Was ist heilig?

Sacred

 

Predigt in St. Markus München am Sonntag, 8. März 2020

 

Diese Predigt ist Teil einer Predigtreihe zum Thema „Begegnungsräume“ und trägt eigentlich den Titel: „Begegnung zwischen Gott und Welt“. Ich finde aber, sie passt sehr gut in meine „Was ist…?“-Reihe.

 

Vor vielen Jahren war es, in einer anderen Gemeinde. Wir feierten das Sommerfest und wie so oft beim Sommerfest war das Wetter nicht besonders schön. Unfreundlich und – wie der Wetterbericht zu sagen pflegt – für die Jahreszeit zu kühl. Nach dem Familiengottesdienst begann es leicht zu nieseln. Eine ganze Schar Kinder flüchtete sich in die Kirche und spielte Fangen zwischen den Kirchenbänken. Da kam ein älterer Herr zu mir und sagte streng: „Herr Pfarrer, ich dachte immer, die Kirche sei das Haus Gottes!“ Ich war verblüfft, allerdings nicht so verblüfft, dass mir nicht noch die Antwort eingefallen wäre: „Ja, und mein Gott mag spielende Kinder.“

Was hat diesen Herrn zu seiner kritischen Bemerkung bewegt? Anscheinend hat er Anstoß genommen an dem Lärm, den spielende Kinder nun einmal verursachen, und vielleicht auch an der Fröhlichkeit, die sie ausstrahlen. Sein Gott ist anscheinend streng und ernst. Und heilig. In seiner Nähe muss man auf Zehenspitzen gehen und darf nur flüstern – und eins darf man ganz sicher nicht: lachen.

Diese Haltung ist weit verbreitet. Sie ist sicher religiös. Aber christlich? Christlich ist eine solche Haltung nicht. Denn für Christen hat die Heiligkeit Gottes nichts damit zu tun, dass man ängstlich jeden Anschein von Lebendigkeit vermeidet.

Aber noch einmal. Als religiös kann man diese Haltung wohl wirklich bezeichnen. Es ist geradezu ein Kennzeichen der meisten Religionen, dass sie heilige Bezirke kennen, in denen man sich nicht so verhalten darf wie im Rest des Lebens. In denen Stille zu herrschen hat, Ehrfurcht, ein bisschen Befangenheit. In denen laute Lebensäußerungen nicht erwünscht sind – Lachen eben, aber auch Niesen oder gar Gähnen…

Wie kommt das?

Ich glaube, das steckt von Anfang an in der DNA der Religion, dass es heilige Orte gibt, und auch heilige Handlungen, heilige Gegenstände und heilige Personen.

Ich glaube, so ist Religion überhaupt entstanden: Schon die allerersten Menschen, die gerade erst ein Bewusstsein für sich selbst entwickelt hatten, erlebten immer wieder Momente, in denen die Welt durchsichtig wurde für eine tiefere Dimension. Momente, in denen die Menschen eine Ahnung bekamen – oder auch eine Gewissheit –, dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde als das, was die Augen sehen. Die Menschen dachten damals sehr konkret, und so meinten sie: Wenn mir dieses Erlebnis hier widerfahren ist, dann muss das daran liegen, dass hier ein besonderer Ort ist – ein Ort, an dem die Wand zwischen dem Diesseits, zwischen der Welt der Menschen, und dem Jenseits, der Sphäre des Göttlichen, sehr dünn ist. Hier, an diesem Ort, kann man dem Göttlichen nahe sein. Hier ist ein heiliger Ort.

Eine Geschichte, die diesen Vorgang beschreibt, kennen manche vielleicht noch aus dem Religionsunterricht: Jakob, einer der Erzväter Israels, schläft unter freiem Himmel und träumt von einer Leiter, die da steht und an der Engel, Boten Gottes, hinauf und herunter steigen. Er erwacht und sagt: „Ja, wirklich, hier ist das Haus Gottes, und ich wusste es nicht.“ Er richtet einen Stein auf als Denk-Mal und als Altar, und fortan ist dieser Ort heilig: Beth-El, Gottes Haus.

So etwas gibt es aber nicht nur in der Bibel, es gibt diese Geschichten um heilige Orte in allen Religionen. Alle Religionen kennen heilige Berge, heilige Flüsse, heilige Felsen, heilige Bäume: Orte, an denen man Gott – angeblich – ganz besonders nahe kommt.

Und an solchen Orten wurden dann Heiligtümer gebaut. Tempel, oder in unserem schönen Oberbayern Kapellen, Klöster und Kirchen.

Im Tempel war alles anders. Um ihn zu betreten, musste man sich reinigen – so wie sich Muslime bis heute Hände, Füße und Gesicht waschen, bevor sie die Moschee zum Gebet betreten. Es gab und gibt besondere Bezirke in der Tempelanlage, die niemand betreten darf außer besonders geschulten und geweihten Menschen, Priesterinnen und Priester, Vestalinnen oder Tempeldiener. In vielen katholischen Kirchen gilt der Altarraum als besonderer Raum, den man gar nicht oder jedenfalls nicht ohne Weiteres betreten darf. Oft ist er abgetrennt mit einer Kordel. Denn da, am Altar, wird die heilige Handlung vollzogen, vom geweihten Priester, heiliger geht es kaum.

