Was ist heilig?

Sacred

 

Predigt in St. Markus München am Sonntag, 8. März 2020

 

Diese Predigt ist Teil einer Predigtreihe zum Thema „Begegnungsräume“ und trägt eigentlich den Titel: „Begegnung zwischen Gott und Welt“. Ich finde aber, sie passt sehr gut in meine „Was ist…?“-Reihe.

 

Vor vielen Jahren war es, in einer anderen Gemeinde. Wir feierten das Sommerfest und wie so oft beim Sommerfest war das Wetter nicht besonders schön. Unfreundlich und – wie der Wetterbericht zu sagen pflegt – für die Jahreszeit zu kühl. Nach dem Familiengottesdienst begann es leicht zu nieseln. Eine ganze Schar Kinder flüchtete sich in die Kirche und spielte Fangen zwischen den Kirchenbänken. Da kam ein älterer Herr zu mir und sagte streng: „Herr Pfarrer, ich dachte immer, die Kirche sei das Haus Gottes!“ Ich war verblüfft, allerdings nicht so verblüfft, dass mir nicht noch die Antwort eingefallen wäre: „Ja, und mein Gott mag spielende Kinder.“

Was hat diesen Herrn zu seiner kritischen Bemerkung bewegt? Anscheinend hat er Anstoß genommen an dem Lärm, den spielende Kinder nun einmal verursachen, und vielleicht auch an der Fröhlichkeit, die sie ausstrahlen. Sein Gott ist anscheinend streng und ernst. Und heilig. In seiner Nähe muss man auf Zehenspitzen gehen und darf nur flüstern – und eins darf man ganz sicher nicht: lachen.

Diese Haltung ist weit verbreitet. Sie ist sicher religiös. Aber christlich? Christlich ist eine solche Haltung nicht. Denn für Christen hat die Heiligkeit Gottes nichts damit zu tun, dass man ängstlich jeden Anschein von Lebendigkeit vermeidet.

Aber noch einmal. Als religiös kann man diese Haltung wohl wirklich bezeichnen. Es ist geradezu ein Kennzeichen der meisten Religionen, dass sie heilige Bezirke kennen, in denen man sich nicht so verhalten darf wie im Rest des Lebens. In denen Stille zu herrschen hat, Ehrfurcht, ein bisschen Befangenheit. In denen laute Lebensäußerungen nicht erwünscht sind – Lachen eben, aber auch Niesen oder gar Gähnen…

Wie kommt das?

Ich glaube, das steckt von Anfang an in der DNA der Religion, dass es heilige Orte gibt, und auch heilige Handlungen, heilige Gegenstände und heilige Personen.

Ich glaube, so ist Religion überhaupt entstanden: Schon die allerersten Menschen, die gerade erst ein Bewusstsein für sich selbst entwickelt hatten, erlebten immer wieder Momente, in denen die Welt durchsichtig wurde für eine tiefere Dimension. Momente, in denen die Menschen eine Ahnung bekamen – oder auch eine Gewissheit –, dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde als das, was die Augen sehen. Die Menschen dachten damals sehr konkret, und so meinten sie: Wenn mir dieses Erlebnis hier widerfahren ist, dann muss das daran liegen, dass hier ein besonderer Ort ist – ein Ort, an dem die Wand zwischen dem Diesseits, zwischen der Welt der Menschen, und dem Jenseits, der Sphäre des Göttlichen, sehr dünn ist. Hier, an diesem Ort, kann man dem Göttlichen nahe sein. Hier ist ein heiliger Ort.

Eine Geschichte, die diesen Vorgang beschreibt, kennen manche vielleicht noch aus dem Religionsunterricht: Jakob, einer der Erzväter Israels, schläft unter freiem Himmel und träumt von einer Leiter, die da steht und an der Engel, Boten Gottes, hinauf und herunter steigen. Er erwacht und sagt: „Ja, wirklich, hier ist das Haus Gottes, und ich wusste es nicht.“ Er richtet einen Stein auf als Denk-Mal und als Altar, und fortan ist dieser Ort heilig: Beth-El, Gottes Haus.

So etwas gibt es aber nicht nur in der Bibel, es gibt diese Geschichten um heilige Orte in allen Religionen. Alle Religionen kennen heilige Berge, heilige Flüsse, heilige Felsen, heilige Bäume: Orte, an denen man Gott – angeblich – ganz besonders nahe kommt.

Und an solchen Orten wurden dann Heiligtümer gebaut. Tempel, oder in unserem schönen Oberbayern Kapellen, Klöster und Kirchen.

Im Tempel war alles anders. Um ihn zu betreten, musste man sich reinigen – so wie sich Muslime bis heute Hände, Füße und Gesicht waschen, bevor sie die Moschee zum Gebet betreten. Es gab und gibt besondere Bezirke in der Tempelanlage, die niemand betreten darf außer besonders geschulten und geweihten Menschen, Priesterinnen und Priester, Vestalinnen oder Tempeldiener. In vielen katholischen Kirchen gilt der Altarraum als besonderer Raum, den man gar nicht oder jedenfalls nicht ohne Weiteres betreten darf. Oft ist er abgetrennt mit einer Kordel. Denn da, am Altar, wird die heilige Handlung vollzogen, vom geweihten Priester, heiliger geht es kaum.

Dieses Prinzip der Heiligkeit spielte vor allem auch im Tempel in Jerusalem eine ganz entscheidende Rolle. Er war aufgebaut wie eine Zwiebel: In den äußersten Mauerring, den Vorhof der Heiden, durften alle Menschen. Dann kam der Vorhof der Frauen, den nur noch Angehöriger des jüdischen Volkes betreten durften, des Volkes Gottes, das mit Gott in inniger Verbindung steht, weil Gott es auserwählt hat unter allen anderen Völkern. Dann kam der Vorhof der Männer, den auch jüdische Frauen nicht betreten durften, denn Frauen galten von ihrem Wesen her als weniger rein und heilig als die Männer. Patriarchale Zeiten, die Gottseidank vorbei sind.

Schließlich gab es den Vorhof der Priester, den nur Tempeldiener und Priester betreten durften, in dem die Opfer abgehalten wurden. Dann erst kam das Heiligtum, das eigentliche Tempelgebäude. Da hinein ging eigentlich niemand, und in dem Heiligtum gab es eine innerste Kammer, das Allerheiligste, das von einem bodenlangen Vorhang verhüllt war. Dieser Raum war leer – anders als in den Tempeln anderer Religionen stand dort kein Götterstandbild. Denn der Gott Israels ist so heilig, dass man ihn nicht abbilden kann und darf. In diesen Raum ging ein einziges Mal im Jahr, am Versöhnungstag, ein einziger Mensch: der Hohepriester, zum Opfer. Einmal im Jahr, die übrigen 364 Tage stand der Raum immer leer – das heißt, nach Überzeugung der Juden war er natürlich nicht leer, sondern angefüllt mit Gottes Heiligkeit, mit Gottes Herrlichkeit, wie es auch hieß.

Gott, so wird es in der Hebräischen Bibel immer wieder dargestellt, Gott ist so heilig, dass man ihn nicht einmal ansehen kann, man würde auf der Stelle tot umfallen. Gott ist erhaben, riesig, unnahbar. Heilig, heilig, heilig.

Das heißt aber auch: Die Welt der Menschen ist nicht heilig. In ihr gelten andere Gesetze und Regeln. Zwar hat Gott auch für den Alltag der Menschen Gesetze gegeben, aber Gott selbst ist ja nicht da, er ist ja der Welt enthoben in seiner Heiligkeit. Und dieser Gedanke führte oft zu einem fatalen Missverständnis: Die Menschen benahmen sich in ihrem Bereich, der sogenannten profanen Welt (von pro-fanum, vor dem Heiligtum), die Menschen benahmen sich also nach ihren eigenen Regeln. Dann gingen sie am Versöhnungsfest in den Tempel zum heiligen Gott, brachten die vorgeschriebenen Opfer dar und alles war wieder gut.

Gegen dieses Missverständnis, oder auch: gegen diesen Missbrauch protestierten die Propheten heftig. Amos beispielsweise. „Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen, und an euren Speisopfern habe ich kein Gefallen, und euer fettes Schlachtopfer sehe ich nicht an. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!“ Der ganze Gottesdienst, der ganze Tempelkult nutzt nichts, wenn die Menschen sich nicht an Gottes Lebensregeln halten und einander lieben und achten: „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

Oder Jeremia: „So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels: Bessert euer Leben und euer Tun, so will ich euch wohnen lassen an diesem Ort. Verlasst euch nicht auf Lügenworte, wenn sie sagen: Der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn ist hier! Vielmehr: Bessert euer Leben und euer Tun, dass ihr recht handelt einer gegen den andern und gegen Fremdlinge, Waisen und Witwen keine Gewalt übt … Dann will ich euch immer und ewiglich wohnen lassen an diesem Ort, in dem Lande, das ich euren Vätern gegeben habe.“

Der Tempel, der Gottesdienst an sich nützt gar nichts, wenn das Leben der Menschen nicht von Liebe und gegenseitiger Achtung geprägt ist.

Und in diese Tradition stellt sich auch Jesus, wenn er den Tempel „reinigt“. Er geht in den Vorhof der Heiden, stößt die Tische der Wechsler um, lässt die Tauben frei und verhindert, dass irgendetwas durch den Tempel getragen wird. Viele meinen, es war ihm zu geschäftig, zu unruhig, zu „weltlich“, so als würden die Geschäfte der Händler und Wechsler Gottes heilige Ruhe stören.

Aber nein: Händler und Wechsler waren tief religiöse Einrichtungen. Sie waren unabdingbar, um den Opferbetrieb aufrecht zu erhalten. Sie verkauften Opfertiere und wechselten die heidnischen römischen Sesterzen in Tempelgeld um, damit man „reines“, „heiliges“ Geld in den Klingelbeutel werfen konnte.

Jesus zitiert den Propheten Jesaja, der Gott sagen lässt: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer.“ Auch Jesus sagt also: Den ganzen Tempelgottesdienst könnt ihr euch sparen, wenn ihr nicht mit euren Mitmenschen in Liebe und Achtung umgeht.

Mit einem anderen Bild: Gottesdienst, das ist nicht die Zeit am Sonntag zwischen 11.15 und 12.30 Uhr. Gottesdienst, das ist auch die Zeit von Sonntag 12.30 Uhr bis am nächsten Sonntag um 11.15 Uhr. „Euer ganzes Leben sei ein vernünftiger Gottesdienst“, so formuliert es Paulus. Euer ganzes Leben, nicht nur eine Stunde in der Woche.

 

***

Wo begegnen Menschen nun also Gott? Wir Christen glauben, dass es dazu keine besonderen Orte braucht. Gott begegnet uns in unseren Mitmenschen, besonders in denen, die leiden. Gott ist nicht in einem fernen Jenseits zu finden, in einem heiligen Bezirk, den man nicht betreten darf.

Und deswegen verlasse ich jetzt diesen fernen, hervorgehobenen Ort hier oben. So wie sich Gott unter den Menschen finden lassen will, so soll das Wort von Gott, so soll die Predigt unter die Menschen kommen.

Der Prediger verlässt die Kanzel und
begibt sich nach unten in den Kirchenraum

Die Evangelien bieten ein eindrückliches Bild. In dem Augenblick, in dem Jesus stirbt, so berichten Matthäus, Markus und Lukas, da zerreißt der Vorhang im Tempel, der das Allerheiligste abtrennt, entzwei, „von oben an bis unten aus“. Das Allerheiligste ist enthüllt, es ist nicht mehr abgetrennt. Die Trennung zwischen heilig und profan, sie ist aufgehoben und gilt nicht mehr. Gott ist nicht im Jenseits zu finden, sondern hier, mitten unter uns, inwendig in uns. Wir können Gott begegnen an allen möglichen Orten, wir können auf Gott treffen in der tiefsten Tiefe unseres Herzens, wir begegnen Gott in unseren Mitmenschen, besonders in denen, die leiden. „Was ihr einem der geringsten meiner Geschwister getan hat“, sagt der Mensch gewordene Gott, „das habt ihr mir getan.“

Gott ist nicht da oben, er ist hier unten. Deswegen werden wir das Abendmahl heute nicht am Altar feiern, denn der Altar ist kein besonders heiliges Möbelstück. Wir werden das Abendmahl hier feiern, wo wir den Kirchenkaffee teilen, wo wir normalerweise nach dem Gottesdienst zusammenstehen, um zu reden und beieinander zu sein. Denn heilig, das sind nicht irgendwelche ausgesonderten Bezirke oder Zeiten oder Menschen. Heilig, das seid ihr alle. Euer Leib, schreibt Paulus, ist ein Tempel des Heiligen Geistes. Ihr alle seid Gottes geliebte Kinder und habt damit Anteil an Gottes Heiligkeit. Ihr seid heilig. Alle. Ohne Ausnahme. Denn heilig sein, das heißt nicht: besonders gut oder moralisch sein. Heilig sein, das heißt ganz einfach: von Gott geliebt sein.

 

***

Natürlich mag es auch weiterhin Orte geben, an denen es Menschen leichter fällt, die Gegenwart Gottes zu ahnen. Orte, an denen die Welt leichter durchsichtig wird für die andere, tiefere Dimension der Welt. Das können sogenannte erhabene Orte sein in der Natur, das können auch Kirchen sein, die mit der Kraft vieler Gebete gleichsam aufgeladen sind. Und es mag auch sinnvoll sein, dass es in einer Kirche die meiste Zeit still ist – einfach weil die Menschen Orte der Stille brauchen, gerade hier in der Großstadt.

Aber wenn dann einmal Kinder jauchzend durch die Kirche rennen, wenn dann einmal hier in dieser Kirchenhalle ein Ball stattfindet und das Tanzbein geschwungen wird, wenn Menschen hier essen und trinken, diskutieren und streiten, feiern und lachen – dann stört das Gott nicht. Gott ist gegenwärtig, hier wie anderswo und überall, und Gott freut sich mit denen, die sich freuen. Gott trauert mit denen, die traurig sind. Gott lacht mit den Lachenden und weint mit den Weinenden und tröstet alle, die seinen Trost suchen, hier an diesem Ort und an jedem, an jedem anderen Ort der Welt. Kein Ort der Welt ist gottlos, kein Ort ist Gottes leer.

Begegnung zwischen Gott und Welt – die geschieht immer und überall, in jeder Sekunde, an jedem Ort. Auch hier und heute, in diesem Augenblick.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder, dem Gegenwärtigen, immer und überall – und das heißt: hier und jetzt. Amen.

 

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Was ist der Christus?

Christus Pantokrator von Cefalú, Sizilien

 

 

Predigt am 8. September 2019

 

Was ist der Christus?

Liebe Gemeinde, vielleicht meint mancher, diese Frage sei falsch gestellt. Muss es nicht heißen: Wer ist der Christus? Und dann würde die Antwort etwa so lauten: Der Christus, das ist Jesus, Gottes Sohn.

Wie Sie sich vielleicht denken können, habe ich die Frage mit Absicht nicht so formuliert. „Wer ist der Christus?“, das klingt ungefähr so wie: „Wer ist der Maier?“ So, als wäre „Christus“ der Nachname für Jesus, im Grunde austauschbar. In der Tat, wir gebrauchen das Wort „Christus“ ganz oft wie den Nachnamen. Jesus Christus, das ist so etwas wie Franz Maier.

