Was ist der Christus?

Christus Pantokrator von Cefalú, Sizilien

 

 

Predigt am 8. September 2019

 

Was ist der Christus?

Liebe Gemeinde, vielleicht meint mancher, diese Frage sei falsch gestellt. Muss es nicht heißen: Wer ist der Christus? Und dann würde die Antwort etwa so lauten: Der Christus, das ist Jesus, Gottes Sohn.

Wie Sie sich vielleicht denken können, habe ich die Frage mit Absicht nicht so formuliert. „Wer ist der Christus?“, das klingt ungefähr so wie: „Wer ist der Maier?“ So, als wäre „Christus“ der Nachname für Jesus, im Grunde austauschbar. In der Tat, wir gebrauchen das Wort „Christus“ ganz oft wie den Nachnamen. Jesus Christus, das ist so etwas wie Franz Maier.

Dabei wissen Sie wahrscheinlich, dass das so nicht stimmt. Zur Zeit von Jesus gab es in Palästina gar keine Nachnamen, und Jesus, Jeschua, war damals kein seltener Rufname. Wollte man diesen Jesus von anderen Jesussen unterscheiden, sagte man: Jesus, der Sohn des Joseph, aus Nazareth.

Und Christus, das ist gar kein Name. Christus ist ein Titel. Ein Ehrentitel. Auch das wissen wahrscheinlich die meisten, deswegen mache ich es jetzt hier ganz kurz: Christus ist die griechische Form des hebräischen Wortes Messias und heißt zu Deutsch: der Gesalbte. Gesalbt wurden nach der Hebräischen Bibel die Könige Israels. Heute würde man also vielleicht sagen: „der Gekrönte“.

Wenn die Juden zur Zeit Jesu vom Messias sprachen, dann meinten sie damit den König, der kommen sollte, um dem Volk seine frühere Größe und Macht zurückzugeben, die es unter dem legendären König David hatte, tausend Jahre vorher. Messias war ein politisch-militärischer Titel.

So gesehen, ist Jesus von Nazareth nicht der Christus, nicht der Messias, oder aber er ist grandios gescheitert. Denn er hat das Volk Israel nicht von den Römern befreit. Und als er Jerusalem im Sturm einnahm, ritt er nicht auf einem Schlachtross, sondern auf einem Esel, und seine „Soldaten“ hielten keine Schwerter in der Hand, sondern harmlose Palmwedel. Und das Ganze endete nicht mit der Machtergreifung. Jesus bestieg nicht den Thron, sondern das Schafott, beziehungsweise das Kreuz, das eine viel grausamere Hinrichtungsmethode war als Schafott oder Galgen.

Doch hier, am Tiefpunkt, beginnt sich alles zu wandeln. Seine Anhängerinnen und Anhänger machten eine neue, ungeheuerliche Erfahrung, und sogleich verbreiteten sie eine neue, ungeheuerliche Botschaft: „Jesus ist auferstanden von den Toten.“

Durch dieses Bekenntnis, durch die Botschaft von der Auferstehung,  bekam die Aussage: „Jesus ist der Christus“ eine ganz andere Bedeutung. Der
Titel „Christus“, Messias, bezieht sich auf ein-mal nicht mehr auf einen politisch-militärischen Führer.

Schon 25 oder 30 Jahre nach der Hinrichtung Jesu schreibt Paulus in einem Brief an die Gemeinde in Philippi in Griechenland: Er [Christus], der Gott in allem gleich war und auf einer Stufe mit ihm stand, nutzte seine Macht nicht zu seinem eigenen Vorteil aus. Im Gegenteil: Er verzichtete auf alle seine Vorrechte und stellte sich auf dieselbe Stufe wie ein Diener. Er wurde einer von uns – ein Mensch wie andere Menschen. Aber er erniedrigte sich ´noch mehr`: Im Gehorsam gegenüber Gott nahm er sogar den Tod auf sich; er starb am Kreuz ´wie ein Verbrecher`. Deshalb hat Gott ihn auch so unvergleichlich hoch erhöht und hat ihm ´als Ehrentitel` den Namen gegeben, der bedeutender ist als jeder andere Name.

