Was ist heilig?

Sacred

 

Predigt in St. Markus München am Sonntag, 8. März 2020

 

Diese Predigt ist Teil einer Predigtreihe zum Thema „Begegnungsräume“ und trägt eigentlich den Titel: „Begegnung zwischen Gott und Welt“. Ich finde aber, sie passt sehr gut in meine „Was ist…?“-Reihe.

 

Vor vielen Jahren war es, in einer anderen Gemeinde. Wir feierten das Sommerfest und wie so oft beim Sommerfest war das Wetter nicht besonders schön. Unfreundlich und – wie der Wetterbericht zu sagen pflegt – für die Jahreszeit zu kühl. Nach dem Familiengottesdienst begann es leicht zu nieseln. Eine ganze Schar Kinder flüchtete sich in die Kirche und spielte Fangen zwischen den Kirchenbänken. Da kam ein älterer Herr zu mir und sagte streng: „Herr Pfarrer, ich dachte immer, die Kirche sei das Haus Gottes!“ Ich war verblüfft, allerdings nicht so verblüfft, dass mir nicht noch die Antwort eingefallen wäre: „Ja, und mein Gott mag spielende Kinder.“

Was hat diesen Herrn zu seiner kritischen Bemerkung bewegt? Anscheinend hat er Anstoß genommen an dem Lärm, den spielende Kinder nun einmal verursachen, und vielleicht auch an der Fröhlichkeit, die sie ausstrahlen. Sein Gott ist anscheinend streng und ernst. Und heilig. In seiner Nähe muss man auf Zehenspitzen gehen und darf nur flüstern – und eins darf man ganz sicher nicht: lachen.

Diese Haltung ist weit verbreitet. Sie ist sicher religiös. Aber christlich? Christlich ist eine solche Haltung nicht. Denn für Christen hat die Heiligkeit Gottes nichts damit zu tun, dass man ängstlich jeden Anschein von Lebendigkeit vermeidet.

Aber noch einmal. Als religiös kann man diese Haltung wohl wirklich bezeichnen. Es ist geradezu ein Kennzeichen der meisten Religionen, dass sie heilige Bezirke kennen, in denen man sich nicht so verhalten darf wie im Rest des Lebens. In denen Stille zu herrschen hat, Ehrfurcht, ein bisschen Befangenheit. In denen laute Lebensäußerungen nicht erwünscht sind – Lachen eben, aber auch Niesen oder gar Gähnen…

Wie kommt das?

Ich glaube, das steckt von Anfang an in der DNA der Religion, dass es heilige Orte gibt, und auch heilige Handlungen, heilige Gegenstände und heilige Personen.

Ich glaube, so ist Religion überhaupt entstanden: Schon die allerersten Menschen, die gerade erst ein Bewusstsein für sich selbst entwickelt hatten, erlebten immer wieder Momente, in denen die Welt durchsichtig wurde für eine tiefere Dimension. Momente, in denen die Menschen eine Ahnung bekamen – oder auch eine Gewissheit –, dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde als das, was die Augen sehen. Die Menschen dachten damals sehr konkret, und so meinten sie: Wenn mir dieses Erlebnis hier widerfahren ist, dann muss das daran liegen, dass hier ein besonderer Ort ist – ein Ort, an dem die Wand zwischen dem Diesseits, zwischen der Welt der Menschen, und dem Jenseits, der Sphäre des Göttlichen, sehr dünn ist. Hier, an diesem Ort, kann man dem Göttlichen nahe sein. Hier ist ein heiliger Ort.

Eine Geschichte, die diesen Vorgang beschreibt, kennen manche vielleicht noch aus dem Religionsunterricht: Jakob, einer der Erzväter Israels, schläft unter freiem Himmel und träumt von einer Leiter, die da steht und an der Engel, Boten Gottes, hinauf und herunter steigen. Er erwacht und sagt: „Ja, wirklich, hier ist das Haus Gottes, und ich wusste es nicht.“ Er richtet einen Stein auf als Denk-Mal und als Altar, und fortan ist dieser Ort heilig: Beth-El, Gottes Haus.

So etwas gibt es aber nicht nur in der Bibel, es gibt diese Geschichten um heilige Orte in allen Religionen. Alle Religionen kennen heilige Berge, heilige Flüsse, heilige Felsen, heilige Bäume: Orte, an denen man Gott – angeblich – ganz besonders nahe kommt.

Und an solchen Orten wurden dann Heiligtümer gebaut. Tempel, oder in unserem schönen Oberbayern Kapellen, Klöster und Kirchen.

Im Tempel war alles anders. Um ihn zu betreten, musste man sich reinigen – so wie sich Muslime bis heute Hände, Füße und Gesicht waschen, bevor sie die Moschee zum Gebet betreten. Es gab und gibt besondere Bezirke in der Tempelanlage, die niemand betreten darf außer besonders geschulten und geweihten Menschen, Priesterinnen und Priester, Vestalinnen oder Tempeldiener. In vielen katholischen Kirchen gilt der Altarraum als besonderer Raum, den man gar nicht oder jedenfalls nicht ohne Weiteres betreten darf. Oft ist er abgetrennt mit einer Kordel. Denn da, am Altar, wird die heilige Handlung vollzogen, vom geweihten Priester, heiliger geht es kaum.

Dieses Prinzip der Heiligkeit spielte vor allem auch im Tempel in Jerusalem eine ganz entscheidende Rolle. Er war aufgebaut wie eine Zwiebel: In den äußersten Mauerring, den Vorhof der Heiden, durften alle Menschen. Dann kam der Vorhof der Frauen, den nur noch Angehöriger des jüdischen Volkes betreten durften, des Volkes Gottes, das mit Gott in inniger Verbindung steht, weil Gott es auserwählt hat unter allen anderen Völkern. Dann kam der Vorhof der Männer, den auch jüdische Frauen nicht betreten durften, denn Frauen galten von ihrem Wesen her als weniger rein und heilig als die Männer. Patriarchale Zeiten, die Gottseidank vorbei sind.

Schließlich gab es den Vorhof der Priester, den nur Tempeldiener und Priester betreten durften, in dem die Opfer abgehalten wurden. Dann erst kam das Heiligtum, das eigentliche Tempelgebäude. Da hinein ging eigentlich niemand, und in dem Heiligtum gab es eine innerste Kammer, das Allerheiligste, das von einem bodenlangen Vorhang verhüllt war. Dieser Raum war leer – anders als in den Tempeln anderer Religionen stand dort kein Götterstandbild. Denn der Gott Israels ist so heilig, dass man ihn nicht abbilden kann und darf. In diesen Raum ging ein einziges Mal im Jahr, am Versöhnungstag, ein einziger Mensch: der Hohepriester, zum Opfer. Einmal im Jahr, die übrigen 364 Tage stand der Raum immer leer – das heißt, nach Überzeugung der Juden war er natürlich nicht leer, sondern angefüllt mit Gottes Heiligkeit, mit Gottes Herrlichkeit, wie es auch hieß.

Gott, so wird es in der Hebräischen Bibel immer wieder dargestellt, Gott ist so heilig, dass man ihn nicht einmal ansehen kann, man würde auf der Stelle tot umfallen. Gott ist erhaben, riesig, unnahbar. Heilig, heilig, heilig.

Das heißt aber auch: Die Welt der Menschen ist nicht heilig. In ihr gelten andere Gesetze und Regeln. Zwar hat Gott auch für den Alltag der Menschen Gesetze gegeben, aber Gott selbst ist ja nicht da, er ist ja der Welt enthoben in seiner Heiligkeit. Und dieser Gedanke führte oft zu einem fatalen Missverständnis: Die Menschen benahmen sich in ihrem Bereich, der sogenannten profanen Welt (von pro-fanum, vor dem Heiligtum), die Menschen benahmen sich also nach ihren eigenen Regeln. Dann gingen sie am Versöhnungsfest in den Tempel zum heiligen Gott, brachten die vorgeschriebenen Opfer dar und alles war wieder gut.

Gegen dieses Missverständnis, oder auch: gegen diesen Missbrauch protestierten die Propheten heftig. Amos beispielsweise. „Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen, und an euren Speisopfern habe ich kein Gefallen, und euer fettes Schlachtopfer sehe ich nicht an. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!“ Der ganze Gottesdienst, der ganze Tempelkult nutzt nichts, wenn die Menschen sich nicht an Gottes Lebensregeln halten und einander lieben und achten: „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

Oder Jeremia: „So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels: Bessert euer Leben und euer Tun, so will ich euch wohnen lassen an diesem Ort. Verlasst euch nicht auf Lügenworte, wenn sie sagen: Der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn ist hier! Vielmehr: Bessert euer Leben und euer Tun, dass ihr recht handelt einer gegen den andern und gegen Fremdlinge, Waisen und Witwen keine Gewalt übt … Dann will ich euch immer und ewiglich wohnen lassen an diesem Ort, in dem Lande, das ich euren Vätern gegeben habe.“

Der Tempel, der Gottesdienst an sich nützt gar nichts, wenn das Leben der Menschen nicht von Liebe und gegenseitiger Achtung geprägt ist.