Dabei wissen Sie wahrscheinlich, dass das so nicht stimmt. Zur Zeit von Jesus gab es in Palästina gar keine Nachnamen, und Jesus, Jeschua, war damals kein seltener Rufname. Wollte man diesen Jesus von anderen Jesussen unterscheiden, sagte man: Jesus, der Sohn des Joseph, aus Nazareth.

Und Christus, das ist gar kein Name. Christus ist ein Titel. Ein Ehrentitel. Auch das wissen wahrscheinlich die meisten, deswegen mache ich es jetzt hier ganz kurz: Christus ist die griechische Form des hebräischen Wortes Messias und heißt zu Deutsch: der Gesalbte. Gesalbt wurden nach der Hebräischen Bibel die Könige Israels. Heute würde man also vielleicht sagen: „der Gekrönte“.

Wenn die Juden zur Zeit Jesu vom Messias sprachen, dann meinten sie damit den König, der kommen sollte, um dem Volk seine frühere Größe und Macht zurückzugeben, die es unter dem legendären König David hatte, tausend Jahre vorher. Messias war ein politisch-militärischer Titel.

So gesehen, ist Jesus von Nazareth nicht der Christus, nicht der Messias, oder aber er ist grandios gescheitert. Denn er hat das Volk Israel nicht von den Römern befreit. Und als er Jerusalem im Sturm einnahm, ritt er nicht auf einem Schlachtross, sondern auf einem Esel, und seine „Soldaten“ hielten keine Schwerter in der Hand, sondern harmlose Palmwedel. Und das Ganze endete nicht mit der Machtergreifung. Jesus bestieg nicht den Thron, sondern das Schafott, beziehungsweise das Kreuz, das eine viel grausamere Hinrichtungsmethode war als Schafott oder Galgen.

Doch hier, am Tiefpunkt, beginnt sich alles zu wandeln. Seine Anhängerinnen und Anhänger machten eine neue, ungeheuerliche Erfahrung, und sogleich verbreiteten sie eine neue, ungeheuerliche Botschaft: „Jesus ist auferstanden von den Toten.“

Durch dieses Bekenntnis, durch die Botschaft von der Auferstehung,  bekam die Aussage: „Jesus ist der Christus“ eine ganz andere Bedeutung. Der
Titel „Christus“, Messias, bezieht sich auf ein-mal nicht mehr auf einen politisch-militärischen Führer.

Schon 25 oder 30 Jahre nach der Hinrichtung Jesu schreibt Paulus in einem Brief an die Gemeinde in Philippi in Griechenland: Er [Christus], der Gott in allem gleich war und auf einer Stufe mit ihm stand, nutzte seine Macht nicht zu seinem eigenen Vorteil aus. Im Gegenteil: Er verzichtete auf alle seine Vorrechte und stellte sich auf dieselbe Stufe wie ein Diener. Er wurde einer von uns – ein Mensch wie andere Menschen. Aber er erniedrigte sich ´noch mehr`: Im Gehorsam gegenüber Gott nahm er sogar den Tod auf sich; er starb am Kreuz ´wie ein Verbrecher`. Deshalb hat Gott ihn auch so unvergleichlich hoch erhöht und hat ihm ´als Ehrentitel` den Namen gegeben, der bedeutender ist als jeder andere Name.

„Er, der in göttlicher Gestalt war, der Gott gleich war.“ Das ist nun schon etwas anderes als ein König und Heerführer. Die Botschaft von der Auferstehung hat alles verändert. Nun bekennen die Anhängerinnen und Anhänger dieses Jesus, dass er Gott gleich ist. Nicht war, sondern ist. Denn seit der Auferstehung ist auch klar, dass Jesus lebt, in Ewigkeit, so wie Gott.

Und weitere zehn Jahre später, ungefähr im Jahr 70 nach Christus, schreibt Paulus oder einer seiner Schüler an die Gemeinde in der kleinasiatischen Stadt Kolossä: „Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene, der über der gesamten Schöpfung steht. Denn durch ihn wurde alles erschaffen, was im Himmel und auf der Erde ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, Könige und Herrscher, Mächte und Gewalten. Das ganze Universum wurde durch ihn geschaffen und hat in ihm sein Ziel. Er war vor allem anderen da, und alles besteht durch ihn.“

Christus ist Gott gleich, und durch ihn ist alles geschaffen. Das ist tatsächlich ein ziemlich anderes Bild als das von einem politisch-militärischen Führer des jüdischen Volks. Damit hat sich die junge Gemeinde aus dem Rahmen des Judentums hinausbewegt. Sie bekommen nun auch einen anderen Namen, man bezeichnet sie nun als Christen, Anhängerschaft des Christus. Eine neue Religion ist entstanden.

Denn die Christen nennen sich nach dem Christus, durch den – wie der Kolosserbrief schreibt – alles geschaffen wurde und in dem alles besteht, der Gott gleich ist, in göttlicher Gestalt.

Mit diesem neuen Bild entstand auf einmal ein ganz neues Problem. Die Christen wollten das Grundbekenntnis ihrer jüdischen Herkunftsfamilie nicht antasten, das Grundbekenntnis, das heißt: „Gott ist einer.“ Das ist ja übrigens das Grundbekenntnis, das Juden und Christen mit ihrer noch jüngeren Schwesterreligion, dem Islam, teilen: „Gott ist einer, es gibt keinen Gott außer Gott.“

Und nun ist da dieses Bekenntnis, dass durch Christus nicht nur alles geschaffen ist, wie es auch im Johannesevangelium heißt: „Alle Dinge sind durch ihn gemacht und ohne ihn ist nichts gemacht, was gemacht ist.“ Nun heißt es sogar, er ist Gott gleich.

Das war wirklich ein Problem. Da gibt es, so sagten die Christen, eine göttliche Kraft und eine göttliche Gegenwart, die unendlich ist, ewig und allmächtig, durch die die Schöpfung geschehen ist und auf die alles am Ende wieder zuläuft. Und diese göttliche Macht und Kraft und Gegenwart brachten sie mit dem Menschen Jesus aus Nazareth in Verbindung. Sie sagten: In diesem Jesus ist uns die Macht Gottes begegnet, die Liebe Gottes, die Gegenwart Gottes, und bestätigt wurde dies, indem Gott diesen Jesus von den Toten auferweckt hat. So warf die Erfahrung der Auferstehung Jesu auch ein Licht zurück auf sein Leben, sein Handeln, seine Worte als Mensch: Schon da, sagten sie, ist uns Gott begegnet. Jesus war ein Mensch wie du und ich, und er war Gott gleich.

Es hat dreihundert Jahre intensiver theologischer Diskussionen und Streitigkeiten gebraucht, bis diese beiden Aussagen unter ein Dach gebracht wurden. Diese beiden Aussagen, die so gegensätzlich scheinen: Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott. Jesus, der Christus, ist als Mensch über die Erde gegangen, hat gegessen und getrunken, geschlafen und debattiert und gepredigt, und er ist gestorben wie alle Menschen. Und Jesus, der Christus, lebt in Ewigkeit, er ist Gott in allem gleich. Er ist Gott.

Manche sprechen hier vom Kosmischen Christus. Von dem, der von Gott ausgehend den ganzen Kosmos durchweht und durchwaltet und belebt, durch den und auf den hin alles geschaffen ist. Er ist gegenwärtig in allem, was ist. Und er ist Fleisch geworden.

Der amerikanische Franziskanerpater Richard Rohr, für mich eine der wichtigsten christlichen Stimmen der Gegenwart, weist darauf hin, dass das Johannesevangelium nicht schreibt: Das Wort – damit ist niemand anders gemeint als dieser kosmische Christus –, das Wort wurde Mensch. Nein, es heißt: Das Wort wurde Fleisch – und Fleisch steht in der damaligen Welt einfach für das Materielle, Vergängliche, für all das, was wird und vergeht.

Das Wort wurde Fleisch. Dabei denken wir normalerweise wohl an die Geburt des Jesus aus Nazareth. Aber, so meint Richard Rohr, die erste Inkarnation des kosmischen Christus geschah bereits vor 13,8 Milliarden Jahren, als mit einem gewaltigen Urknall alles in die Existenz sprang, Energie und Materie, Raum und Zeit und die Naturgesetze. Das war die erste Inkarnation, die erste Fleischwerdung des kosmischen Christus.

Und dann wurde dieser kosmische Christus noch einmal Fleisch – als Menschenkind geboren von einer jungen Frau namens Maria, in einem abgelegenen Winkel des damaligen Römischen Weltreiches. Der kosmische Christus erschien seinen Anhängern in dem Menschen Jesus aus Nazareth. Dieser Mensch Jesus war so durchsichtig für den kosmischen Christus, der in ihm lebte, dass die Menschen in seiner Nähe zu ahnen begannen, dass ihnen da nicht nur ein gewöhnlicher Mensch gegenüberstand. Und dann, nach seiner Hinrichtung, machten sie die Erfahrung: Er ist nicht tot, er lebt, Jesus ist auferstanden. Da ging es ihnen allmählich auf: Jesus ist der Christus, der gesalbte Gottessohn, und das hieß nun: Er ist der kosmische Christus, der vor allem war, durch den alles geschaffen ist, was ist, der allem Bestand verleiht, zu dem alles zurückkehrt, der in allem lebt und webt, so wie wir in ihm leben und weben und sind.

Und wir sind seine Geschwister. Die ersten Christen begannen zu entdecken, dass Christus auch in ihnen lebt. Paulus schreibt an einer Stelle: Ich lebe, doch nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Und im Johannesevangelium spricht Jesus immer wieder davon, dass die Jüngerinnen und Jünger in ihm sind, wie er in ihnen ist, und er ist im göttlichen Vater, wie der göttliche Vater in ihm ist. Jesus nannte Gott seinen Vater und ermutigte seine Anhängerinnen und Anhänger, Gott ebenso als ihren Vater anzusehen und anzusprechen.

Das ist das tiefste Geheimnis und meine eigentliche Antwort heute auf die Frage: Was ist der Christus? Der Christus, das ist die Gegenwart des unendlichen Gottes in unserer Welt, in seiner Schöpfung, im ganzen Kosmos, in dir und in mir.

Wenn wir jetzt miteinander das Abendmahl feiern, dann geben wir diesem Bekenntnis bildhaften, symbolhaften, leiblichen Ausdruck. Wir sagen: Du, Christus, lebst in uns, und wir leben in dir. Wir sind dein Leib, du bist unser Leben. Du bist mitten unter uns, und du bist inwendig in uns.

Sie merken es vielleicht schon: Von diesem Geheimnis kann ich gar nicht mehr logisch und diskursiv reden. Davon kann man eigentlich nur noch poetisch reden, hymnisch, so wie es der Kolosserbrief tut:

„Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene, der über der gesamten Schöpfung steht. Denn durch ihn wurde alles erschaffen, was im Himmel und auf der Erde ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, Könige und Herrscher, Mächte und Gewalten. Das ganze Universum wurde durch ihn geschaffen und hat in ihm sein Ziel. Er war vor allem anderen da, und alles besteht durch ihn.“

Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus, dem Christus, dem kosmischen Gottessohn, dem irdischen Bruder. Amen.

Was ist die Schöpfung?

Schöpfung

Bild von Lolame auf Pixabay

 

Predigt am 18. August 2019

 

Liebe Gemeinde,

ich gebe es offen zu: Manche Atheisten gehen mir gehörig auf die Nerven. Und zwar vor allem dann, wenn sie mit einem mitleidigen Lächeln Dinge sagen wie: Das mit Gott ist doch Quatsch. Die Wissenschaft hat doch längst bewiesen, dass die Welt nicht von einem Gott in sechs Tagen erschaffen wurde, sondern in Jahrmilliarden aus einem Urknall entstanden ist.

Okay, sage ich. Und? Meint ihr etwa, das wüssten wir Christen nicht?

Natürlich, es gibt Christen, die meinen, es gehörte zu Christsein dazu, die Geschichte von der Schöpfung am Anfang der Bibel wortwörtlich zu nehmen, als eine Art Reportage. „Wie es damals wirklich zuging“, oder so ähnlich.

Aber diese Christen verwechseln etwas. Sie meinen, die Bibel biete eine Art naturwissenschaftlichen Bericht. Dabei übersehen sie, dass es in der Zeit, in der die Bibel geschrieben wurde, noch gar keine Naturwissenschaft gab. Und dass diese Geschichte eine ganz andere Absicht verfolgt als etwa ein Lehrbuch der Physik oder Biologie.

Die Geschichte, die ich Ihnen gerade vorgelesen habe, will kein wissenschaftlicher Bericht sein. Sie ist ein Bekenntnis, ein religiöses und politisches Statement.

Sie ist entstanden in einer Zeit, in der das Volk Israel so ziemlich am Ende war. Der König Nebukadnezar von Babel hatte nach einem verheerenden Krieg die Hauptstadt Jerusalem erobert und bis auf die Grundmauern zerstört. Und alle Überlebenden, die irgendwie von Nutzen sein konnten – also alle Handwerker, alle, die lesen und schreiben konnten, die sprichwörtlichen „oberen Zehntausend“, wurden in die Sklaverei fortgeführt, sie mussten Zwangsarbeit leisten und dem verhassten Eroberer dienen.

Nun stellten sich die Menschen damals vor, dass jedes Volk seinen eigenen Gott hatte, und ein Kampf von zwei Völkern gegeneinander war auch ein Kampf ihrer Götter. Der Gott des besiegten Volkes war dem Gott des siegreichen Volkes unterlegen. In dieser Sicht der Dinge war also der Gott Israels, der Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs, dem Gott Babels unterlegen. Dieser Siegergott trug den Namen Marduk und viele fromme Geschichten rankten sich um ihn. Eine davon ging ungefähr so: Am Anfang, als es noch keine Menschen gab, ja als es noch nicht einmal Himmel und Erde gab, sondern nur eine Handvoll Götter, da wurden diese Götter bedroht von einem schrecklichen Ungeheuer namens Tiamat. Tiamat ist so etwas wie die Urgewalt des Meeres, das Chaos, die Urflut, ein wässriges, schleimiges Ungeheuer, das auf Tod und Vernichtung aus ist. Da tritt Marduk auf, ein junger Gott. Er stellt sich Tiamat entgegen und tötet sie im Zweikampf. Er hackt sie in der Mitte entzwei und macht aus einem Teil ihres Körpers die Erde und aus dem anderen die Himmelskuppel.

Dann formt Marduk aus dem Blut eines weiteren erschlagenen Gottes die Menschen, und die Aufgabe der Menschen ist es, den Göttern zu dienen.

Diese Geschichte also, aufgeschrieben unter dem Namen Enuma Elisch, fanden die Israeliten vor, sie gehörte zur babylonischen Staatsreligion, die sie, als die Unterlegenen und Besiegten, nun gefälligst auch anzunehmen hatten.