„Er, der in göttlicher Gestalt war, der Gott gleich war.“ Das ist nun schon etwas anderes als ein König und Heerführer. Die Botschaft von der Auferstehung hat alles verändert. Nun bekennen die Anhängerinnen und Anhänger dieses Jesus, dass er Gott gleich ist. Nicht war, sondern ist. Denn seit der Auferstehung ist auch klar, dass Jesus lebt, in Ewigkeit, so wie Gott.

Und weitere zehn Jahre später, ungefähr im Jahr 70 nach Christus, schreibt Paulus oder einer seiner Schüler an die Gemeinde in der kleinasiatischen Stadt Kolossä: „Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene, der über der gesamten Schöpfung steht. Denn durch ihn wurde alles erschaffen, was im Himmel und auf der Erde ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, Könige und Herrscher, Mächte und Gewalten. Das ganze Universum wurde durch ihn geschaffen und hat in ihm sein Ziel. Er war vor allem anderen da, und alles besteht durch ihn.“

Christus ist Gott gleich, und durch ihn ist alles geschaffen. Das ist tatsächlich ein ziemlich anderes Bild als das von einem politisch-militärischen Führer des jüdischen Volks. Damit hat sich die junge Gemeinde aus dem Rahmen des Judentums hinausbewegt. Sie bekommen nun auch einen anderen Namen, man bezeichnet sie nun als Christen, Anhängerschaft des Christus. Eine neue Religion ist entstanden.

Denn die Christen nennen sich nach dem Christus, durch den – wie der Kolosserbrief schreibt – alles geschaffen wurde und in dem alles besteht, der Gott gleich ist, in göttlicher Gestalt.

Mit diesem neuen Bild entstand auf einmal ein ganz neues Problem. Die Christen wollten das Grundbekenntnis ihrer jüdischen Herkunftsfamilie nicht antasten, das Grundbekenntnis, das heißt: „Gott ist einer.“ Das ist ja übrigens das Grundbekenntnis, das Juden und Christen mit ihrer noch jüngeren Schwesterreligion, dem Islam, teilen: „Gott ist einer, es gibt keinen Gott außer Gott.“

Und nun ist da dieses Bekenntnis, dass durch Christus nicht nur alles geschaffen ist, wie es auch im Johannesevangelium heißt: „Alle Dinge sind durch ihn gemacht und ohne ihn ist nichts gemacht, was gemacht ist.“ Nun heißt es sogar, er ist Gott gleich.

Das war wirklich ein Problem. Da gibt es, so sagten die Christen, eine göttliche Kraft und eine göttliche Gegenwart, die unendlich ist, ewig und allmächtig, durch die die Schöpfung geschehen ist und auf die alles am Ende wieder zuläuft. Und diese göttliche Macht und Kraft und Gegenwart brachten sie mit dem Menschen Jesus aus Nazareth in Verbindung. Sie sagten: In diesem Jesus ist uns die Macht Gottes begegnet, die Liebe Gottes, die Gegenwart Gottes, und bestätigt wurde dies, indem Gott diesen Jesus von den Toten auferweckt hat. So warf die Erfahrung der Auferstehung Jesu auch ein Licht zurück auf sein Leben, sein Handeln, seine Worte als Mensch: Schon da, sagten sie, ist uns Gott begegnet. Jesus war ein Mensch wie du und ich, und er war Gott gleich.

Es hat dreihundert Jahre intensiver theologischer Diskussionen und Streitigkeiten gebraucht, bis diese beiden Aussagen unter ein Dach gebracht wurden. Diese beiden Aussagen, die so gegensätzlich scheinen: Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott. Jesus, der Christus, ist als Mensch über die Erde gegangen, hat gegessen und getrunken, geschlafen und debattiert und gepredigt, und er ist gestorben wie alle Menschen. Und Jesus, der Christus, lebt in Ewigkeit, er ist Gott in allem gleich. Er ist Gott.

Manche sprechen hier vom Kosmischen Christus. Von dem, der von Gott ausgehend den ganzen Kosmos durchweht und durchwaltet und belebt, durch den und auf den hin alles geschaffen ist. Er ist gegenwärtig in allem, was ist. Und er ist Fleisch geworden.

