gott des kleinen, besiegten, verschleppten, zum Frondienst gezwungenen Volkes. Ich finde dieses Selbstbewusstsein phänomenal, das sich nicht einmal durch die militärische Niederlage und die nationale Katastrophe unterkriegen lässt.

Bei der Schöpfungsgeschichte geht es also eigentlich darum, wer in der Welt das Sagen hat. Und darum, dass unsere Welt nicht aus Krieg und Kampf und einem geschlachteten Monster entstanden ist, sondern aus Liebe und aus einem vollmächtigen Wort. Und darum, dass der Sinn des menschlichen Lebens nicht darin besteht, den Göttern und ihren irdischen Stellvertretern zu dienen. Vielmehr sind wir Ebenbilder Gottes, nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen als Männer und Frauen, fähig zu Liebe und Kreativität.

Das würde ich als Erstes einem dieser überlegen lächelnden Atheisten erwidern. Dann würde ich aber noch weitergehen.

Natürlich, in einer Zeit, in der die Menschen sich die Erde als flache Scheibe vorstellten, über die sich die Himmelskuppel wie eine Käseglocke wölbt, da konnte man sich auch vorstellen, dass Gott wie ein kosmischer Bastler Himmel und Erde, Pflanzen, Tiere und am Ende den Menschen geformt hat. Damals passte diese Vorstellung. Denn natürlich bauten die Menschen der damaligen Zeit ihre Geschichte auf dem damals gängigen Weltbild auf. Wie denn sonst!

Und nun machen wir einen großen Sprung, direkt hierher in die Gegenwart. Und unser Weltbild ist ein anderes. Wir gehen heute davon aus, dass das Universum unvorstellbar groß ist. Wikipedia gibt den Durchmesser des Universums mit 78 Milliarden Lichtjahren an. 78 Milliarden Lichtjahre. Und das Alter des Universums wird auf 13,8 Milliarden Jahre geschätzt. Angesichts dieser riesigen Zahlen erscheint das Bild von einem kosmischen Bastler
eher naiv. Wir müssen auch gar nicht an einen solchen Bastler glauben, wenn wir glauben, dass die Welt von Gott geschaffen wurde.

Wir können nämlich fragen: Was ist denn der Sinn dieser Aussage? Was meinen wir denn, wenn wir davon sprechen, dass Gott die Welt geschaffen hat?

Ich meine damit: Die Welt und damit mein Leben – und deins und deins und deins – ist nicht durch bloßen Zufall entstanden, sondern ist Ausdruck eines liebenden Willens. Damit sagen wir eigentlich genau dasselbe wie die alten Israeliten, nur mit heutigen Worten und Bildern: Wir sind nicht einfach in einen kalten, unpersönlichen Kosmos geworfen, sondern Kinder einer unendlichen Liebe.

Diese Liebe bezeichnen wir mit dem Namen Gott. Gott ist also kein alter Mann mit Bart auf der Wolke. Vielmehr ist Gott die Tiefe des Seins, das Geheimnis der Welt. Ursprung und Quelle von allem, was ist, die unendliche, unendlich schöpferische Kraft und Macht der Liebe, die fortwährend Neues gebiert, die in dir und in dir und in mir und allen Lebewesen und die den riesigen, endlosen Weiten des Universums den Atem gibt, und dir und dir und mir auch. Die Liebe, aus der wir geboren wurden, die uns trägt und in die wir wieder eingehen, wenn unsere Zeit auf der Erde abgelaufen ist.

Aus dieser Kraft, aus diesem guten, liebevollen Willen heraus ist die Welt entstanden. Und sie ist wahrhaft erstaunlich aufgebaut. Dass es dieses Universum überhaupt gibt, ist an sich höchst unwahrscheinlich. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass viele der physikalischen Fundamentalkräfte kein bisschen stärker oder schwächer sein dürften, als sie tatsächlich sind. Ein kleines Beispiel: Wäre das Verhältnis zwischen der Schwerkraft auf der einen Seite und der Expansionsgeschwindigkeit des Universums nach dem Urknall auf der anderen Seite nur um ein winzigstes bisschen anders, als es ist, wäre das Universum entweder gleich wieder in sich zusammengefallen – oder die Urmaterie hätte sich so rasch verdünnt, dass sich nicht einmal Atome hätten bilden können, geschweige denn unterschiedliche chemische Elemente, und damit Moleküle, und damit Leben. Dieses Verhältnis von Schwerkraft und Geschwindigkeit der Ausdehnung muss auf den Faktor von 1:1057 genau stimmen, sonst gäbe es dieses Universum nicht. Das entspricht, so habe ich es nachgelesen, „der Genauigkeit, die nötig ist, um einen Bleistift auf seiner Spitze so genau auszubalancieren, dass er auch nach zehn Milliarden Jahren immer noch auf seiner Spitze steht.“

Ist das nicht verrückt? Wir brauchen aber nicht bis zum Urknall zu gehen. Wir brauchen uns nur die Zusammensetzung der Atmosphäre unserer Erde anzuschauen. Das Kohlendioxid, um das sich in letzter Zeit alles dreht, macht einen Anteil von etwa einem halben Promille an der Atmosphäre aus. Und trotzdem bewirkt eine minimale Veränderung dieses minimalen Anteils den Klimawandel, den wir zurzeit mitbekommen. Nein: den wir verursacht haben und verursachen.