Und nun geschieht etwas völlig Unerwartetes, ja geradezu Ungeheuerliches. Dieses besiegte Volk weigert sich, die Religion der Herrschenden anzunehmen. Und sie formulieren ihre eigene Schöpfungsgeschichte. Nicht Marduk hat Himmel und Erde aus dem Körper des erschlagenen Ungeheuers geformt, sondern der Eine Gott, der vermeintlich unterlegene Gott Israels. Er hat Himmel und Erde geschaffen. Durch sein Wort. Darum geht es. Um ein politisch-religiöses Statement. Nicht Marduk ist der Herr des Himmels und der Erde, und nicht Nebukadnezar ist der oberste Bestimmer. Sondern Gott, der Gott Israels, der Gott des kleinen, besiegten, verschleppten, zum Frondienst gezwungenen Volkes. Ich finde dieses Selbstbewusstsein phänomenal, das sich nicht einmal durch die militärische Niederlage und die nationale Katastrophe unterkriegen lässt.

Bei der Schöpfungsgeschichte geht es also eigentlich darum, wer in der Welt das Sagen hat. Und darum, dass unsere Welt nicht aus Krieg und Kampf und einem geschlachteten Monster entstanden ist, sondern aus Liebe und aus einem vollmächtigen Wort. Und darum, dass der Sinn des menschlichen Lebens nicht darin besteht, den Göttern und ihren irdischen Stellvertretern zu dienen. Vielmehr sind wir Ebenbilder Gottes, nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen als Männer und Frauen, fähig zu Liebe und Kreativität.

Das würde ich als Erstes einem dieser überlegen lächelnden Atheisten erwidern. Dann würde ich aber noch weitergehen.

Natürlich, in einer Zeit, in der die Menschen sich die Erde als flache Scheibe vorstellten, über die sich die Himmelskuppel wie eine Käseglocke wölbt, da konnte man sich auch vorstellen, dass Gott wie ein kosmischer Bastler Himmel und Erde, Pflanzen, Tiere und am Ende den Menschen geformt hat. Damals passte diese Vorstellung. Denn natürlich bauten die Menschen der damaligen Zeit ihre Geschichte auf dem damals gängigen Weltbild auf. Wie denn sonst!

Und nun machen wir einen großen Sprung, direkt hierher in die Gegenwart. Und unser Weltbild ist ein anderes. Wir gehen heute davon aus, dass das Universum unvorstellbar groß ist. Wikipedia gibt den Durchmesser des Universums mit 78 Milliarden Lichtjahren an. 78 Milliarden Lichtjahre. Und das Alter des Universums wird auf 13,8 Milliarden Jahre geschätzt. Angesichts dieser riesigen Zahlen erscheint das Bild von einem kosmischen Bastler
eher naiv. Wir müssen auch gar nicht an einen solchen Bastler glauben, wenn wir glauben, dass die Welt von Gott geschaffen wurde.

Wir können nämlich fragen: Was ist denn der Sinn dieser Aussage? Was meinen wir denn, wenn wir davon sprechen, dass Gott die Welt geschaffen hat?

Ich meine damit: Die Welt und damit mein Leben – und deins und deins und deins – ist nicht durch bloßen Zufall entstanden, sondern ist Ausdruck eines liebenden Willens. Damit sagen wir eigentlich genau dasselbe wie die alten Israeliten, nur mit heutigen Worten und Bildern: Wir sind nicht einfach in einen kalten, unpersönlichen Kosmos geworfen, sondern Kinder einer unendlichen Liebe.

Diese Liebe bezeichnen wir mit dem Namen Gott. Gott ist also kein alter Mann mit Bart auf der Wolke. Vielmehr ist Gott die Tiefe des Seins, das Geheimnis der Welt. Ursprung und Quelle von allem, was ist, die unendliche, unendlich schöpferische Kraft und Macht der Liebe, die fortwährend Neues gebiert, die in dir und in dir und in mir und allen Lebewesen und die den riesigen, endlosen Weiten des Universums den Atem gibt, und dir und dir und mir auch. Die Liebe, aus der wir geboren wurden, die uns trägt und in die wir wieder eingehen, wenn unsere Zeit auf der Erde abgelaufen ist.

Aus dieser Kraft, aus diesem guten, liebevollen Willen heraus ist die Welt entstanden. Und sie ist wahrhaft erstaunlich aufgebaut. Dass es dieses Universum überhaupt gibt, ist an sich höchst unwahrscheinlich. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass viele der physikalischen Fundamentalkräfte kein bisschen stärker oder schwächer sein dürften, als sie tatsächlich sind. Ein kleines Beispiel: Wäre das Verhältnis zwischen der Schwerkraft auf der einen Seite und der Expansionsgeschwindigkeit des Universums nach dem Urknall auf der anderen Seite nur um ein winzigstes bisschen anders, als es ist, wäre das Universum entweder gleich wieder in sich zusammengefallen – oder die Urmaterie hätte sich so rasch verdünnt, dass sich nicht einmal Atome hätten bilden können, geschweige denn unterschiedliche chemische Elemente, und damit Moleküle, und damit Leben. Dieses Verhältnis von Schwerkraft und Geschwindigkeit der Ausdehnung muss auf den Faktor von 1:1057 genau stimmen, sonst gäbe es dieses Universum nicht. Das entspricht, so habe ich es nachgelesen, „der Genauigkeit, die nötig ist, um einen Bleistift auf seiner Spitze so genau auszubalancieren, dass er auch nach zehn Milliarden Jahren immer noch auf seiner Spitze steht.“

Ist das nicht verrückt? Wir brauchen aber nicht bis zum Urknall zu gehen. Wir brauchen uns nur die Zusammensetzung der Atmosphäre unserer Erde anzuschauen. Das Kohlendioxid, um das sich in letzter Zeit alles dreht, macht einen Anteil von etwa einem halben Promille an der Atmosphäre aus. Und trotzdem bewirkt eine minimale Veränderung dieses minimalen Anteils den Klimawandel, den wir zurzeit mitbekommen. Nein: den wir verursacht haben und verursachen.

Die Erde, dieses Kind der kosmischen Liebe, die wir Gott nennen – die Erde und die Biosphäre, die sich darauf gebildet hat in der hauchdünnen Schicht dieser Atmosphäre, sie sind so unendlich schön und kostbar und fein abgestimmt und alles in ihr steht mit allem anderen in so inniger Verbindung, dass kleinste Abweichungen schon katastrophale Auswirkungen haben können. Wie bei einem höchst empfindlichen Mobile, wo man eins der Elemente nur leicht anhauchen muss, und schon gerät alles in Schwingung und Bewegung, die Elemente verändern ihren Ort und ihre Stellung zueinander, und nichts ist, wie es vorher war.

Wir Menschen sind zwar an sich auch nur ein winziger Teil dieser grandiosen Schöpfung, aber wir haben es geschafft, diese fatalen Abweichungen zu produzieren. Durch unser kurzsichtiges, egozentrisches Verhalten ist es uns in kürzester Zeit tatsächlich gelungen, das feinst austarierte Gleichgewicht des Lebens auszuhebeln und zu zerstören.

So gründlich ist uns das gelungen, dass es fast schon zynisch klingt, wenn wir das schöne Lied „Geh aus, mein Herz und suche Freud“ singen, mit schattenreichen Myrten, mit Glucken, Lerchen und Nachtigallen und Bienen.

Aber was können wir tun? Was können wir tun, um das Mobile wieder ins Gleichgewicht zu bringen? Natürlich sollten und müssen wir das tun, was die Klimaforscher seit Jahren sagen und was jetzt seit ziemlich genau einem Jahr von den jungen Leuten freitags auf die Straße gebracht wird. Ich brauche das hier nicht aufzuzählen.

Aber ich denke, es geht noch um mehr. Es geht um unsere Haltung, unsere Einstellung zur Schöpfung.

Und da glaube ich als Erstes, es täte uns gut, wenn wir das Staunen wieder lernen würden, das Staunen über die unfassbare Vielfalt, Buntheit und Lebendigkeit der Natur um uns herum, von der wir ein Teil sind. Ein solches Staunen, ja eine Ehrfurcht, stellt sich am ehesten ein, wenn wir uns in der freien Natur bewegen. Wenn wir in einer sternklaren Nacht den Himmel betrachten – an einem Ort, an dem es kein künstliches Licht gibt. Wenn wir am Meer sind oder am frühen Morgen in einem tiefen Wald. Und aus dem Staunen kann die Dankbarkeit kommen, die Dankbarkeit für die Schönheit und Fülle, die uns umgibt.

Als zweites aber, so glaube ich, braucht es die Hoffnung, dass die unendliche Kreativität der göttlichen Liebe das Neue schaffen kann, das nötig ist. Denn es ist ja schier zum Verzweifeln, wie wenig sich wirklich tut und wie gewaltig wir unseren Lebensstil verändern müssen, um unseren Enkeln eine lebenswerte Erde zu hinterlassen. Bei allem, was wir selbst tun können und tun müssen – und was wir lassen können und lassen müssen –, ist das Wichtigste vielleicht doch die Hoffnung und das Vertrauen, dass die unendliche Liebe, die dieses Universum hervorgebracht hat, die unseren Planeten entstehen ließ und die uns das Leben geschenkt hat, dass diese unendliche Liebe, die Kreativität Gottes, neue Möglichkeiten schafft, die wir uns heute noch nicht einmal vorstellen können.

Wer hätte es heute vor einem Jahr gedacht, dass aus der stillen Aktion eines einzelnen Mädchens eine weltweite Bewegung würde, die auch von den Regierenden gehört wird.

Bei allem, was wir im Blick auf unseren eigenen Lebensstil tun und lassen können, können wir als Christen also vor allem eins: Wir können uns an die unendliche, unendlich kreative Macht der Liebe wenden, die wir Gott nennen. Gott hat immer noch unendliche Möglichkeiten. Das heißt nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Mit Martin Luther würde ich sagen: Wir sollen beten, als ob alles Handeln nichts nützte, und handeln, als ob alles Baten nichts nützte.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne und seine ganze Schöpfung in Christus Jesus. Amen.

 

Tilmann Haberer

 

 

Was ist die Hölle?

Hölle zugeschnitten

Predigt am 31. März 2019

 

Was ist die Hölle?

Liebe Gemeinde, wenn es nach Dante Alighieri geht, ist die Hölle ein riesiger, trichterförmiger Krater, der bis zum Erdmittelpunkt reicht. Entstanden ist er, als Luzifer vom Himmel auf die Erde stürzte. Er, der einstmals Oberste der Engel, war von seiner Macht so besoffen, dass er sich an Gottes Stelle setzen wollte. Daraufhin wurde er gestürzt, und er schlug auf der Erde mit solcher unglaublicher Wucht auf, dass er sich bis zum Erdmittelpunkt rammte. Das dabei verdrängte Erdreich kam dann auf der anderen Hemisphäre der Erde wieder heraus und bildet den Berg der Läuterung, an dessen Spitze das Paradies liegt. So viel zur mittelalterlichen Höllengeografie.

Der Krater zieht sich in zehn Ringen oder Kreisen hinab. Der oberste Kreis ist noch die Vorhölle. Da sind die zu finden, die in ihrem Leben lau und unentschieden waren. Die Saft- und Kraftlosen, die nicht selbst gelebt haben, sondern sich haben leben lassen von anderen. Der erste Kreis der Hölle ist dann für die reserviert, die zwar anständige und auch weise Menschen waren, aber Christus nicht kannten, so dass sie nicht durch den Glauben an ihn erlöst werden konnten. Dazu gehören zum Beispiel die Kinder, die ungetauft gestorben sind, dazu gehören aber auch die antiken Dichter und Philosophen. Selbst wenn sie noch so edel und weise waren – sie haben keine Chance, ins Paradies eingelassen zu werden. Verzehren müssen sie sich In ewiger, vergeblicher Sehnsucht nach dem Heil und danach, in Gottes Gegenwart sein zu dürfen.

Und dann beginnt die eigentliche Hölle. Stufe für Stufe, Kreis für Kreis geht es weiter hinab ins Inferno, weiter hinab in die höllischen Phantasien des Autors. Für jede Sorte von Sündern gibt es eine eigene Abteilung, und alle werden mit ausgesuchten Qualen und Foltern gepeinigt, die jeweils zu ihrer Sünde passen. Nur drei Beispiele: Mörder und Räuber stecken in einem kochenden Strom von Blut und wenn sie versuchen zu entkommen, werden sie von Dämonen wieder zurückgetrieben. Gotteslästerer liegen ausgestreckt auf glühend heißem Sand und werden von Feuerflocken berieselt. Die Verräter dagegen stecken erstarrt fest im ewigen Eis.

Im untersten Kreis der Hölle steckt Luzifer selbst im eisigen Boden. Mit seinen drei Mäulern zermalmt und frisst er unaufhörlich die drei größten Verräter der Geschichte: Judas, der Jesus ausgeliefert hatte, sowie Brutus und Cassius, die beiden verräterischen Mörder Cäsars.

Die Bilder erinnern an die Gemälde von Hieronymus Bosch, Ausgeburten einer wahrhaft höllischen Phantasie, die entweder von Angst zeugt – Angst vor so schlimmen Strafen, die noch dazu ewig andauern. Oder sie ist getrieben von Hass und Schadenfreude: Seht ihr, so ergeht es denjenigen, die sich nicht anständig benehmen.

Im Mittelalter mag das vielleicht seine Berechtigung gehabt haben. Die Menschen lebten in einer Welt, die von Gewalt und Krieg geprägt war, von Mord und Totschlag, sie wurden heimgesucht von Feinden, ohne zu wissen weshalb, und es ist verständlich, dass sie auf einen gerechten Ausgleich ihres Leidens im Jenseits hofften.

Außerdem hatten sie keine Ahnung von den Abgründen des Unbewussten. Ich als heutiger Mensch tue mir schon schwer, so eindeutig zu unterscheiden zwischen Bösen und Guten, zwischen Sündern und Gerechten. Läuft die Grenze denn wirklich zwischen den Menschen – hier die Bösen, da die Guten? Du bist gut, du bist böse? Ich meine, die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft doch vielmehr mitten durch mich hindurch, durch jeden einzelnen Menschen. Wie kann ich sagen: Dieser Mensch ist eindeutig böse, und der dagegen ist ganz klar gut und gerecht!?

Ich will damit nicht sagen, dass es das Böse nicht gibt. Aber wo beginnt es und wo endet es? Wer kommt in die Hölle und wer in den Himmel? Was ist mit dem, der zu 49 Prozent gut ist und zu 51 Prozent böse – und umgekehrt: Was ist mit dem, der ein ganz klein wenig mehr Böses in sich hat als Gutes? Sie sehen, schon diese Überlegung ist absurd. Abgesehen davon, dass es nahezu unmöglich ist, genau zu unterscheiden, was nun wirklich gut ist und was echt böse, wissen wir heute doch auch einiges darüber, woraus böse Motive und Absichten und Handlungen entstehen. Welche unbearbeiteten Traumata beispielsweise einen Menschen zum Mörder machen können. Wer wollte entscheiden?

Gut, natürlich, es heißt: Gott entscheidet, und Gott kennt die Seele der Menschen bis in ihre tiefsten, geheimsten Regungen. Aber gerade wenn Gott uns so gut kennt – kann er einen Menschen wirklich verurteilen, kann er eines seiner Kinder, die er doch aus Liebe geschaffen hat, der ewigen Folter, der niemals endenden Peinigung überantworten? Was wäre das für eine Liebe?

