Was ist die Schöpfung?

Schöpfung

Bild von Lolame auf Pixabay

 

Predigt am 18. August 2019

 

Liebe Gemeinde,

ich gebe es offen zu: Manche Atheisten gehen mir gehörig auf die Nerven. Und zwar vor allem dann, wenn sie mit einem mitleidigen Lächeln Dinge sagen wie: Das mit Gott ist doch Quatsch. Die Wissenschaft hat doch längst bewiesen, dass die Welt nicht von einem Gott in sechs Tagen erschaffen wurde, sondern in Jahrmilliarden aus einem Urknall entstanden ist.

Okay, sage ich. Und? Meint ihr etwa, das wüssten wir Christen nicht?

Natürlich, es gibt Christen, die meinen, es gehörte zu Christsein dazu, die Geschichte von der Schöpfung am Anfang der Bibel wortwörtlich zu nehmen, als eine Art Reportage. „Wie es damals wirklich zuging“, oder so ähnlich.

Aber diese Christen verwechseln etwas. Sie meinen, die Bibel biete eine Art naturwissenschaftlichen Bericht. Dabei übersehen sie, dass es in der Zeit, in der die Bibel geschrieben wurde, noch gar keine Naturwissenschaft gab. Und dass diese Geschichte eine ganz andere Absicht verfolgt als etwa ein Lehrbuch der Physik oder Biologie.

Die Geschichte, die ich Ihnen gerade vorgelesen habe, will kein wissenschaftlicher Bericht sein. Sie ist ein Bekenntnis, ein religiöses und politisches Statement.

Sie ist entstanden in einer Zeit, in der das Volk Israel so ziemlich am Ende war. Der König Nebukadnezar von Babel hatte nach einem verheerenden Krieg die Hauptstadt Jerusalem erobert und bis auf die Grundmauern zerstört. Und alle Überlebenden, die irgendwie von Nutzen sein konnten – also alle Handwerker, alle, die lesen und schreiben konnten, die sprichwörtlichen „oberen Zehntausend“, wurden in die Sklaverei fortgeführt, sie mussten Zwangsarbeit leisten und dem verhassten Eroberer dienen.

Nun stellten sich die Menschen damals vor, dass jedes Volk seinen eigenen Gott hatte, und ein Kampf von zwei Völkern gegeneinander war auch ein Kampf ihrer Götter. Der Gott des besiegten Volkes war dem Gott des siegreichen Volkes unterlegen. In dieser Sicht der Dinge war also der Gott Israels, der Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs, dem Gott Babels unterlegen. Dieser Siegergott trug den Namen Marduk und viele fromme Geschichten rankten sich um ihn. Eine davon ging ungefähr so: Am Anfang, als es noch keine Menschen gab, ja als es noch nicht einmal Himmel und Erde gab, sondern nur eine Handvoll Götter, da wurden diese Götter bedroht von einem schrecklichen Ungeheuer namens Tiamat. Tiamat ist so etwas wie die Urgewalt des Meeres, das Chaos, die Urflut, ein wässriges, schleimiges Ungeheuer, das auf Tod und Vernichtung aus ist. Da tritt Marduk auf, ein junger Gott. Er stellt sich Tiamat entgegen und tötet sie im Zweikampf. Er hackt sie in der Mitte entzwei und macht aus einem Teil ihres Körpers die Erde und aus dem anderen die Himmelskuppel.

Dann formt Marduk aus dem Blut eines weiteren erschlagenen Gottes die Menschen, und die Aufgabe der Menschen ist es, den Göttern zu dienen.

Diese Geschichte also, aufgeschrieben unter dem Namen Enuma Elisch, fanden die Israeliten vor, sie gehörte zur babylonischen Staatsreligion, die sie, als die Unterlegenen und Besiegten, nun gefälligst auch anzunehmen hatten.

