Was ist die (Er-)Lösung?

Höhle Licht beschnitten

Predigt am 4. Advent, 23. Dezember 2018, St. Markus

 

Gottes Sohn ist Mensch gebor’n, ist Mensch gebor’n, hat versöhnt des Vaters Zorn, des Vaters Zorn.

So, liebe Gemeinde, heißt es im Quempas, einem beliebten Weihnachtslied, das in den kommenden Tagen aller­orten wieder gesungen wird. Wir feiern die Geburt des Erlösers, und die Erlösung besteht darin – so sagt dieses Lied –, dass der Sohn Gottes stellvertretend für uns arme Sünder die Strafe seines zornigen Vaters auf sich nimmt. Damit versöhnt er den Vater, stillt seinen Zorn – und deswegen werden wir nicht bestraft, sondern Gott kann sich uns wieder in Liebe zuwenden.

Ist das unser Glaube? Ist das die Lösung, die Er-Lösung?

Nein, nein und nochmals nein! Diese Vorstellung von Erlösung war vielleicht in früheren Zeiten angemessen, in Zeiten des Feudalismus und Absolutismus, in Zeiten des ungebrochenen Patriarchats. Vielleicht. Ich kann und will und werde die Erlösung, die wir mit dem Namen Jesus Christus verbinden, so nicht verstehen und so nicht predigen.

Diese Theologie, noch einmal kurz gefasst: Wir Menschen handeln gegen Gottes Willen, und das erregt Gottes Zorn. Und Gottes Zorn ist so groß, dass er uns bestrafen muss, und zwar mit der Höchststrafe: ewige Verdammnis. Um das zu verhindern, wird Gott selbst zum Menschen in Jesus. Er nimmt stellvertretend für uns die Strafe auf sich, lässt sich am Kreuz töten und versöhnt Gott damit. Wir sind gerettet. Diese Theologie also ist in der Antike entstanden und speziell diese Erlösungslehre wurde im Hochmittelalter ausgearbeitet. Das waren Zeiten, in denen in allen damals existierenden Gesellschaften die Todesstrafe gang und gäbe war, ebenso die Sklaverei (bei uns hieß das Leibeigenschaft) und die körperliche Züchtigung als probates Mittel der Kindererziehung. All das war nicht nur gesellschaftlich salonfähig, sondern es wurde als Gottes Wille angesehen.

Die Gesellschaft war streng hierarchisch gegliedert, an der Spitze stand der König oder Kaiser – und so konnten die Menschen sich Gott vielleicht gar nicht anders vorstellen denn als einen König, einen absoluten Herrscher, wie sie ihn aus ihrer Lebenserfahrung kannten. Wir können von Gott ja nicht anders sprechen als in Bildern. Alles Reden über Gott ist metaphorisch und kann nicht anders sein. Wir können nicht über Gott sprechen, „wie er ist“, denn dazu reichen unser Verstand und unsere Einsicht nicht aus. Wir müssen Bilder verwenden. Und unsere Bilder, unsere Metaphern müssen wir aus unserer Erfahrungswelt nehmen, sonst nützen sie ja nichts – wir würden nicht verstehen, was sie ausdrücken sollen.

Die Menschen vor ein paar hundert Jahren stellten sich Gott also als König vor, das war für sie das Bild der höchsten Autorität. Wir heute leben unter ganz anderen Umständen. Wir leben in ganz anderen Verhältnissen und wir, jedenfalls die meisten von uns, betrachten die Verhältnisse, unter denen wir heute leben, auch als Fortschritt. Es ist besser, das heißt menschlicher, angemessener und für die große Mehrheit lebensfreundlicher, in einer freiheitlichen Demokratie zu leben und in einer sozialen Marktwirtschaft (auch wenn die durchaus noch ein bisschen sozialer sein dürfte), angemessener und lebensfreundlicher als eine Monarchie, in der alles dem König gehört und die große Mehrheit als Leibeigene, also als Sklaven, schuften müssen.

