Was ist die (Er-)Lösung?

Höhle Licht beschnitten

Predigt am 4. Advent, 23. Dezember 2018, St. Markus

 

Gottes Sohn ist Mensch gebor’n, ist Mensch gebor’n, hat versöhnt des Vaters Zorn, des Vaters Zorn.

So, liebe Gemeinde, heißt es im Quempas, einem beliebten Weihnachtslied, das in den kommenden Tagen aller­orten wieder gesungen wird. Wir feiern die Geburt des Erlösers, und die Erlösung besteht darin – so sagt dieses Lied –, dass der Sohn Gottes stellvertretend für uns arme Sünder die Strafe seines zornigen Vaters auf sich nimmt. Damit versöhnt er den Vater, stillt seinen Zorn – und deswegen werden wir nicht bestraft, sondern Gott kann sich uns wieder in Liebe zuwenden.

Ist das unser Glaube? Ist das die Lösung, die Er-Lösung?

Nein, nein und nochmals nein! Diese Vorstellung von Erlösung war vielleicht in früheren Zeiten angemessen, in Zeiten des Feudalismus und Absolutismus, in Zeiten des ungebrochenen Patriarchats. Vielleicht. Ich kann und will und werde die Erlösung, die wir mit dem Namen Jesus Christus verbinden, so nicht verstehen und so nicht predigen.

Diese Theologie, noch einmal kurz gefasst: Wir Menschen handeln gegen Gottes Willen, und das erregt Gottes Zorn. Und Gottes Zorn ist so groß, dass er uns bestrafen muss, und zwar mit der Höchststrafe: ewige Verdammnis. Um das zu verhindern, wird Gott selbst zum Menschen in Jesus. Er nimmt stellvertretend für uns die Strafe auf sich, lässt sich am Kreuz töten und versöhnt Gott damit. Wir sind gerettet. Diese Theologie also ist in der Antike entstanden und speziell diese Erlösungslehre wurde im Hochmittelalter ausgearbeitet. Das waren Zeiten, in denen in allen damals existierenden Gesellschaften die Todesstrafe gang und gäbe war, ebenso die Sklaverei (bei uns hieß das Leibeigenschaft) und die körperliche Züchtigung als probates Mittel der Kindererziehung. All das war nicht nur gesellschaftlich salonfähig, sondern es wurde als Gottes Wille angesehen.

Die Gesellschaft war streng hierarchisch gegliedert, an der Spitze stand der König oder Kaiser – und so konnten die Menschen sich Gott vielleicht gar nicht anders vorstellen denn als einen König, einen absoluten Herrscher, wie sie ihn aus ihrer Lebenserfahrung kannten. Wir können von Gott ja nicht anders sprechen als in Bildern. Alles Reden über Gott ist metaphorisch und kann nicht anders sein. Wir können nicht über Gott sprechen, „wie er ist“, denn dazu reichen unser Verstand und unsere Einsicht nicht aus. Wir müssen Bilder verwenden. Und unsere Bilder, unsere Metaphern müssen wir aus unserer Erfahrungswelt nehmen, sonst nützen sie ja nichts – wir würden nicht verstehen, was sie ausdrücken sollen.

Die Menschen vor ein paar hundert Jahren stellten sich Gott also als König vor, das war für sie das Bild der höchsten Autorität. Wir heute leben unter ganz anderen Umständen. Wir leben in ganz anderen Verhältnissen und wir, jedenfalls die meisten von uns, betrachten die Verhältnisse, unter denen wir heute leben, auch als Fortschritt. Es ist besser, das heißt menschlicher, angemessener und für die große Mehrheit lebensfreundlicher, in einer freiheitlichen Demokratie zu leben und in einer sozialen Marktwirtschaft (auch wenn die durchaus noch ein bisschen sozialer sein dürfte), angemessener und lebensfreundlicher als eine Monarchie, in der alles dem König gehört und die große Mehrheit als Leibeigene, also als Sklaven, schuften müssen.

Da muss und darf sich auch unser Bild von Gott wandeln. Weshalb sollten wir uns Gott vorstellen wie einen orientalischen Despoten, der tödlich beleidigt ist, wenn seine Kinder  sich danebenbenehmen? Und das sind wir ja schließlich: Gottes Kinder!

Ich stelle mir Gott gar nicht vor wie einen Menschen, das habe ich hier schon öfters gesagt. Gott ist für mich eher die Tiefe der Wirklichkeit, das Geheimnis der Welt, der schöpferische Eros, der allem zugrunde liegt, der in allem wirkt und alles belebt. Trotzdem können wir natürlich auch menschliche Bilder für Gott verwenden – etwa der gute Vater -, und dann können wir Gott auch menschliche Gefühle zuschreiben.