Und nun geschieht etwas völlig Unerwartetes, ja geradezu Ungeheuerliches. Dieses besiegte Volk weigert sich, die Religion der Herrschenden anzunehmen. Und sie formulieren ihre eigene Schöpfungsgeschichte. Nicht Marduk hat Himmel und Erde aus dem Körper des erschlagenen Ungeheuers geformt, sondern der Eine Gott, der vermeintlich unterlegene Gott Israels. Er hat Himmel und Erde geschaffen. Durch sein Wort. Darum geht es. Um ein politisch-religiöses Statement. Nicht Marduk ist der Herr des Himmels und der Erde, und nicht Nebukadnezar ist der oberste Bestimmer. Sondern Gott, der Gott Israels, der Gott des kleinen, besiegten, verschleppten, zum Frondienst gezwungenen Volkes. Ich finde dieses Selbstbewusstsein phänomenal, das sich nicht einmal durch die militärische Niederlage und die nationale Katastrophe unterkriegen lässt.

Bei der Schöpfungsgeschichte geht es also eigentlich darum, wer in der Welt das Sagen hat. Und darum, dass unsere Welt nicht aus Krieg und Kampf und einem geschlachteten Monster entstanden ist, sondern aus Liebe und aus einem vollmächtigen Wort. Und darum, dass der Sinn des menschlichen Lebens nicht darin besteht, den Göttern und ihren irdischen Stellvertretern zu dienen. Vielmehr sind wir Ebenbilder Gottes, nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen als Männer und Frauen, fähig zu Liebe und Kreativität.

Das würde ich als Erstes einem dieser überlegen lächelnden Atheisten erwidern. Dann würde ich aber noch weitergehen.

Natürlich, in einer Zeit, in der die Menschen sich die Erde als flache Scheibe vorstellten, über die sich die Himmelskuppel wie eine Käseglocke wölbt, da konnte man sich auch vorstellen, dass Gott wie ein kosmischer Bastler Himmel und Erde, Pflanzen, Tiere und am Ende den Menschen geformt hat. Damals passte diese Vorstellung. Denn natürlich bauten die Menschen der damaligen Zeit ihre Geschichte auf dem damals gängigen Weltbild auf. Wie denn sonst!

Und nun machen wir einen großen Sprung, direkt hierher in die Gegenwart. Und unser Weltbild ist ein anderes. Wir gehen heute davon aus, dass das Universum unvorstellbar groß ist. Wikipedia gibt den Durchmesser des Universums mit 78 Milliarden Lichtjahren an. 78 Milliarden Lichtjahre. Und das Alter des Universums wird auf 13,8 Milliarden Jahre geschätzt. Angesichts dieser riesigen Zahlen erscheint das Bild von einem kosmischen Bastler
eher naiv. Wir müssen auch gar nicht an einen solchen Bastler glauben, wenn wir glauben, dass die Welt von Gott geschaffen wurde.

Wir können nämlich fragen: Was ist denn der Sinn dieser Aussage? Was meinen wir denn, wenn wir davon sprechen, dass Gott die Welt geschaffen hat?

Ich meine damit: Die Welt und damit mein Leben – und deins und deins und deins – ist nicht durch bloßen Zufall entstanden, sondern ist Ausdruck eines liebenden Willens. Damit sagen wir eigentlich genau dasselbe wie die alten Israeliten, nur mit heutigen Worten und Bildern: Wir sind nicht einfach in einen kalten, unpersönlichen Kosmos geworfen, sondern Kinder einer unendlichen Liebe.

Diese Liebe bezeichnen wir mit dem Namen Gott. Gott ist also kein alter Mann mit Bart auf der Wolke. Vielmehr ist Gott die Tiefe des Seins, das Geheimnis der Welt. Ursprung und Quelle von allem, was ist, die unendliche, unendlich schöpferische Kraft und Macht der Liebe, die fortwährend Neues gebiert, die in dir und in dir und in mir und allen Lebewesen und die den riesigen, endlosen Weiten des Universums den Atem gibt, und dir und dir und mir auch. Die Liebe, aus der wir geboren wurden, die uns trägt und in die wir wieder eingehen, wenn unsere Zeit auf der Erde abgelaufen ist.