Und in diese Tradition stellt sich auch Jesus, wenn er den Tempel „reinigt“. Er geht in den Vorhof der Heiden, stößt die Tische der Wechsler um, lässt die Tauben frei und verhindert, dass irgendetwas durch den Tempel getragen wird. Viele meinen, es war ihm zu geschäftig, zu unruhig, zu „weltlich“, so als würden die Geschäfte der Händler und Wechsler Gottes heilige Ruhe stören.

Aber nein: Händler und Wechsler waren tief religiöse Einrichtungen. Sie waren unabdingbar, um den Opferbetrieb aufrecht zu erhalten. Sie verkauften Opfertiere und wechselten die heidnischen römischen Sesterzen in Tempelgeld um, damit man „reines“, „heiliges“ Geld in den Klingelbeutel werfen konnte.

Jesus zitiert den Propheten Jesaja, der Gott sagen lässt: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer.“ Auch Jesus sagt also: Den ganzen Tempelgottesdienst könnt ihr euch sparen, wenn ihr nicht mit euren Mitmenschen in Liebe und Achtung umgeht.

Mit einem anderen Bild: Gottesdienst, das ist nicht die Zeit am Sonntag zwischen 11.15 und 12.30 Uhr. Gottesdienst, das ist auch die Zeit von Sonntag 12.30 Uhr bis am nächsten Sonntag um 11.15 Uhr. „Euer ganzes Leben sei ein vernünftiger Gottesdienst“, so formuliert es Paulus. Euer ganzes Leben, nicht nur eine Stunde in der Woche.

 

***

Wo begegnen Menschen nun also Gott? Wir Christen glauben, dass es dazu keine besonderen Orte braucht. Gott begegnet uns in unseren Mitmenschen, besonders in denen, die leiden. Gott ist nicht in einem fernen Jenseits zu finden, in einem heiligen Bezirk, den man nicht betreten darf.

Und deswegen verlasse ich jetzt diesen fernen, hervorgehobenen Ort hier oben. So wie sich Gott unter den Menschen finden lassen will, so soll das Wort von Gott, so soll die Predigt unter die Menschen kommen.

Der Prediger verlässt die Kanzel und
begibt sich nach unten in den Kirchenraum

Die Evangelien bieten ein eindrückliches Bild. In dem Augenblick, in dem Jesus stirbt, so berichten Matthäus, Markus und Lukas, da zerreißt der Vorhang im Tempel, der das Allerheiligste abtrennt, entzwei, „von oben an bis unten aus“. Das Allerheiligste ist enthüllt, es ist nicht mehr abgetrennt. Die Trennung zwischen heilig und profan, sie ist aufgehoben und gilt nicht mehr. Gott ist nicht im Jenseits zu finden, sondern hier, mitten unter uns, inwendig in uns. Wir können Gott begegnen an allen möglichen Orten, wir können auf Gott treffen in der tiefsten Tiefe unseres Herzens, wir begegnen Gott in unseren Mitmenschen, besonders in denen, die leiden. „Was ihr einem der geringsten meiner Geschwister getan hat“, sagt der Mensch gewordene Gott, „das habt ihr mir getan.“

Gott ist nicht da oben, er ist hier unten. Deswegen werden wir das Abendmahl heute nicht am Altar feiern, denn der Altar ist kein besonders heiliges Möbelstück. Wir werden das Abendmahl hier feiern, wo wir den Kirchenkaffee teilen, wo wir normalerweise nach dem Gottesdienst zusammenstehen, um zu reden und beieinander zu sein. Denn heilig, das sind nicht irgendwelche ausgesonderten Bezirke oder Zeiten oder Menschen. Heilig, das seid ihr alle. Euer Leib, schreibt Paulus, ist ein Tempel des Heiligen Geistes. Ihr alle seid Gottes geliebte Kinder und habt damit Anteil an Gottes Heiligkeit. Ihr seid heilig. Alle. Ohne Ausnahme. Denn heilig sein, das heißt nicht: besonders gut oder moralisch sein. Heilig sein, das heißt ganz einfach: von Gott geliebt sein.

 

***

Natürlich mag es auch weiterhin Orte geben, an denen es Menschen leichter fällt, die Gegenwart Gottes zu ahnen. Orte, an denen die Welt leichter durchsichtig wird für die andere, tiefere Dimension der Welt. Das können sogenannte erhabene Orte sein in der Natur, das können auch Kirchen sein, die mit der Kraft vieler Gebete gleichsam aufgeladen sind. Und es mag auch sinnvoll sein, dass es in einer Kirche die meiste Zeit still ist – einfach weil die Menschen Orte der Stille brauchen, gerade hier in der Großstadt.

Aber wenn dann einmal Kinder jauchzend durch die Kirche rennen, wenn dann einmal hier in dieser Kirchenhalle ein Ball stattfindet und das Tanzbein geschwungen wird, wenn Menschen hier essen und trinken, diskutieren und streiten, feiern und lachen – dann stört das Gott nicht. Gott ist gegenwärtig, hier wie anderswo und überall, und Gott freut sich mit denen, die sich freuen. Gott trauert mit denen, die traurig sind. Gott lacht mit den Lachenden und weint mit den Weinenden und tröstet alle, die seinen Trost suchen, hier an diesem Ort und an jedem, an jedem anderen Ort der Welt. Kein Ort der Welt ist gottlos, kein Ort ist Gottes leer.

Begegnung zwischen Gott und Welt – die geschieht immer und überall, in jeder Sekunde, an jedem Ort. Auch hier und heute, in diesem Augenblick.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder, dem Gegenwärtigen, immer und überall – und das heißt: hier und jetzt. Amen.

 

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Ich glaube; hilf meinem Unglauben

Regenschirm beschnitten

 

Predigt an Silvester 2019 in St. Markus über die Jahreslosung 2020

 

Was wäre das Leben ohne Widersprüche?

Liebe Gemeinde, auch wenn wir uns oft nach Eindeutigkeit sehnen, das Leben ist oft widersprüchlich. Und das ist gut so. Finde ich jedenfalls. Und es kann auch gar nicht anders sein. Die ganze Schöpfung ist ungenau und widersprüchlich. Das geht schon los mit den kleinsten Bausteinen der Materie, den Elementarteilchen. So ein Elektron scheint sich nicht entscheiden zu können, ob es ein materielles Partikel ist oder nicht doch eher eine Welle, eine immaterielle Bewegung im leeren Raum. Da gibt es keine Eindeutigkeit.

Und im größeren Maßstab, bei uns Menschen, zeigt sich die Widersprüchlichkeit auch. Besonders da, wo es um die Gefühle geht. Wer kennt nicht die sogenannten gemischten Gefühle, den Gefühlswirrwarr, die zwei Herzen, ach! in der Brust?

Ich möchte so gerne… aber es macht mir Angst. Ich verabscheue etwas zutiefst, und doch übt es eine ungeheure Faszination auf mich aus – vielleicht gerade wegen der Abscheu! Ich liebe jemand, und gerade deswegen kann diese Person auch Angst, Abwehr oder sogar Hass auslösen.

Sosehr wir uns Eindeutigkeit wünschen mögen, wir bekommen sie nicht. Und ich denke, das ist auch ganz gut so. Denn wir selbst sind nicht eindeutig. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, heute so, morgen anders, und doch sind und bleiben wir derselbe Mensch.

Was wäre das Leben ohne Widersprüche? Einfacher vielleicht, aber doch sicher auch langweilig. Eindimensional. Platt.

Was für die Gefühle gilt, gilt nach allem, was ich weiß, auch und erst recht für den Glauben. „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ Ja, in diesem Satz kann ich mich wiederfinden. Ehrlich gesagt, dieser Satz gehört zu meinen Lieblingssätzen in der Bibel. Und ich freue mich, dass er als Jahreslosung für das Jahr ausgewählt wurde, das in wenigen Stunden beginnt.

Ich glaube, hilf meinem Unglauben.

Was heißt das eigentlich, glauben?

