Was ist die Hölle?

Hölle zugeschnitten

Predigt am 31. März 2019

 

Was ist die Hölle?

Liebe Gemeinde, wenn es nach Dante Alighieri geht, ist die Hölle ein riesiger, trichterförmiger Krater, der bis zum Erdmittelpunkt reicht. Entstanden ist er, als Luzifer vom Himmel auf die Erde stürzte. Er, der einstmals Oberste der Engel, war von seiner Macht so besoffen, dass er sich an Gottes Stelle setzen wollte. Daraufhin wurde er gestürzt, und er schlug auf der Erde mit solcher unglaublicher Wucht auf, dass er sich bis zum Erdmittelpunkt rammte. Das dabei verdrängte Erdreich kam dann auf der anderen Hemisphäre der Erde wieder heraus und bildet den Berg der Läuterung, an dessen Spitze das Paradies liegt. So viel zur mittelalterlichen Höllengeografie.

Der Krater zieht sich in zehn Ringen oder Kreisen hinab. Der oberste Kreis ist noch die Vorhölle. Da sind die zu finden, die in ihrem Leben lau und unentschieden waren. Die Saft- und Kraftlosen, die nicht selbst gelebt haben, sondern sich haben leben lassen von anderen. Der erste Kreis der Hölle ist dann für die reserviert, die zwar anständige und auch weise Menschen waren, aber Christus nicht kannten, so dass sie nicht durch den Glauben an ihn erlöst werden konnten. Dazu gehören zum Beispiel die Kinder, die ungetauft gestorben sind, dazu gehören aber auch die antiken Dichter und Philosophen. Selbst wenn sie noch so edel und weise waren – sie haben keine Chance, ins Paradies eingelassen zu werden. Verzehren müssen sie sich In ewiger, vergeblicher Sehnsucht nach dem Heil und danach, in Gottes Gegenwart sein zu dürfen.

Und dann beginnt die eigentliche Hölle. Stufe für Stufe, Kreis für Kreis geht es weiter hinab ins Inferno, weiter hinab in die höllischen Phantasien des Autors. Für jede Sorte von Sündern gibt es eine eigene Abteilung, und alle werden mit ausgesuchten Qualen und Foltern gepeinigt, die jeweils zu ihrer Sünde passen. Nur drei Beispiele: Mörder und Räuber stecken in einem kochenden Strom von Blut und wenn sie versuchen zu entkommen, werden sie von Dämonen wieder zurückgetrieben. Gotteslästerer liegen ausgestreckt auf glühend heißem Sand und werden von Feuerflocken berieselt. Die Verräter dagegen stecken erstarrt fest im ewigen Eis.

Im untersten Kreis der Hölle steckt Luzifer selbst im eisigen Boden. Mit seinen drei Mäulern zermalmt und frisst er unaufhörlich die drei größten Verräter der Geschichte: Judas, der Jesus ausgeliefert hatte, sowie Brutus und Cassius, die beiden verräterischen Mörder Cäsars.

Die Bilder erinnern an die Gemälde von Hieronymus Bosch, Ausgeburten einer wahrhaft höllischen Phantasie, die entweder von Angst zeugt – Angst vor so schlimmen Strafen, die noch dazu ewig andauern. Oder sie ist getrieben von Hass und Schadenfreude: Seht ihr, so ergeht es denjenigen, die sich nicht anständig benehmen.

Im Mittelalter mag das vielleicht seine Berechtigung gehabt haben. Die Menschen lebten in einer Welt, die von Gewalt und Krieg geprägt war, von Mord und Totschlag, sie wurden heimgesucht von Feinden, ohne zu wissen weshalb, und es ist verständlich, dass sie auf einen gerechten Ausgleich ihres Leidens im Jenseits hofften.

Außerdem hatten sie keine Ahnung von den Abgründen des Unbewussten. Ich als heutiger Mensch tue mir schon schwer, so eindeutig zu unterscheiden zwischen Bösen und Guten, zwischen Sündern und Gerechten. Läuft die Grenze denn wirklich zwischen den Menschen – hier die Bösen, da die Guten? Du bist gut, du bist böse? Ich meine, die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft doch vielmehr mitten durch mich hindurch, durch jeden einzelnen Menschen. Wie kann ich sagen: Dieser Mensch ist eindeutig böse, und der dagegen ist ganz klar gut und gerecht!?

Ich will damit nicht sagen, dass es das Böse nicht gibt. Aber wo beginnt es und wo endet es? Wer kommt in die Hölle und wer in den Himmel? Was ist mit dem, der zu 49 Prozent gut ist und zu 51 Prozent böse – und umgekehrt: Was ist mit dem, der ein ganz klein wenig mehr Böses in sich hat als Gutes? Sie sehen, schon diese Überlegung ist absurd. Abgesehen davon, dass es nahezu unmöglich ist, genau zu unterscheiden, was nun wirklich gut ist und was echt böse, wissen wir heute doch auch einiges darüber, woraus böse Motive und Absichten und Handlungen entstehen. Welche unbearbeiteten Traumata beispielsweise einen Menschen zum Mörder machen können. Wer wollte entscheiden?