Da muss und darf sich auch unser Bild von Gott wandeln. Weshalb sollten wir uns Gott vorstellen wie einen orientalischen Despoten, der tödlich beleidigt ist, wenn seine Kinder  sich danebenbenehmen? Und das sind wir ja schließlich: Gottes Kinder!

Ich stelle mir Gott gar nicht vor wie einen Menschen, das habe ich hier schon öfters gesagt. Gott ist für mich eher die Tiefe der Wirklichkeit, das Geheimnis der Welt, der schöpferische Eros, der allem zugrunde liegt, der in allem wirkt und alles belebt. Trotzdem können wir natürlich auch menschliche Bilder für Gott verwenden – etwa der gute Vater -, und dann können wir Gott auch menschliche Gefühle zuschreiben.

Nehmen wir einfach einmal an, Gott könnte wirklich zornig sein. Anlass dazu bieten wir Menschen ihm ja genug. Wir zerstören mutwillig und sehenden Auges die Schöpfung, die Welt, in der unsere Kinder und Enkel werden leben müssen. Wir wissen, dass der Klimawandel im vollen Gang ist, und fahren trotzdem weiter Auto und essen Fleisch. Unsere Politiker beschäftigen sich mit allem Möglichen, zum Beispiel streiten sie darüber, ob die Bildungshoheit bei den Ländern liegen muss oder beim Bund – aber die wirklich lebenswichtigen, lebensentscheidenden Fragen gehen sie nicht an: Wie die Klimagase wirksam und radikal reduziert werden können. Wie die Plastikflut in unseren Meeren verhindert werden kann. Wie wir das Artensterben stoppen. Das sind die wirklich wichtigen Fragen. Ich möchte dabei aber nicht bloß mit dem Zeigefinder auf die Politiker zeigen. Ich fahre ja selber mit dem Auto und fliege im Urlaub tausende von Kilometern, und ich kaufe selber unnütze Dinge, die in viel zu viel Plastik verpackt sind. Und das sind nur ein paar kleine Beispiele.

Ja, es wäre verständlich, wenn Gott verzweifelt an uns und, ja,  wenn er zornig ist auf uns dumme, kurzsichtige, egoistische Menschen.

Aber was folgt daraus? Wird ein Vater sein Kind umbringen, weil es sich dumm und kurzsichtig und egoistisch verhält? Ich war auch manchmal zornig auf meine Kinder. Aber ich wäre doch nie im Traum darauf gekommen, sie umzubringen oder sie hinauszuwerfen, noch dazu in die äußerste Finsternis, wo Heulen und Zähneklappern herrscht, wie es in der Bibel gleich mehrfach heißt. Können wir uns wirklich vorstellen, dass Gott dazu fähig ist?

Jesus hat dazu in der Bergpredigt schon Einschlägiges gesagt: „Würde jemand unter euch seinem Kind einen Stein geben, wenn es ihn um Brot bittet? Würde er ihm eine Schlange geben, wenn es ihn um einen Fisch bittet? Wenn also ihr, die ihr doch böse seid, das nötige Verständnis habt, um euren Kindern gute Dinge zu geben, wie viel mehr wird dann euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn darum bitten!“ (Mt 7, 9–11, NGÜ)

Gut, hier scheint immer noch eine Bedingung zu sein: Wir müssen Gott bitten, damit er uns Gutes gibt. Aber es geht noch weiter. Ebenfalls in der Bergpredigt sagt Jesus: „Liebt eure Feinde, und betet für die, die euch verfolgen.“ (Mt 5, 44) Also, wenn schon wir unsere Feinde lieben sollen – wie sollte dann Gott, der die Liebe ist, seine Kinder hassen? Wie sollte er ihnen eine ewige Strafe aufbrummen? Sollte Jesus etwas von uns verlangen, woran Gott der Vater sich selbst nicht hält?

Die Vorstellung, dass Gott die Menschen straft, gar noch in Ewigkeit straft, dass Gott seine Kinder hinauswirft in die äußerste Finsternis, wo Heulen und Zähneklappern herrscht – diese Vorstellung gehört in andere Zeiten. Gott, der die Liebe ist und der uns dazu einlädt, unsere Mitmenschen zu lieben wie uns selbst, ja sogar unsere Feinde – den kann und will ich mir nicht so vorstellen, dass er unser Versagen und unsere Dummheit und unsere Egozentrik brutal und gnadenlos straft. Selbst wenn er allen Grund hat, zornig zu sein.