Glauben heißt nicht wissen, das ist klar. Wie spät ist es? Ich glaub, ungefähr halb sechs oder so. Das heißt, ich weiß es nicht genau, ich nehme es halt mal an.

Wann lebte Goethe? Ach ich glaube, das war so im 18. oder 19. Jahrhundert. Ich glaube, er ist so um 1830 rum gestorben. Naja, nicht schlecht geraten, er starb 1832 – das kann man wissen.

Ich denke, es ist klar, dass es bei dem Glauben, von dem hier die Rede ist, um etwas anderes geht als dieses Ungefähre, dieses Raten.

Was dann? Ich kann glauben, dass etwas wahr ist. Ein Bekannter kommt zu spät zur Verabredung und entschuldigt sich damit, dass sein Fahrrad einen Platten hatte und er es erst reparieren musste. Das kann ich glauben oder nicht, ich kann es ihm abkaufen oder ich bin misstrauisch. Ach, diese Ausreden kenne ich, und dass mein Bekannter irgendwelche Ausreden erfindet, habe ich schon öfter erlebt. Ich glaube ihm das also eher nicht. Oder: Ich kenne ihn als zuverlässigen Menschen, als grundehrliche haut. Dem glaube ich alles.

Das heißt zum einen: Ich gehe davon aus, dass die Information, die mein Bekannter mit gibt, wahr ist – oder eben nicht wahr. Glauben heißt in diesem Fall: Ich halte etwas für wahr. Wenn ich sage: Ich glaube, dass Jesus übers Wasser gelaufen ist, das würde dann heißen: Wenn die Jünger damals schon Handys gehabt hätten, hätten sie es filmen können, wie Jesus über die Wellen geht. Das ist eine Bedeutung des Wortes „glauben“, Ich halte etwas für wahr. Aber meiner Meinung nach ist das eine eher schwache Bedeutung. Darum geht es nicht wirklich, ob etwas tatsächlich so geschehen ist oder nicht. Mein Glaube hängt nicht daran, dass alles in diesem buchstäblichen Sinn wahr ist, was in der Bibel steht. Dass die Welt in 6 x 24 Stunden erschaffen wurde vor gut 6000 Jahren. Und dass die Sonnen  gut einen ganzen Tag lang stillstand über Gibeon, bis die Israeliten ihre Feinde geschlagen hatten.

Wenn es beim Glauben nicht um die buchstäbliche Faktizität geht, worum geht es dann?

Gehen wir noch einmal zurück zu meinem verspäteten Bekannten. Ich glaube ihm seine Ausrede nicht, weil ich schon öfter erlebt habe, dass er sich mit einer Notlüge herauswindet. Das heißt, ich traue ihm nicht. Oder umgekehrt, ich traue ihm, weil ich ihn als ehrliche Haut kenne.

Damit sind wir bei einer weiteren Bedeutung des Wortes „glauben“: Es geht um das Vertrauen. Und damit sind wir beim Kern der Sache. Der Glaube, um den es in der Bibel und beim Christsein geht, ist weniger von der Sorte: Ich glaube, dass das wahr ist, sondern eher von der Sorte: Ich glaube dir. Ich vertraue dir. Da geht es nicht um Informationen, die eben wahr sein können oder nicht. Es geht um eine Beziehung. Darum, ob ich mich verlasse auf den anderen.

Das ist übrigens ein sehr sprechender Ausdruck. Ich verlasse mich. Das heißt, wörtlich: Ich gehe weg von mir. Ich verlasse mich auf dich – ich vertraue darauf, dass du mich nicht fallen lässt.

Ich glaube; hilf meinem Unglauben.

So ist das mit dem Glauben. Ja, ich möchte mich darauf verlassen, dass du es gut mit mir meinst, und manchmal gelingt es mir auch. Aber gerade wenn es um den Glauben geht, sind wir Menschen oft widersprüchlich. Ich glaube; hilf meinem Unglauben. Ich verlasse mich, und dann bekomme ich doch wieder Angst. Klassisch ist das ausgedrückt in der Geschichte, auf die ich eben schon kurz angespielt habe, in der Geschichte, in der Jesus übers Wasser geht. Die Jünger sind in einem Boot auf dem See Genezareth, das Boot gerät in einen Sturm, da sehen sie Jesus durch den Sturm auf dem Wasser zu ihnen kommen. Nach dem ersten Schrecken steigt Petrus, der Draufgänger unter den Jüngern, aus dem Boot. Er verlässt sich, und zwar auf das Wort von Jesus. Und siehe da: Auch er kann übers Wasser laufen. Doch dann sieht er plötzlich die hohen Wellen, spürt den Sturm sausen, und er denkt sich: Um Himmel willen, was mache ich da! Bin ich denn verrückt? Und in diesem Moment geht er unter. Das Vertrauen hat ihn verlassen, die Angst hat gesiegt.

Ich glaube; hilf meinem Unglauben.

Diesen Satz, der als Jahreslosung 2020 ausgewählt wurde, haben wir vorhin im Zusammenhang gehört. Da ist dieser Vater, dessen Sohn epileptische Anfälle hat – jedenfalls ist das wahrscheinlich die medizinische Diagnose, so würden wir es heute sagen. Damals sprach man von Dämonen, weil das in das damalige Weltbild passte.

Der Vater bringt sein krankes Kind zu dem berühmten Wunderheiler. „Hilf uns, wenn du kannst!“

Die Antwort von Jesus finde ich sehr bezeichnend. Er sagt nicht: Klar, ich kann das, ich bin der berühmte Wunderheiler und außerdem Gottes Sohn. Lass mich nur machen.

Jesus sagt: „Wenn du kannst? (Das heißt: Es geht nicht darum, ob ich etwas kann oder nicht, sondern:) Für den, der glaubt, ist alles möglich.“

Für den, der glaubt, ist alles möglich. Jesus kann nicht deswegen heilen, weil er so besondere Kräfte hat, sondern weil er selbst aus dem Vertrauen lebt, weil er selbst sich verlässt.

Und dann bricht es aus dem Vater heraus: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“

Darin ist dieser Vater uns allen wahrscheinlich sehr ähnlich. Manchmal ist alles klar, Gott ist nah, wir spüren seine Liebe und Nähe wie die Sonne auf dem Gesicht an einem schönen Tag. Das Leben ist schön und die Welt ist gut. Und manchmal ist alles weg, wir fühlen uns allein und verlassen und können gar nicht mehr verstehen, dass wir einmal dieses Vertrauen hatten.

Glaube und Unglaube, Glaube und Zweifel sind Geschwister.

Und das ist auch gut so. Stell dir einen Menschen vor, der fest und unerschütterlich an seinen Überzeugungen festhält. Der keinerlei Zweifel kennt – oder keinen Zweifel zulässt. Der immer genau weiß, was gut ist und was böse, was richtig ist und was falsch.

Ehrlich gesagt: Mit so einem Menschen möchte ich nicht zusammenleben.

Zweifel, dieses Schwanken zwischen Glaube und Unglaube, das heißt ja auch, dass ich mich immer wieder infrage stellen lasse. Dass ich immer mal wieder überprüfen muss, ob meine Grundannahmen noch stimmen, ob meine Überzeugungen noch zu meinem Leben passen. Denn die Welt ändert sich unaufhörlich, ich selbst ändere mich, ich werde älter, hoffentlich gescheiter, vielleicht auch nur desillusioniert, wie auch immer. Ich bleibe nicht derselbe Mensch, der ich war. Und manche Überzeugungen stellen sich als falsch heraus. Oder sie werden mir zu eng, so wie mein Konfirmationsanzug, den ich vor 50 Jahren bekam und den ich heute heftig sprengen würde.

Wichtig ist es nicht, unerschütterlich festzuhalten an immer demselben. Wichtig ist, dass ich mich immer wieder neu einlasse auf den, der mein Leben trägt und hält. Dass ich vertrauensvoll einen neuen Schritt wage. Das muss nicht so spektakulär sein, wie der Schritt von Petrus aus dem Boot aufs Wasser im Sturm.

Es gibt in unserem Leben ganz andere Herausforderungen. Und die Frage ist: Gehe ich meine Herausforderungen an mit ängstlichem Zaudern, weil man ja nie wissen kann, was herauskommt? Oder gehe ich sie an im Vertrauen? Vertraue ich in die Kraft des Lebens, in den Grund meines Seins – in Gott, der will, das ich lebe?

Das bedeutet dann noch keine Erfolgsgarantie. Jesus selbst hatte, menschlich gesehen, keinen Erfolg. Das Reich Gottes, von dem er gesprochen hat, ist nicht so gekommen, wie er selbst das möglicherweise erwartet hat. Er wurde nicht zum König gekrönt. Er wurde verraten und verkauft und aufgehängt.