Der amerikanische Franziskanerpater Richard Rohr, für mich eine der wichtigsten christlichen Stimmen der Gegenwart, weist darauf hin, dass das Johannesevangelium nicht schreibt: Das Wort – damit ist niemand anders gemeint als dieser kosmische Christus –, das Wort wurde Mensch. Nein, es heißt: Das Wort wurde Fleisch – und Fleisch steht in der damaligen Welt einfach für das Materielle, Vergängliche, für all das, was wird und vergeht.

Das Wort wurde Fleisch. Dabei denken wir normalerweise wohl an die Geburt des Jesus aus Nazareth. Aber, so meint Richard Rohr, die erste Inkarnation des kosmischen Christus geschah bereits vor 13,8 Milliarden Jahren, als mit einem gewaltigen Urknall alles in die Existenz sprang, Energie und Materie, Raum und Zeit und die Naturgesetze. Das war die erste Inkarnation, die erste Fleischwerdung des kosmischen Christus.

Und dann wurde dieser kosmische Christus noch einmal Fleisch – als Menschenkind geboren von einer jungen Frau namens Maria, in einem abgelegenen Winkel des damaligen Römischen Weltreiches. Der kosmische Christus erschien seinen Anhängern in dem Menschen Jesus aus Nazareth. Dieser Mensch Jesus war so durchsichtig für den kosmischen Christus, der in ihm lebte, dass die Menschen in seiner Nähe zu ahnen begannen, dass ihnen da nicht nur ein gewöhnlicher Mensch gegenüberstand. Und dann, nach seiner Hinrichtung, machten sie die Erfahrung: Er ist nicht tot, er lebt, Jesus ist auferstanden. Da ging es ihnen allmählich auf: Jesus ist der Christus, der gesalbte Gottessohn, und das hieß nun: Er ist der kosmische Christus, der vor allem war, durch den alles geschaffen ist, was ist, der allem Bestand verleiht, zu dem alles zurückkehrt, der in allem lebt und webt, so wie wir in ihm leben und weben und sind.

Und wir sind seine Geschwister. Die ersten Christen begannen zu entdecken, dass Christus auch in ihnen lebt. Paulus schreibt an einer Stelle: Ich lebe, doch nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Und im Johannesevangelium spricht Jesus immer wieder davon, dass die Jüngerinnen und Jünger in ihm sind, wie er in ihnen ist, und er ist im göttlichen Vater, wie der göttliche Vater in ihm ist. Jesus nannte Gott seinen Vater und ermutigte seine Anhängerinnen und Anhänger, Gott ebenso als ihren Vater anzusehen und anzusprechen.

Das ist das tiefste Geheimnis und meine eigentliche Antwort heute auf die Frage: Was ist der Christus? Der Christus, das ist die Gegenwart des unendlichen Gottes in unserer Welt, in seiner Schöpfung, im ganzen Kosmos, in dir und in mir.

Wenn wir jetzt miteinander das Abendmahl feiern, dann geben wir diesem Bekenntnis bildhaften, symbolhaften, leiblichen Ausdruck. Wir sagen: Du, Christus, lebst in uns, und wir leben in dir. Wir sind dein Leib, du bist unser Leben. Du bist mitten unter uns, und du bist inwendig in uns.

Sie merken es vielleicht schon: Von diesem Geheimnis kann ich gar nicht mehr logisch und diskursiv reden. Davon kann man eigentlich nur noch poetisch reden, hymnisch, so wie es der Kolosserbrief tut:

„Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene, der über der gesamten Schöpfung steht. Denn durch ihn wurde alles erschaffen, was im Himmel und auf der Erde ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, Könige und Herrscher, Mächte und Gewalten. Das ganze Universum wurde durch ihn geschaffen und hat in ihm sein Ziel. Er war vor allem anderen da, und alles besteht durch ihn.“

Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus, dem Christus, dem kosmischen Gottessohn, dem irdischen Bruder. Amen.

Was ist der Mensch?

Fraktal bunt

 

Das Pendant zu meiner Predigt vom 5. August 2018 („Was ist Gott“), gehalten am 26. August 2018 in der Kreuzkirche München-Schwabing und in St. Markus, München-Maxvorstadt.

 

Was ist der Mensch?

