Was ist Gnade?

Vogel vor rotem Himmel beschnitten

 

Predigt am 3. Februar 2019

 

Was ist Gnade?

Liebe Gemeinde, eine Antwort auf diese Frage haben wir vorhin gemeinsam gesungen: Wechselnde Pfade, Schatten und Licht – alles ist Gnade, fürchte dich nicht.

Gut, das war’s dann, die Frage ist beantwortet, die Predigt ist zu Ende. Oder, naja, vielleicht doch noch nicht ganz. Vielleicht gibt es ja doch noch den einen oder anderen Satz zu sagen.

Nun denn, noch mal von vorn: Was ist Gnade?

Die erste Reaktion dürfte bei vielen Menschen sein: Gnade, das ist ein Wort, das ich nicht mag. Gnade vor Recht, Begnadigung, gnädiger Herr… was schwingt für Sie mit in solchen Ausdrücken? Ich will Ihnen sagen, wie es bei mir ist. Es schwingt mit: ein ganz deutliches Gefälle. Da ist einer, der hat die Macht, und da ist einer, der ist ohnmächtig und abhängig. Und der Mächtige verzichtet großmütig und herablassend auf etwas, was ihm der Ohnmächtige und Abhängige eigentlich schuldet. Er erlässt ihm eine Schuld oder eine Strafe. Wer lebenslänglich eingesperrt ist, kann ein Gnaden­gesuch an den Bundespräsidenten stellen, und wenn es gut geht, wird er erhört und darf vorzeitig das Gefängnis verlassen. Es geht irgendwie immer um Schuld und darum, dass jemand, der eigentlich bestraft gehört, das unverdiente Glück hat, ungeschoren davonzukommen.

Ehrlich gesagt, ich will mir Gott nicht so vorstellen wie einen Gläubiger, bei dem ich in der Kreide stehe, bei dem ich mich verschuldet habe. Und ich will mir mein Verhältnis zu Gott nicht vorstellen wie das eines armen Schuldigen gegenüber dem großmächtigen Herren, der mit einem Fingerschnipsen darüber entscheiden kann, ob ich loskomme und frei bin oder ob ich für meine Schuld büßen muss bis in alle Ewigkeit.

Meine Schuld, meine Schuld, meine übergroße Schuld – diese Formel stammt aus dem christlichen Gottesdienst, glücklicherweise verwenden wir sie meistens nicht mehr. Glücklicherweise müssen wir uns Gott nicht mehr als den strengen Richter vorstellen, der uns eigentlich zum ewigen Tod und Höllenfeuer verurteilen muss und uns „allein aus Gnaden“ am Leben lässt.

Ein solches Bild von Gott würde auch gar nicht zu dem Wort „Gnade“ passen, wie es in der Bibel gebraucht wird. Ja, das Wort „Gnade“ gehört zu denen, die man heute eigentlich besser gar nicht mehr gebrauchen sollte, weil sie so falsche Assoziationen wecken. In der Bibel schwingen zumindest eine Menge anderer Bedeutungen mit, wenn das Wort gebraucht wird, das wir mit „Gnade“ übersetzen.

Im Neuen Testament kommt es vor allem in den Paulusbriefen vor. Paulus, der ja Griechisch geschrieben hat, verwendet das Wort charis, und das hat drei Hauptbedeutungen. Erstens: Anmut oder Lieblichkeit. Hört, hört! Wie hört sich das denn an, wenn wir statt von Gottes Gnade von Gottes Anmut sprechen würden! Gottes Anmut, Gottes Lieblichkeit. Passt das zu unserem Bild von Gott? Wenn nein, müssen wir vielleicht an unserem Bild von Gott etwas ändern.

Im Lateinischen ist das übrigens ähnlich: Das griechische Wort charis wird im Lateinischen mit gratia wiedergegeben. Und im Lehnwort „Grazie“ schwingt das ja noch mit. Gottes Grazie. Gott ist graziös – das scheint auf ganz ungewohnte Seiten an Gott zu verweisen. Aber so steht es in der Bibel.

Grazie, das wissen viele, heißt auf Italienisch „danke“. Das ist die zweite Bedeutung von gratia und von charis – der Dank. Und schließlich gibt es noch die Bedeutung „Gunst, Wohlwollen, Fürsorge“.

Das, was wir beim Wort Gnade hören, passt gar nicht so gut zu dem Verständnis, wie es aus dem Urtext hervorgeht. Das gilt übrigens auch für das Hebräische, die Sprache des sogenannten Alten Testaments. Dort werden zwei Wörter verwendet, die die deutschen Bibelübersetzungen meist als „Gnade“ übersetzen: Das eine – chesed – bedeutet so viel wie „Liebe, Gunst, Güte, Wohlwollen, Barmherzigkeit“, das andere – chen – hat ebenfalls die Bedeutung „Anmut, Schönheit“ und daneben „Geneigtheit“ oder „Gunst“.