Und doch ist er seinen Weg gegangen im Vertrauen auf den Gott, der das Leben will, der das Leben hält und trägt. Und an ihm können wir sehen, dass es weitergehen kann. Dass der Weg manchmal durch das Scheitern hindurch führt, durch das Leiden, durch die Niederlage. Denn wir Christen bekennen, dass Christus auferstanden ist. Damit sagen wir, dass Verrat und Folter, Leiden und Tod nicht das Letzte sind. Dass der Weg zu einem sinnvollen, erfüllten Leben nicht unbedingt über die Erfolgsstrecke läuft.

Das Vertrauen in Gott, der das Leben will, bedeutet nicht, dass wir vom Leiden verschont bleiben. Das Leben führt uns oft nicht ums Leiden herum, sondern mitten hindurch. Warum das so ist, wissen wir nicht. Aber wir können die Erfahrung machen, dass das Leiden uns vertiefen kann, dass es uns verändern kann. Dass wir menschlicher werden, wenn wir nicht nur die lichten Höhen kennen, sondern auch die finsteren Täler.

Wer alles Leid und jede Niederlage vermeiden will, bricht am besten gar nicht auf. Wer an ein Ziel kommen will, muss Schritte ins Unbekannte tun, in Neuland. Da kann es passieren, dass nicht alles nach Plan läuft. Dass ich nicht ans Ziel komme – oder an ein ganz anderes Ziel, als ich ursprünglich vorhatte.

Und dennoch breche ich auf. Weil ich vertraue, dass ich nicht allein unterwegs bin. Weil ich mich verlasse, mich verlasse darauf, dass mein Leben Sinn hat, und dass sich dieser Sinn manchmal gerade dann zeigt, wenn es so gar nicht danach aussieht.

Ich glaube; hilf meinem Unglauben. Ich nehme meinen Unglauben mit, meine Zweifel, meine Unsicherheit. Und mache trotzdem meinen nächsten Schritt. Ins neue Jahr, in den nächsten Tag.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus, dem Christus, der mit uns geht und uns begleitet auf dem Weg zum Leben. Amen.

 

Was ist der Christus?

Christus Pantokrator von Cefalú, Sizilien

 

 

Predigt am 8. September 2019

 

Was ist der Christus?

Liebe Gemeinde, vielleicht meint mancher, diese Frage sei falsch gestellt. Muss es nicht heißen: Wer ist der Christus? Und dann würde die Antwort etwa so lauten: Der Christus, das ist Jesus, Gottes Sohn.

Wie Sie sich vielleicht denken können, habe ich die Frage mit Absicht nicht so formuliert. „Wer ist der Christus?“, das klingt ungefähr so wie: „Wer ist der Maier?“ So, als wäre „Christus“ der Nachname für Jesus, im Grunde austauschbar. In der Tat, wir gebrauchen das Wort „Christus“ ganz oft wie den Nachnamen. Jesus Christus, das ist so etwas wie Franz Maier.

Dabei wissen Sie wahrscheinlich, dass das so nicht stimmt. Zur Zeit von Jesus gab es in Palästina gar keine Nachnamen, und Jesus, Jeschua, war damals kein seltener Rufname. Wollte man diesen Jesus von anderen Jesussen unterscheiden, sagte man: Jesus, der Sohn des Joseph, aus Nazareth.

Und Christus, das ist gar kein Name. Christus ist ein Titel. Ein Ehrentitel. Auch das wissen wahrscheinlich die meisten, deswegen mache ich es jetzt hier ganz kurz: Christus ist die griechische Form des hebräischen Wortes Messias und heißt zu Deutsch: der Gesalbte. Gesalbt wurden nach der Hebräischen Bibel die Könige Israels. Heute würde man also vielleicht sagen: „der Gekrönte“.

Wenn die Juden zur Zeit Jesu vom Messias sprachen, dann meinten sie damit den König, der kommen sollte, um dem Volk seine frühere Größe und Macht zurückzugeben, die es unter dem legendären König David hatte, tausend Jahre vorher. Messias war ein politisch-militärischer Titel.

So gesehen, ist Jesus von Nazareth nicht der Christus, nicht der Messias, oder aber er ist grandios gescheitert. Denn er hat das Volk Israel nicht von den Römern befreit. Und als er Jerusalem im Sturm einnahm, ritt er nicht auf einem Schlachtross, sondern auf einem Esel, und seine „Soldaten“ hielten keine Schwerter in der Hand, sondern harmlose Palmwedel. Und das Ganze endete nicht mit der Machtergreifung. Jesus bestieg nicht den Thron, sondern das Schafott, beziehungsweise das Kreuz, das eine viel grausamere Hinrichtungsmethode war als Schafott oder Galgen.

Doch hier, am Tiefpunkt, beginnt sich alles zu wandeln. Seine Anhängerinnen und Anhänger machten eine neue, ungeheuerliche Erfahrung, und sogleich verbreiteten sie eine neue, ungeheuerliche Botschaft: „Jesus ist auferstanden von den Toten.“

Durch dieses Bekenntnis, durch die Botschaft von der Auferstehung,  bekam die Aussage: „Jesus ist der Christus“ eine ganz andere Bedeutung. Der
Titel „Christus“, Messias, bezieht sich auf ein-mal nicht mehr auf einen politisch-militärischen Führer.

Schon 25 oder 30 Jahre nach der Hinrichtung Jesu schreibt Paulus in einem Brief an die Gemeinde in Philippi in Griechenland: Er [Christus], der Gott in allem gleich war und auf einer Stufe mit ihm stand, nutzte seine Macht nicht zu seinem eigenen Vorteil aus. Im Gegenteil: Er verzichtete auf alle seine Vorrechte und stellte sich auf dieselbe Stufe wie ein Diener. Er wurde einer von uns – ein Mensch wie andere Menschen. Aber er erniedrigte sich ´noch mehr`: Im Gehorsam gegenüber Gott nahm er sogar den Tod auf sich; er starb am Kreuz ´wie ein Verbrecher`. Deshalb hat Gott ihn auch so unvergleichlich hoch erhöht und hat ihm ´als Ehrentitel` den Namen gegeben, der bedeutender ist als jeder andere Name.

„Er, der in göttlicher Gestalt war, der Gott gleich war.“ Das ist nun schon etwas anderes als ein König und Heerführer. Die Botschaft von der Auferstehung hat alles verändert. Nun bekennen die Anhängerinnen und Anhänger dieses Jesus, dass er Gott gleich ist. Nicht war, sondern ist. Denn seit der Auferstehung ist auch klar, dass Jesus lebt, in Ewigkeit, so wie Gott.

Und weitere zehn Jahre später, ungefähr im Jahr 70 nach Christus, schreibt Paulus oder einer seiner Schüler an die Gemeinde in der kleinasiatischen Stadt Kolossä: „Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene, der über der gesamten Schöpfung steht. Denn durch ihn wurde alles erschaffen, was im Himmel und auf der Erde ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, Könige und Herrscher, Mächte und Gewalten. Das ganze Universum wurde durch ihn geschaffen und hat in ihm sein Ziel. Er war vor allem anderen da, und alles besteht durch ihn.“

Christus ist Gott gleich, und durch ihn ist alles geschaffen. Das ist tatsächlich ein ziemlich anderes Bild als das von einem politisch-militärischen Führer des jüdischen Volks. Damit hat sich die junge Gemeinde aus dem Rahmen des Judentums hinausbewegt. Sie bekommen nun auch einen anderen Namen, man bezeichnet sie nun als Christen, Anhängerschaft des Christus. Eine neue Religion ist entstanden.

Denn die Christen nennen sich nach dem Christus, durch den – wie der Kolosserbrief schreibt – alles geschaffen wurde und in dem alles besteht, der Gott gleich ist, in göttlicher Gestalt.

Mit diesem neuen Bild entstand auf einmal ein ganz neues Problem. Die Christen wollten das Grundbekenntnis ihrer jüdischen Herkunftsfamilie nicht antasten, das Grundbekenntnis, das heißt: „Gott ist einer.“ Das ist ja übrigens das Grundbekenntnis, das Juden und Christen mit ihrer noch jüngeren Schwesterreligion, dem Islam, teilen: „Gott ist einer, es gibt keinen Gott außer Gott.“

Und nun ist da dieses Bekenntnis, dass durch Christus nicht nur alles geschaffen ist, wie es auch im Johannesevangelium heißt: „Alle Dinge sind durch ihn gemacht und ohne ihn ist nichts gemacht, was gemacht ist.“ Nun heißt es sogar, er ist Gott gleich.