Aus dieser Kraft, aus diesem guten, liebevollen Willen heraus ist die Welt entstanden. Und sie ist wahrhaft erstaunlich aufgebaut. Dass es dieses Universum überhaupt gibt, ist an sich höchst unwahrscheinlich. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass viele der physikalischen Fundamentalkräfte kein bisschen stärker oder schwächer sein dürften, als sie tatsächlich sind. Ein kleines Beispiel: Wäre das Verhältnis zwischen der Schwerkraft auf der einen Seite und der Expansionsgeschwindigkeit des Universums nach dem Urknall auf der anderen Seite nur um ein winzigstes bisschen anders, als es ist, wäre das Universum entweder gleich wieder in sich zusammengefallen – oder die Urmaterie hätte sich so rasch verdünnt, dass sich nicht einmal Atome hätten bilden können, geschweige denn unterschiedliche chemische Elemente, und damit Moleküle, und damit Leben. Dieses Verhältnis von Schwerkraft und Geschwindigkeit der Ausdehnung muss auf den Faktor von 1:1057 genau stimmen, sonst gäbe es dieses Universum nicht. Das entspricht, so habe ich es nachgelesen, „der Genauigkeit, die nötig ist, um einen Bleistift auf seiner Spitze so genau auszubalancieren, dass er auch nach zehn Milliarden Jahren immer noch auf seiner Spitze steht.“

Ist das nicht verrückt? Wir brauchen aber nicht bis zum Urknall zu gehen. Wir brauchen uns nur die Zusammensetzung der Atmosphäre unserer Erde anzuschauen. Das Kohlendioxid, um das sich in letzter Zeit alles dreht, macht einen Anteil von etwa einem halben Promille an der Atmosphäre aus. Und trotzdem bewirkt eine minimale Veränderung dieses minimalen Anteils den Klimawandel, den wir zurzeit mitbekommen. Nein: den wir verursacht haben und verursachen.

Die Erde, dieses Kind der kosmischen Liebe, die wir Gott nennen – die Erde und die Biosphäre, die sich darauf gebildet hat in der hauchdünnen Schicht dieser Atmosphäre, sie sind so unendlich schön und kostbar und fein abgestimmt und alles in ihr steht mit allem anderen in so inniger Verbindung, dass kleinste Abweichungen schon katastrophale Auswirkungen haben können. Wie bei einem höchst empfindlichen Mobile, wo man eins der Elemente nur leicht anhauchen muss, und schon gerät alles in Schwingung und Bewegung, die Elemente verändern ihren Ort und ihre Stellung zueinander, und nichts ist, wie es vorher war.

Wir Menschen sind zwar an sich auch nur ein winziger Teil dieser grandiosen Schöpfung, aber wir haben es geschafft, diese fatalen Abweichungen zu produzieren. Durch unser kurzsichtiges, egozentrisches Verhalten ist es uns in kürzester Zeit tatsächlich gelungen, das feinst austarierte Gleichgewicht des Lebens auszuhebeln und zu zerstören.

So gründlich ist uns das gelungen, dass es fast schon zynisch klingt, wenn wir das schöne Lied „Geh aus, mein Herz und suche Freud“ singen, mit schattenreichen Myrten, mit Glucken, Lerchen und Nachtigallen und Bienen.

Aber was können wir tun? Was können wir tun, um das Mobile wieder ins Gleichgewicht zu bringen? Natürlich sollten und müssen wir das tun, was die Klimaforscher seit Jahren sagen und was jetzt seit ziemlich genau einem Jahr von den jungen Leuten freitags auf die Straße gebracht wird. Ich brauche das hier nicht aufzuzählen.

Aber ich denke, es geht noch um mehr. Es geht um unsere Haltung, unsere Einstellung zur Schöpfung.

Und da glaube ich als Erstes, es täte uns gut, wenn wir das Staunen wieder lernen würden, das Staunen über die unfassbare Vielfalt, Buntheit und Lebendigkeit der Natur um uns herum, von der wir ein Teil sind. Ein solches Staunen, ja eine Ehrfurcht, stellt sich am ehesten ein, wenn wir uns in der freien Natur bewegen. Wenn wir in einer sternklaren Nacht den Himmel betrachten – an einem Ort, an dem es kein künstliches Licht gibt. Wenn wir am Meer sind oder am frühen Morgen in einem tiefen Wald. Und aus dem Staunen kann die Dankbarkeit kommen, die Dankbarkeit für die Schönheit und Fülle, die uns umgibt.