Nehmen wir einfach einmal an, Gott könnte wirklich zornig sein. Anlass dazu bieten wir Menschen ihm ja genug. Wir zerstören mutwillig und sehenden Auges die Schöpfung, die Welt, in der unsere Kinder und Enkel werden leben müssen. Wir wissen, dass der Klimawandel im vollen Gang ist, und fahren trotzdem weiter Auto und essen Fleisch. Unsere Politiker beschäftigen sich mit allem Möglichen, zum Beispiel streiten sie darüber, ob die Bildungshoheit bei den Ländern liegen muss oder beim Bund – aber die wirklich lebenswichtigen, lebensentscheidenden Fragen gehen sie nicht an: Wie die Klimagase wirksam und radikal reduziert werden können. Wie die Plastikflut in unseren Meeren verhindert werden kann. Wie wir das Artensterben stoppen. Das sind die wirklich wichtigen Fragen. Ich möchte dabei aber nicht bloß mit dem Zeigefinder auf die Politiker zeigen. Ich fahre ja selber mit dem Auto und fliege im Urlaub tausende von Kilometern, und ich kaufe selber unnütze Dinge, die in viel zu viel Plastik verpackt sind. Und das sind nur ein paar kleine Beispiele.

Ja, es wäre verständlich, wenn Gott verzweifelt an uns und, ja,  wenn er zornig ist auf uns dumme, kurzsichtige, egoistische Menschen.

Aber was folgt daraus? Wird ein Vater sein Kind umbringen, weil es sich dumm und kurzsichtig und egoistisch verhält? Ich war auch manchmal zornig auf meine Kinder. Aber ich wäre doch nie im Traum darauf gekommen, sie umzubringen oder sie hinauszuwerfen, noch dazu in die äußerste Finsternis, wo Heulen und Zähneklappern herrscht, wie es in der Bibel gleich mehrfach heißt. Können wir uns wirklich vorstellen, dass Gott dazu fähig ist?

Jesus hat dazu in der Bergpredigt schon Einschlägiges gesagt: „Würde jemand unter euch seinem Kind einen Stein geben, wenn es ihn um Brot bittet? Würde er ihm eine Schlange geben, wenn es ihn um einen Fisch bittet? Wenn also ihr, die ihr doch böse seid, das nötige Verständnis habt, um euren Kindern gute Dinge zu geben, wie viel mehr wird dann euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn darum bitten!“ (Mt 7, 9–11, NGÜ)

Gut, hier scheint immer noch eine Bedingung zu sein: Wir müssen Gott bitten, damit er uns Gutes gibt. Aber es geht noch weiter. Ebenfalls in der Bergpredigt sagt Jesus: „Liebt eure Feinde, und betet für die, die euch verfolgen.“ (Mt 5, 44) Also, wenn schon wir unsere Feinde lieben sollen – wie sollte dann Gott, der die Liebe ist, seine Kinder hassen? Wie sollte er ihnen eine ewige Strafe aufbrummen? Sollte Jesus etwas von uns verlangen, woran Gott der Vater sich selbst nicht hält?

Die Vorstellung, dass Gott die Menschen straft, gar noch in Ewigkeit straft, dass Gott seine Kinder hinauswirft in die äußerste Finsternis, wo Heulen und Zähneklappern herrscht – diese Vorstellung gehört in andere Zeiten. Gott, der die Liebe ist und der uns dazu einlädt, unsere Mitmenschen zu lieben wie uns selbst, ja sogar unsere Feinde – den kann und will ich mir nicht so vorstellen, dass er unser Versagen und unsere Dummheit und unsere Egozentrik brutal und gnadenlos straft. Selbst wenn er allen Grund hat, zornig zu sein.

Wenn wir von Erlösung sprechen, dann kann es nach meiner Überzeugung nicht darum gehen, dass wir vor Gottes Zorn gerettet werden müssen und davor, dass wir auf ewig verloren gehen. Gott muss nicht versöhnt werden. Gott war nie unversöhnt, selbst wenn er manchmal zu Recht zornig sein sollte. Wir müssen versöhnt werden.

Und darin besteht die Erlösung und die Lösung des Problems, das ich in meiner letzten Predigt angesprochen habe: das Problem, dass wir uns von Gott entfernen und von uns selbst und von unseren Mitmenschen, dass wir uns ent-zweit haben und herausgefallen sind aus der ursprünglichen Einheit.

Und jetzt kommt Jesus Christus ins Spiel und das Fest seiner Geburt, das wir nächste Woche begehen. Denn hier, so glauben wir Christen, hebt Gott die Trennung auf und stellt die Einheit wieder her.

Oder vielmehr: Hier wird deutlich, dass wir nie wirklich getrennt waren.

