Was ist der Christus?

Christus Pantokrator von Cefalú, Sizilien

 

 

Predigt am 8. September 2019

 

Was ist der Christus?

Liebe Gemeinde, vielleicht meint mancher, diese Frage sei falsch gestellt. Muss es nicht heißen: Wer ist der Christus? Und dann würde die Antwort etwa so lauten: Der Christus, das ist Jesus, Gottes Sohn.

Wie Sie sich vielleicht denken können, habe ich die Frage mit Absicht nicht so formuliert. „Wer ist der Christus?“, das klingt ungefähr so wie: „Wer ist der Maier?“ So, als wäre „Christus“ der Nachname für Jesus, im Grunde austauschbar. In der Tat, wir gebrauchen das Wort „Christus“ ganz oft wie den Nachnamen. Jesus Christus, das ist so etwas wie Franz Maier.

Dabei wissen Sie wahrscheinlich, dass das so nicht stimmt. Zur Zeit von Jesus gab es in Palästina gar keine Nachnamen, und Jesus, Jeschua, war damals kein seltener Rufname. Wollte man diesen Jesus von anderen Jesussen unterscheiden, sagte man: Jesus, der Sohn des Joseph, aus Nazareth.

Und Christus, das ist gar kein Name. Christus ist ein Titel. Ein Ehrentitel. Auch das wissen wahrscheinlich die meisten, deswegen mache ich es jetzt hier ganz kurz: Christus ist die griechische Form des hebräischen Wortes Messias und heißt zu Deutsch: der Gesalbte. Gesalbt wurden nach der Hebräischen Bibel die Könige Israels. Heute würde man also vielleicht sagen: „der Gekrönte“.

Wenn die Juden zur Zeit Jesu vom Messias sprachen, dann meinten sie damit den König, der kommen sollte, um dem Volk seine frühere Größe und Macht zurückzugeben, die es unter dem legendären König David hatte, tausend Jahre vorher. Messias war ein politisch-militärischer Titel.

So gesehen, ist Jesus von Nazareth nicht der Christus, nicht der Messias, oder aber er ist grandios gescheitert. Denn er hat das Volk Israel nicht von den Römern befreit. Und als er Jerusalem im Sturm einnahm, ritt er nicht auf einem Schlachtross, sondern auf einem Esel, und seine „Soldaten“ hielten keine Schwerter in der Hand, sondern harmlose Palmwedel. Und das Ganze endete nicht mit der Machtergreifung. Jesus bestieg nicht den Thron, sondern das Schafott, beziehungsweise das Kreuz, das eine viel grausamere Hinrichtungsmethode war als Schafott oder Galgen.

Doch hier, am Tiefpunkt, beginnt sich alles zu wandeln. Seine Anhängerinnen und Anhänger machten eine neue, ungeheuerliche Erfahrung, und sogleich verbreiteten sie eine neue, ungeheuerliche Botschaft: „Jesus ist auferstanden von den Toten.“

Durch dieses Bekenntnis, durch die Botschaft von der Auferstehung,  bekam die Aussage: „Jesus ist der Christus“ eine ganz andere Bedeutung. Der
Titel „Christus“, Messias, bezieht sich auf ein-mal nicht mehr auf einen politisch-militärischen Führer.

Schon 25 oder 30 Jahre nach der Hinrichtung Jesu schreibt Paulus in einem Brief an die Gemeinde in Philippi in Griechenland: Er [Christus], der Gott in allem gleich war und auf einer Stufe mit ihm stand, nutzte seine Macht nicht zu seinem eigenen Vorteil aus. Im Gegenteil: Er verzichtete auf alle seine Vorrechte und stellte sich auf dieselbe Stufe wie ein Diener. Er wurde einer von uns – ein Mensch wie andere Menschen. Aber er erniedrigte sich ´noch mehr`: Im Gehorsam gegenüber Gott nahm er sogar den Tod auf sich; er starb am Kreuz ´wie ein Verbrecher`. Deshalb hat Gott ihn auch so unvergleichlich hoch erhöht und hat ihm ´als Ehrentitel` den Namen gegeben, der bedeutender ist als jeder andere Name.