Der Gott, den Dantes Vision voraussetzt, ist der unerbittlich gerechte Patriarch, der majestätische König, der Gesetze gegeben hat, die unbedingt einzuhalten sind – ansonsten drohen eben diese unendlichen Qualen. Ein strenger, männlicher Gott, ein Vater, dessen Gerechtigkeit weit größer ist als seine Barmherzigkeit und Liebe. An einen solchen Gott kann und will ich nicht glauben und einen solchen Gott kann und will ich nicht predigen. Natürlich, in der Bibel gibt es viele Worte und Bilder, die ebenfalls einen solchen Gott zeigen. Auch von Jesus sind Aussprüche überliefert wie: „Den aber werft hinaus in die äußerste Finsternis, da wird sein Heulen und Zähneklappern!“ Oder: „Da wirst du in die Hölle geworfen, wo dein Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt.“ Auch Jesus scheint so gedacht und gesprochen zu haben, jedenfalls in manchen seiner Predigten. In anderen sagt er aber etwa: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Sollte Gott von uns verlangen, unsere Feinde zu lieben, um dann selbst seine eigenen Kinder so unerbittlich zu strafen?

Ich halte es hier mit Martin Luther, der sinngemäß gesagt hat: „Wenn ich ein biblisches Wort nicht verstehe und damit nicht leben kann, dann fliehe ich mich zu einem anderen biblischen Wort, das mir die Liebe und Gnade Gottes in Christus zusagt. Das tröstet mich.“

In der Tat, es ist eine Entscheidung, welchen der oft widersprüchlichen Worte der Bibel ich mein Vertrauen schenke. Den Gerichtsdrohungen oder den Bildern von der überschwänglichen Liebe und Großzügigkeit Gottes.

Und es ist eine Frage, wie ich mir Gott vorstelle. Ist Gott ein höchstes Wesen, das Gefühle hat, das Zorn und Rache kennt? Oder ist Gott die Tiefe des Seins, das Geheimnis der Welt, ist Gott die Quelle und Urkraft des Lebens und der Liebe? Wer schon einmal eine meiner Predigten gehört hat, wird wissen, dass ich zu diesem zweiten Bild neige. Der Gott, an den ich glaube, dieser Gott ist keiner, vor dem man Angst haben müsste. Er wird nicht „böse“, wenn man ihn nicht kennt oder wenn man ihn mit dem falschen Namen anruft. Er wird auch niemanden in die ewige Verdammnis schicken, weil es – und jetzt kommt’s: weil es eine ewige Verdammnis gar nicht gibt. Zwar kann ein Mensch sein Leben verfehlen, er kann an der Aufgabe scheitern, das in ihm angelegte Potenzial zur Entfaltung zu bringen, er kann an moralischen Ansprüchen oder selbst gesteckten Zielen scheitern. Das ja. Aber so wenig wie es irgendwo auf der Erde einen heißen Krater namens Hölle gibt, so wenig gibt es eine ewige Verdammnis, die einem ein Gott auferlegt, den wir durch unser Verhalten oder unseren Unglauben verärgert hätten. Gott ist Grund und Quelle des Lebens, Gott wird das Leben auch wieder zu sich nehmen, Gott wird uns bergen im Schoß des Lebens, aus dem wir gekommen sind, und uns nicht in irgendeine Finsternis hinausstoßen.

Und was ist mit den ganz schlimmen Menschen, die millionenfaches Leid und Millionen von Toten auf dem Gewissen haben? Was ist mit Hitler? Was ist mit Stalin und Mao und Pol Pot und wie sie alle heißen?

Diese Frage ist berechtigt. Aber ich frage mich dann gleich zurück: Wo ist die Grenze? Was unterscheidet einen, der Millionen Menschen ermordet hat, von dem, der einen einzigen Menschen ermordet hat? Für uns scheint die schiere Zahl das Verbrechen größer zu machen. Aber wird das Verbrechen denn wirklich geringer, wenn jemand „nur“ einen einzigen Menschen auf dem Gewissen hat? Und was ist mit dem, der andere durch psychische Gewalt quält? Und wo ist die Grenze zwischen dem, der in der Phantasie mordet, und dem, der es wirklich tut? Jesus sagt in der Bergpredigt: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: »Du sollst nicht töten«; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein. Ich aber sage euch: Wer auch nur mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig, … und wer sagt: Du Idiot!, der ist des höllischen Feuers schuldig.“ Wer hätte dann noch eine Chance?

So einfach ist das alles nicht, auch nicht mit den Tyrannen und Massenmördern. Ich jedenfalls kann mir nicht vorstellen, dass es im Himmel sehr gemütlich ist, wenn ich weiß, dass an einem anderen Ort Menschen wie ich in Ewigkeit gepeinigt werden. Das unterscheidet uns heutige vielleicht auch von den Menschen des Mittelalters. Thomas von Aquin, der berühmteste und wichtigste Theologe des Mittelalters, soll gesagt haben: Es erhöht den Genuss der Seligen noch, dass ihnen der freie Ausblick auf die Peinigung der Verdammten gewährt wird. Na, danke. Mir würde das himmlische Manna im Hals stecken bleiben, wenn ich unaufhörlich Schmerzensschreie hören müsste, sobald ich das Himmelsfenster aufmache.

Gibt es also keine Hölle?

Doch, es gibt die Hölle. Es gibt die Hölle, die wir uns bereiten, hier auf Erden. Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre sagte: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Aber ich denke, nein, Monsieur, die Hölle, die machen wir schon selbst. Wir machen uns oft selbst das Leben zur Hölle, und wir sind Großmeister darin, anderen das Leben zur Hölle zu machen. Wir sind durch unseren Konsum und durch unsere Lebensweise mit dafür verantwortlich, dass Millionen Menschen in der Hölle leben – in einer Hölle aus Armut, Krankheit, Ausbeutung, Hunger und Krieg, ohne Bildung, ohne Perspektiven. Wir sind dafür verantwortlich durch unseren Lebensstil und unseren Konsum, wenn diese Erde zu einer Gluthölle wird, weil das Klima kippt und die Temperaturen auf unerträgliche Werte steigen. Und auch im kleinen Maßstab schaffen wir uns die Hölle selbst, uns und anderen. Es gibt die wohlbekannte Ehehölle, es gibt die Hölle einer lieblosen und von Gewalt geprägten Kindheit. Es gibt die Hölle aus Minderwertigkeitsgefühl und Versagensangst und Lebensangst, in die wir uns selbst immer wieder werfen. Es gibt so vielfältige Höllen schon in diesem Leben, dass es keine Hölle nach dem Tod mehr braucht. Das ist meine tiefste Überzeugung. Und es ist mein tiefstes Vertrauen, dass Gott uns nicht in die Hölle schickt, sondern dass es sein einziges Anliegen ist, uns aus der Hölle zu befreien.

Jeden Sonntag sprechen wir im Glaubensbekenntnis aus, dass Jesus hinabgestiegen sei ins Reich des Todes. Früher, in meiner Kindheit, hieß es noch: Niedergefahren zur Hölle. Wenn ich mich auf diesen Mythos einlasse, frage ich mich: Was wird Christus dort gemacht haben? Er hat dieses Reich durchquert und ist am anderen Ende wieder herausgekommen, am dritten Tag. Wird er die Menschen dort in ihren Qualen gelassen haben? Oder wird er sie nicht vielmehr alle befreit und mitgenommen haben? Werden sie ihn nicht spätestens dort, im Reich des Todes, erkannt haben? Werden sie sich nicht spätestens dort geöffnet haben für seine Liebe? Und wird Jesus Christus, der von Liebe und Barmherzigkeit und Mitgefühl gepredigt hat, ungerührt an den gequälten und gepeinigten Menschen vorbeigegangen sein und gesagt haben: Selber schuld!?

Nein und nochmals nein. Ich glaube fest daran, dass nach dem Tod keine Hölle auf uns wartet, für niemanden, und wenn es eine Hölle gibt, dann ist sie leer. Denn Gottes Liebe und Barmherzigkeit, sein Mitgefühl und Verständnis sind größer als alles, was wir Menschen uns vorstellen können. Er wird alles Böse wegschmelzen von denen, die Böses getan haben, und er wird die Wunden aller Opfer heilen. Er wird den Frieden schenken, den die Welt nicht geben kann. Ist das nicht eine wunderbare Aussicht?

Ein letzter Gedanke, ein Einwand: Braucht es nicht die Angst vor Strafe, um Menschen vom Bösen abzuhalten? Nein, dieser Mechanismus funktioniert nicht. Nirgends gibt es so viele Gewaltverbrechen wie in Gesellschaften, die die Todesstrafe kennen. Wir werden nicht durch die Angst vor Strafe zum Guten gebracht, sondern nur durch die Liebe. Und damit durch Gott, der die Liebe ist. Nicht Angst macht uns zu besseren Menschen, sondern Vertrauen.

Das lasst uns üben. Vertrauen, Liebe, Zuwendung. Um die Höllenfeuer dieses Lebens auszulöschen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle
Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, der Hölle, Tod und Teufel über­wunden hat durch seine Liebe.

Amen.

 

 

Was ist Gnade?

Vogel vor rotem Himmel beschnitten

 

Predigt am 3. Februar 2019

 

Was ist Gnade?

Liebe Gemeinde, eine Antwort auf diese Frage haben wir vorhin gemeinsam gesungen: Wechselnde Pfade, Schatten und Licht – alles ist Gnade, fürchte dich nicht.

Gut, das war’s dann, die Frage ist beantwortet, die Predigt ist zu Ende. Oder, naja, vielleicht doch noch nicht ganz. Vielleicht gibt es ja doch noch den einen oder anderen Satz zu sagen.

Nun denn, noch mal von vorn: Was ist Gnade?

Die erste Reaktion dürfte bei vielen Menschen sein: Gnade, das ist ein Wort, das ich nicht mag. Gnade vor Recht, Begnadigung, gnädiger Herr… was schwingt für Sie mit in solchen Ausdrücken? Ich will Ihnen sagen, wie es bei mir ist. Es schwingt mit: ein ganz deutliches Gefälle. Da ist einer, der hat die Macht, und da ist einer, der ist ohnmächtig und abhängig. Und der Mächtige verzichtet großmütig und herablassend auf etwas, was ihm der Ohnmächtige und Abhängige eigentlich schuldet. Er erlässt ihm eine Schuld oder eine Strafe. Wer lebenslänglich eingesperrt ist, kann ein Gnaden­gesuch an den Bundespräsidenten stellen, und wenn es gut geht, wird er erhört und darf vorzeitig das Gefängnis verlassen. Es geht irgendwie immer um Schuld und darum, dass jemand, der eigentlich bestraft gehört, das unverdiente Glück hat, ungeschoren davonzukommen.

Ehrlich gesagt, ich will mir Gott nicht so vorstellen wie einen Gläubiger, bei dem ich in der Kreide stehe, bei dem ich mich verschuldet habe. Und ich will mir mein Verhältnis zu Gott nicht vorstellen wie das eines armen Schuldigen gegenüber dem großmächtigen Herren, der mit einem Fingerschnipsen darüber entscheiden kann, ob ich loskomme und frei bin oder ob ich für meine Schuld büßen muss bis in alle Ewigkeit.

Meine Schuld, meine Schuld, meine übergroße Schuld – diese Formel stammt aus dem christlichen Gottesdienst, glücklicherweise verwenden wir sie meistens nicht mehr. Glücklicherweise müssen wir uns Gott nicht mehr als den strengen Richter vorstellen, der uns eigentlich zum ewigen Tod und Höllenfeuer verurteilen muss und uns „allein aus Gnaden“ am Leben lässt.

Ein solches Bild von Gott würde auch gar nicht zu dem Wort „Gnade“ passen, wie es in der Bibel gebraucht wird. Ja, das Wort „Gnade“ gehört zu denen, die man heute eigentlich besser gar nicht mehr gebrauchen sollte, weil sie so falsche Assoziationen wecken. In der Bibel schwingen zumindest eine Menge anderer Bedeutungen mit, wenn das Wort gebraucht wird, das wir mit „Gnade“ übersetzen.

Im Neuen Testament kommt es vor allem in den Paulusbriefen vor. Paulus, der ja Griechisch geschrieben hat, verwendet das Wort charis, und das hat drei Hauptbedeutungen. Erstens: Anmut oder Lieblichkeit. Hört, hört! Wie hört sich das denn an, wenn wir statt von Gottes Gnade von Gottes Anmut sprechen würden! Gottes Anmut, Gottes Lieblichkeit. Passt das zu unserem Bild von Gott? Wenn nein, müssen wir vielleicht an unserem Bild von Gott etwas ändern.

Im Lateinischen ist das übrigens ähnlich: Das griechische Wort charis wird im Lateinischen mit gratia wiedergegeben. Und im Lehnwort „Grazie“ schwingt das ja noch mit. Gottes Grazie. Gott ist graziös – das scheint auf ganz ungewohnte Seiten an Gott zu verweisen. Aber so steht es in der Bibel.

Grazie, das wissen viele, heißt auf Italienisch „danke“. Das ist die zweite Bedeutung von gratia und von charis – der Dank. Und schließlich gibt es noch die Bedeutung „Gunst, Wohlwollen, Fürsorge“.

Das, was wir beim Wort Gnade hören, passt gar nicht so gut zu dem Verständnis, wie es aus dem Urtext hervorgeht. Das gilt übrigens auch für das Hebräische, die Sprache des sogenannten Alten Testaments. Dort werden zwei Wörter verwendet, die die deutschen Bibelübersetzungen meist als „Gnade“ übersetzen: Das eine – chesed – bedeutet so viel wie „Liebe, Gunst, Güte, Wohlwollen, Barmherzigkeit“, das andere – chen – hat ebenfalls die Bedeutung „Anmut, Schönheit“ und daneben „Geneigtheit“ oder „Gunst“.

Unser Verständnis von Gnade ist, glaube ich, stark bestimmt durch das mittelalterliche germanische Denken, das Gott als den mächtigen Lehensherrn und König betrachtete und die Menschen als die abhängigen Leibeigenen, die eigentlich gar keine Rechte haben. Noch einmal: Glücklicherweise ist die Zeit vorbei, in der das der alltäglichen Wirklichkeit der Menschen entsprach. Gott sei Dank. Für Menschen, deren alltägliche Lebenserfahrung so aussah, dass sie der Willkür und den Launen eines mächtigen Fürsten ausgesetzt waren, der nach Gutdünken mit ihnen umspringen konnte, über Leben und Tod entscheiden konnte – für solche Menschen hatte der Begriff Gnade einen anderen Klang als für uns heute. Die einfachen Menschen hatten keine Rechte gegenüber den Fürsten, sie waren auf die Gnade der hohen Herren angewiesen. Auf die unberechenbare, unverdiente Herablassung der Mächtigen.

Wir leben in anderen Zeiten, Gott sei Dank. Wir sind nicht mehr abhängig von der herablassenden Gnade der Mächtigen. Wir haben Rechte, Menschenrechte und bürgerliche Rechte und wir können gegen die Mächtigen vor Gericht gehen, wenn wir ungerecht behandelt wurden. So können wir uns öffnen für die anderen Bedeutungen, die in dem Wort oder den Wörtern mitschwingen, die die deutschen Bibelübersetzungen meist mit „Gnade“ übersetzen.