Dieses Prinzip der Heiligkeit spielte vor allem auch im Tempel in Jerusalem eine ganz entscheidende Rolle. Er war aufgebaut wie eine Zwiebel: In den äußersten Mauerring, den Vorhof der Heiden, durften alle Menschen. Dann kam der Vorhof der Frauen, den nur noch Angehöriger des jüdischen Volkes betreten durften, des Volkes Gottes, das mit Gott in inniger Verbindung steht, weil Gott es auserwählt hat unter allen anderen Völkern. Dann kam der Vorhof der Männer, den auch jüdische Frauen nicht betreten durften, denn Frauen galten von ihrem Wesen her als weniger rein und heilig als die Männer. Patriarchale Zeiten, die Gottseidank vorbei sind.

Schließlich gab es den Vorhof der Priester, den nur Tempeldiener und Priester betreten durften, in dem die Opfer abgehalten wurden. Dann erst kam das Heiligtum, das eigentliche Tempelgebäude. Da hinein ging eigentlich niemand, und in dem Heiligtum gab es eine innerste Kammer, das Allerheiligste, das von einem bodenlangen Vorhang verhüllt war. Dieser Raum war leer – anders als in den Tempeln anderer Religionen stand dort kein Götterstandbild. Denn der Gott Israels ist so heilig, dass man ihn nicht abbilden kann und darf. In diesen Raum ging ein einziges Mal im Jahr, am Versöhnungstag, ein einziger Mensch: der Hohepriester, zum Opfer. Einmal im Jahr, die übrigen 364 Tage stand der Raum immer leer – das heißt, nach Überzeugung der Juden war er natürlich nicht leer, sondern angefüllt mit Gottes Heiligkeit, mit Gottes Herrlichkeit, wie es auch hieß.

Gott, so wird es in der Hebräischen Bibel immer wieder dargestellt, Gott ist so heilig, dass man ihn nicht einmal ansehen kann, man würde auf der Stelle tot umfallen. Gott ist erhaben, riesig, unnahbar. Heilig, heilig, heilig.

Das heißt aber auch: Die Welt der Menschen ist nicht heilig. In ihr gelten andere Gesetze und Regeln. Zwar hat Gott auch für den Alltag der Menschen Gesetze gegeben, aber Gott selbst ist ja nicht da, er ist ja der Welt enthoben in seiner Heiligkeit. Und dieser Gedanke führte oft zu einem fatalen Missverständnis: Die Menschen benahmen sich in ihrem Bereich, der sogenannten profanen Welt (von pro-fanum, vor dem Heiligtum), die Menschen benahmen sich also nach ihren eigenen Regeln. Dann gingen sie am Versöhnungsfest in den Tempel zum heiligen Gott, brachten die vorgeschriebenen Opfer dar und alles war wieder gut.

Gegen dieses Missverständnis, oder auch: gegen diesen Missbrauch protestierten die Propheten heftig. Amos beispielsweise. „Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen, und an euren Speisopfern habe ich kein Gefallen, und euer fettes Schlachtopfer sehe ich nicht an. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!“ Der ganze Gottesdienst, der ganze Tempelkult nutzt nichts, wenn die Menschen sich nicht an Gottes Lebensregeln halten und einander lieben und achten: „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

Oder Jeremia: „So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels: Bessert euer Leben und euer Tun, so will ich euch wohnen lassen an diesem Ort. Verlasst euch nicht auf Lügenworte, wenn sie sagen: Der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn ist hier! Vielmehr: Bessert euer Leben und euer Tun, dass ihr recht handelt einer gegen den andern und gegen Fremdlinge, Waisen und Witwen keine Gewalt übt … Dann will ich euch immer und ewiglich wohnen lassen an diesem Ort, in dem Lande, das ich euren Vätern gegeben habe.“

Der Tempel, der Gottesdienst an sich nützt gar nichts, wenn das Leben der Menschen nicht von Liebe und gegenseitiger Achtung geprägt ist.

Und in diese Tradition stellt sich auch Jesus, wenn er den Tempel „reinigt“. Er geht in den Vorhof der Heiden, stößt die Tische der Wechsler um, lässt die Tauben frei und verhindert, dass irgendetwas durch den Tempel getragen wird. Viele meinen, es war ihm zu geschäftig, zu unruhig, zu „weltlich“, so als würden die Geschäfte der Händler und Wechsler Gottes heilige Ruhe stören.

Aber nein: Händler und Wechsler waren tief religiöse Einrichtungen. Sie waren unabdingbar, um den Opferbetrieb aufrecht zu erhalten. Sie verkauften Opfertiere und wechselten die heidnischen römischen Sesterzen in Tempelgeld um, damit man „reines“, „heiliges“ Geld in den Klingelbeutel werfen konnte.