Das war wirklich ein Problem. Da gibt es, so sagten die Christen, eine göttliche Kraft und eine göttliche Gegenwart, die unendlich ist, ewig und allmächtig, durch die die Schöpfung geschehen ist und auf die alles am Ende wieder zuläuft. Und diese göttliche Macht und Kraft und Gegenwart brachten sie mit dem Menschen Jesus aus Nazareth in Verbindung. Sie sagten: In diesem Jesus ist uns die Macht Gottes begegnet, die Liebe Gottes, die Gegenwart Gottes, und bestätigt wurde dies, indem Gott diesen Jesus von den Toten auferweckt hat. So warf die Erfahrung der Auferstehung Jesu auch ein Licht zurück auf sein Leben, sein Handeln, seine Worte als Mensch: Schon da, sagten sie, ist uns Gott begegnet. Jesus war ein Mensch wie du und ich, und er war Gott gleich.

Es hat dreihundert Jahre intensiver theologischer Diskussionen und Streitigkeiten gebraucht, bis diese beiden Aussagen unter ein Dach gebracht wurden. Diese beiden Aussagen, die so gegensätzlich scheinen: Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott. Jesus, der Christus, ist als Mensch über die Erde gegangen, hat gegessen und getrunken, geschlafen und debattiert und gepredigt, und er ist gestorben wie alle Menschen. Und Jesus, der Christus, lebt in Ewigkeit, er ist Gott in allem gleich. Er ist Gott.

Manche sprechen hier vom Kosmischen Christus. Von dem, der von Gott ausgehend den ganzen Kosmos durchweht und durchwaltet und belebt, durch den und auf den hin alles geschaffen ist. Er ist gegenwärtig in allem, was ist. Und er ist Fleisch geworden.

Der amerikanische Franziskanerpater Richard Rohr, für mich eine der wichtigsten christlichen Stimmen der Gegenwart, weist darauf hin, dass das Johannesevangelium nicht schreibt: Das Wort – damit ist niemand anders gemeint als dieser kosmische Christus –, das Wort wurde Mensch. Nein, es heißt: Das Wort wurde Fleisch – und Fleisch steht in der damaligen Welt einfach für das Materielle, Vergängliche, für all das, was wird und vergeht.

Das Wort wurde Fleisch. Dabei denken wir normalerweise wohl an die Geburt des Jesus aus Nazareth. Aber, so meint Richard Rohr, die erste Inkarnation des kosmischen Christus geschah bereits vor 13,8 Milliarden Jahren, als mit einem gewaltigen Urknall alles in die Existenz sprang, Energie und Materie, Raum und Zeit und die Naturgesetze. Das war die erste Inkarnation, die erste Fleischwerdung des kosmischen Christus.

Und dann wurde dieser kosmische Christus noch einmal Fleisch – als Menschenkind geboren von einer jungen Frau namens Maria, in einem abgelegenen Winkel des damaligen Römischen Weltreiches. Der kosmische Christus erschien seinen Anhängern in dem Menschen Jesus aus Nazareth. Dieser Mensch Jesus war so durchsichtig für den kosmischen Christus, der in ihm lebte, dass die Menschen in seiner Nähe zu ahnen begannen, dass ihnen da nicht nur ein gewöhnlicher Mensch gegenüberstand. Und dann, nach seiner Hinrichtung, machten sie die Erfahrung: Er ist nicht tot, er lebt, Jesus ist auferstanden. Da ging es ihnen allmählich auf: Jesus ist der Christus, der gesalbte Gottessohn, und das hieß nun: Er ist der kosmische Christus, der vor allem war, durch den alles geschaffen ist, was ist, der allem Bestand verleiht, zu dem alles zurückkehrt, der in allem lebt und webt, so wie wir in ihm leben und weben und sind.

Und wir sind seine Geschwister. Die ersten Christen begannen zu entdecken, dass Christus auch in ihnen lebt. Paulus schreibt an einer Stelle: Ich lebe, doch nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Und im Johannesevangelium spricht Jesus immer wieder davon, dass die Jüngerinnen und Jünger in ihm sind, wie er in ihnen ist, und er ist im göttlichen Vater, wie der göttliche Vater in ihm ist. Jesus nannte Gott seinen Vater und ermutigte seine Anhängerinnen und Anhänger, Gott ebenso als ihren Vater anzusehen und anzusprechen.

Das ist das tiefste Geheimnis und meine eigentliche Antwort heute auf die Frage: Was ist der Christus? Der Christus, das ist die Gegenwart des unendlichen Gottes in unserer Welt, in seiner Schöpfung, im ganzen Kosmos, in dir und in mir.

Wenn wir jetzt miteinander das Abendmahl feiern, dann geben wir diesem Bekenntnis bildhaften, symbolhaften, leiblichen Ausdruck. Wir sagen: Du, Christus, lebst in uns, und wir leben in dir. Wir sind dein Leib, du bist unser Leben. Du bist mitten unter uns, und du bist inwendig in uns.

Sie merken es vielleicht schon: Von diesem Geheimnis kann ich gar nicht mehr logisch und diskursiv reden. Davon kann man eigentlich nur noch poetisch reden, hymnisch, so wie es der Kolosserbrief tut:

„Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene, der über der gesamten Schöpfung steht. Denn durch ihn wurde alles erschaffen, was im Himmel und auf der Erde ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, Könige und Herrscher, Mächte und Gewalten. Das ganze Universum wurde durch ihn geschaffen und hat in ihm sein Ziel. Er war vor allem anderen da, und alles besteht durch ihn.“

Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus, dem Christus, dem kosmischen Gottessohn, dem irdischen Bruder. Amen.

Was ist die Schöpfung?

Schöpfung

Bild von Lolame auf Pixabay

 

Predigt am 18. August 2019

 

Liebe Gemeinde,

ich gebe es offen zu: Manche Atheisten gehen mir gehörig auf die Nerven. Und zwar vor allem dann, wenn sie mit einem mitleidigen Lächeln Dinge sagen wie: Das mit Gott ist doch Quatsch. Die Wissenschaft hat doch längst bewiesen, dass die Welt nicht von einem Gott in sechs Tagen erschaffen wurde, sondern in Jahrmilliarden aus einem Urknall entstanden ist.

Okay, sage ich. Und? Meint ihr etwa, das wüssten wir Christen nicht?

Natürlich, es gibt Christen, die meinen, es gehörte zu Christsein dazu, die Geschichte von der Schöpfung am Anfang der Bibel wortwörtlich zu nehmen, als eine Art Reportage. „Wie es damals wirklich zuging“, oder so ähnlich.

Aber diese Christen verwechseln etwas. Sie meinen, die Bibel biete eine Art naturwissenschaftlichen Bericht. Dabei übersehen sie, dass es in der Zeit, in der die Bibel geschrieben wurde, noch gar keine Naturwissenschaft gab. Und dass diese Geschichte eine ganz andere Absicht verfolgt als etwa ein Lehrbuch der Physik oder Biologie.

Die Geschichte, die ich Ihnen gerade vorgelesen habe, will kein wissenschaftlicher Bericht sein. Sie ist ein Bekenntnis, ein religiöses und politisches Statement.

Sie ist entstanden in einer Zeit, in der das Volk Israel so ziemlich am Ende war. Der König Nebukadnezar von Babel hatte nach einem verheerenden Krieg die Hauptstadt Jerusalem erobert und bis auf die Grundmauern zerstört. Und alle Überlebenden, die irgendwie von Nutzen sein konnten – also alle Handwerker, alle, die lesen und schreiben konnten, die sprichwörtlichen „oberen Zehntausend“, wurden in die Sklaverei fortgeführt, sie mussten Zwangsarbeit leisten und dem verhassten Eroberer dienen.

Nun stellten sich die Menschen damals vor, dass jedes Volk seinen eigenen Gott hatte, und ein Kampf von zwei Völkern gegeneinander war auch ein Kampf ihrer Götter. Der Gott des besiegten Volkes war dem Gott des siegreichen Volkes unterlegen. In dieser Sicht der Dinge war also der Gott Israels, der Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs, dem Gott Babels unterlegen. Dieser Siegergott trug den Namen Marduk und viele fromme Geschichten rankten sich um ihn. Eine davon ging ungefähr so: Am Anfang, als es noch keine Menschen gab, ja als es noch nicht einmal Himmel und Erde gab, sondern nur eine Handvoll Götter, da wurden diese Götter bedroht von einem schrecklichen Ungeheuer namens Tiamat. Tiamat ist so etwas wie die Urgewalt des Meeres, das Chaos, die Urflut, ein wässriges, schleimiges Ungeheuer, das auf Tod und Vernichtung aus ist. Da tritt Marduk auf, ein junger Gott. Er stellt sich Tiamat entgegen und tötet sie im Zweikampf. Er hackt sie in der Mitte entzwei und macht aus einem Teil ihres Körpers die Erde und aus dem anderen die Himmelskuppel.