Bedeutungen, die uns Gott näher bringen, die ihn herunterholen von seinem himmlischen Thron, die ihn uns auf Augenhöhe bringen, so dass wir mit Gott umgehen können wie mit einer Freundin. Einer anmutigen, graziösen Freundin, die uns wohlgesonnen ist und nur das Beste für uns will. Klingt das nach Ketzerei? Genau das ist doch das Grundbekenntnis von uns Christen: Gott ist nicht in seinem fernen Thronsaal, in einem seligen Jenseits. Gott ist heruntergekommen zu uns. Er ist Mensch geworden. Nicht wir müssen uns zu ihm aufschwingen, Gott ist uns nahe, ganz nahe, näher als unser eigenes Herz.

Einer meiner Lieblingsfilme ist Bruce Allmächtig, gedreht im Jahr 2003. Ich mag den Film nicht nur wegen der anmutigen Jennifer Aniston, die die weibliche Hauptrolle spielt, nicht nur wegen Morgan Freeman, der Gott als einen älteren, schwarzen Mann darstellt, und nicht nur wegen der umwerfenden komödiantischen Leistung von Jim Carrey alias Bruce, der für ein paar Tage lang Gottes Allmacht bekommt und damit natürlich nichts als Unfug anstellt. Eine meiner Lieblingsszenen in dem Film ist eigentlich gar nicht komisch. Am Ende seiner einwöchigen Laufbahn als Allmächtiger wird Bruce nämlich von einem Lastwagen überfahren und ist eigentlich tot. Da begegnet er Gott wieder – dem „eigentlichen“ Gott. Und Gott fragt Bruce: „Was wünschst du dir?“ Bruce antwortet mit einem Wort: „Grace“. Das ist der Name seiner Freundin, es ist aber auch, und das kommt in der deutschen Synchronisation leider nicht zum Tragen, „Grace“ ist auch das englische Wort für Gnade. Amazing Grace, how sweet the sound…

Bruce wünscht sich nicht nur, bei seiner Freundin zu sein, die er mit seinen Allmachtsspielchen nicht beeindruckt, sondern so verschreckt hat, dass sie ihn verlassen hat. Er wünscht sich auch, das zeigt das unübersetzbare Wortspiel, Gnade. Im Zusammenhang des Films heißt das: Er wünscht sich, einfach so, wie er ist, geliebt zu werden. Als einfacher, nicht besonders erfolgreicher Lokalreporter für einen kleinen Fernsehsender, als schusseliger, versponnener Luftikus. Er wünscht sich die Liebe seiner Freundin gratis – gratis! Darin steckt auch das Wort gratia -, ohne dass er sie weiter beeindrucken muss.

Und ich glaube, damit kommen wir der Antwort auf unsere Frage näher: Was ist Gnade?

Gnade ist es, einfach so, um unserer selbst willen, geliebt zu werden. Gnade ist es, wenn ich mich nicht größer machen muss, als ich bin. Wenn ich mich nicht anstrengen muss, um geliebt zu werden. Sondern wenn mir die Liebe einfach geschenkt wird. Unverdient, weil man sich Liebe sowieso nicht verdienen kann.

Genau das war für Martin Luther so wichtig: Wir müssen uns Gottes Freundlichkeit, Gottes Wohlwollen, Gottes Liebe nicht verdienen, wir können es ja gar nicht. Liebe kann man sich nicht verdienen. Can‘t buy me love – so sangen die Beatles im Jahr 1964. Ja, ich kann mir Liebe nicht kaufen, ich kann sie gar nicht irgendwie erwerben oder eben verdienen. Liebe kann nur freiwillig geschenkt werden. Und die umwerfende gute Botschaft, die Jesus gebracht hat, die Paulus verkündigt und Luther neu wieder entdeckt hat, diese umwerfende gute Botschaft heißt: Gott ist uns sowieso gut. Er liebt uns und schenkt uns sein Wohlwollen, sola gratia, allein aus Liebe, aus Güte, aus Barmherzigkeit, aus Mitgefühl mit uns armen Tröpfen, die wir uns unser Leben lang abzappeln und abstrampeln für ein bisschen Liebe. Dabei brauchen wir uns gar nicht abzustrampeln – wir sind beschenkt. Ein volles, gerütteltes, gedrücktes und überfließendes Maß wird uns in den Schoß gegeben, wie Jesus in der Bergpredigt sagt.

Das ist gemeint mit der berühmten und ein bisschen berüchtigten Formulierung „Wir sind vor Gott gerecht allein aus Gnaden“ – gemeint ist nicht der herablassende Verzicht auf Strafe, sondern die überfließende Güte, Freundlichkeit und Liebe Gottes, das unendliche, unbedingte Ja zu uns, zu dir und zu dir und zu dir und zu mir. So wie ein kleines Kind nichts, aber auch gar nichts tun kann, um sich die Liebe seiner Eltern zu verdienen – es wird ganz einfach geliebt, allein weil es da ist –, so ist es mit Gott und uns. Wir werden geliebt, einfach weil wir da sind. Bedingungslos, unendlich, unauslöschlich.

Und wir können diese Liebe auch nicht verspielen. Das ist ja die Folge: Wenn wir die Liebe nicht verdienen können, können wir sie auch nicht verspielen. Das Einzige, was notwendig ist, damit wir die Liebe spüren, damit wir uns getragen wissen von dem großen Ja, ist: dass wir es uns sagen lassen. Dass wir den Widerstand gegen die überwältigende Liebe aufgeben, die uns umspült vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang und die ganze Nacht hindurch. Dass wir es glauben, dass Gott uns gut ist. Das ist das zweite „sola“ – sola fide, allein aus Glauben. Das heißt nicht, dass wir einen bestimmten Katalog von Lehrinhalten bejahen müssen. Es heißt einfach, dass wir uns Gottes Liebe gefallen lassen, sie annehmen. Gottes unverdiente, gratis erwiesene, unaussprechliche Liebe.

Dieser Glaube kann dann so etwas sein wie das Vorzeichen vor der Klammer, in der sich unser Leben abspielt. Wenn wir das glauben, wenn wir uns darauf verlassen und unverdrossen davon ausgehen, dass Gott uns gut ist, dann mag es auch gelingen, Gottes Liebe und Gottes Wohlwollen in den Ereignissen zu entdecken, in denen wir sie zunächst gar nicht vermutet hätten. Auf unseren wechselnden Pfaden, die durch Schatten und Licht führen. Das leuchtet dem Verstand nicht immer ein, auch das Gefühl mag dagegen rebellieren. Aber fragen Sie sich einmal, wie oft es sich in Ihrem Leben herausgestellt hat, dass etwas, das sich anfühlte wie die ganz große Katastrophe, am Ende entpuppt hat als Chance, als Geschenk, als – Gnade. Das wird natürlich nicht immer gelingen. Manchen Ereignissen in unserem Leben können wir keinen positiven Sinn abgewinnen. Manches müssen wir einfach beklagen und betrauern. Aber wenn wir davon ausgehen, dass wir eingehüllt sind in Gottes Wohlwollen, dass wir getragen sind von seiner Liebe, dass uns Gottes anmutiges Gesicht freundlich ansieht, ganz gleich, was geschieht – dann können wir zumindest hoffen, dass auch unsere dunklen und leidvollen Erfahrungen Ausdruck von Gottes Liebe sind. Wir verstehen es jetzt vielleicht nicht. „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.“ So schreibt Paulus in seinem großen Lied über die Liebe in 1. Brief an die Korinther, Kapitel 13. Und er fährt fort: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Der Glaube – das Vertrauen, dass Gott uns gut ist, die Hoffnung, dass sich auch das Dunkle und Schwere in unserem Leben am Ende als gut und richtig herausstellt, und die Liebe, die am Ende alles überstrahlt. Wechselnde Pfade, Schatten und Licht: Alles ist Gnade, fürchte dich nicht.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, der anmutigen, Mensch gewordenen Liebe Gottes. Amen.

 

Fotonachweis: Pixabay

 

 

Was ist die (Er-)Lösung?

Höhle Licht beschnitten

Predigt am 4. Advent, 23. Dezember 2018, St. Markus

 

Gottes Sohn ist Mensch gebor’n, ist Mensch gebor’n, hat versöhnt des Vaters Zorn, des Vaters Zorn.

So, liebe Gemeinde, heißt es im Quempas, einem beliebten Weihnachtslied, das in den kommenden Tagen aller­orten wieder gesungen wird. Wir feiern die Geburt des Erlösers, und die Erlösung besteht darin – so sagt dieses Lied –, dass der Sohn Gottes stellvertretend für uns arme Sünder die Strafe seines zornigen Vaters auf sich nimmt. Damit versöhnt er den Vater, stillt seinen Zorn – und deswegen werden wir nicht bestraft, sondern Gott kann sich uns wieder in Liebe zuwenden.

Ist das unser Glaube? Ist das die Lösung, die Er-Lösung?

Nein, nein und nochmals nein! Diese Vorstellung von Erlösung war vielleicht in früheren Zeiten angemessen, in Zeiten des Feudalismus und Absolutismus, in Zeiten des ungebrochenen Patriarchats. Vielleicht. Ich kann und will und werde die Erlösung, die wir mit dem Namen Jesus Christus verbinden, so nicht verstehen und so nicht predigen.

Diese Theologie, noch einmal kurz gefasst: Wir Menschen handeln gegen Gottes Willen, und das erregt Gottes Zorn. Und Gottes Zorn ist so groß, dass er uns bestrafen muss, und zwar mit der Höchststrafe: ewige Verdammnis. Um das zu verhindern, wird Gott selbst zum Menschen in Jesus. Er nimmt stellvertretend für uns die Strafe auf sich, lässt sich am Kreuz töten und versöhnt Gott damit. Wir sind gerettet. Diese Theologie also ist in der Antike entstanden und speziell diese Erlösungslehre wurde im Hochmittelalter ausgearbeitet. Das waren Zeiten, in denen in allen damals existierenden Gesellschaften die Todesstrafe gang und gäbe war, ebenso die Sklaverei (bei uns hieß das Leibeigenschaft) und die körperliche Züchtigung als probates Mittel der Kindererziehung. All das war nicht nur gesellschaftlich salonfähig, sondern es wurde als Gottes Wille angesehen.

Die Gesellschaft war streng hierarchisch gegliedert, an der Spitze stand der König oder Kaiser – und so konnten die Menschen sich Gott vielleicht gar nicht anders vorstellen denn als einen König, einen absoluten Herrscher, wie sie ihn aus ihrer Lebenserfahrung kannten. Wir können von Gott ja nicht anders sprechen als in Bildern. Alles Reden über Gott ist metaphorisch und kann nicht anders sein. Wir können nicht über Gott sprechen, „wie er ist“, denn dazu reichen unser Verstand und unsere Einsicht nicht aus. Wir müssen Bilder verwenden. Und unsere Bilder, unsere Metaphern müssen wir aus unserer Erfahrungswelt nehmen, sonst nützen sie ja nichts – wir würden nicht verstehen, was sie ausdrücken sollen.

Die Menschen vor ein paar hundert Jahren stellten sich Gott also als König vor, das war für sie das Bild der höchsten Autorität. Wir heute leben unter ganz anderen Umständen. Wir leben in ganz anderen Verhältnissen und wir, jedenfalls die meisten von uns, betrachten die Verhältnisse, unter denen wir heute leben, auch als Fortschritt. Es ist besser, das heißt menschlicher, angemessener und für die große Mehrheit lebensfreundlicher, in einer freiheitlichen Demokratie zu leben und in einer sozialen Marktwirtschaft (auch wenn die durchaus noch ein bisschen sozialer sein dürfte), angemessener und lebensfreundlicher als eine Monarchie, in der alles dem König gehört und die große Mehrheit als Leibeigene, also als Sklaven, schuften müssen.

Da muss und darf sich auch unser Bild von Gott wandeln. Weshalb sollten wir uns Gott vorstellen wie einen orientalischen Despoten, der tödlich beleidigt ist, wenn seine Kinder  sich danebenbenehmen? Und das sind wir ja schließlich: Gottes Kinder!

Ich stelle mir Gott gar nicht vor wie einen Menschen, das habe ich hier schon öfters gesagt. Gott ist für mich eher die Tiefe der Wirklichkeit, das Geheimnis der Welt, der schöpferische Eros, der allem zugrunde liegt, der in allem wirkt und alles belebt. Trotzdem können wir natürlich auch menschliche Bilder für Gott verwenden – etwa der gute Vater -, und dann können wir Gott auch menschliche Gefühle zuschreiben.

Nehmen wir einfach einmal an, Gott könnte wirklich zornig sein. Anlass dazu bieten wir Menschen ihm ja genug. Wir zerstören mutwillig und sehenden Auges die Schöpfung, die Welt, in der unsere Kinder und Enkel werden leben müssen. Wir wissen, dass der Klimawandel im vollen Gang ist, und fahren trotzdem weiter Auto und essen Fleisch. Unsere Politiker beschäftigen sich mit allem Möglichen, zum Beispiel streiten sie darüber, ob die Bildungshoheit bei den Ländern liegen muss oder beim Bund – aber die wirklich lebenswichtigen, lebensentscheidenden Fragen gehen sie nicht an: Wie die Klimagase wirksam und radikal reduziert werden können. Wie die Plastikflut in unseren Meeren verhindert werden kann. Wie wir das Artensterben stoppen. Das sind die wirklich wichtigen Fragen. Ich möchte dabei aber nicht bloß mit dem Zeigefinder auf die Politiker zeigen. Ich fahre ja selber mit dem Auto und fliege im Urlaub tausende von Kilometern, und ich kaufe selber unnütze Dinge, die in viel zu viel Plastik verpackt sind. Und das sind nur ein paar kleine Beispiele.

Ja, es wäre verständlich, wenn Gott verzweifelt an uns und, ja,  wenn er zornig ist auf uns dumme, kurzsichtige, egoistische Menschen.

Aber was folgt daraus? Wird ein Vater sein Kind umbringen, weil es sich dumm und kurzsichtig und egoistisch verhält? Ich war auch manchmal zornig auf meine Kinder. Aber ich wäre doch nie im Traum darauf gekommen, sie umzubringen oder sie hinauszuwerfen, noch dazu in die äußerste Finsternis, wo Heulen und Zähneklappern herrscht, wie es in der Bibel gleich mehrfach heißt. Können wir uns wirklich vorstellen, dass Gott dazu fähig ist?

Jesus hat dazu in der Bergpredigt schon Einschlägiges gesagt: „Würde jemand unter euch seinem Kind einen Stein geben, wenn es ihn um Brot bittet? Würde er ihm eine Schlange geben, wenn es ihn um einen Fisch bittet? Wenn also ihr, die ihr doch böse seid, das nötige Verständnis habt, um euren Kindern gute Dinge zu geben, wie viel mehr wird dann euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn darum bitten!“ (Mt 7, 9–11, NGÜ)

Gut, hier scheint immer noch eine Bedingung zu sein: Wir müssen Gott bitten, damit er uns Gutes gibt. Aber es geht noch weiter. Ebenfalls in der Bergpredigt sagt Jesus: „Liebt eure Feinde, und betet für die, die euch verfolgen.“ (Mt 5, 44) Also, wenn schon wir unsere Feinde lieben sollen – wie sollte dann Gott, der die Liebe ist, seine Kinder hassen? Wie sollte er ihnen eine ewige Strafe aufbrummen? Sollte Jesus etwas von uns verlangen, woran Gott der Vater sich selbst nicht hält?