Unser Verständnis von Gnade ist, glaube ich, stark bestimmt durch das mittelalterliche germanische Denken, das Gott als den mächtigen Lehensherrn und König betrachtete und die Menschen als die abhängigen Leibeigenen, die eigentlich gar keine Rechte haben. Noch einmal: Glücklicherweise ist die Zeit vorbei, in der das der alltäglichen Wirklichkeit der Menschen entsprach. Gott sei Dank. Für Menschen, deren alltägliche Lebenserfahrung so aussah, dass sie der Willkür und den Launen eines mächtigen Fürsten ausgesetzt waren, der nach Gutdünken mit ihnen umspringen konnte, über Leben und Tod entscheiden konnte – für solche Menschen hatte der Begriff Gnade einen anderen Klang als für uns heute. Die einfachen Menschen hatten keine Rechte gegenüber den Fürsten, sie waren auf die Gnade der hohen Herren angewiesen. Auf die unberechenbare, unverdiente Herablassung der Mächtigen.

Wir leben in anderen Zeiten, Gott sei Dank. Wir sind nicht mehr abhängig von der herablassenden Gnade der Mächtigen. Wir haben Rechte, Menschenrechte und bürgerliche Rechte und wir können gegen die Mächtigen vor Gericht gehen, wenn wir ungerecht behandelt wurden. So können wir uns öffnen für die anderen Bedeutungen, die in dem Wort oder den Wörtern mitschwingen, die die deutschen Bibelübersetzungen meist mit „Gnade“ übersetzen.

Bedeutungen, die uns Gott näher bringen, die ihn herunterholen von seinem himmlischen Thron, die ihn uns auf Augenhöhe bringen, so dass wir mit Gott umgehen können wie mit einer Freundin. Einer anmutigen, graziösen Freundin, die uns wohlgesonnen ist und nur das Beste für uns will. Klingt das nach Ketzerei? Genau das ist doch das Grundbekenntnis von uns Christen: Gott ist nicht in seinem fernen Thronsaal, in einem seligen Jenseits. Gott ist heruntergekommen zu uns. Er ist Mensch geworden. Nicht wir müssen uns zu ihm aufschwingen, Gott ist uns nahe, ganz nahe, näher als unser eigenes Herz.

Einer meiner Lieblingsfilme ist Bruce Allmächtig, gedreht im Jahr 2003. Ich mag den Film nicht nur wegen der anmutigen Jennifer Aniston, die die weibliche Hauptrolle spielt, nicht nur wegen Morgan Freeman, der Gott als einen älteren, schwarzen Mann darstellt, und nicht nur wegen der umwerfenden komödiantischen Leistung von Jim Carrey alias Bruce, der für ein paar Tage lang Gottes Allmacht bekommt und damit natürlich nichts als Unfug anstellt. Eine meiner Lieblingsszenen in dem Film ist eigentlich gar nicht komisch. Am Ende seiner einwöchigen Laufbahn als Allmächtiger wird Bruce nämlich von einem Lastwagen überfahren und ist eigentlich tot. Da begegnet er Gott wieder – dem „eigentlichen“ Gott. Und Gott fragt Bruce: „Was wünschst du dir?“ Bruce antwortet mit einem Wort: „Grace“. Das ist der Name seiner Freundin, es ist aber auch, und das kommt in der deutschen Synchronisation leider nicht zum Tragen, „Grace“ ist auch das englische Wort für Gnade. Amazing Grace, how sweet the sound…

Bruce wünscht sich nicht nur, bei seiner Freundin zu sein, die er mit seinen Allmachtsspielchen nicht beeindruckt, sondern so verschreckt hat, dass sie ihn verlassen hat. Er wünscht sich auch, das zeigt das unübersetzbare Wortspiel, Gnade. Im Zusammenhang des Films heißt das: Er wünscht sich, einfach so, wie er ist, geliebt zu werden. Als einfacher, nicht besonders erfolgreicher Lokalreporter für einen kleinen Fernsehsender, als schusseliger, versponnener Luftikus. Er wünscht sich die Liebe seiner Freundin gratis – gratis! Darin steckt auch das Wort gratia -, ohne dass er sie weiter beeindrucken muss.

Und ich glaube, damit kommen wir der Antwort auf unsere Frage näher: Was ist Gnade?

Gnade ist es, einfach so, um unserer selbst willen, geliebt zu werden. Gnade ist es, wenn ich mich nicht größer machen muss, als ich bin. Wenn ich mich nicht anstrengen muss, um geliebt zu werden. Sondern wenn mir die Liebe einfach geschenkt wird. Unverdient, weil man sich Liebe sowieso nicht verdienen kann.