Dann formt Marduk aus dem Blut eines weiteren erschlagenen Gottes die Menschen, und die Aufgabe der Menschen ist es, den Göttern zu dienen.

Diese Geschichte also, aufgeschrieben unter dem Namen Enuma Elisch, fanden die Israeliten vor, sie gehörte zur babylonischen Staatsreligion, die sie, als die Unterlegenen und Besiegten, nun gefälligst auch anzunehmen hatten.

Und nun geschieht etwas völlig Unerwartetes, ja geradezu Ungeheuerliches. Dieses besiegte Volk weigert sich, die Religion der Herrschenden anzunehmen. Und sie formulieren ihre eigene Schöpfungsgeschichte. Nicht Marduk hat Himmel und Erde aus dem Körper des erschlagenen Ungeheuers geformt, sondern der Eine Gott, der vermeintlich unterlegene Gott Israels. Er hat Himmel und Erde geschaffen. Durch sein Wort. Darum geht es. Um ein politisch-religiöses Statement. Nicht Marduk ist der Herr des Himmels und der Erde, und nicht Nebukadnezar ist der oberste Bestimmer. Sondern Gott, der Gott Israels, der Gott des kleinen, besiegten, verschleppten, zum Frondienst gezwungenen Volkes. Ich finde dieses Selbstbewusstsein phänomenal, das sich nicht einmal durch die militärische Niederlage und die nationale Katastrophe unterkriegen lässt.

Bei der Schöpfungsgeschichte geht es also eigentlich darum, wer in der Welt das Sagen hat. Und darum, dass unsere Welt nicht aus Krieg und Kampf und einem geschlachteten Monster entstanden ist, sondern aus Liebe und aus einem vollmächtigen Wort. Und darum, dass der Sinn des menschlichen Lebens nicht darin besteht, den Göttern und ihren irdischen Stellvertretern zu dienen. Vielmehr sind wir Ebenbilder Gottes, nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen als Männer und Frauen, fähig zu Liebe und Kreativität.

Das würde ich als Erstes einem dieser überlegen lächelnden Atheisten erwidern. Dann würde ich aber noch weitergehen.

Natürlich, in einer Zeit, in der die Menschen sich die Erde als flache Scheibe vorstellten, über die sich die Himmelskuppel wie eine Käseglocke wölbt, da konnte man sich auch vorstellen, dass Gott wie ein kosmischer Bastler Himmel und Erde, Pflanzen, Tiere und am Ende den Menschen geformt hat. Damals passte diese Vorstellung. Denn natürlich bauten die Menschen der damaligen Zeit ihre Geschichte auf dem damals gängigen Weltbild auf. Wie denn sonst!

Und nun machen wir einen großen Sprung, direkt hierher in die Gegenwart. Und unser Weltbild ist ein anderes. Wir gehen heute davon aus, dass das Universum unvorstellbar groß ist. Wikipedia gibt den Durchmesser des Universums mit 78 Milliarden Lichtjahren an. 78 Milliarden Lichtjahre. Und das Alter des Universums wird auf 13,8 Milliarden Jahre geschätzt. Angesichts dieser riesigen Zahlen erscheint das Bild von einem kosmischen Bastler
eher naiv. Wir müssen auch gar nicht an einen solchen Bastler glauben, wenn wir glauben, dass die Welt von Gott geschaffen wurde.

Wir können nämlich fragen: Was ist denn der Sinn dieser Aussage? Was meinen wir denn, wenn wir davon sprechen, dass Gott die Welt geschaffen hat?

Ich meine damit: Die Welt und damit mein Leben – und deins und deins und deins – ist nicht durch bloßen Zufall entstanden, sondern ist Ausdruck eines liebenden Willens. Damit sagen wir eigentlich genau dasselbe wie die alten Israeliten, nur mit heutigen Worten und Bildern: Wir sind nicht einfach in einen kalten, unpersönlichen Kosmos geworfen, sondern Kinder einer unendlichen Liebe.

Diese Liebe bezeichnen wir mit dem Namen Gott. Gott ist also kein alter Mann mit Bart auf der Wolke. Vielmehr ist Gott die Tiefe des Seins, das Geheimnis der Welt. Ursprung und Quelle von allem, was ist, die unendliche, unendlich schöpferische Kraft und Macht der Liebe, die fortwährend Neues gebiert, die in dir und in dir und in mir und allen Lebewesen und die den riesigen, endlosen Weiten des Universums den Atem gibt, und dir und dir und mir auch. Die Liebe, aus der wir geboren wurden, die uns trägt und in die wir wieder eingehen, wenn unsere Zeit auf der Erde abgelaufen ist.

Aus dieser Kraft, aus diesem guten, liebevollen Willen heraus ist die Welt entstanden. Und sie ist wahrhaft erstaunlich aufgebaut. Dass es dieses Universum überhaupt gibt, ist an sich höchst unwahrscheinlich. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass viele der physikalischen Fundamentalkräfte kein bisschen stärker oder schwächer sein dürften, als sie tatsächlich sind. Ein kleines Beispiel: Wäre das Verhältnis zwischen der Schwerkraft auf der einen Seite und der Expansionsgeschwindigkeit des Universums nach dem Urknall auf der anderen Seite nur um ein winzigstes bisschen anders, als es ist, wäre das Universum entweder gleich wieder in sich zusammengefallen – oder die Urmaterie hätte sich so rasch verdünnt, dass sich nicht einmal Atome hätten bilden können, geschweige denn unterschiedliche chemische Elemente, und damit Moleküle, und damit Leben. Dieses Verhältnis von Schwerkraft und Geschwindigkeit der Ausdehnung muss auf den Faktor von 1:1057 genau stimmen, sonst gäbe es dieses Universum nicht. Das entspricht, so habe ich es nachgelesen, „der Genauigkeit, die nötig ist, um einen Bleistift auf seiner Spitze so genau auszubalancieren, dass er auch nach zehn Milliarden Jahren immer noch auf seiner Spitze steht.“

Ist das nicht verrückt? Wir brauchen aber nicht bis zum Urknall zu gehen. Wir brauchen uns nur die Zusammensetzung der Atmosphäre unserer Erde anzuschauen. Das Kohlendioxid, um das sich in letzter Zeit alles dreht, macht einen Anteil von etwa einem halben Promille an der Atmosphäre aus. Und trotzdem bewirkt eine minimale Veränderung dieses minimalen Anteils den Klimawandel, den wir zurzeit mitbekommen. Nein: den wir verursacht haben und verursachen.

Die Erde, dieses Kind der kosmischen Liebe, die wir Gott nennen – die Erde und die Biosphäre, die sich darauf gebildet hat in der hauchdünnen Schicht dieser Atmosphäre, sie sind so unendlich schön und kostbar und fein abgestimmt und alles in ihr steht mit allem anderen in so inniger Verbindung, dass kleinste Abweichungen schon katastrophale Auswirkungen haben können. Wie bei einem höchst empfindlichen Mobile, wo man eins der Elemente nur leicht anhauchen muss, und schon gerät alles in Schwingung und Bewegung, die Elemente verändern ihren Ort und ihre Stellung zueinander, und nichts ist, wie es vorher war.

Wir Menschen sind zwar an sich auch nur ein winziger Teil dieser grandiosen Schöpfung, aber wir haben es geschafft, diese fatalen Abweichungen zu produzieren. Durch unser kurzsichtiges, egozentrisches Verhalten ist es uns in kürzester Zeit tatsächlich gelungen, das feinst austarierte Gleichgewicht des Lebens auszuhebeln und zu zerstören.

So gründlich ist uns das gelungen, dass es fast schon zynisch klingt, wenn wir das schöne Lied „Geh aus, mein Herz und suche Freud“ singen, mit schattenreichen Myrten, mit Glucken, Lerchen und Nachtigallen und Bienen.

Aber was können wir tun? Was können wir tun, um das Mobile wieder ins Gleichgewicht zu bringen? Natürlich sollten und müssen wir das tun, was die Klimaforscher seit Jahren sagen und was jetzt seit ziemlich genau einem Jahr von den jungen Leuten freitags auf die Straße gebracht wird. Ich brauche das hier nicht aufzuzählen.