Wenn wir von Erlösung sprechen, dann kann es nach meiner Überzeugung nicht darum gehen, dass wir vor Gottes Zorn gerettet werden müssen und davor, dass wir auf ewig verloren gehen. Gott muss nicht versöhnt werden. Gott war nie unversöhnt, selbst wenn er manchmal zu Recht zornig sein sollte. Wir müssen versöhnt werden.

Und darin besteht die Erlösung und die Lösung des Problems, das ich in meiner letzten Predigt angesprochen habe: das Problem, dass wir uns von Gott entfernen und von uns selbst und von unseren Mitmenschen, dass wir uns ent-zweit haben und herausgefallen sind aus der ursprünglichen Einheit.

Und jetzt kommt Jesus Christus ins Spiel und das Fest seiner Geburt, das wir nächste Woche begehen. Denn hier, so glauben wir Christen, hebt Gott die Trennung auf und stellt die Einheit wieder her.

Oder vielmehr: Hier wird deutlich, dass wir nie wirklich getrennt waren.

Es ist ein tiefes Geheimnis um diesen Jesus. Er muss eine Art gehabt haben, eine Gabe, Menschen auf eine unmittelbare Weise so tief anzusprechen, dass ihnen deutlich wurde: In Jesus begegnet uns nicht nur ein Mensch. In Jesus begegnet uns unsere eigene tiefste Wahrheit. Und die heißt: Wir sind Gottes Kinder. Wir sind gar nicht getrennt, im tiefsten Grund sind wir nicht getrennt, wir waren nie getrennt, und deshalb muss Gott auch nicht versöhnt werden.

Diese Botschaft hat Jesus nicht nur mit Worten verkündigt. Er hat sie gelebt. Er war so eins mit dieser Botschaft, dass seine Freundinnen und Freunde sagten: In ihm ist uns der ewige Gott selbst begegnet. Zwar ist er ein Mensch wie du und ich, und doch ist er auch – gleichzeitig und im selben Maß – göttlich. In ihm sind Gott und Mensch vereint.

Das haben diese Menschen zunächst auf Jesus allein bezogen. Er ist Gottes Sohn, sagten sie. Er ist das einmalige Fleisch gewordene Wort Gottes.

Dann, als Jesus nicht mehr leibhaftig unter ihnen war, begannen die Menschen über die Erfahrungen nachzudenken, die sie mit dem Menschen Jesus gemacht hatten. Sie begannen diese Erfahrungen zu systematisieren. Drei-, vierhundert Jahre hat es gedauert, bis die Lehre ausformuliert war: Jesus ist, wie es in dem Weihnachtslied Es ist ein Ros entsprungen heißt: „wahr‘ Mensch und wahrer Gott“.

Und nun kommen wir. Ich glaube eben, das gilt nicht nur für diesen einen Menschen Jesus aus Nazareth. An ihm wurde exemplarisch deutlich, was für alle Menschen gilt. Denn auch wir sind Gottes Kinder, auch in uns wohnt Gott – aber bei uns ist er so tief versteckt, so sehr verdeckt durch unsere Persönlichkeit, unsere Macken, unsere Egozentrik, dass er nur sehr selten ein kleines bisschen durchscheint. Jesus dagegen war als Mensch so geklärt, dass ihm Gott sozusagen aus allen Poren schien. Und deswegen können wir an ihm sehen, was unsere wahre Natur und unsere wahre Bestimmung ist.

Was ist die Erlösung? Die Erlösung besteht nach meiner Überzeugung darin, dass wir uns das sagen lassen: Wir werden nie und nimmer verloren gehen. Kein menschlicher Atemzug ist umsonst, kein Weinen, kein Stöhnen und kein Lachen. Alles ist aufgehoben in Gottes unendlicher Liebe.