Die Erde, dieses Kind der kosmischen Liebe, die wir Gott nennen – die Erde und die Biosphäre, die sich darauf gebildet hat in der hauchdünnen Schicht dieser Atmosphäre, sie sind so unendlich schön und kostbar und fein abgestimmt und alles in ihr steht mit allem anderen in so inniger Verbindung, dass kleinste Abweichungen schon katastrophale Auswirkungen haben können. Wie bei einem höchst empfindlichen Mobile, wo man eins der Elemente nur leicht anhauchen muss, und schon gerät alles in Schwingung und Bewegung, die Elemente verändern ihren Ort und ihre Stellung zueinander, und nichts ist, wie es vorher war.

Wir Menschen sind zwar an sich auch nur ein winziger Teil dieser grandiosen Schöpfung, aber wir haben es geschafft, diese fatalen Abweichungen zu produzieren. Durch unser kurzsichtiges, egozentrisches Verhalten ist es uns in kürzester Zeit tatsächlich gelungen, das feinst austarierte Gleichgewicht des Lebens auszuhebeln und zu zerstören.

So gründlich ist uns das gelungen, dass es fast schon zynisch klingt, wenn wir das schöne Lied „Geh aus, mein Herz und suche Freud“ singen, mit schattenreichen Myrten, mit Glucken, Lerchen und Nachtigallen und Bienen.

Aber was können wir tun? Was können wir tun, um das Mobile wieder ins Gleichgewicht zu bringen? Natürlich sollten und müssen wir das tun, was die Klimaforscher seit Jahren sagen und was jetzt seit ziemlich genau einem Jahr von den jungen Leuten freitags auf die Straße gebracht wird. Ich brauche das hier nicht aufzuzählen.

Aber ich denke, es geht noch um mehr. Es geht um unsere Haltung, unsere Einstellung zur Schöpfung.

Und da glaube ich als Erstes, es täte uns gut, wenn wir das Staunen wieder lernen würden, das Staunen über die unfassbare Vielfalt, Buntheit und Lebendigkeit der Natur um uns herum, von der wir ein Teil sind. Ein solches Staunen, ja eine Ehrfurcht, stellt sich am ehesten ein, wenn wir uns in der freien Natur bewegen. Wenn wir in einer sternklaren Nacht den Himmel betrachten – an einem Ort, an dem es kein künstliches Licht gibt. Wenn wir am Meer sind oder am frühen Morgen in einem tiefen Wald. Und aus dem Staunen kann die Dankbarkeit kommen, die Dankbarkeit für die Schönheit und Fülle, die uns umgibt.

Als zweites aber, so glaube ich, braucht es die Hoffnung, dass die unendliche Kreativität der göttlichen Liebe das Neue schaffen kann, das nötig ist. Denn es ist ja schier zum Verzweifeln, wie wenig sich wirklich tut und wie gewaltig wir unseren Lebensstil verändern müssen, um unseren Enkeln eine lebenswerte Erde zu hinterlassen. Bei allem, was wir selbst tun können und tun müssen – und was wir lassen können und lassen müssen –, ist das Wichtigste vielleicht doch die Hoffnung und das Vertrauen, dass die unendliche Liebe, die dieses Universum hervorgebracht hat, die unseren Planeten entstehen ließ und die uns das Leben geschenkt hat, dass diese unendliche Liebe, die Kreativität Gottes, neue Möglichkeiten schafft, die wir uns heute noch nicht einmal vorstellen können.

Wer hätte es heute vor einem Jahr gedacht, dass aus der stillen Aktion eines einzelnen Mädchens eine weltweite Bewegung würde, die auch von den Regierenden gehört wird.

Bei allem, was wir im Blick auf unseren eigenen Lebensstil tun und lassen können, können wir als Christen also vor allem eins: Wir können uns an die unendliche, unendlich kreative Macht der Liebe wenden, die wir Gott nennen. Gott hat immer noch unendliche Möglichkeiten. Das heißt nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Mit Martin Luther würde ich sagen: Wir sollen beten, als ob alles Handeln nichts nützte, und handeln, als ob alles Baten nichts nützte.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne und seine ganze Schöpfung in Christus Jesus. Amen.

 

Tilmann Haberer

 

 

Autor: tilmannhaberer

geboren 1955, Krisen- und Lebensberater, evangelischer Pfarrer, Gestaltseelsorger, systemischer Berater, zwischendurch mal sieben Jahre als freiberuflicher Schlussredakteur und Übersetzer (u.a. Richard Rohr, Suzanne Zuercher, Ken Wilber) unterwegs gewesen, Autor von Sachbüchern (u.a. "Gott 9.0") und Romanen.

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