Aber ich denke, es geht noch um mehr. Es geht um unsere Haltung, unsere Einstellung zur Schöpfung.

Und da glaube ich als Erstes, es täte uns gut, wenn wir das Staunen wieder lernen würden, das Staunen über die unfassbare Vielfalt, Buntheit und Lebendigkeit der Natur um uns herum, von der wir ein Teil sind. Ein solches Staunen, ja eine Ehrfurcht, stellt sich am ehesten ein, wenn wir uns in der freien Natur bewegen. Wenn wir in einer sternklaren Nacht den Himmel betrachten – an einem Ort, an dem es kein künstliches Licht gibt. Wenn wir am Meer sind oder am frühen Morgen in einem tiefen Wald. Und aus dem Staunen kann die Dankbarkeit kommen, die Dankbarkeit für die Schönheit und Fülle, die uns umgibt.

Als zweites aber, so glaube ich, braucht es die Hoffnung, dass die unendliche Kreativität der göttlichen Liebe das Neue schaffen kann, das nötig ist. Denn es ist ja schier zum Verzweifeln, wie wenig sich wirklich tut und wie gewaltig wir unseren Lebensstil verändern müssen, um unseren Enkeln eine lebenswerte Erde zu hinterlassen. Bei allem, was wir selbst tun können und tun müssen – und was wir lassen können und lassen müssen –, ist das Wichtigste vielleicht doch die Hoffnung und das Vertrauen, dass die unendliche Liebe, die dieses Universum hervorgebracht hat, die unseren Planeten entstehen ließ und die uns das Leben geschenkt hat, dass diese unendliche Liebe, die Kreativität Gottes, neue Möglichkeiten schafft, die wir uns heute noch nicht einmal vorstellen können.

Wer hätte es heute vor einem Jahr gedacht, dass aus der stillen Aktion eines einzelnen Mädchens eine weltweite Bewegung würde, die auch von den Regierenden gehört wird.

Bei allem, was wir im Blick auf unseren eigenen Lebensstil tun und lassen können, können wir als Christen also vor allem eins: Wir können uns an die unendliche, unendlich kreative Macht der Liebe wenden, die wir Gott nennen. Gott hat immer noch unendliche Möglichkeiten. Das heißt nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Mit Martin Luther würde ich sagen: Wir sollen beten, als ob alles Handeln nichts nützte, und handeln, als ob alles Baten nichts nützte.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne und seine ganze Schöpfung in Christus Jesus. Amen.

 

Tilmann Haberer

 

 

Was ist die Hölle?

Hölle zugeschnitten

Predigt am 31. März 2019

 

Was ist die Hölle?

Liebe Gemeinde, wenn es nach Dante Alighieri geht, ist die Hölle ein riesiger, trichterförmiger Krater, der bis zum Erdmittelpunkt reicht. Entstanden ist er, als Luzifer vom Himmel auf die Erde stürzte. Er, der einstmals Oberste der Engel, war von seiner Macht so besoffen, dass er sich an Gottes Stelle setzen wollte. Daraufhin wurde er gestürzt, und er schlug auf der Erde mit solcher unglaublicher Wucht auf, dass er sich bis zum Erdmittelpunkt rammte. Das dabei verdrängte Erdreich kam dann auf der anderen Hemisphäre der Erde wieder heraus und bildet den Berg der Läuterung, an dessen Spitze das Paradies liegt. So viel zur mittelalterlichen Höllengeografie.

Der Krater zieht sich in zehn Ringen oder Kreisen hinab. Der oberste Kreis ist noch die Vorhölle. Da sind die zu finden, die in ihrem Leben lau und unentschieden waren. Die Saft- und Kraftlosen, die nicht selbst gelebt haben, sondern sich haben leben lassen von anderen. Der erste Kreis der Hölle ist dann für die reserviert, die zwar anständige und auch weise Menschen waren, aber Christus nicht kannten, so dass sie nicht durch den Glauben an ihn erlöst werden konnten. Dazu gehören zum Beispiel die Kinder, die ungetauft gestorben sind, dazu gehören aber auch die antiken Dichter und Philosophen. Selbst wenn sie noch so edel und weise waren – sie haben keine Chance, ins Paradies eingelassen zu werden. Verzehren müssen sie sich In ewiger, vergeblicher Sehnsucht nach dem Heil und danach, in Gottes Gegenwart sein zu dürfen.

Und dann beginnt die eigentliche Hölle. Stufe für Stufe, Kreis für Kreis geht es weiter hinab ins Inferno, weiter hinab in die höllischen Phantasien des Autors. Für jede Sorte von Sündern gibt es eine eigene Abteilung, und alle werden mit ausgesuchten Qualen und Foltern gepeinigt, die jeweils zu ihrer Sünde passen. Nur drei Beispiele: Mörder und Räuber stecken in einem kochenden Strom von Blut und wenn sie versuchen zu entkommen, werden sie von Dämonen wieder zurückgetrieben. Gotteslästerer liegen ausgestreckt auf glühend heißem Sand und werden von Feuerflocken berieselt. Die Verräter dagegen stecken erstarrt fest im ewigen Eis.

Im untersten Kreis der Hölle steckt Luzifer selbst im eisigen Boden. Mit seinen drei Mäulern zermalmt und frisst er unaufhörlich die drei größten Verräter der Geschichte: Judas, der Jesus ausgeliefert hatte, sowie Brutus und Cassius, die beiden verräterischen Mörder Cäsars.

Die Bilder erinnern an die Gemälde von Hieronymus Bosch, Ausgeburten einer wahrhaft höllischen Phantasie, die entweder von Angst zeugt – Angst vor so schlimmen Strafen, die noch dazu ewig andauern. Oder sie ist getrieben von Hass und Schadenfreude: Seht ihr, so ergeht es denjenigen, die sich nicht anständig benehmen.

Im Mittelalter mag das vielleicht seine Berechtigung gehabt haben. Die Menschen lebten in einer Welt, die von Gewalt und Krieg geprägt war, von Mord und Totschlag, sie wurden heimgesucht von Feinden, ohne zu wissen weshalb, und es ist verständlich, dass sie auf einen gerechten Ausgleich ihres Leidens im Jenseits hofften.

Außerdem hatten sie keine Ahnung von den Abgründen des Unbewussten. Ich als heutiger Mensch tue mir schon schwer, so eindeutig zu unterscheiden zwischen Bösen und Guten, zwischen Sündern und Gerechten. Läuft die Grenze denn wirklich zwischen den Menschen – hier die Bösen, da die Guten? Du bist gut, du bist böse? Ich meine, die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft doch vielmehr mitten durch mich hindurch, durch jeden einzelnen Menschen. Wie kann ich sagen: Dieser Mensch ist eindeutig böse, und der dagegen ist ganz klar gut und gerecht!?

Ich will damit nicht sagen, dass es das Böse nicht gibt. Aber wo beginnt es und wo endet es? Wer kommt in die Hölle und wer in den Himmel? Was ist mit dem, der zu 49 Prozent gut ist und zu 51 Prozent böse – und umgekehrt: Was ist mit dem, der ein ganz klein wenig mehr Böses in sich hat als Gutes? Sie sehen, schon diese Überlegung ist absurd. Abgesehen davon, dass es nahezu unmöglich ist, genau zu unterscheiden, was nun wirklich gut ist und was echt böse, wissen wir heute doch auch einiges darüber, woraus böse Motive und Absichten und Handlungen entstehen. Welche unbearbeiteten Traumata beispielsweise einen Menschen zum Mörder machen können. Wer wollte entscheiden?

Gut, natürlich, es heißt: Gott entscheidet, und Gott kennt die Seele der Menschen bis in ihre tiefsten, geheimsten Regungen. Aber gerade wenn Gott uns so gut kennt – kann er einen Menschen wirklich verurteilen, kann er eines seiner Kinder, die er doch aus Liebe geschaffen hat, der ewigen Folter, der niemals endenden Peinigung überantworten? Was wäre das für eine Liebe?