Und das müssen wir jetzt „nur“ noch glauben. Das hört sich für manche vielleicht altmodisch und verzopft an: Man kann es zwar nicht verstehen, man muss es eben einfach glauben. Ich meine etwas anderes.

Stellen Sie sich einen Menschen vor, der seit Jahren im Gefängnis sitzt, ohne Aussicht auf Freiheit. Und eines Tages geht die Tür auf, der Gefängniswärter kommt herein und sagt: „Sie sind frei, sie können gehen.“ Dann verlässt er die Zelle und lässt die Tür sperrangelweit offen.

Der Mann denkt sich: „Das kann ja gar nicht sein. Das ist bestimmt eine Falle, ein grausamer Hohn. Wenn ich da jetzt rausgehe, werden sie mich wieder festsetzen und noch härter bestrafen.“ Und er bleibt auf seiner Pritsche sitzen. Er ist frei, aber wenn er es nicht glaubt, dann nützt ihm seine Freiheit nichts.

Wir sind erlöst, wir sind Gott recht, unser Leben hat Sinn und Ziel. Damit wir die erlösende Wirkung dieser Worte erfahren, müssen wir sie glauben. Ja, es stimmt, was Martin Luther sagt, im Anschluss an Paulus: Wir werden gerecht allein durch den Glauben. Wenn wir es nicht glauben, dass wir Gott recht sind, dass wir Gottes geliebte Kinder sind, dass wir eine Zukunft haben diesseits und jenseits des Todes – ja, wenn wir das nicht glauben, dann sitzen wir eben in Finsternis und Schatten des Todes. Wenn wir uns das aber sagen lassen und beginnen, darauf zu vertrauen, uns darauf zu verlassen: Dann kann sich das Licht, das wir sind, in uns ausbreiten. Dann brauchen wir keine Angst mehr zu haben, vor nichts und niemand. Und dann kann der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, unsere Herzen und Sinne bewahren in Jesus Christus, unserem großen Bruder, dem Erstgeborenen unter den vielen Kindern Gottes.

Amen.

Erwählt

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Predigt über 2. Mose 19, 1–6

Ein Versuch, die Entwicklungsstufen aus „Gott 9.0“ auf einen Predigttext anzuwenden – ursprünglich gehalten am 20.August 2017 in St. Markus

Im dritten Monat nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, an diesem Tag kamen sie in die Wüste Sinai. Sie brachen auf von Refidim und kamen in die Wüste Sinai, und Israel lagerte sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge. Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der Herr rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.

 

Liebe Gemeinde,

Gott bleibt sich immer gleich, vermutlich. Aber wie wir Menschen von Gott reden, wie wir ihn uns vorstellen, was für Bilder wir von Gott haben, das ändert sich. Es ändert sich im Lauf eines Lebens und es ändert sich im Lauf der Geschichte der Menschen. Und in der Bibel können wir diese Veränderungen gut studieren.

Da ist am Anfang ein Mann, Abraham, der hatte etwas, was wir heute eine Gotteserfahrung nennen würden. Gott begegnet ihm, im Traum oder wie auch immer, das wissen wir nicht so genau. Jedenfalls berichtet Abraham, dass Gott zu ihm gesprochen habe und ihm viele Nachkommen und ein gutes Leben auf der Erde verspricht. An diesen Gott hält sich Abraham natürlich, und so gibt es also einen Gott Abrahams. Dieser Gott ist ganz auf den einen Mann bezogen, und wohl auch noch auf seine Familie. Es ist ein sehr persönliches und etwas enges Gottesbild. Die Nachbarn haben andere Götter, Abraham hat seinen eigenen. Die Menschen in den Städten beten viele Götter an, Abraham hat diesen einen. Den Gott Abrahams.

Aber dabei bleibt es nicht. Der Predigttext, den ich vorgelesen habe aus dem 2. Buch Mose, der zeigt den Beginn eines neuen Stadiums. Gott ist jetzt nicht mehr nur der Gott eines Einzelnen oder einer Sippe. Gott hat sich nun ein ganzes großes Volk erwählt. Er hat sie aus der Knechtschaft, aus der Sklaverei in Ägypten befreit und versprochen, sie in ein eigenes, wunderbares Land zu führen.