Die Vorstellung, dass Gott die Menschen straft, gar noch in Ewigkeit straft, dass Gott seine Kinder hinauswirft in die äußerste Finsternis, wo Heulen und Zähneklappern herrscht – diese Vorstellung gehört in andere Zeiten. Gott, der die Liebe ist und der uns dazu einlädt, unsere Mitmenschen zu lieben wie uns selbst, ja sogar unsere Feinde – den kann und will ich mir nicht so vorstellen, dass er unser Versagen und unsere Dummheit und unsere Egozentrik brutal und gnadenlos straft. Selbst wenn er allen Grund hat, zornig zu sein.

Wenn wir von Erlösung sprechen, dann kann es nach meiner Überzeugung nicht darum gehen, dass wir vor Gottes Zorn gerettet werden müssen und davor, dass wir auf ewig verloren gehen. Gott muss nicht versöhnt werden. Gott war nie unversöhnt, selbst wenn er manchmal zu Recht zornig sein sollte. Wir müssen versöhnt werden.

Und darin besteht die Erlösung und die Lösung des Problems, das ich in meiner letzten Predigt angesprochen habe: das Problem, dass wir uns von Gott entfernen und von uns selbst und von unseren Mitmenschen, dass wir uns ent-zweit haben und herausgefallen sind aus der ursprünglichen Einheit.

Und jetzt kommt Jesus Christus ins Spiel und das Fest seiner Geburt, das wir nächste Woche begehen. Denn hier, so glauben wir Christen, hebt Gott die Trennung auf und stellt die Einheit wieder her.

Oder vielmehr: Hier wird deutlich, dass wir nie wirklich getrennt waren.

Es ist ein tiefes Geheimnis um diesen Jesus. Er muss eine Art gehabt haben, eine Gabe, Menschen auf eine unmittelbare Weise so tief anzusprechen, dass ihnen deutlich wurde: In Jesus begegnet uns nicht nur ein Mensch. In Jesus begegnet uns unsere eigene tiefste Wahrheit. Und die heißt: Wir sind Gottes Kinder. Wir sind gar nicht getrennt, im tiefsten Grund sind wir nicht getrennt, wir waren nie getrennt, und deshalb muss Gott auch nicht versöhnt werden.

Diese Botschaft hat Jesus nicht nur mit Worten verkündigt. Er hat sie gelebt. Er war so eins mit dieser Botschaft, dass seine Freundinnen und Freunde sagten: In ihm ist uns der ewige Gott selbst begegnet. Zwar ist er ein Mensch wie du und ich, und doch ist er auch – gleichzeitig und im selben Maß – göttlich. In ihm sind Gott und Mensch vereint.

Das haben diese Menschen zunächst auf Jesus allein bezogen. Er ist Gottes Sohn, sagten sie. Er ist das einmalige Fleisch gewordene Wort Gottes.

Dann, als Jesus nicht mehr leibhaftig unter ihnen war, begannen die Menschen über die Erfahrungen nachzudenken, die sie mit dem Menschen Jesus gemacht hatten. Sie begannen diese Erfahrungen zu systematisieren. Drei-, vierhundert Jahre hat es gedauert, bis die Lehre ausformuliert war: Jesus ist, wie es in dem Weihnachtslied Es ist ein Ros entsprungen heißt: „wahr‘ Mensch und wahrer Gott“.

Und nun kommen wir. Ich glaube eben, das gilt nicht nur für diesen einen Menschen Jesus aus Nazareth. An ihm wurde exemplarisch deutlich, was für alle Menschen gilt. Denn auch wir sind Gottes Kinder, auch in uns wohnt Gott – aber bei uns ist er so tief versteckt, so sehr verdeckt durch unsere Persönlichkeit, unsere Macken, unsere Egozentrik, dass er nur sehr selten ein kleines bisschen durchscheint. Jesus dagegen war als Mensch so geklärt, dass ihm Gott sozusagen aus allen Poren schien. Und deswegen können wir an ihm sehen, was unsere wahre Natur und unsere wahre Bestimmung ist.

Was ist die Erlösung? Die Erlösung besteht nach meiner Überzeugung darin, dass wir uns das sagen lassen: Wir werden nie und nimmer verloren gehen. Kein menschlicher Atemzug ist umsonst, kein Weinen, kein Stöhnen und kein Lachen. Alles ist aufgehoben in Gottes unendlicher Liebe.

Und das müssen wir jetzt „nur“ noch glauben. Das hört sich für manche vielleicht altmodisch und verzopft an: Man kann es zwar nicht verstehen, man muss es eben einfach glauben. Ich meine etwas anderes.

Stellen Sie sich einen Menschen vor, der seit Jahren im Gefängnis sitzt, ohne Aussicht auf Freiheit. Und eines Tages geht die Tür auf, der Gefängniswärter kommt herein und sagt: „Sie sind frei, sie können gehen.“ Dann verlässt er die Zelle und lässt die Tür sperrangelweit offen.

Der Mann denkt sich: „Das kann ja gar nicht sein. Das ist bestimmt eine Falle, ein grausamer Hohn. Wenn ich da jetzt rausgehe, werden sie mich wieder festsetzen und noch härter bestrafen.“ Und er bleibt auf seiner Pritsche sitzen. Er ist frei, aber wenn er es nicht glaubt, dann nützt ihm seine Freiheit nichts.

Wir sind erlöst, wir sind Gott recht, unser Leben hat Sinn und Ziel. Damit wir die erlösende Wirkung dieser Worte erfahren, müssen wir sie glauben. Ja, es stimmt, was Martin Luther sagt, im Anschluss an Paulus: Wir werden gerecht allein durch den Glauben. Wenn wir es nicht glauben, dass wir Gott recht sind, dass wir Gottes geliebte Kinder sind, dass wir eine Zukunft haben diesseits und jenseits des Todes – ja, wenn wir das nicht glauben, dann sitzen wir eben in Finsternis und Schatten des Todes. Wenn wir uns das aber sagen lassen und beginnen, darauf zu vertrauen, uns darauf zu verlassen: Dann kann sich das Licht, das wir sind, in uns ausbreiten. Dann brauchen wir keine Angst mehr zu haben, vor nichts und niemand. Und dann kann der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, unsere Herzen und Sinne bewahren in Jesus Christus, unserem großen Bruder, dem Erstgeborenen unter den vielen Kindern Gottes.

Amen.

Was ist das Problem?

Erschaffung Adams

Nach „Was ist Gott?“ und „Was ist der Mensch?“ kommt nun „Was ist das Problem?“
Predigt, gehalten am 21. Oktober in St. Markus

 

Was ist das Problem?

Liebe Gemeinde, manche wissen es ja: Im August habe ich eine Mini-Predigtreihe gehalten aus zwei Predigten. Die Titel: „Was ist Gott?“ und „Was ist der Mensch?“

Und jetzt also: „Was ist das Problem?“

Ich will ganz kurz die Kernaussagen meiner August-Predigten noch einmal aufgreifen. Gott, so glaube ich, ist kein höheres Wesen, das irgendwo in einem Jenseits thront. Gott ist vielmehr die Tiefe des Lebens, das Geheimnis der Welt, das Sein selbst. Und der Mensch? Wir Menschen sind Gottes Kinder, das heißt, in der Tiefe unseres Seins sind wir eins mit Gott.

Wenn das stimmt, wenn wir wirklich eins sind mit Gott, was ist dann das Problem? Dann sollte uns doch nichts auf der Welt irgendetwas anhaben können, nichts sollte uns Angst machen, und außerdem sollte es zwischen uns keinerlei Probleme geben, denn dann sollten wir doch lauter Liebe sein, denn es heißt doch: „Gott ist die Liebe.“

Aber so ist es bekanntlich nicht, wir brauchen ja nur in den Spiegel zu schauen, oder wir brauchen uns ja nur umzusehen in der Welt. Und da sind wir beim Problem.

Das Problem ist, dass wir eben nicht reine, lautere Liebe sind. Das Problem ist, dass wir nicht frei sind, dass uns oft genug die Angst beutelt, die Wut, der Hass. Das Problem ist, dass wir Menschen eben offenbar nicht in Frieden und Eintracht zusammenleben können und dafür sorgen, dass es allen gut geht. Wie kann das sein, wenn wir doch Gottes Kinder sind?

Die Bibel und die christliche Tradition haben auf diese Frage eine klare Antwort: Es ist etwas dazwischengekommen, und zwar – die Sünde.

Und jetzt vergessen Sie dieses Wort bitte ganz schnell wieder, denn das, was wir heute zu diesem Wort assoziieren, hat mit der ursprünglichen Bedeutung so wenig gemeinsam, dass wir es am besten gar nicht mehr verwenden.

Was damit gemeint ist, ist ganz einfach die Trennung, die Ent-zweiung. Wir sind nicht mehr eins mit Gott, wir sind ent-zweit. Wir erleben uns als abgetrennte, isolierte Individuen, herausgefallen aus der ursprünglichen Einheit in die Zweiheit. Wir erleben alles in Polaritäten, zu allem, was wir kennen, gibt es ein Gegenteil: warm und kalt, hoch und tief, nah und fern, groß und klein, Liebe und Hass und, ja: gut und böse.

Und das ist nicht unser individuelles Verschulden. Das, was die Bibel mit Sünde meint, also die Entzweiung, die Trennung, hat ursprünglich mit Verschulden, mit Schuld gar nichts zu tun, das sind zwei Paar Stiefel. Für die Entzweiung können wir nichts. Wir müssen einatmen und ausatmen, wir müssen schlafen und wachen, wir müssen uns öffnen und verschließen. Die Zweiheit gehört zu uns, solange wir auf dieser Erde leben. Allein die Tatsache, dass wir eingezwängt sind in drei beziehungsweise vier Dimensionen, allein diese Tatsache bedingt, dass wir uns nicht als das Eine, als das Große Ganze erleben können, das wir im tiefsten innersten Kern sind.

Ab und zu gibt es Menschen, die das doch erleben, diese Einheit. In Augenblicken der mystischen Verschmelzung, in Momenten der Erleuchtung, wie man das dann nennt. Manche dieser Menschen werden als Heilige bekannt oder als erleuchtete Meister, andere bleiben mit ihrer Erfahrung für sich, weil sich eine solche Erfahrung gar nicht gut in Worten ausdrücken lässt.

Für uns, die Mehrheit, bleibt die Erfahrung, dass wir getrennt sind. Individuen, die  überleben wollen und die sich deswegen oft genug gegen die anderen absetzen, die sich abspalten, die sich selbst der Nächste sind. Und eben nicht reine, lautere Liebe.

In unserem innersten Kern, in unserem tiefsten Sein, in unserem wahren Wesen, da sind wir Liebe, nichts als Liebe. Da sind wir eins mit Gott und mit all unseren Mitmenschen und mit der gesamten Schöpfung. Aber nur da.

Die Frage „Was ist das Problem?“ kann ich also in einem ersten Anlauf so beantworten: Das Problem ist, dass wir uns als abgetrennte Individuen erfahren, die in eine Welt der Zweiheit hineingeboren wurden, in eine Welt, in der es hoch und tief gibt, laut und leise, mich und dich, gut und böse, warm und kalt. Alles hat sein Gegenteil, und das Schöne daran ist: Zwar kann kein Mensch ganz und gar gut sein, wir sind immer auch böse. Es kann aber auch kein Mensch ganz und gar böse sein, wir sind immer auch gut. Und zu Gut und Böse werde ich später noch etwas mehr sagen.

Jetzt aber erst einmal die gute Nachricht: Das Problem besteht ja nur in der Welt der Zweiheit, der Ent-zweiung. Im tiefsten Kern sind wir gar nicht abgetrennt. Im tiefsten Kern gibt es also gar kein Problem.

Es gibt kein Problem zwischen Gott und uns.

Deswegen gibt es in der Bibel so viele wunderbare Zusagen. Etwa im Buch Jeremia: „Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ Oder ein Gedanke von Paulus, aus dem Römerbrief: „Ich bin überzeugt, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch (unsichtbare) Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges … weder Hohes noch Tiefes, noch sonst irgendetwas in der ganzen Schöpfung uns je von der Liebe Gottes trennen kann, die uns geschenkt ist in Jesus Christus, unserem Herrn.“ (Röm 8,38 NGÜ)

Von Gottes Seite her besteht kein Problem. Paulus kann sagen: „Lasst euch versöhnen mit Gott“ – denn Gott ist längst versöhnt, mehr noch: Gott war nie unversöhnt. Nur wir müssen uns versöhnen lassen, wir müssen es kapieren, dass Gott keinen Unterschied macht zwischen drinnen und draußen, zwischen geliebt und abgelehnt. Im Evangelium, diesem Abschnitt aus der Bergpredigt, haben wir es vorhin gehört: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Darin besteht die Vollkommenheit Gottes, dass er keinen Unterschied macht zwischen Guten und Bösen, zwischen Gerechten und Ungerechten.

Ja, aber!

Gibt es nicht in der Bibel auch ganz viele Sätze, in denen vom Zorn Gottes die Rede ist, von Strafe, von Verdammnis? Heißt es nicht in ebendem Kapitel aus der Bergpredigt: „Wer zu seinem Bruder sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig“? Und heißt es nicht auch in der Bergpredigt: „Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind’s, die auf ihm hineingehen. Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind‘s, die ihn finden“?

Ja, solche Sätze gibt es zuhauf, und sie scheinen ja geradewegs dem zu widersprechen, was ich eben gesagt habe. Da scheint es eben doch ein Problem zu geben, ein massives Problem zwischen Gott und den Menschen. Was machen wir denn mit all den Gerichtsworten, mit all dem Heulen und Zähneklappern, mit all den Strafandrohungen?

Ich glaube, hier müssen wir wirklich genau hinsehen, wie wir mit der Bibel umgehen. Und wie wir die Bibel heute verstehen können und müssen.

Ich verstehe es so: Die Bibel ist nicht in dem Sinn Heilige Schrift, dass der Heilige Geist den biblischen Autoren direkt ins Ohr gesagt hätte, was sie schreiben sollen. Die Bibel ist Heilige Schrift in dem Sinn, dass in ihr Menschen ihre Erfahrungen mit Gott aufgeschrieben haben. Und die Menschen, die die Bibel geschrieben haben, lebten in der Antike. Sie hatten ein Bewusstsein und eine Vorstellungswelt, wie sie heute vielleicht die Taliban haben, um es ganz drastisch zu sagen. Für sie gab es ganz klar dieses Drinnen und Draußen, dieses Gut und Böse, dieses Gerettet und Verloren. Und klar war: Drinnen sind wir, die andere sind draußen. Gut sind wir, die andere sind böse. Gerettet sind wir, verloren die anderen. Und so haben sie auch ihre Erfahrungen mit der tiefsten Wirklichkeit gedeutet, die wir Gott nennen.

Sie konnten das nicht anders. Sie lebten in einer Welt, in der die Todesstrafe eine Selbstverständlichkeit war, in der Eltern ihre Kinder selbstverständlich schlugen, in der Krieg eine ständige Realität war.