Der Gott, den Dantes Vision voraussetzt, ist der unerbittlich gerechte Patriarch, der majestätische König, der Gesetze gegeben hat, die unbedingt einzuhalten sind – ansonsten drohen eben diese unendlichen Qualen. Ein strenger, männlicher Gott, ein Vater, dessen Gerechtigkeit weit größer ist als seine Barmherzigkeit und Liebe. An einen solchen Gott kann und will ich nicht glauben und einen solchen Gott kann und will ich nicht predigen. Natürlich, in der Bibel gibt es viele Worte und Bilder, die ebenfalls einen solchen Gott zeigen. Auch von Jesus sind Aussprüche überliefert wie: „Den aber werft hinaus in die äußerste Finsternis, da wird sein Heulen und Zähneklappern!“ Oder: „Da wirst du in die Hölle geworfen, wo dein Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt.“ Auch Jesus scheint so gedacht und gesprochen zu haben, jedenfalls in manchen seiner Predigten. In anderen sagt er aber etwa: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Sollte Gott von uns verlangen, unsere Feinde zu lieben, um dann selbst seine eigenen Kinder so unerbittlich zu strafen?

Ich halte es hier mit Martin Luther, der sinngemäß gesagt hat: „Wenn ich ein biblisches Wort nicht verstehe und damit nicht leben kann, dann fliehe ich mich zu einem anderen biblischen Wort, das mir die Liebe und Gnade Gottes in Christus zusagt. Das tröstet mich.“

In der Tat, es ist eine Entscheidung, welchen der oft widersprüchlichen Worte der Bibel ich mein Vertrauen schenke. Den Gerichtsdrohungen oder den Bildern von der überschwänglichen Liebe und Großzügigkeit Gottes.

Und es ist eine Frage, wie ich mir Gott vorstelle. Ist Gott ein höchstes Wesen, das Gefühle hat, das Zorn und Rache kennt? Oder ist Gott die Tiefe des Seins, das Geheimnis der Welt, ist Gott die Quelle und Urkraft des Lebens und der Liebe? Wer schon einmal eine meiner Predigten gehört hat, wird wissen, dass ich zu diesem zweiten Bild neige. Der Gott, an den ich glaube, dieser Gott ist keiner, vor dem man Angst haben müsste. Er wird nicht „böse“, wenn man ihn nicht kennt oder wenn man ihn mit dem falschen Namen anruft. Er wird auch niemanden in die ewige Verdammnis schicken, weil es – und jetzt kommt’s: weil es eine ewige Verdammnis gar nicht gibt. Zwar kann ein Mensch sein Leben verfehlen, er kann an der Aufgabe scheitern, das in ihm angelegte Potenzial zur Entfaltung zu bringen, er kann an moralischen Ansprüchen oder selbst gesteckten Zielen scheitern. Das ja. Aber so wenig wie es irgendwo auf der Erde einen heißen Krater namens Hölle gibt, so wenig gibt es eine ewige Verdammnis, die einem ein Gott auferlegt, den wir durch unser Verhalten oder unseren Unglauben verärgert hätten. Gott ist Grund und Quelle des Lebens, Gott wird das Leben auch wieder zu sich nehmen, Gott wird uns bergen im Schoß des Lebens, aus dem wir gekommen sind, und uns nicht in irgendeine Finsternis hinausstoßen.

Und was ist mit den ganz schlimmen Menschen, die millionenfaches Leid und Millionen von Toten auf dem Gewissen haben? Was ist mit Hitler? Was ist mit Stalin und Mao und Pol Pot und wie sie alle heißen?

Diese Frage ist berechtigt. Aber ich frage mich dann gleich zurück: Wo ist die Grenze? Was unterscheidet einen, der Millionen Menschen ermordet hat, von dem, der einen einzigen Menschen ermordet hat? Für uns scheint die schiere Zahl das Verbrechen größer zu machen. Aber wird das Verbrechen denn wirklich geringer, wenn jemand „nur“ einen einzigen Menschen auf dem Gewissen hat? Und was ist mit dem, der andere durch psychische Gewalt quält? Und wo ist die Grenze zwischen dem, der in der Phantasie mordet, und dem, der es wirklich tut? Jesus sagt in der Bergpredigt: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: »Du sollst nicht töten«; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein. Ich aber sage euch: Wer auch nur mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig, … und wer sagt: Du Idiot!, der ist des höllischen Feuers schuldig.“ Wer hätte dann noch eine Chance?

So einfach ist das alles nicht, auch nicht mit den Tyrannen und Massenmördern. Ich jedenfalls kann mir nicht vorstellen, dass es im Himmel sehr gemütlich ist, wenn ich weiß, dass an einem anderen Ort Menschen wie ich in Ewigkeit gepeinigt werden. Das unterscheidet uns heutige vielleicht auch von den Menschen des Mittelalters. Thomas von Aquin, der berühmteste und wichtigste Theologe des Mittelalters, soll gesagt haben: Es erhöht den Genuss der Seligen noch, dass ihnen der freie Ausblick auf die Peinigung der Verdammten gewährt wird. Na, danke. Mir würde das himmlische Manna im Hals stecken bleiben, wenn ich unaufhörlich Schmerzensschreie hören müsste, sobald ich das Himmelsfenster aufmache.

Gibt es also keine Hölle?

Doch, es gibt die Hölle. Es gibt die Hölle, die wir uns bereiten, hier auf Erden. Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre sagte: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Aber ich denke, nein, Monsieur, die Hölle, die machen wir schon selbst. Wir machen uns oft selbst das Leben zur Hölle, und wir sind Großmeister darin, anderen das Leben zur Hölle zu machen. Wir sind durch unseren Konsum und durch unsere Lebensweise mit dafür verantwortlich, dass Millionen Menschen in der Hölle leben – in einer Hölle aus Armut, Krankheit, Ausbeutung, Hunger und Krieg, ohne Bildung, ohne Perspektiven. Wir sind dafür verantwortlich durch unseren Lebensstil und unseren Konsum, wenn diese Erde zu einer Gluthölle wird, weil das Klima kippt und die Temperaturen auf unerträgliche Werte steigen. Und auch im kleinen Maßstab schaffen wir uns die Hölle selbst, uns und anderen. Es gibt die wohlbekannte Ehehölle, es gibt die Hölle einer lieblosen und von Gewalt geprägten Kindheit. Es gibt die Hölle aus Minderwertigkeitsgefühl und Versagensangst und Lebensangst, in die wir uns selbst immer wieder werfen. Es gibt so vielfältige Höllen schon in diesem Leben, dass es keine Hölle nach dem Tod mehr braucht. Das ist meine tiefste Überzeugung. Und es ist mein tiefstes Vertrauen, dass Gott uns nicht in die Hölle schickt, sondern dass es sein einziges Anliegen ist, uns aus der Hölle zu befreien.

Jeden Sonntag sprechen wir im Glaubensbekenntnis aus, dass Jesus hinabgestiegen sei ins Reich des Todes. Früher, in meiner Kindheit, hieß es noch: Niedergefahren zur Hölle. Wenn ich mich auf diesen Mythos einlasse, frage ich mich: Was wird Christus dort gemacht haben? Er hat dieses Reich durchquert und ist am anderen Ende wieder herausgekommen, am dritten Tag. Wird er die Menschen dort in ihren Qualen gelassen haben? Oder wird er sie nicht vielmehr alle befreit und mitgenommen haben? Werden sie ihn nicht spätestens dort, im Reich des Todes, erkannt haben? Werden sie sich nicht spätestens dort geöffnet haben für seine Liebe? Und wird Jesus Christus, der von Liebe und Barmherzigkeit und Mitgefühl gepredigt hat, ungerührt an den gequälten und gepeinigten Menschen vorbeigegangen sein und gesagt haben: Selber schuld!?

Nein und nochmals nein. Ich glaube fest daran, dass nach dem Tod keine Hölle auf uns wartet, für niemanden, und wenn es eine Hölle gibt, dann ist sie leer. Denn Gottes Liebe und Barmherzigkeit, sein Mitgefühl und Verständnis sind größer als alles, was wir Menschen uns vorstellen können. Er wird alles Böse wegschmelzen von denen, die Böses getan haben, und er wird die Wunden aller Opfer heilen. Er wird den Frieden schenken, den die Welt nicht geben kann. Ist das nicht eine wunderbare Aussicht?

Ein letzter Gedanke, ein Einwand: Braucht es nicht die Angst vor Strafe, um Menschen vom Bösen abzuhalten? Nein, dieser Mechanismus funktioniert nicht. Nirgends gibt es so viele Gewaltverbrechen wie in Gesellschaften, die die Todesstrafe kennen. Wir werden nicht durch die Angst vor Strafe zum Guten gebracht, sondern nur durch die Liebe. Und damit durch Gott, der die Liebe ist. Nicht Angst macht uns zu besseren Menschen, sondern Vertrauen.

Das lasst uns üben. Vertrauen, Liebe, Zuwendung. Um die Höllenfeuer dieses Lebens auszulöschen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle
Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, der Hölle, Tod und Teufel über­wunden hat durch seine Liebe.

Amen.