Es ist ein tiefes Geheimnis um diesen Jesus. Er muss eine Art gehabt haben, eine Gabe, Menschen auf eine unmittelbare Weise so tief anzusprechen, dass ihnen deutlich wurde: In Jesus begegnet uns nicht nur ein Mensch. In Jesus begegnet uns unsere eigene tiefste Wahrheit. Und die heißt: Wir sind Gottes Kinder. Wir sind gar nicht getrennt, im tiefsten Grund sind wir nicht getrennt, wir waren nie getrennt, und deshalb muss Gott auch nicht versöhnt werden.

Diese Botschaft hat Jesus nicht nur mit Worten verkündigt. Er hat sie gelebt. Er war so eins mit dieser Botschaft, dass seine Freundinnen und Freunde sagten: In ihm ist uns der ewige Gott selbst begegnet. Zwar ist er ein Mensch wie du und ich, und doch ist er auch – gleichzeitig und im selben Maß – göttlich. In ihm sind Gott und Mensch vereint.

Das haben diese Menschen zunächst auf Jesus allein bezogen. Er ist Gottes Sohn, sagten sie. Er ist das einmalige Fleisch gewordene Wort Gottes.

Dann, als Jesus nicht mehr leibhaftig unter ihnen war, begannen die Menschen über die Erfahrungen nachzudenken, die sie mit dem Menschen Jesus gemacht hatten. Sie begannen diese Erfahrungen zu systematisieren. Drei-, vierhundert Jahre hat es gedauert, bis die Lehre ausformuliert war: Jesus ist, wie es in dem Weihnachtslied Es ist ein Ros entsprungen heißt: „wahr‘ Mensch und wahrer Gott“.

Und nun kommen wir. Ich glaube eben, das gilt nicht nur für diesen einen Menschen Jesus aus Nazareth. An ihm wurde exemplarisch deutlich, was für alle Menschen gilt. Denn auch wir sind Gottes Kinder, auch in uns wohnt Gott – aber bei uns ist er so tief versteckt, so sehr verdeckt durch unsere Persönlichkeit, unsere Macken, unsere Egozentrik, dass er nur sehr selten ein kleines bisschen durchscheint. Jesus dagegen war als Mensch so geklärt, dass ihm Gott sozusagen aus allen Poren schien. Und deswegen können wir an ihm sehen, was unsere wahre Natur und unsere wahre Bestimmung ist.

Was ist die Erlösung? Die Erlösung besteht nach meiner Überzeugung darin, dass wir uns das sagen lassen: Wir werden nie und nimmer verloren gehen. Kein menschlicher Atemzug ist umsonst, kein Weinen, kein Stöhnen und kein Lachen. Alles ist aufgehoben in Gottes unendlicher Liebe.

Und das müssen wir jetzt „nur“ noch glauben. Das hört sich für manche vielleicht altmodisch und verzopft an: Man kann es zwar nicht verstehen, man muss es eben einfach glauben. Ich meine etwas anderes.

Stellen Sie sich einen Menschen vor, der seit Jahren im Gefängnis sitzt, ohne Aussicht auf Freiheit. Und eines Tages geht die Tür auf, der Gefängniswärter kommt herein und sagt: „Sie sind frei, sie können gehen.“ Dann verlässt er die Zelle und lässt die Tür sperrangelweit offen.

Der Mann denkt sich: „Das kann ja gar nicht sein. Das ist bestimmt eine Falle, ein grausamer Hohn. Wenn ich da jetzt rausgehe, werden sie mich wieder festsetzen und noch härter bestrafen.“ Und er bleibt auf seiner Pritsche sitzen. Er ist frei, aber wenn er es nicht glaubt, dann nützt ihm seine Freiheit nichts.

Wir sind erlöst, wir sind Gott recht, unser Leben hat Sinn und Ziel. Damit wir die erlösende Wirkung dieser Worte erfahren, müssen wir sie glauben. Ja, es stimmt, was Martin Luther sagt, im Anschluss an Paulus: Wir werden gerecht allein durch den Glauben. Wenn wir es nicht glauben, dass wir Gott recht sind, dass wir Gottes geliebte Kinder sind, dass wir eine Zukunft haben diesseits und jenseits des Todes – ja, wenn wir das nicht glauben, dann sitzen wir eben in Finsternis und Schatten des Todes. Wenn wir uns das aber sagen lassen und beginnen, darauf zu vertrauen, uns darauf zu verlassen: Dann kann sich das Licht, das wir sind, in uns ausbreiten. Dann brauchen wir keine Angst mehr zu haben, vor nichts und niemand. Und dann kann der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, unsere Herzen und Sinne bewahren in Jesus Christus, unserem großen Bruder, dem Erstgeborenen unter den vielen Kindern Gottes.

Amen.