Wir haben heute andere Maßstäbe. Wir haben die Todesstrafe abgeschafft und verstehen den Justizvollzug nicht als Strafe oder Rache, sondern als Versuch der Resozialisierung. Wir haben einen Paragrafen im Strafgesetzbuch, der die körperliche Züchtigung von Kindern verbietet. Und wir denken heute anders über Gut und Böse. Die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft nicht zwischen uns und den anderen, sie verläuft mitten durch uns hindurch. Niemand von uns ist ganz gut, niemand ist ganz böse. Wo verläuft dann die Trennlinie? Wird die Person eingelassen zum Festmahl Gottes, die zu 51 Prozent Gutes getan hat – und wird derjenige ins ewige Höllenfeuer gesteckt, der nur 49 Prozent geschafft hat? Das ist doch absurd. Wir können Menschen nicht mehr so einfach einteilen in Schwarz und Weiß, wir sind doch alle mehr oder weniger grau-kariert.

Ich sage es noch einmal, etwas kühn: Wir haben die Todesstrafe abgeschafft aus ethischen Gründen. Wir haben die körperliche Züchtigung abgeschafft aus ethischen Gründen. Sollte Gott ethisch weniger hoch stehen als wir Menschen? Sollte unser ethisches Urteil differenzierter sein das das von Gott? Sollten wir Menschen davon, wie die Gene einen Menschen bestimmen, wie Erziehung und Lebensumstände den Charakter eines Menschen formen – sollten wir Menschen davon mehr verstehen als Gott?

Ehrlich gesagt: Ich traue es Gott durchaus zu, dass er noch sehr viel mehr Verständnis hat als ich, dass sein ethisches Urteil sehr viel differenzierter ist  und sehr viel höher steht als meins. Ich bin mir gewiss, dass Gott sehr genau sieht, wie es dazu kommt, dass der eine ein Massenmörder wird und der andere ein Wohltäter der Menschheit.

Mit anderen Worten: Ich glaube, die Vorstellung, dass Gott irgendeinen Menschen bestraft für ir-gend­etwas, und sei es das schlimmste Verbrechen – ich glaube, diese Vorstellung ist zeitgebunden. Und dass wir uns, wenn wir die Bibel verstehen wollen, klar machen müssen, unter welchen Umständen und in welchem Bewusstsein die Menschen lebten, die die Bibel aufgeschrieben haben.

Ich würde nicht sagen, dass wir es heute besser wissen. Ich würde sagen, wir haben heute ein differenzierteres und ein komplexeres Verständnis von Welt und Mensch, als es die Menschen damals hatten, und demzufolge ist für uns ein weiteres und offeneres Gottesbild angemessener.

Gott straft nicht. Gott weiß doch, dass wir in der innersten Tiefe nichts sind als lauter Liebe. Nein, Gott wird uns nicht strafen, wenn die Trennung einmal aufgehoben ist und wir heimkehren zu ihm, wenn wir eingehen ins Große Ganze. All unsere Angst, all unsere Egozentrik, ja: all unsere Bosheit wird einfach wegschmelzen wie Schnee in der Sonne, wenn wir in die Gegenwärtigkeit von Gottes Liebe eingetaucht sind.

Was also ist das Problem? Solange wir in dieser Welt der Entzweiung leben, können wir die lautere Liebe, die wir sind, nur in Ansätzen verwirklichen. Wir sind immer wieder gebeutelt von Angst, wir grenzen uns ab, wir schauen auf unseren Vorteil, wir unterscheiden zwischen Freund und Feind. All das ist unvermeidlich. Aber in der tiefsten Tiefe, im innersten Kern, in unserem wahren Sein und Wesen gibt es kein Problem. Gott ist uns gut, immer und unter allen Umständen. Und je mehr diese Gewissheit unser Leben und Empfinden bestimmt, desto eher sind wir vielleicht in der Lage, diese reine, lautere Liebe, die wir im Innersten sind, hinausstrahlen zu lassen in die Welt. Nie ganz  und rein, aber immer wieder mal ein bisschen mehr.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in  Christus Jesus, unserem Bruder, dem Herrn.

 

Was ist der Mensch?

Fraktal bunt

 

Das Pendant zu meiner Predigt vom 5. August 2018 („Was ist Gott“), gehalten am 26. August 2018 in der Kreuzkirche München-Schwabing und in St. Markus, München-Maxvorstadt.

 

Was ist der Mensch?

Liebe Gemeinde, das ist eine Frage, sicher so alt wie die Menschheit selbst. Ich glaube, seit es Menschen gibt, stellen sie diese Frage. Vielleicht ist sogar das der entscheidende Unterschied zwischen Tier und Mensch: dass der Mensch nach sich fragen kann. Dass er nicht einfach selbstverständlich da ist, halt einfach so. Und die Urgeschichte der Bibel, aus der wir vorhin einen kurzen Ausschnitt gehört haben, geht genau dieser Frage nach: Was ist der Mensch denn eigentlich?

Zunächst einmal: Es gibt, wie viele wissen werden, am Anfang der Bibel nicht eine Schöpfungsgeschichte, sondern zwei. Nach der zweiten, der älteren, ging die Erschaffung des Mensch so: Gott der Ewige machte den Menschen aus Staub von der Erde – so wie ein Bildhauer, der seine Werke aus Lehm herstellt, aus Staub mit Wasser vermischt. Dann aber heißt es: Und Gott blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase, und so wurde der Mensch ein lebendiges Wesen.

Wir haben also Gottes lebendigen Odem in uns, Gottes Atemhauch. Was uns bewegt und was uns lebendig macht, kommt direkt von Gott. Der Körper ist aus Staub, aber das Leben, das den Körper bewegt, ist direkt von Gott.

Und im jüngeren Schöpfungsbericht, im ersten Kapitel der Bibel, steht: Gott sprach: Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei … und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn, und schuf sie als Mann und Frau. Wir Menschen sind also nach dieser Geschichte Gottes Ebenbild, ihm gleich, von seinem Atem belebt.

Und später, im Neuen Testament, sagt Jesus, wir sollen Gott unseren Vater nennen. Nicht nur Gottes Ebenbilder sind wir, wir sind Gottes Kinder. Söhne und Töchter Gottes.

Gottes Kinder. Seit langem schon frage ich mich, wieso die meisten Menschen eigentlich einen grundsätzlichen Unterschied machen zwischen dem Sohn Gottes – sprich: Jesus Christus – auf der einen Seite und den Töchtern und Söhnen Gottes auf der anderen Seite. Ich frage mich, ob Gott zwei Klassen von Kindern hat – hier der eine, der eingeborene Sohn, und da die anderen. Wir halt.

Was sagt die Bibel denn damit, dass sie uns Menschen als Gottes Kinder bezeichnet? Ich stelle mich einmal ganz naiv: Das „Kind“ eines Pferdes ist ein Pferd. Das „Kind“ eines Gorillas ist ein Gorilla. Das Kind eines Menschen ist ein Mensch. Und das Kind Gottes?

Warum sträuben sich eigentlich bei vielen Christen die Nackenhaare, wenn man sagt, dass wir Menschen göttlichen Ursprungs sind, dass wir – tief drin, in unserem wahren, eigentlichen, tiefsten Selbst – dass wir tief drin Gott sind?

Mir ist vor einiger Zeit ein schönes Bild begegnet. Sie haben wahrscheinlich schon mal den Begriff Hologramm gehört, wahrscheinlich haben Sie auch schon mal ein Hologramm gesehen. Das ist ein dreidimensionales Bild, das vor der Platte zu schweben scheint, auf der es gespeichert ist. Technisch funktioniert das Ganze mit Lasern und irgendwelchen Phasenverschiebungen von polarisiertem Licht – fragen Sie mich nicht. Aber so ein Hologramm ist faszinierend. Nicht nur, weil es plastisch ist, dreidimensional. Es ist auch so: Wenn Sie, sagen wir mal, eine Postkarte mit einem Baum drauf zerschneiden, haben Sie zwei halbe Postkarten, eine mit dem Stamm und eine mit der Krone. Wenn Sie ein Hologramm von einem Baum zerschneiden, haben Sie zwei kleinere Hologramme – und auf beiden ist jeweils der ganze Baum zu sehen. Nur eben kleiner und mit weniger Details. Und wenn Sie ein Hologramm in tausend kleine Fitzelchen zerschneiden, haben Sie tausend kleine Hologramme – jeweils den ganzen Baum, nur kleiner und mit weniger Details.

Und nun stelle ich mir vor, dass ich in meinem tiefsten Inneren ein klitzekleines holografisches Fitzelchen von Gott bin – ganz Gott, nur eben viel, viel kleiner und mit viel weniger Details.

Das ist natürlich nur ein Bild, aber wie sollten wir von Gott und unserem Verhältnis zu Gott anders sprechen als in Bildern? Wenn die Bibel uns als Töchter und Söhne Gottes bezeichnet, ist das ja auch ein Bild.

Was ist der Mensch? Ich sage einmal versuchsweise: Eine klitzekleine, holografische Ausgabe von Gott.

 

***

Jaaa – aber!

Ist das denn nicht die Ursünde schlechthin, dass die Menschen sein wollen wie Gott? Haben wir das nicht gerade vorhin in der Lesung gehört, in der Geschichte vom Sündenfall – hat da nicht die Schlange gesagt: „Ihr werdet sein wie Gott“, und damit hat sie die Menschen verführt, gegen Gottes Gebot zu verstoßen?

Hm.

Zunächst mal: Es ist etwas völlig anderes, ob ich sein will wie Gott – oder ob ich demütig und dankbar erkenne: Tief in meinem innersten, wahren Wesen bin ich göttlich. Das gibt ja keinerlei Anlass zur Überheblichkeit, diese Erkenntnis, zumal sie immer ergänzt werden muss durch die weitere Erkenntnis: Wenn ich selbst göttlich bin, dann bist du und du und du das auch – und selbst mein unsympathischer Kollege ist göttlich. Kein Grund, sich irgendetwas darauf einzubilden.

Wer nicht weiß, dass er oder sie im Kern göttlichen Ursprungs und göttlichen Wesens ist, will dann vielleicht werden wie Gott. Das ist etwas anderes. Damit sagt er: Ich bin getrennt von Gott, aber ich will so werden wie Gott. Ich will Anteil haben an seiner Macht und Herrlichkeit. Das ist tatsächlich etwas ganz anderes. Es behauptet gerade die Trennung von Gott und zementiert sie damit.

 

***

Aber lassen Sie uns doch einmal einen genaueren Blick auf die Geschichte werfen, diese Geschichte vom sogenannten Sündenfall.

Zunächst könnte einem auffallen, dass das Wort Sünde überhaupt nicht vorkommt in der Geschichte und auch nicht das Wort Strafe. Es kommt auch der Teufel nicht vor, wie das viele meinen. Es kommt eine Schlange vor, einfach ein Tier, allerdings das schlaueste, das listigste von allen Tieren.

Die Schlange weist Eva auf den Baum hin, von dem sie nicht essen soll. Das ist nun nicht ein x-beliebiger Apfelbaum. Es ist der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Und wer von dem Baum isst, wird wie Gott, das heißt, er kann zwischen Gut und Böse unterscheiden.

Adam und Eva können das noch nicht. Sie wissen den Unterschied zwischen Gut und Böse nicht. Sie leben sozusagen in paradiesischer Unschuld. Unbewusst, wie ganz kleine Kinder. Sollte das wirklich Gottes Plan mit seinen Menschen gewesen sein, mit seinen Ebenbildern? Dass sie immer unwissend bleiben, unbewusst, dass sie zwischen Gut und Böse nicht unterscheiden können? Dass sie immer Kinder bleiben?

Das kann ich mir irgendwie nicht vorstellen. Zumal ich mir auch nicht vorstellen kann, dass Gott nicht weiß, dass etwas, das verboten ist, erst so richtig interessant wird.

Könnte es sein, dass Gott sogar wollte, dass Adam und Eva von dem Baum essen?

Hm.

 

***

Ja, aber. Als sie gegessen haben, werden sie doch bestraft. Oder etwa nicht?

Wie gesagt, das Wort Strafe kommt in der Geschichte nirgends vor. Und ich finde auch sachlich nirgends eine Strafe. Sehen wir noch einmal genauer hin.

Gott hat den Menschen verboten, von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen. „An dem Tag, an dem ihr davon esst, werdet ihr sterben.“

Und, sterben sie? Mitnichten. Die Schlange behält Recht, die sagt: Ihr werdet keineswegs sterben, sondern euch werden die Augen aufgehen und ihr werdet zwischen Gut und Böse unterscheiden können, so wie Gott. Die Schlange sagt also die reine Wahrheit. Sie sterben nicht, aber: Ihnen gehen die Augen auf. Als Erstes sehen sie, dass sie nackt sind. Nicht dass Nackt-Sein etwas Böses wäre. Es ist einfach ein Bild dafür, dass sie ein Bewusstsein für sich selbst bekommen. Se werden erwachsen.

Ja, sie werden bewusst, jetzt können sie zwischen Gut und Böse unterscheiden, und sofort kommt das Gewissen ins Spiel. Das schlechte Gewissen in diesem Fall. Es den bringt Mann dazu, die Schuld auf die Frau zu schieben und es bringt die Frau dazu, die Schuld auf die Schlange zu schieben.

Und dann kommt die Strafe. Oder etwa nicht? Gott verflucht – ja, nicht die „bösen“ Sünder. Er verflucht die Schlange, das hat vermutlich einen tief reichenden religionsgeschichtlichen Hintergrund, den ich heute nicht aufdröseln kann. Und er verflucht den Acker und er kündigt der Frau an, dass sie unter Schmerzen gebären muss.

Ja, so ist das, wenn man erwachsen wird. Dann werden Frauen schwanger, und ein Kind zu gebären ist kein Kinderspiel. Und die Männer (es ist eine Geschichte aus der Zeit des ungebrochenen Patriarchats, deswegen arbeitet nur der Mann für den Lebensunterhalt), die Männer also müssen sich abmühen, um das tägliche Brot zu erwirtschaften im Schweiße ihres Angesichts. Aber das ist keine Strafe. Das ist einfach eine Konsequenz. Ungefähr so, wie wenn eine Mutter ihrem Kind sagt: „Fasse nicht auf die heiße Herdplatte!“ Und wenn das Kind es doch tut und sich Brandblasen holt, dann ist das keine Strafe, sondern eine Konsequenz aus seinem Handeln, seiner Neugier und seinem Forscherdrang, um es einmal positiv zu sagen.

Ich denke, so ist das mit dem Gebären und dem Schweiß des Angesichts. Die paradiesische, kindliche Unschuld ist verloren, es führt auch kein Weg mehr zurück – das beschreibt die Bibel mit dem Bild, dass ein Wächterengel mit Flammenschwert vor dem Eingang des Gartens Eden postiert wird.

Die Menschen sind nun also erwachsen. Sie sind ausgetrieben aus dem Paradies – ich finde es übrigens sehr bemerkenswert, dass man bei einer Geburt auch sagt: Das Kind wird ausgetrieben aus dem Mutterleib. Aber das nur am Rande.

Und was macht Gott? Weit entfernt davon, die Menschen zu strafen, kümmert er sich liebevoll um sie. Höchstpersönlich macht er ihnen Kleider aus Fell, damit sie nicht frieren müssen, und er lehrt sie den Ackerbau, damit sie sich ernähren können, jenseits von Eden.