Liebe Gemeinde, das ist eine Frage, sicher so alt wie die Menschheit selbst. Ich glaube, seit es Menschen gibt, stellen sie diese Frage. Vielleicht ist sogar das der entscheidende Unterschied zwischen Tier und Mensch: dass der Mensch nach sich fragen kann. Dass er nicht einfach selbstverständlich da ist, halt einfach so. Und die Urgeschichte der Bibel, aus der wir vorhin einen kurzen Ausschnitt gehört haben, geht genau dieser Frage nach: Was ist der Mensch denn eigentlich?

Zunächst einmal: Es gibt, wie viele wissen werden, am Anfang der Bibel nicht eine Schöpfungsgeschichte, sondern zwei. Nach der zweiten, der älteren, ging die Erschaffung des Mensch so: Gott der Ewige machte den Menschen aus Staub von der Erde – so wie ein Bildhauer, der seine Werke aus Lehm herstellt, aus Staub mit Wasser vermischt. Dann aber heißt es: Und Gott blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase, und so wurde der Mensch ein lebendiges Wesen.

Wir haben also Gottes lebendigen Odem in uns, Gottes Atemhauch. Was uns bewegt und was uns lebendig macht, kommt direkt von Gott. Der Körper ist aus Staub, aber das Leben, das den Körper bewegt, ist direkt von Gott.

Und im jüngeren Schöpfungsbericht, im ersten Kapitel der Bibel, steht: Gott sprach: Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei … und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn, und schuf sie als Mann und Frau. Wir Menschen sind also nach dieser Geschichte Gottes Ebenbild, ihm gleich, von seinem Atem belebt.

Und später, im Neuen Testament, sagt Jesus, wir sollen Gott unseren Vater nennen. Nicht nur Gottes Ebenbilder sind wir, wir sind Gottes Kinder. Söhne und Töchter Gottes.

Gottes Kinder. Seit langem schon frage ich mich, wieso die meisten Menschen eigentlich einen grundsätzlichen Unterschied machen zwischen dem Sohn Gottes – sprich: Jesus Christus – auf der einen Seite und den Töchtern und Söhnen Gottes auf der anderen Seite. Ich frage mich, ob Gott zwei Klassen von Kindern hat – hier der eine, der eingeborene Sohn, und da die anderen. Wir halt.

Was sagt die Bibel denn damit, dass sie uns Menschen als Gottes Kinder bezeichnet? Ich stelle mich einmal ganz naiv: Das „Kind“ eines Pferdes ist ein Pferd. Das „Kind“ eines Gorillas ist ein Gorilla. Das Kind eines Menschen ist ein Mensch. Und das Kind Gottes?

Warum sträuben sich eigentlich bei vielen Christen die Nackenhaare, wenn man sagt, dass wir Menschen göttlichen Ursprungs sind, dass wir – tief drin, in unserem wahren, eigentlichen, tiefsten Selbst – dass wir tief drin Gott sind?

Mir ist vor einiger Zeit ein schönes Bild begegnet. Sie haben wahrscheinlich schon mal den Begriff Hologramm gehört, wahrscheinlich haben Sie auch schon mal ein Hologramm gesehen. Das ist ein dreidimensionales Bild, das vor der Platte zu schweben scheint, auf der es gespeichert ist. Technisch funktioniert das Ganze mit Lasern und irgendwelchen Phasenverschiebungen von polarisiertem Licht – fragen Sie mich nicht. Aber so ein Hologramm ist faszinierend. Nicht nur, weil es plastisch ist, dreidimensional. Es ist auch so: Wenn Sie, sagen wir mal, eine Postkarte mit einem Baum drauf zerschneiden, haben Sie zwei halbe Postkarten, eine mit dem Stamm und eine mit der Krone. Wenn Sie ein Hologramm von einem Baum zerschneiden, haben Sie zwei kleinere Hologramme – und auf beiden ist jeweils der ganze Baum zu sehen. Nur eben kleiner und mit weniger Details. Und wenn Sie ein Hologramm in tausend kleine Fitzelchen zerschneiden, haben Sie tausend kleine Hologramme – jeweils den ganzen Baum, nur kleiner und mit weniger Details.