„Er, der in göttlicher Gestalt war, der Gott gleich war.“ Das ist nun schon etwas anderes als ein König und Heerführer. Die Botschaft von der Auferstehung hat alles verändert. Nun bekennen die Anhängerinnen und Anhänger dieses Jesus, dass er Gott gleich ist. Nicht war, sondern ist. Denn seit der Auferstehung ist auch klar, dass Jesus lebt, in Ewigkeit, so wie Gott.

Und weitere zehn Jahre später, ungefähr im Jahr 70 nach Christus, schreibt Paulus oder einer seiner Schüler an die Gemeinde in der kleinasiatischen Stadt Kolossä: „Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene, der über der gesamten Schöpfung steht. Denn durch ihn wurde alles erschaffen, was im Himmel und auf der Erde ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, Könige und Herrscher, Mächte und Gewalten. Das ganze Universum wurde durch ihn geschaffen und hat in ihm sein Ziel. Er war vor allem anderen da, und alles besteht durch ihn.“

Christus ist Gott gleich, und durch ihn ist alles geschaffen. Das ist tatsächlich ein ziemlich anderes Bild als das von einem politisch-militärischen Führer des jüdischen Volks. Damit hat sich die junge Gemeinde aus dem Rahmen des Judentums hinausbewegt. Sie bekommen nun auch einen anderen Namen, man bezeichnet sie nun als Christen, Anhängerschaft des Christus. Eine neue Religion ist entstanden.

Denn die Christen nennen sich nach dem Christus, durch den – wie der Kolosserbrief schreibt – alles geschaffen wurde und in dem alles besteht, der Gott gleich ist, in göttlicher Gestalt.

Mit diesem neuen Bild entstand auf einmal ein ganz neues Problem. Die Christen wollten das Grundbekenntnis ihrer jüdischen Herkunftsfamilie nicht antasten, das Grundbekenntnis, das heißt: „Gott ist einer.“ Das ist ja übrigens das Grundbekenntnis, das Juden und Christen mit ihrer noch jüngeren Schwesterreligion, dem Islam, teilen: „Gott ist einer, es gibt keinen Gott außer Gott.“

Und nun ist da dieses Bekenntnis, dass durch Christus nicht nur alles geschaffen ist, wie es auch im Johannesevangelium heißt: „Alle Dinge sind durch ihn gemacht und ohne ihn ist nichts gemacht, was gemacht ist.“ Nun heißt es sogar, er ist Gott gleich.

Das war wirklich ein Problem. Da gibt es, so sagten die Christen, eine göttliche Kraft und eine göttliche Gegenwart, die unendlich ist, ewig und allmächtig, durch die die Schöpfung geschehen ist und auf die alles am Ende wieder zuläuft. Und diese göttliche Macht und Kraft und Gegenwart brachten sie mit dem Menschen Jesus aus Nazareth in Verbindung. Sie sagten: In diesem Jesus ist uns die Macht Gottes begegnet, die Liebe Gottes, die Gegenwart Gottes, und bestätigt wurde dies, indem Gott diesen Jesus von den Toten auferweckt hat. So warf die Erfahrung der Auferstehung Jesu auch ein Licht zurück auf sein Leben, sein Handeln, seine Worte als Mensch: Schon da, sagten sie, ist uns Gott begegnet. Jesus war ein Mensch wie du und ich, und er war Gott gleich.

Es hat dreihundert Jahre intensiver theologischer Diskussionen und Streitigkeiten gebraucht, bis diese beiden Aussagen unter ein Dach gebracht wurden. Diese beiden Aussagen, die so gegensätzlich scheinen: Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott. Jesus, der Christus, ist als Mensch über die Erde gegangen, hat gegessen und getrunken, geschlafen und debattiert und gepredigt, und er ist gestorben wie alle Menschen. Und Jesus, der Christus, lebt in Ewigkeit, er ist Gott in allem gleich. Er ist Gott.