Als zweites aber, so glaube ich, braucht es die Hoffnung, dass die unendliche Kreativität der göttlichen Liebe das Neue schaffen kann, das nötig ist. Denn es ist ja schier zum Verzweifeln, wie wenig sich wirklich tut und wie gewaltig wir unseren Lebensstil verändern müssen, um unseren Enkeln eine lebenswerte Erde zu hinterlassen. Bei allem, was wir selbst tun können und tun müssen – und was wir lassen können und lassen müssen –, ist das Wichtigste vielleicht doch die Hoffnung und das Vertrauen, dass die unendliche Liebe, die dieses Universum hervorgebracht hat, die unseren Planeten entstehen ließ und die uns das Leben geschenkt hat, dass diese unendliche Liebe, die Kreativität Gottes, neue Möglichkeiten schafft, die wir uns heute noch nicht einmal vorstellen können.

Wer hätte es heute vor einem Jahr gedacht, dass aus der stillen Aktion eines einzelnen Mädchens eine weltweite Bewegung würde, die auch von den Regierenden gehört wird.

Bei allem, was wir im Blick auf unseren eigenen Lebensstil tun und lassen können, können wir als Christen also vor allem eins: Wir können uns an die unendliche, unendlich kreative Macht der Liebe wenden, die wir Gott nennen. Gott hat immer noch unendliche Möglichkeiten. Das heißt nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Mit Martin Luther würde ich sagen: Wir sollen beten, als ob alles Handeln nichts nützte, und handeln, als ob alles Baten nichts nützte.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne und seine ganze Schöpfung in Christus Jesus. Amen.

 

Tilmann Haberer

 

 

Erwählt

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Predigt über 2. Mose 19, 1–6

Ein Versuch, die Entwicklungsstufen aus „Gott 9.0“ auf einen Predigttext anzuwenden – ursprünglich gehalten am 20.August 2017 in St. Markus

Im dritten Monat nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, an diesem Tag kamen sie in die Wüste Sinai. Sie brachen auf von Refidim und kamen in die Wüste Sinai, und Israel lagerte sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge. Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der Herr rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.

 

Liebe Gemeinde,

Gott bleibt sich immer gleich, vermutlich. Aber wie wir Menschen von Gott reden, wie wir ihn uns vorstellen, was für Bilder wir von Gott haben, das ändert sich. Es ändert sich im Lauf eines Lebens und es ändert sich im Lauf der Geschichte der Menschen. Und in der Bibel können wir diese Veränderungen gut studieren.

Da ist am Anfang ein Mann, Abraham, der hatte etwas, was wir heute eine Gotteserfahrung nennen würden. Gott begegnet ihm, im Traum oder wie auch immer, das wissen wir nicht so genau. Jedenfalls berichtet Abraham, dass Gott zu ihm gesprochen habe und ihm viele Nachkommen und ein gutes Leben auf der Erde verspricht. An diesen Gott hält sich Abraham natürlich, und so gibt es also einen Gott Abrahams. Dieser Gott ist ganz auf den einen Mann bezogen, und wohl auch noch auf seine Familie. Es ist ein sehr persönliches und etwas enges Gottesbild. Die Nachbarn haben andere Götter, Abraham hat seinen eigenen. Die Menschen in den Städten beten viele Götter an, Abraham hat diesen einen. Den Gott Abrahams.

Aber dabei bleibt es nicht. Der Predigttext, den ich vorgelesen habe aus dem 2. Buch Mose, der zeigt den Beginn eines neuen Stadiums. Gott ist jetzt nicht mehr nur der Gott eines Einzelnen oder einer Sippe. Gott hat sich nun ein ganzes großes Volk erwählt. Er hat sie aus der Knechtschaft, aus der Sklaverei in Ägypten befreit und versprochen, sie in ein eigenes, wunderbares Land zu führen.