Mit dieser Geschichte werden wir Zeugen, wie Gott einen Bund schließt, wie es in der Bibel heißt. Gott erwählt sich das Volk, es ist sein Eigentum, das er beschützt, und im Gegenzug verpflichten sich die Menschen, bestimmte religiöse und ethische Regeln einzuhalten. Unmittelbar nach dem Kapitel, aus dem unsere heutige Geschichte stammt, wird erzählt, wie Mose die Zehn Gebote erhält, sozusagen das Grundgesetz des Volkes Israel.

Gott ist nun nicht mehr nur der Gott Abrahams, des Stammvaters. Gott ist der Gott Israels, eines großen Volkes, das aus zwölf Stämmen besteht. Andere Völker haben andere Götter. Die Bibel bestreitet in diesem Stadium überhaupt nicht, dass es diese anderen Götter wirklich gibt. Baal und Ischtar und Marduk, Isis und Osiris, die gibt es wirklich. Nur: Anbeten dürfen die Israeliten sie nicht. Anbeten dürfen sie nur ihren eigenen Gott, nur ihm dürfen sie dienen, nur ihm dürfen sie opfern, nur zu ihm dürfen sie beten und nur ihn dürfen sie um Hilfe bitten. Da ist er eigen. Umgekehrt hat niemand anders das Recht, sich an diesen Gott zu wenden. Er ist allein und ausschließlich Israels Gott. Man kann sagen, die Vorstellung von Gott ist nicht mehr egozentrisch, also auf das einzelne Individuum bezogen, sondern ethnozentrisch, also auf eine bestimmte Gruppe bezogen, auf ein Volk.

Allerdings ist es auch dabei nicht geblieben. Wenn das heute noch so wäre, dann würden wir hier in Deutschland immer noch Thor und Odin anbeten, oder vielleicht Jupiter und Mars, Venus und Diana, die Götter der Römer, die weiland dieses Land erobert haben.

Aber es kam anders. Schon im Alten Testament gibt es Geschichten, die darauf abzielen, dass Gott nicht nur der Gott dieses einen Volkes ist, sondern dass er auch die anderen Menschen meint und sich auch den anderen Menschen zuwendet.

Und dann, im sogenannten Babylonischen Exil, tritt ein Theologe auf, der einen ganz neuen Gedanken hat. Er sagt: Es gibt überhaupt nur einen Gott. Der Gott, den Israel anbetet und der sich Israel erwählt hat, ist der einzige, wahre Gott. Es gibt nur einen. Die anderen sind nichts als Stein und Metall und Holz, von Bildhauern gemacht. Unser Gott, den man nicht sehen kann, der im höchsten Himmel wohnt, der ist der einzige Gott. Dieser Theologe hat so eine neue, bahnbrechende Idee entwickelt: den Monotheismus, das heißt die Lehre, dass es überhaupt nur einen einzigen Gott gibt.

Dieser Gott ist der Gott, der mit Israel seinen Bund geschlossen hat. Sein Tempel ist in Jerusalem auf dem Berg Zion, und am Ende der Zeiten werden die Menschen aus aller Herren Länder in einer großen Wallfahrt zum Zion kommen und diesen einen Gott in seinem Tempel anbeten. Gott wird also schon sehr umfassend gedacht, trotzdem ist das Gottesbild noch sehr ethnozentrisch – auf das Volk Israel bezogen. Israel und vor allem Jerusalem, der Zion, das ist der Mittelpunkt.

In diesem Volk wird fünfhundert Jahr später Jesus geboren, und er wächst heran und lernt neben seinem Handwerk auch die Bibel zu lesen. Er ist ein Schriftgelehrter und wahrscheinlich gehört er auch der Schule der Pharisäer an.