Jesus zitiert den Propheten Jesaja, der Gott sagen lässt: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer.“ Auch Jesus sagt also: Den ganzen Tempelgottesdienst könnt ihr euch sparen, wenn ihr nicht mit euren Mitmenschen in Liebe und Achtung umgeht.

Mit einem anderen Bild: Gottesdienst, das ist nicht die Zeit am Sonntag zwischen 11.15 und 12.30 Uhr. Gottesdienst, das ist auch die Zeit von Sonntag 12.30 Uhr bis am nächsten Sonntag um 11.15 Uhr. „Euer ganzes Leben sei ein vernünftiger Gottesdienst“, so formuliert es Paulus. Euer ganzes Leben, nicht nur eine Stunde in der Woche.

 

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Wo begegnen Menschen nun also Gott? Wir Christen glauben, dass es dazu keine besonderen Orte braucht. Gott begegnet uns in unseren Mitmenschen, besonders in denen, die leiden. Gott ist nicht in einem fernen Jenseits zu finden, in einem heiligen Bezirk, den man nicht betreten darf.

Und deswegen verlasse ich jetzt diesen fernen, hervorgehobenen Ort hier oben. So wie sich Gott unter den Menschen finden lassen will, so soll das Wort von Gott, so soll die Predigt unter die Menschen kommen.

Der Prediger verlässt die Kanzel und
begibt sich nach unten in den Kirchenraum

Die Evangelien bieten ein eindrückliches Bild. In dem Augenblick, in dem Jesus stirbt, so berichten Matthäus, Markus und Lukas, da zerreißt der Vorhang im Tempel, der das Allerheiligste abtrennt, entzwei, „von oben an bis unten aus“. Das Allerheiligste ist enthüllt, es ist nicht mehr abgetrennt. Die Trennung zwischen heilig und profan, sie ist aufgehoben und gilt nicht mehr. Gott ist nicht im Jenseits zu finden, sondern hier, mitten unter uns, inwendig in uns. Wir können Gott begegnen an allen möglichen Orten, wir können auf Gott treffen in der tiefsten Tiefe unseres Herzens, wir begegnen Gott in unseren Mitmenschen, besonders in denen, die leiden. „Was ihr einem der geringsten meiner Geschwister getan hat“, sagt der Mensch gewordene Gott, „das habt ihr mir getan.“

Gott ist nicht da oben, er ist hier unten. Deswegen werden wir das Abendmahl heute nicht am Altar feiern, denn der Altar ist kein besonders heiliges Möbelstück. Wir werden das Abendmahl hier feiern, wo wir den Kirchenkaffee teilen, wo wir normalerweise nach dem Gottesdienst zusammenstehen, um zu reden und beieinander zu sein. Denn heilig, das sind nicht irgendwelche ausgesonderten Bezirke oder Zeiten oder Menschen. Heilig, das seid ihr alle. Euer Leib, schreibt Paulus, ist ein Tempel des Heiligen Geistes. Ihr alle seid Gottes geliebte Kinder und habt damit Anteil an Gottes Heiligkeit. Ihr seid heilig. Alle. Ohne Ausnahme. Denn heilig sein, das heißt nicht: besonders gut oder moralisch sein. Heilig sein, das heißt ganz einfach: von Gott geliebt sein.

 

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Natürlich mag es auch weiterhin Orte geben, an denen es Menschen leichter fällt, die Gegenwart Gottes zu ahnen. Orte, an denen die Welt leichter durchsichtig wird für die andere, tiefere Dimension der Welt. Das können sogenannte erhabene Orte sein in der Natur, das können auch Kirchen sein, die mit der Kraft vieler Gebete gleichsam aufgeladen sind. Und es mag auch sinnvoll sein, dass es in einer Kirche die meiste Zeit still ist – einfach weil die Menschen Orte der Stille brauchen, gerade hier in der Großstadt.

Aber wenn dann einmal Kinder jauchzend durch die Kirche rennen, wenn dann einmal hier in dieser Kirchenhalle ein Ball stattfindet und das Tanzbein geschwungen wird, wenn Menschen hier essen und trinken, diskutieren und streiten, feiern und lachen – dann stört das Gott nicht. Gott ist gegenwärtig, hier wie anderswo und überall, und Gott freut sich mit denen, die sich freuen. Gott trauert mit denen, die traurig sind. Gott lacht mit den Lachenden und weint mit den Weinenden und tröstet alle, die seinen Trost suchen, hier an diesem Ort und an jedem, an jedem anderen Ort der Welt. Kein Ort der Welt ist gottlos, kein Ort ist Gottes leer.

Begegnung zwischen Gott und Welt – die geschieht immer und überall, in jeder Sekunde, an jedem Ort. Auch hier und heute, in diesem Augenblick.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder, dem Gegenwärtigen, immer und überall – und das heißt: hier und jetzt. Amen.

 

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