Mit dieser Geschichte werden wir Zeugen, wie Gott einen Bund schließt, wie es in der Bibel heißt. Gott erwählt sich das Volk, es ist sein Eigentum, das er beschützt, und im Gegenzug verpflichten sich die Menschen, bestimmte religiöse und ethische Regeln einzuhalten. Unmittelbar nach dem Kapitel, aus dem unsere heutige Geschichte stammt, wird erzählt, wie Mose die Zehn Gebote erhält, sozusagen das Grundgesetz des Volkes Israel.

Gott ist nun nicht mehr nur der Gott Abrahams, des Stammvaters. Gott ist der Gott Israels, eines großen Volkes, das aus zwölf Stämmen besteht. Andere Völker haben andere Götter. Die Bibel bestreitet in diesem Stadium überhaupt nicht, dass es diese anderen Götter wirklich gibt. Baal und Ischtar und Marduk, Isis und Osiris, die gibt es wirklich. Nur: Anbeten dürfen die Israeliten sie nicht. Anbeten dürfen sie nur ihren eigenen Gott, nur ihm dürfen sie dienen, nur ihm dürfen sie opfern, nur zu ihm dürfen sie beten und nur ihn dürfen sie um Hilfe bitten. Da ist er eigen. Umgekehrt hat niemand anders das Recht, sich an diesen Gott zu wenden. Er ist allein und ausschließlich Israels Gott. Man kann sagen, die Vorstellung von Gott ist nicht mehr egozentrisch, also auf das einzelne Individuum bezogen, sondern ethnozentrisch, also auf eine bestimmte Gruppe bezogen, auf ein Volk.

Allerdings ist es auch dabei nicht geblieben. Wenn das heute noch so wäre, dann würden wir hier in Deutschland immer noch Thor und Odin anbeten, oder vielleicht Jupiter und Mars, Venus und Diana, die Götter der Römer, die weiland dieses Land erobert haben.

Aber es kam anders. Schon im Alten Testament gibt es Geschichten, die darauf abzielen, dass Gott nicht nur der Gott dieses einen Volkes ist, sondern dass er auch die anderen Menschen meint und sich auch den anderen Menschen zuwendet.

Und dann, im sogenannten Babylonischen Exil, tritt ein Theologe auf, der einen ganz neuen Gedanken hat. Er sagt: Es gibt überhaupt nur einen Gott. Der Gott, den Israel anbetet und der sich Israel erwählt hat, ist der einzige, wahre Gott. Es gibt nur einen. Die anderen sind nichts als Stein und Metall und Holz, von Bildhauern gemacht. Unser Gott, den man nicht sehen kann, der im höchsten Himmel wohnt, der ist der einzige Gott. Dieser Theologe hat so eine neue, bahnbrechende Idee entwickelt: den Monotheismus, das heißt die Lehre, dass es überhaupt nur einen einzigen Gott gibt.

Dieser Gott ist der Gott, der mit Israel seinen Bund geschlossen hat. Sein Tempel ist in Jerusalem auf dem Berg Zion, und am Ende der Zeiten werden die Menschen aus aller Herren Länder in einer großen Wallfahrt zum Zion kommen und diesen einen Gott in seinem Tempel anbeten. Gott wird also schon sehr umfassend gedacht, trotzdem ist das Gottesbild noch sehr ethnozentrisch – auf das Volk Israel bezogen. Israel und vor allem Jerusalem, der Zion, das ist der Mittelpunkt.

In diesem Volk wird fünfhundert Jahr später Jesus geboren, und er wächst heran und lernt neben seinem Handwerk auch die Bibel zu lesen. Er ist ein Schriftgelehrter und wahrscheinlich gehört er auch der Schule der Pharisäer an.