Jesus hat ein ganz neues, ganz eigenes Verhältnis zu Gott. Ja, Gott ist der himmlische König, aber gleichzeitig ist er ganz nah und liebevoll. Abba, sagt Jesus zu ihm, Papi. Und die Liebe dieses Vaters ist nicht auf die Guten beschränkt und nicht auf ein bestimmtes Volk. Jesus sagt: „Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“, ohne Ansehen der Person, der Nation und der Religion. Jesus stellt den Samaritaner als Vorbild hin, den die frommen Juden als Ketzer und Ungläubigen bezeichnen, und er sagt von einem römischen Zenturio: „Einen so großen Glauben wie bei diesem Mann habe ich in ganz Israel nicht gesehen.“ Und er betont, dass bei Gott nicht die richtige Konfession und die richtige Liturgie zählt, sondern es zählt, ob ein Mensch etwas von der Liebe begriffen hat und sie umsetzt. Ganz so, wie wir es im Evangelium gehört haben: Das höchste Gebot, das besser ist als alle Opfer, das ist die Liebe: die Liebe zu Gott, dem Großen Ganzen, und die Liebe zu den Mitmenschen, und der liebevolle Umgang mit sich selbst.

Jesus bringt das weltzentrische Verständnis von Gott, und ein paar Jahre später reißt Paulus die Grenzen zwischen dem Volk Israel und dem Rest der Welt noch weiter ein, er bringt den Glauben an diesen Einen Gott aus dem Nahen Osten nach Europa.

Und heute verstehen viele, dass das Verständnis von Gott sich noch einmal erweitern muss. Wir sind heute so intensiv mit Menschen aus aller Herren Länder vernetzt, wir kennen andere Religionen nicht nur vom Hörensagen, sondern können ihnen jederzeit in unserem Alltag begegnen. Viele stellen fest, dass Menschen, die einer anderen Religion angehören, genauso ernsthaft nach Gott fragen, ihren Mitmenschen genauso mit Liebe und Respekt begegnen, manche vielleicht sogar mit mehr Liebe und Respekt als viele von uns Christen. Mögen sie andere Namen für Gott haben, entscheidend ist doch, dass sie die Liebe leben. Wenn ich Jesus beim Wort nehme, dann muss ich sagen: Ein Hindu oder Muslim oder Atheist, der seinen Mitmenschen in Liebe und Respekt begegnet, ist Gott näher als ein Christ, der andauernd den Namen Gottes im Mund führt, sich im Alltag aber rücksichtslos und lieblos verhält.

Und was ist nun mit der Erwählung? Ist Israel nicht mehr Gottes erwähltes Volk? Ich denke, wir Christen tun gut daran, unseren jüdischen Schwestern und Brüdern hohe Achtung und tiefe Liebe entgegenzubringen. Sie sind unsere älteren Geschwister, in diesem Volk sind zum ersten Mal in der Geschichte unserer Welthalbkugel die Gedanken aufgekommen, dass es nur diesen einen Gott gibt und dass man den Willen dieses Gottes mit einem Wort zusammenfassen kann: Liebe. Das ist die besondere Bedeutung des Volkes Israel und der Menschen jüdischen Glaubens. Aber Gottes Liebe geht viel weiter. Seine Erwählung funktioniert nicht so, dass er einige auswählt und die anderen hinten runterfallen lässt. Nein, Gott hat uns alle erwählt, allen Menschen dieser Welt gilt seine Liebe – wie könnte es auch anders sein! Alle Menschen dieser Welt sind noch lange nicht genug, um Gottes Liebe aufzusaugen, sie ist immer noch weiter und größer und will sich immer noch weiter verströmen, in alle Ecken der Erde, zu allen Menschen.

Damit, zugegeben, bürste ich große Teile der Bibel gegen den Strich. Gerade in der Hebräischen Bibel, im Alten Testament, wird sehr klar die Überzeugung ausgedrückt, dass Gott eben dieses Volk erwählt hat und die anderen nicht. Dass Gott dieses Volk – aus welchen Gründen auch immer – allen anderen Völkern und allen anderen Menschen vorzieht.