Und nun stelle ich mir vor, dass ich in meinem tiefsten Inneren ein klitzekleines holografisches Fitzelchen von Gott bin – ganz Gott, nur eben viel, viel kleiner und mit viel weniger Details.

Das ist natürlich nur ein Bild, aber wie sollten wir von Gott und unserem Verhältnis zu Gott anders sprechen als in Bildern? Wenn die Bibel uns als Töchter und Söhne Gottes bezeichnet, ist das ja auch ein Bild.

Was ist der Mensch? Ich sage einmal versuchsweise: Eine klitzekleine, holografische Ausgabe von Gott.

 

***

Jaaa – aber!

Ist das denn nicht die Ursünde schlechthin, dass die Menschen sein wollen wie Gott? Haben wir das nicht gerade vorhin in der Lesung gehört, in der Geschichte vom Sündenfall – hat da nicht die Schlange gesagt: „Ihr werdet sein wie Gott“, und damit hat sie die Menschen verführt, gegen Gottes Gebot zu verstoßen?

Hm.

Zunächst mal: Es ist etwas völlig anderes, ob ich sein will wie Gott – oder ob ich demütig und dankbar erkenne: Tief in meinem innersten, wahren Wesen bin ich göttlich. Das gibt ja keinerlei Anlass zur Überheblichkeit, diese Erkenntnis, zumal sie immer ergänzt werden muss durch die weitere Erkenntnis: Wenn ich selbst göttlich bin, dann bist du und du und du das auch – und selbst mein unsympathischer Kollege ist göttlich. Kein Grund, sich irgendetwas darauf einzubilden.

Wer nicht weiß, dass er oder sie im Kern göttlichen Ursprungs und göttlichen Wesens ist, will dann vielleicht werden wie Gott. Das ist etwas anderes. Damit sagt er: Ich bin getrennt von Gott, aber ich will so werden wie Gott. Ich will Anteil haben an seiner Macht und Herrlichkeit. Das ist tatsächlich etwas ganz anderes. Es behauptet gerade die Trennung von Gott und zementiert sie damit.

 

***

Aber lassen Sie uns doch einmal einen genaueren Blick auf die Geschichte werfen, diese Geschichte vom sogenannten Sündenfall.

Zunächst könnte einem auffallen, dass das Wort Sünde überhaupt nicht vorkommt in der Geschichte und auch nicht das Wort Strafe. Es kommt auch der Teufel nicht vor, wie das viele meinen. Es kommt eine Schlange vor, einfach ein Tier, allerdings das schlaueste, das listigste von allen Tieren.

Die Schlange weist Eva auf den Baum hin, von dem sie nicht essen soll. Das ist nun nicht ein x-beliebiger Apfelbaum. Es ist der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Und wer von dem Baum isst, wird wie Gott, das heißt, er kann zwischen Gut und Böse unterscheiden.

Adam und Eva können das noch nicht. Sie wissen den Unterschied zwischen Gut und Böse nicht. Sie leben sozusagen in paradiesischer Unschuld. Unbewusst, wie ganz kleine Kinder. Sollte das wirklich Gottes Plan mit seinen Menschen gewesen sein, mit seinen Ebenbildern? Dass sie immer unwissend bleiben, unbewusst, dass sie zwischen Gut und Böse nicht unterscheiden können? Dass sie immer Kinder bleiben?

Das kann ich mir irgendwie nicht vorstellen. Zumal ich mir auch nicht vorstellen kann, dass Gott nicht weiß, dass etwas, das verboten ist, erst so richtig interessant wird.

Könnte es sein, dass Gott sogar wollte, dass Adam und Eva von dem Baum essen?

Hm.

 

***

Ja, aber. Als sie gegessen haben, werden sie doch bestraft. Oder etwa nicht?

Wie gesagt, das Wort Strafe kommt in der Geschichte nirgends vor. Und ich finde auch sachlich nirgends eine Strafe. Sehen wir noch einmal genauer hin.

