Spiritualität und Ethik

Keine Predigt, sondern ein Vortrag. Zum 15-jährigen Bestehen des Benediktushofs, des von Willigis Jäger gegründeten und lange auch von ihm geleiteten Meditationszentrums, war ich eingeladen, den Eröffnungsvortrag zu halten. Thema: „Spiritualität und Ethik in der Welt von heute.“ Noch globaler geht’s nicht, dacht ich zuerst. Aber dann ist mir doch etwas eingefallen. Hier das Video und das Manuskript.

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Zengarten im Benediktushof; Foto: privat

 

Spiritualität und Ethik in der Welt von heute

Verehrte Anwesende, liebe Freundinnen und Freunde und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Benediktushofs, sehr geehrte Damen und Herren,

das ist für mich eine große Ehre, hier heute den Anfang zu machen. Und ich gratuliere dem Benediktushof, ich gratuliere Willigis Jäger und allen, die hier mitgearbeitet haben und mitarbeiten, allen, die dieses schöne Zentrum aufgebaut haben und die dazu beitragen, dass der Benediktushof lebt und blüht. Es ist ein wunderbarer Ort und Sie machen eine sehr wichtige Arbeit, „in der Welt von heute“. Herzlichen Glückwunsch!

 

Spiritualität und Ethik in der Welt von heute.

Was heißt Spiritualität? Ich denke, in dieser Runde muss ich nicht groß betonen, dass es bei Spiritualität um weit mehr geht als das, was heute in Frauenzeitschriften unter diesem Begriff verhandelt wird. Es geht nicht um Räucherstäbchen, Wellness-Yoga und die Buddha-Statue im Spa. Ich möchte Spiritualität auch nicht verstehen als Kampfbegriff gegenüber der institutionalisierten Religion nach dem Motto: Wir sind spirituell, aber nicht religiös. Eine solche Haltung hat durchaus ein gewisses Recht, aber sie reißt etwas auseinander, was zusammengehört. Deshalb möchte ich hier eine ganz elementare Definition vorschlagen.

Für mich heißt Spiritualität: Der Bezug zu einer wie auch immer gearteten Transzendenz. Also zu etwas, das die vorfindliche Welt übersteigt, trans-zendiert. Das kann Gott sein, die Buddha-Natur, das höhere Selbst, das Universum. Es geht um den Bezug zu einer so verstandenen Transzendenz, im Bewusstsein und in der Haltung. Und dazu gehört für viele auch die Übung, um den Kontakt zu dieser Transzendenz, zum Großen Ganzen, zu erspüren und zu pflegen.

Den zweiten Begriff, Ethik, kann ich nicht ganz so leicht definieren. Eigentlich kann ich erst am Ende dieses Vortrags genauer sagen, was ich darunter verstehen möchte. Deshalb hier am Anfang nur so viel: Bei Ethik geht es, ganz kurz gesagt, um das rechte Verhalten. Das hat individuelle Aspekte und es hat gesellschaftliche und politische Aspekte – das soll für den Anfang genügen.

Und der dritte Begriff, die Welt von heute – auch hier, und erst recht hier wird erst im Laufe des Vortrags deutlich, was darunter zu verstehen ist. Ich setze hier also ein Fragezeichen, aber ich verspreche Ihnen, dass es dabei nicht bleibt.

 

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Spiritualität und Ethik in der Welt von heute – ich möchte das Thema, wie ich es verstehe, so umschreiben: Welches ist das Verhältnis zwischen unserem bewussten Handeln einerseits und unserem Bezug zur Transzendenz auf der anderen Seite, und zwar unter den Bedingungen dieser Welt, in der wir heute leben? Anders gesagt: Zwischen Spiritualität und Ethik scheint es einen Zusammenhang zu geben – und der sollte so gestaltet sein, dass er in unsere heutige Welt passt, dass er uns heutige Menschen trifft und uns hilft oder befähigt, ein ethisch annehmbares Leben zu führen.

Ich bin auf einen Satz von Matthieu Ricard gestoßen. Matthieu Ricard, geboren 1946, ist oder war Mikrobiologe und geht seit 50 Jahren den Weg des tibetischen Buddhismus, er ist der offizielle Französisch-Übersetzer des Dalai Lama und er arbeitet intensiv am Dialog zwischen Buddhismus und modernen Wissenschaften. Seine Dialoge mit dem Astrophysiker Trinh Xuan Thuan erschienen im Jahr 2001 unter dem Titel „Quantum und Lotus“, und in diesem Buch fand ich folgenden Satz, der einen bestimmten Begriff von Ethik voraussetzt, nämlich einen individuellen Ansatz. Hier das Zitat:

„Es gibt eine Vielzahl von Zeichen, die anzeigen, dass ein Mensch erfolgreich den kontemplativen Weg geht. Das Wichtigste ist aber zweifellos, dass nach einigen Monaten oder Jahren unser Egoismus schwächer und unser Mitgefühl für andere stärker wird. Wenn Fixiertheit, Hass, Hochmut und Neid nicht geringer werden, dann hat man seine Zeit verloren, ist vom Weg abgekommen und täuscht damit sich und andere.“[1]

Hier wird ein eindeutiger Zusammenhang hergestellt. Wenn ein Mensch Fortschritte auf dem spirituellen, dem kontemplativen Weg macht, dann wird notwendig auch sein ethisches Verhalten sich verbessern, ansonsten hat er Weiterlesen „Spiritualität und Ethik“