Manche sprechen hier vom Kosmischen Christus. Von dem, der von Gott ausgehend den ganzen Kosmos durchweht und durchwaltet und belebt, durch den und auf den hin alles geschaffen ist. Er ist gegenwärtig in allem, was ist. Und er ist Fleisch geworden.

Der amerikanische Franziskanerpater Richard Rohr, für mich eine der wichtigsten christlichen Stimmen der Gegenwart, weist darauf hin, dass das Johannesevangelium nicht schreibt: Das Wort – damit ist niemand anders gemeint als dieser kosmische Christus –, das Wort wurde Mensch. Nein, es heißt: Das Wort wurde Fleisch – und Fleisch steht in der damaligen Welt einfach für das Materielle, Vergängliche, für all das, was wird und vergeht.

Das Wort wurde Fleisch. Dabei denken wir normalerweise wohl an die Geburt des Jesus aus Nazareth. Aber, so meint Richard Rohr, die erste Inkarnation des kosmischen Christus geschah bereits vor 13,8 Milliarden Jahren, als mit einem gewaltigen Urknall alles in die Existenz sprang, Energie und Materie, Raum und Zeit und die Naturgesetze. Das war die erste Inkarnation, die erste Fleischwerdung des kosmischen Christus.

Und dann wurde dieser kosmische Christus noch einmal Fleisch – als Menschenkind geboren von einer jungen Frau namens Maria, in einem abgelegenen Winkel des damaligen Römischen Weltreiches. Der kosmische Christus erschien seinen Anhängern in dem Menschen Jesus aus Nazareth. Dieser Mensch Jesus war so durchsichtig für den kosmischen Christus, der in ihm lebte, dass die Menschen in seiner Nähe zu ahnen begannen, dass ihnen da nicht nur ein gewöhnlicher Mensch gegenüberstand. Und dann, nach seiner Hinrichtung, machten sie die Erfahrung: Er ist nicht tot, er lebt, Jesus ist auferstanden. Da ging es ihnen allmählich auf: Jesus ist der Christus, der gesalbte Gottessohn, und das hieß nun: Er ist der kosmische Christus, der vor allem war, durch den alles geschaffen ist, was ist, der allem Bestand verleiht, zu dem alles zurückkehrt, der in allem lebt und webt, so wie wir in ihm leben und weben und sind.

Und wir sind seine Geschwister. Die ersten Christen begannen zu entdecken, dass Christus auch in ihnen lebt. Paulus schreibt an einer Stelle: Ich lebe, doch nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Und im Johannesevangelium spricht Jesus immer wieder davon, dass die Jüngerinnen und Jünger in ihm sind, wie er in ihnen ist, und er ist im göttlichen Vater, wie der göttliche Vater in ihm ist. Jesus nannte Gott seinen Vater und ermutigte seine Anhängerinnen und Anhänger, Gott ebenso als ihren Vater anzusehen und anzusprechen.

Das ist das tiefste Geheimnis und meine eigentliche Antwort heute auf die Frage: Was ist der Christus? Der Christus, das ist die Gegenwart des unendlichen Gottes in unserer Welt, in seiner Schöpfung, im ganzen Kosmos, in dir und in mir.

Wenn wir jetzt miteinander das Abendmahl feiern, dann geben wir diesem Bekenntnis bildhaften, symbolhaften, leiblichen Ausdruck. Wir sagen: Du, Christus, lebst in uns, und wir leben in dir. Wir sind dein Leib, du bist unser Leben. Du bist mitten unter uns, und du bist inwendig in uns.

Sie merken es vielleicht schon: Von diesem Geheimnis kann ich gar nicht mehr logisch und diskursiv reden. Davon kann man eigentlich nur noch poetisch reden, hymnisch, so wie es der Kolosserbrief tut:

„Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene, der über der gesamten Schöpfung steht. Denn durch ihn wurde alles erschaffen, was im Himmel und auf der Erde ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, Könige und Herrscher, Mächte und Gewalten. Das ganze Universum wurde durch ihn geschaffen und hat in ihm sein Ziel. Er war vor allem anderen da, und alles besteht durch ihn.“

Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus, dem Christus, dem kosmischen Gottessohn, dem irdischen Bruder. Amen.