 

***

Was bleibt also: Die Menschen müssen sich abmühen, sich schützen gegen Kälte und Hunger und gegen Neid und Streit. Sie entwickeln Abwehrstrategien und Charakterpanzer, und mit der Zeit verschwindet der göttliche Kern hinter einer immer dickeren Kruste aus Gewohnheiten, aus Egozentrik und Neurosen. Die sind nicht göttlich, die sind allzu menschlich. Und doch: Der innerste göttliche Kern bleibt. Und manchmal blitzt ein kleines Stück unserer eigentlichen Wesens und unseres ursprünglichen Glanzes hervor: Dann, wenn wir wirklich in der Liebe sind. Denn Gott ist die Liebe.

Und deshalb verstößt Gott auch seine Kinder nicht. Im Gegenteil. Er liebt seine Kinder so, dass er selbst eins von ihnen wird. Und indem Gott Mensch wird, ist vollends klar, dass das Menschliche in Gott aufgehoben ist, seinen Platz hat im innersten Herzen Gottes. Und so beginnt die Geschichte der Versöhnung. Aber das ist eine andere Geschichte. Für heute soll es genug sein.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder, dem Erstgeborenen. Amen

 

Was ist Gott?

Diese Predigt ist inspiriert von einem Vortrag von Marcus J. Borg, „What is God?“ Borg bringt in diesem kurzen Vortrag vieles auf den Punkt, was ich seit langem denke und worüber ich seit langem rede und predige. Am 5. August 2018 habe ich mein gegenwärtiges Bild von Gott in eine Themenpredigt gefasst.

Pferdekopfnebel

 

Was ist Gott?

Liebe Gemeinde, das scheint ja eine eher unpassende Frage zu sein – in einem Gottesdienst! Sollte nicht sonnenklar sein, wen oder was wir hier feiern, wenn wir zum Gottesdienst zusammenkommen?

Meine erste Antwort: Schön wär’s! Schön wär’s, wenn wir alle, die hier heute anwesend sind, auf Anhieb erklären könnten, was sie meinen, wenn sie das Wort „Gott“ aussprechen.

Aber auch wenn das so sein sollte. Selbst wenn wir alle eine schlüssige Antwort parat hätten auf die Frage: „Was ist Gott?“ – selbst dann ist es kein Schaden, sich einmal in Ruhe dieser Frage zu stellen. Denn wir Menschen verändern uns, wir entwickeln uns, und auch unser Glaube darf und soll sich entwickeln. Damit er zu unserem Leben passt.

Ich selbst kann von mir sagen, dass sich mein Glaube mehrmals in meinem Leben grundlegend gewandelt hat. Und das in doppelter Hinsicht: Gewandelt hat sich das „Wie“ meines Glaubens wie auch das, woran ich glaube. Und gleichzeitig – das ist das Geheimnisvolle – ist dieses „Was“, woran ich glaube, immer sich selbst ähnlich geblieben, so wie ich mir selbst ähnlich geblieben bin in all den Entwicklungen und Veränderungen.

 

***

Ich glaube, es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten, die Frage „Was ist Gott“ zu beantworten.

Die erste Möglichkeit: Gott ist ein Wesen. Das höchste Wesen, sicher, aber Gott ist ein Wesen. Er – halt! Da wird es schon kompliziert! Dieses höchste Wesen hat sicher kein Geschlecht wie wir Menschen ein Geschlecht haben. Gott ist kein Mann und keine Frau. Trotzdem ist das Wort „Gott“ grammatikalisch männlich und in der Vorstellung der allermeisten Menschen ist Gott sicher männlich. Selbst wenn wir in den letzten Jahrzehnten zunehmend auch weibliche Bilder für Gott entwickelt und wiederentdeckt haben – Gott ist für die meisten Menschen ein Mann.

Auch wenn die meisten hier Anwesenden sich Gott wohl nicht als alten Mann mit langem Bart vorstellen, wie er in meiner Kindheit im Gottbüchlein dargestellt war oder wie er auf den Bildern von Schnorr von Carolsfeld zu sehen ist und auf vielen Fresken, nicht zuletzt in der Sixtinischen Kapelle – Sie kennen sicher das Bild von der Erschaffung Adams, Gott als mächtiger, älterer Mann, umgeben von Putten und Engeln, im Arm die Weisheit als junge Frau, und er streckt seinen Zeigefinger Adam entgegen, der sich gerade aus der Erde erhebt.

So gut ich weiß, dass Gott ganz sicher nicht so aussieht, im Unbewussten regt sich unwillkürlich ein solches Bild, wenn ich das Wort Gott höre. Diese Bilder sind so stark und so tief in unserem kulturellen Gedächtnis verankert, dass etwa der spirituelle Lehrer Eckhart Tolle einmal gesagt hat, dass er ganz auf das Wort Gott verzichtet und stattdessen Ausdrücke verwendet wie „das Sein selbst“ oder „das Leben“ – und ich kann es ihm nicht verdenken.

Das Problem dabei, wenn wir uns Gott als Wesen vorstellen, ist dies: Ein Wesen, und wenn es auch das höchste Wesen ist, ist immer irgendwie begrenzt, denn es unterscheidet sich von anderen Wesen. Es steht mit dieser Welt zwar in Beziehung, aber es unterscheidet sich doch von dieser Welt. Es ist irgendwie „dort“, in einem wie auch immer gearteten Jenseits. Auch wenn das höchste Wesen Gott mit dieser Welt zu tun hat und in ihr gegenwärtig ist, ist seine „Heimat“ eigentlich doch anderswo. Das meinen wir, wenn wir vom „Himmel“ sprechen. Natürlich wissen wir, dass Gott nicht „da oben“ ist, auf einer Wolke. Aber so ganz hier in dieser Welt geht er auch nicht auf.

Nächster Punkt: Wenn wir uns Gott als höchstes Wesen vorstellen, dann stellen wir ihn uns auch vor wie eine Person: Mit Eigenschaften, die dieses Wesen, diese Person, von anderen Wesen und von anderen Personen unterscheiden. Das sind natürlich sehr einmalige Eigenschaften: Wir stellen uns Gott als allmächtig vor, als allwissend, als allgegenwärtig. Und doch in irgendeiner Weise begrenzt.

Ein Beispiel. Wenn wir sagen: Gott ist gut – was ist dann mit dem Bösen? Wenn wir sagen: Gott ist unsterblich – was ist dann mit dem Tod? Wenn wir sagen: Gott ist liebevoll – hat diese Liebe dann Grenzen? Wenn wir sagen: Gott ist gerecht – beißt sich das nicht mit der Aussage, dass Gott barmherzig ist? Hebt die Barmherzigkeit nicht die Gerechtigkeit auf, oder kommt sie ihr nicht zumindest immer mal wieder dazwischen?

Und schließlich: Dieser Gott, den wir uns als Wesen vorstellen, der greift von Zeit zu Zeit in den Lauf der Welt ein. Er hat Wunder getan, jedenfalls in den biblischen Zeiten, und er erhört Gebete: Er rettet Menschen, er heilt Menschen, er ändert den Lauf der Ereignisse – jedenfalls manchmal. Warum er manchmal eingreift und manchmal anscheinend nicht – ja, das ist sein Geheimnis.

All das schwingt mit, wenn wir uns Gott als Wesen vorstellen – als „jenes höhere Wesen, das wir verehren“, um mit Dr. Murke zu sprechen. Darauf können sich ja viele noch einlassen: Irgendein höheres Wesen muss es ja doch irgendwie geben…

Diese Vorstellung, Gott sei ein höheres oder auch das höchste Wesen, ist in unserer Kultur weit verbreitet und auch in unserer Kirche – und natürlich findet sich diese Vorstellung auch allenthalben in den heiligen Schriften, natürlich auch in der Bibel.

 

***

Aber auch in der Bibel gibt es durchaus andere Vorstellungen und Bilder von Gott. „Gott ist Geist“ heißt es zum Beispiel im Johannesevangelium. Und: „Gott ist die Liebe“ im 1. Johannesbrief. Damit sind wir bei der zweiten grundlegenden Möglichkeit, von Gott zu sprechen. Gott ist dann so etwas wie die allumfassende Wirklichkeit, das Sein selbst, der Geist, der alles durchdringt und allem zugrunde liegt. Gott ist die Tiefe in und hinter allem, Gott ist das Geheimnis der Welt. Gott ist du Summe all dessen, was ist, und Gott ist die Summe aller Möglichkeiten, also die Summe all dessen, was noch werden kann. Gott ist das Große Ganze, so sage ich selbst gern. Oder: Gott ist das Ein und Alles.

Oder, wie wir vorhin in der Lesung aus der Apostelgeschichte gehört haben: Gott ist keinem von uns fern, denn in ihm leben, weben und sind wir. Dieser Gott ist der Welt nicht gegenüber. Er ist nicht irgendwo in irgendeinem Jenseits. Dieser Gott ist hier. Mitten unter uns. Inwendig in uns. Er durchströmt und belebt uns. Sie gebiert uns jeden Augenblick neu. Sie ist die Energie und Kraft, die alles in jedem Augenblick im Dasein hält.

Dieser Gott ist immer bei uns, in uns, unter uns. Dieser Gott ist das eigentliche Leben in uns. Alles, was uns bewegt, was uns lebendig macht, was sich in uns in Liebe bewegt.

Wenn wir uns Gott auf diese Weise vorstellen, dann hat das eine Reihe von Konsequenzen.

Zum Beispiel: Diesen Gott brauchen wir nicht zu fürchten. Dieser Gott wird uns niemals strafen. Er ist ja in uns, er kennt all unsere Motive, er weiß, weshalb wir oft egozentrisch sind und böse. Er weiß, welches Leid und welche Ängste und welche Entbehrungen unserer Egozentrik und unserer Bosheit zugrunde liegen. Und er versteht uns durch und durch, viel besser, als wir uns jemals selbst verstehen werden.

Jetzt höre ich schon den Einwand: Ja, wenn Gott nicht straft, wenn wir uns nicht fürchten müssen, dass wir für unser Fehlverhalten bestraft werden – dann können wir doch alles machen, was wir wollen. Dann geht es in der Welt doch drunter und drüber, jeder verfolgt nur seine eigenen egoistischen Interessen und denkt nicht mehr ans Gemeinwohl. Aber im Ernst: Ist es wirklich ethisch hochstehend, wenn wir uns nur aus Angst vor Strafe an bestimmte Vorschriften halten? Jesus jedenfalls lädt uns ein, aus Liebe zu handeln und nicht aus Furcht vor Strafe. Aus innerer Überzeugung, weil wir es als richtig erkannt haben.

Aber das ist nur ein Aspekt, es gibt noch andere Konsequenzen, wenn wir uns Gott nicht als Wesen vorstellen, sondern als das Geheimnis und die Tiefe der Welt. Vielleicht die schärfste Konsequenz ist die: Wir können nicht mehr davon ausgehen, dass Gott in unser Leben eingreift wie von außen. Wir können nicht mehr davon ausgehen, dass Gott die Naturgesetze aufhebt, die er selbst geschaffen hat, um unsere Bitten zu erfüllen. Diesen Gott können wir nicht mehr anklagen wegen des Leids in der Welt und wegen des Bösen, das wir und viele andere Menschen erleben. Denn dieser Gott lenkt nicht die Schicksale, wie ein Marionettenspieler seine Puppen lenkt. Dieser Gott lebt in und mit uns, und dieser Gott leidet in und mit uns, und dieser Gott ist immer an unserer Seite, in unserem Herzen, in unserer innersten Seelentiefe.

Da höre ich wieder einen Einwand. Wie kann ich dann noch beten, wenn Gott doch nichts für mich tut?

Dazu fällt mir zweierlei ein. Erstens: Natürlich kann ich dann noch beten. Ich kann auch, zum Beispiel, um Schutz und Unterstützung für meine Lieben beten. Oder um Weisheit für die Politiker. Denn das ist einfach ein Ausdruck dessen, dass mir das Wohlergehen meiner Lieben am Herzen liegt und das Wohlergehen der Menschheit. Ich äußere meine Sorge oder meine liebenden Gedanken – und wer weiß, auf welchen Wegen dann manche dieser Wünsche doch eine Erfüllung finden.

Das zweite, was ich zu dem Einwand sagen möchte, den ich gerade formuliert habe – wie kann ich noch beten, wenn Gott doch nichts für mich tut? – das zweite ist dies: Natürlich kann ich das Gespräch mit Gott suchen und pflegen. Aber dieses Gespräch besteht dann nicht mehr aus „Mach doch dies, tu doch jenes…“ Wenn ich eine Liebesbeziehung zu Gott suche und Pflege, dann werde ich mit ihm reden wie mit einem geliebten Menschen. Zu meiner Frau sage ich ja auch nicht andauernd nur: Tu dies, mach jenes für mich. Ich erzähle ihr, was ich erlebt habe, ich frage sie um Rat und versuche dann auch, darauf zu hören, was sie mir sagt. Und schließlich sage ich ihr, so oft es geht, dass ich sie liebe. Und ich höre ihr zu. So sieht für mich ein Gespräch zwischen Liebenden aus.

Mit Gott kann ich nicht ganz so direkt reden wie mit meiner Frau, jeden falls höre ich seine Antworten nicht akustisch im Ohr. Aber ich kann Gott von meinem Leben erzählen, ich kann Gott mein Leid klagen, ich kann Gott sagen, wie sehr ich mich über dies oder jenes freue. Ich kann Gott sagen, dass ich ihn liebe, ich kann ihn einfach beständig beim Namen nennen: Du, du, du… oder: Christus – Jesus. Und schließlich: Ich kann lauschen, in der Stile lauschen auf das, was Gott mir in der Stille mitteilen mag. Wie gesagt, das höre ich nicht akustisch über die Ohren. Ich kann es, wenn ich still genug bin, im Herzen hören. Dazu muss mein Herz sich einschwingen und einstimmen auf Gott, der in der Tiefe meines Herzens wohnt.

Denn das ist das innerste Wesen der Gottesliebe: Wir werden dessen inne, dass wir in Gott leben, weben und sind, wie Paulus es gesagt hat, und umgekehrt: Gott lebt in uns, webt in uns und ist in uns. Und noch mehr: In unserer innersten Seelentiefe sind wir selbst dieser Gott. Du und du und du und ich. Gott ist unser innerstes, tiefstes Wesen. Am Grunde unserer Existenz sind wir eins mit Gott. Dazu in drei Wochen mehr, denn am 26 August soll es um die Frage gehen: Was ist der Mensch?

Aber noch einmal, und damit komme ich zum Schluss: Gott ist unser innerstes, tiefstes Wesen – das bedeutet schließlich, dass es nichts Heiliges mehr gibt. Oder besser: Alles ist heilig. Alles ist Gottes voll. Es gibt keinen Unterscheidung mehr zwischen heilig und profan, zwischen himmlisch und weltlich. Gott in allen Dingen suchen und finden – das ist der Wahlspruch der Jesuiten, die eine große mystische und kontemplative Tradition pflegen. In allen Dingen. Das ist das Ziel eines Christenlebens: Gott in allen Dingen suchen und finden – und lieben.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, dem großen Liebenden, der uns begegnen will in allen Dingen, du in unserem Herzen. Amen.