Und ich denke, die Bibel gegen den Strich bürsten, das muss ich auch tun. Ich folge damit Jesus, zum Beispiel in der Bergpredigt. „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten Lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde!“

Damit bürstet Jesus selbst schon die Hebräische Bibel gegen den Strich. Liebt eure Feinde. Damals, zur Zeit des Mose, waren Feinde eigentlich keine richtigen Menschen. Man konnte sie aus tiefstem Herzen hassen und sich freuen, wenn sie ins Verderben stürzten. „Singt dem Herrn, denn er ist hoch erhaben, Ross und Reiter warf er ins Meer“, singt Deborah, die Schwester des Mose, nach der Rettung am Schilfmeer, nach dem Auszug aus der Knechtschaft.

Bei aller Mitfreude darüber, dass das Volk aus der Sklaverei befreit wurde, fragen wir uns heute doch auch: Diese Tausende ägyptischen Krieger, die da jämmerlich ersoffen sind – waren das keine Menschen? Hatten sie nicht Frauen und Kinder, Eltern und Freunde? Können wir wirklich über einen Sieg in irgendeinem Krieg jubeln?

Der Gott des Alten Testaments ist über weite Strecken ein Kriegsgott. Er führt die Kinder Israel, sein erwähltes Volk, nicht nur aus der Sklaverei, er führt sie auch in ein neues Land, das er ihnen schenkt. Das Problem aus heutiger Sicht: In diesem Land lebten schon Menschen, die nicht begeistert waren, als da Fremde ankamen und ihnen ihre Äcker und Felder, ihre Städte und Dörfer wegnehmen wollten, um sie selbst zu bebauen und zu bewohnen. Doch der Gott des Alten Testaments fackelt nicht lang: Die Bewohner der Landes werden ausgerottet, entweder unterstützt Gott die israelischen Invasoren oder Gott erledigt das gleich selbst. Diese Kriegsgeschichten, diesen Gott, der befiehlt, die Gegner komplett auszurotten, niemand am Leben zu lassen – an den kann und will ich heute nicht mehr glauben.

Durch Jesus haben wir gelernt, dass es nicht darauf ankommt, den eigenen Vorteil zu suchen, sondern Versöhnung und Ausgleich. Wenn Erwählung heißt: Gott liebt die einen und die anderen sind ihm bestenfalls egal, dann passt das nicht zu dem liebenden Gott, zu dem Papi, von dem Jesus gesprochen hat.

Wir jemand der Überzeugung ist: Ich bin erwählt und die anderen sind egal, das hat fatale Folgen, egal welcher Religion die betreffenden angehören. Die Kämpfer des IS fühlen sich im Recht, wenn sie angeblich Ungläubige, die Gott angeblich verworfen hat, abschlachten. Weil Gott es ihrer Meinung nach so will.

Und ich weiß, es ist ein heikles Thema. Aber wenn sich ein moderner Staat Israel heute noch darauf beruft, dass Gott dem Volk Israel das Land geschenkt hat, wenn er daraus das Recht ableitet, andere Menschen zu unterdrücken und zu benachteiligen, dann führt das nicht zum friedlichen Zusammenleben der Menschen im Nahen Osten. Das hat damals schon nicht funktioniert. Wie soll es heute funktionieren, in einer hochkomplexen Welt mit Waffen, gegen die die damaligen Schwerter und Streitwagen sich ausnehmen wie Kinderspielzeug.

Ich glaube, wir haben nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, die Bibel nicht einfach wörtlich zu nehmen. Es geht darum, die Entwicklungslinien, die sich in der Bibel selbst abzeichnen, aufzugreifen und weiterzuführen: Von der Exklusivität einer Erwählung, die sagt: Wir sind erwählt, wir sind Gottes Kinder, und ihr nicht, ihr seid verworfen und verloren – von dieser Exklusivität müssen wir zu einer Inklusivität kommen. Zu der Überzeugung, dass Gott alle Menschen ohne Unterschied liebt und annimmt und das Beste für sie will. Da ist kein Platz mehr für eine Haltung, die andere ausschließt, auch wenn die Bibel in weiten Teilen von einer solchen Ausschließlichkeit geprägt ist.

So verstehe ich Jesus, so verstehe ich den Auftrag der Kirchen in der Welt: Einzutreten für Versöhnung und Ausgleich, weil Gott uns berufen hat zur Liebe.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, der Mensch gewordenen Liebe Gottes.