Jesus hat ein ganz neues, ganz eigenes Verhältnis zu Gott. Ja, Gott ist der himmlische König, aber gleichzeitig ist er ganz nah und liebevoll. Abba, sagt Jesus zu ihm, Papi. Und die Liebe dieses Vaters ist nicht auf die Guten beschränkt und nicht auf ein bestimmtes Volk. Jesus sagt: „Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“, ohne Ansehen der Person, der Nation und der Religion. Jesus stellt den Samaritaner als Vorbild hin, den die frommen Juden als Ketzer und Ungläubigen bezeichnen, und er sagt von einem römischen Zenturio: „Einen so großen Glauben wie bei diesem Mann habe ich in ganz Israel nicht gesehen.“ Und er betont, dass bei Gott nicht die richtige Konfession und die richtige Liturgie zählt, sondern es zählt, ob ein Mensch etwas von der Liebe begriffen hat und sie umsetzt. Ganz so, wie wir es im Evangelium gehört haben: Das höchste Gebot, das besser ist als alle Opfer, das ist die Liebe: die Liebe zu Gott, dem Großen Ganzen, und die Liebe zu den Mitmenschen, und der liebevolle Umgang mit sich selbst.

Jesus bringt das weltzentrische Verständnis von Gott, und ein paar Jahre später reißt Paulus die Grenzen zwischen dem Volk Israel und dem Rest der Welt noch weiter ein, er bringt den Glauben an diesen Einen Gott aus dem Nahen Osten nach Europa.

Und heute verstehen viele, dass das Verständnis von Gott sich noch einmal erweitern muss. Wir sind heute so intensiv mit Menschen aus aller Herren Länder vernetzt, wir kennen andere Religionen nicht nur vom Hörensagen, sondern können ihnen jederzeit in unserem Alltag begegnen. Viele stellen fest, dass Menschen, die einer anderen Religion angehören, genauso ernsthaft nach Gott fragen, ihren Mitmenschen genauso mit Liebe und Respekt begegnen, manche vielleicht sogar mit mehr Liebe und Respekt als viele von uns Christen. Mögen sie andere Namen für Gott haben, entscheidend ist doch, dass sie die Liebe leben. Wenn ich Jesus beim Wort nehme, dann muss ich sagen: Ein Hindu oder Muslim oder Atheist, der seinen Mitmenschen in Liebe und Respekt begegnet, ist Gott näher als ein Christ, der andauernd den Namen Gottes im Mund führt, sich im Alltag aber rücksichtslos und lieblos verhält.

Und was ist nun mit der Erwählung? Ist Israel nicht mehr Gottes erwähltes Volk? Ich denke, wir Christen tun gut daran, unseren jüdischen Schwestern und Brüdern hohe Achtung und tiefe Liebe entgegenzubringen. Sie sind unsere älteren Geschwister, in diesem Volk sind zum ersten Mal in der Geschichte unserer Welthalbkugel die Gedanken aufgekommen, dass es nur diesen einen Gott gibt und dass man den Willen dieses Gottes mit einem Wort zusammenfassen kann: Liebe. Das ist die besondere Bedeutung des Volkes Israel und der Menschen jüdischen Glaubens. Aber Gottes Liebe geht viel weiter. Seine Erwählung funktioniert nicht so, dass er einige auswählt und die anderen hinten runterfallen lässt. Nein, Gott hat uns alle erwählt, allen Menschen dieser Welt gilt seine Liebe – wie könnte es auch anders sein! Alle Menschen dieser Welt sind noch lange nicht genug, um Gottes Liebe aufzusaugen, sie ist immer noch weiter und größer und will sich immer noch weiter verströmen, in alle Ecken der Erde, zu allen Menschen.

Damit, zugegeben, bürste ich große Teile der Bibel gegen den Strich. Gerade in der Hebräischen Bibel, im Alten Testament, wird sehr klar die Überzeugung ausgedrückt, dass Gott eben dieses Volk erwählt hat und die anderen nicht. Dass Gott dieses Volk – aus welchen Gründen auch immer – allen anderen Völkern und allen anderen Menschen vorzieht.