Genau das war für Martin Luther so wichtig: Wir müssen uns Gottes Freundlichkeit, Gottes Wohlwollen, Gottes Liebe nicht verdienen, wir können es ja gar nicht. Liebe kann man sich nicht verdienen. Can‘t buy me love – so sangen die Beatles im Jahr 1964. Ja, ich kann mir Liebe nicht kaufen, ich kann sie gar nicht irgendwie erwerben oder eben verdienen. Liebe kann nur freiwillig geschenkt werden. Und die umwerfende gute Botschaft, die Jesus gebracht hat, die Paulus verkündigt und Luther neu wieder entdeckt hat, diese umwerfende gute Botschaft heißt: Gott ist uns sowieso gut. Er liebt uns und schenkt uns sein Wohlwollen, sola gratia, allein aus Liebe, aus Güte, aus Barmherzigkeit, aus Mitgefühl mit uns armen Tröpfen, die wir uns unser Leben lang abzappeln und abstrampeln für ein bisschen Liebe. Dabei brauchen wir uns gar nicht abzustrampeln – wir sind beschenkt. Ein volles, gerütteltes, gedrücktes und überfließendes Maß wird uns in den Schoß gegeben, wie Jesus in der Bergpredigt sagt.

Das ist gemeint mit der berühmten und ein bisschen berüchtigten Formulierung „Wir sind vor Gott gerecht allein aus Gnaden“ – gemeint ist nicht der herablassende Verzicht auf Strafe, sondern die überfließende Güte, Freundlichkeit und Liebe Gottes, das unendliche, unbedingte Ja zu uns, zu dir und zu dir und zu dir und zu mir. So wie ein kleines Kind nichts, aber auch gar nichts tun kann, um sich die Liebe seiner Eltern zu verdienen – es wird ganz einfach geliebt, allein weil es da ist –, so ist es mit Gott und uns. Wir werden geliebt, einfach weil wir da sind. Bedingungslos, unendlich, unauslöschlich.

Und wir können diese Liebe auch nicht verspielen. Das ist ja die Folge: Wenn wir die Liebe nicht verdienen können, können wir sie auch nicht verspielen. Das Einzige, was notwendig ist, damit wir die Liebe spüren, damit wir uns getragen wissen von dem großen Ja, ist: dass wir es uns sagen lassen. Dass wir den Widerstand gegen die überwältigende Liebe aufgeben, die uns umspült vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang und die ganze Nacht hindurch. Dass wir es glauben, dass Gott uns gut ist. Das ist das zweite „sola“ – sola fide, allein aus Glauben. Das heißt nicht, dass wir einen bestimmten Katalog von Lehrinhalten bejahen müssen. Es heißt einfach, dass wir uns Gottes Liebe gefallen lassen, sie annehmen. Gottes unverdiente, gratis erwiesene, unaussprechliche Liebe.

Dieser Glaube kann dann so etwas sein wie das Vorzeichen vor der Klammer, in der sich unser Leben abspielt. Wenn wir das glauben, wenn wir uns darauf verlassen und unverdrossen davon ausgehen, dass Gott uns gut ist, dann mag es auch gelingen, Gottes Liebe und Gottes Wohlwollen in den Ereignissen zu entdecken, in denen wir sie zunächst gar nicht vermutet hätten. Auf unseren wechselnden Pfaden, die durch Schatten und Licht führen. Das leuchtet dem Verstand nicht immer ein, auch das Gefühl mag dagegen rebellieren. Aber fragen Sie sich einmal, wie oft es sich in Ihrem Leben herausgestellt hat, dass etwas, das sich anfühlte wie die ganz große Katastrophe, am Ende entpuppt hat als Chance, als Geschenk, als – Gnade. Das wird natürlich nicht immer gelingen. Manchen Ereignissen in unserem Leben können wir keinen positiven Sinn abgewinnen. Manches müssen wir einfach beklagen und betrauern. Aber wenn wir davon ausgehen, dass wir eingehüllt sind in Gottes Wohlwollen, dass wir getragen sind von seiner Liebe, dass uns Gottes anmutiges Gesicht freundlich ansieht, ganz gleich, was geschieht – dann können wir zumindest hoffen, dass auch unsere dunklen und leidvollen Erfahrungen Ausdruck von Gottes Liebe sind. Wir verstehen es jetzt vielleicht nicht. „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.“ So schreibt Paulus in seinem großen Lied über die Liebe in 1. Brief an die Korinther, Kapitel 13. Und er fährt fort: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Der Glaube – das Vertrauen, dass Gott uns gut ist, die Hoffnung, dass sich auch das Dunkle und Schwere in unserem Leben am Ende als gut und richtig herausstellt, und die Liebe, die am Ende alles überstrahlt. Wechselnde Pfade, Schatten und Licht: Alles ist Gnade, fürchte dich nicht.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, der anmutigen, Mensch gewordenen Liebe Gottes. Amen.

 

Fotonachweis: Pixabay