Gott hat den Menschen verboten, von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen. „An dem Tag, an dem ihr davon esst, werdet ihr sterben.“

Und, sterben sie? Mitnichten. Die Schlange behält Recht, die sagt: Ihr werdet keineswegs sterben, sondern euch werden die Augen aufgehen und ihr werdet zwischen Gut und Böse unterscheiden können, so wie Gott. Die Schlange sagt also die reine Wahrheit. Sie sterben nicht, aber: Ihnen gehen die Augen auf. Als Erstes sehen sie, dass sie nackt sind. Nicht dass Nackt-Sein etwas Böses wäre. Es ist einfach ein Bild dafür, dass sie ein Bewusstsein für sich selbst bekommen. Se werden erwachsen.

Ja, sie werden bewusst, jetzt können sie zwischen Gut und Böse unterscheiden, und sofort kommt das Gewissen ins Spiel. Das schlechte Gewissen in diesem Fall. Es den bringt Mann dazu, die Schuld auf die Frau zu schieben und es bringt die Frau dazu, die Schuld auf die Schlange zu schieben.

Und dann kommt die Strafe. Oder etwa nicht? Gott verflucht – ja, nicht die „bösen“ Sünder. Er verflucht die Schlange, das hat vermutlich einen tief reichenden religionsgeschichtlichen Hintergrund, den ich heute nicht aufdröseln kann. Und er verflucht den Acker und er kündigt der Frau an, dass sie unter Schmerzen gebären muss.

Ja, so ist das, wenn man erwachsen wird. Dann werden Frauen schwanger, und ein Kind zu gebären ist kein Kinderspiel. Und die Männer (es ist eine Geschichte aus der Zeit des ungebrochenen Patriarchats, deswegen arbeitet nur der Mann für den Lebensunterhalt), die Männer also müssen sich abmühen, um das tägliche Brot zu erwirtschaften im Schweiße ihres Angesichts. Aber das ist keine Strafe. Das ist einfach eine Konsequenz. Ungefähr so, wie wenn eine Mutter ihrem Kind sagt: „Fasse nicht auf die heiße Herdplatte!“ Und wenn das Kind es doch tut und sich Brandblasen holt, dann ist das keine Strafe, sondern eine Konsequenz aus seinem Handeln, seiner Neugier und seinem Forscherdrang, um es einmal positiv zu sagen.

Ich denke, so ist das mit dem Gebären und dem Schweiß des Angesichts. Die paradiesische, kindliche Unschuld ist verloren, es führt auch kein Weg mehr zurück – das beschreibt die Bibel mit dem Bild, dass ein Wächterengel mit Flammenschwert vor dem Eingang des Gartens Eden postiert wird.

Die Menschen sind nun also erwachsen. Sie sind ausgetrieben aus dem Paradies – ich finde es übrigens sehr bemerkenswert, dass man bei einer Geburt auch sagt: Das Kind wird ausgetrieben aus dem Mutterleib. Aber das nur am Rande.

Und was macht Gott? Weit entfernt davon, die Menschen zu strafen, kümmert er sich liebevoll um sie. Höchstpersönlich macht er ihnen Kleider aus Fell, damit sie nicht frieren müssen, und er lehrt sie den Ackerbau, damit sie sich ernähren können, jenseits von Eden.

 

***

Was bleibt also: Die Menschen müssen sich abmühen, sich schützen gegen Kälte und Hunger und gegen Neid und Streit. Sie entwickeln Abwehrstrategien und Charakterpanzer, und mit der Zeit verschwindet der göttliche Kern hinter einer immer dickeren Kruste aus Gewohnheiten, aus Egozentrik und Neurosen. Die sind nicht göttlich, die sind allzu menschlich. Und doch: Der innerste göttliche Kern bleibt. Und manchmal blitzt ein kleines Stück unserer eigentlichen Wesens und unseres ursprünglichen Glanzes hervor: Dann, wenn wir wirklich in der Liebe sind. Denn Gott ist die Liebe.

Und deshalb verstößt Gott auch seine Kinder nicht. Im Gegenteil. Er liebt seine Kinder so, dass er selbst eins von ihnen wird. Und indem Gott Mensch wird, ist vollends klar, dass das Menschliche in Gott aufgehoben ist, seinen Platz hat im innersten Herzen Gottes. Und so beginnt die Geschichte der Versöhnung. Aber das ist eine andere Geschichte. Für heute soll es genug sein.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder, dem Erstgeborenen. Amen