Und ich denke, die Bibel gegen den Strich bürsten, das muss ich auch tun. Ich folge damit Jesus, zum Beispiel in der Bergpredigt. „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten Lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde!“

Damit bürstet Jesus selbst schon die Hebräische Bibel gegen den Strich. Liebt eure Feinde. Damals, zur Zeit des Mose, waren Feinde eigentlich keine richtigen Menschen. Man konnte sie aus tiefstem Herzen hassen und sich freuen, wenn sie ins Verderben stürzten. „Singt dem Herrn, denn er ist hoch erhaben, Ross und Reiter warf er ins Meer“, singt Deborah, die Schwester des Mose, nach der Rettung am Schilfmeer, nach dem Auszug aus der Knechtschaft.

Bei aller Mitfreude darüber, dass das Volk aus der Sklaverei befreit wurde, fragen wir uns heute doch auch: Diese Tausende ägyptischen Krieger, die da jämmerlich ersoffen sind – waren das keine Menschen? Hatten sie nicht Frauen und Kinder, Eltern und Freunde? Können wir wirklich über einen Sieg in irgendeinem Krieg jubeln?

Der Gott des Alten Testaments ist über weite Strecken ein Kriegsgott. Er führt die Kinder Israel, sein erwähltes Volk, nicht nur aus der Sklaverei, er führt sie auch in ein neues Land, das er ihnen schenkt. Das Problem aus heutiger Sicht: In diesem Land lebten schon Menschen, die nicht begeistert waren, als da Fremde ankamen und ihnen ihre Äcker und Felder, ihre Städte und Dörfer wegnehmen wollten, um sie selbst zu bebauen und zu bewohnen. Doch der Gott des Alten Testaments fackelt nicht lang: Die Bewohner der Landes werden ausgerottet, entweder unterstützt Gott die israelischen Invasoren oder Gott erledigt das gleich selbst. Diese Kriegsgeschichten, diesen Gott, der befiehlt, die Gegner komplett auszurotten, niemand am Leben zu lassen – an den kann und will ich heute nicht mehr glauben.

Durch Jesus haben wir gelernt, dass es nicht darauf ankommt, den eigenen Vorteil zu suchen, sondern Versöhnung und Ausgleich. Wenn Erwählung heißt: Gott liebt die einen und die anderen sind ihm bestenfalls egal, dann passt das nicht zu dem liebenden Gott, zu dem Papi, von dem Jesus gesprochen hat.

Wir jemand der Überzeugung ist: Ich bin erwählt und die anderen sind egal, das hat fatale Folgen, egal welcher Religion die betreffenden angehören. Die Kämpfer des IS fühlen sich im Recht, wenn sie angeblich Ungläubige, die Gott angeblich verworfen hat, abschlachten. Weil Gott es ihrer Meinung nach so will.

Und ich weiß, es ist ein heikles Thema. Aber wenn sich ein moderner Staat Israel heute noch darauf beruft, dass Gott dem Volk Israel das Land geschenkt hat, wenn er daraus das Recht ableitet, andere Menschen zu unterdrücken und zu benachteiligen, dann führt das nicht zum friedlichen Zusammenleben der Menschen im Nahen Osten. Das hat damals schon nicht funktioniert. Wie soll es heute funktionieren, in einer hochkomplexen Welt mit Waffen, gegen die die damaligen Schwerter und Streitwagen sich ausnehmen wie Kinderspielzeug.

Ich glaube, wir haben nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, die Bibel nicht einfach wörtlich zu nehmen. Es geht darum, die Entwicklungslinien, die sich in der Bibel selbst abzeichnen, aufzugreifen und weiterzuführen: Von der Exklusivität einer Erwählung, die sagt: Wir sind erwählt, wir sind Gottes Kinder, und ihr nicht, ihr seid verworfen und verloren – von dieser Exklusivität müssen wir zu einer Inklusivität kommen. Zu der Überzeugung, dass Gott alle Menschen ohne Unterschied liebt und annimmt und das Beste für sie will. Da ist kein Platz mehr für eine Haltung, die andere ausschließt, auch wenn die Bibel in weiten Teilen von einer solchen Ausschließlichkeit geprägt ist.

So verstehe ich Jesus, so verstehe ich den Auftrag der Kirchen in der Welt: Einzutreten für Versöhnung und Ausgleich, weil Gott uns berufen hat zur Liebe.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, der Mensch gewordenen Liebe Gottes.