Gut, natürlich, es heißt: Gott entscheidet, und Gott kennt die Seele der Menschen bis in ihre tiefsten, geheimsten Regungen. Aber gerade wenn Gott uns so gut kennt – kann er einen Menschen wirklich verurteilen, kann er eines seiner Kinder, die er doch aus Liebe geschaffen hat, der ewigen Folter, der niemals endenden Peinigung überantworten? Was wäre das für eine Liebe?

Der Gott, den Dantes Vision voraussetzt, ist der unerbittlich gerechte Patriarch, der majestätische König, der Gesetze gegeben hat, die unbedingt einzuhalten sind – ansonsten drohen eben diese unendlichen Qualen. Ein strenger, männlicher Gott, ein Vater, dessen Gerechtigkeit weit größer ist als seine Barmherzigkeit und Liebe. An einen solchen Gott kann und will ich nicht glauben und einen solchen Gott kann und will ich nicht predigen. Natürlich, in der Bibel gibt es viele Worte und Bilder, die ebenfalls einen solchen Gott zeigen. Auch von Jesus sind Aussprüche überliefert wie: „Den aber werft hinaus in die äußerste Finsternis, da wird sein Heulen und Zähneklappern!“ Oder: „Da wirst du in die Hölle geworfen, wo dein Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt.“ Auch Jesus scheint so gedacht und gesprochen zu haben, jedenfalls in manchen seiner Predigten. In anderen sagt er aber etwa: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Sollte Gott von uns verlangen, unsere Feinde zu lieben, um dann selbst seine eigenen Kinder so unerbittlich zu strafen?

Ich halte es hier mit Martin Luther, der sinngemäß gesagt hat: „Wenn ich ein biblisches Wort nicht verstehe und damit nicht leben kann, dann fliehe ich mich zu einem anderen biblischen Wort, das mir die Liebe und Gnade Gottes in Christus zusagt. Das tröstet mich.“

In der Tat, es ist eine Entscheidung, welchen der oft widersprüchlichen Worte der Bibel ich mein Vertrauen schenke. Den Gerichtsdrohungen oder den Bildern von der überschwänglichen Liebe und Großzügigkeit Gottes.

Und es ist eine Frage, wie ich mir Gott vorstelle. Ist Gott ein höchstes Wesen, das Gefühle hat, das Zorn und Rache kennt? Oder ist Gott die Tiefe des Seins, das Geheimnis der Welt, ist Gott die Quelle und Urkraft des Lebens und der Liebe? Wer schon einmal eine meiner Predigten gehört hat, wird wissen, dass ich zu diesem zweiten Bild neige. Der Gott, an den ich glaube, dieser Gott ist keiner, vor dem man Angst haben müsste. Er wird nicht „böse“, wenn man ihn nicht kennt oder wenn man ihn mit dem falschen Namen anruft. Er wird auch niemanden in die ewige Verdammnis schicken, weil es – und jetzt kommt’s: weil es eine ewige Verdammnis gar nicht gibt. Zwar kann ein Mensch sein Leben verfehlen, er kann an der Aufgabe scheitern, das in ihm angelegte Potenzial zur Entfaltung zu bringen, er kann an moralischen Ansprüchen oder selbst gesteckten Zielen scheitern. Das ja. Aber so wenig wie es irgendwo auf der Erde einen heißen Krater namens Hölle gibt, so wenig gibt es eine ewige Verdammnis, die einem ein Gott auferlegt, den wir durch unser Verhalten oder unseren Unglauben verärgert hätten. Gott ist Grund und Quelle des Lebens, Gott wird das Leben auch wieder zu sich nehmen, Gott wird uns bergen im Schoß des Lebens, aus dem wir gekommen sind, und uns nicht in irgendeine Finsternis hinausstoßen.

Und was ist mit den ganz schlimmen Menschen, die millionenfaches Leid und Millionen von Toten auf dem Gewissen haben? Was ist mit Hitler? Was ist mit Stalin und Mao und Pol Pot und wie sie alle heißen?

Diese Frage ist berechtigt. Aber ich frage mich dann gleich zurück: Wo ist die Grenze? Was unterscheidet einen, der Millionen Menschen ermordet hat, von dem, der einen einzigen Menschen ermordet hat? Für uns scheint die schiere Zahl das Verbrechen größer zu machen. Aber wird das Verbrechen denn wirklich geringer, wenn jemand „nur“ einen einzigen Menschen auf dem Gewissen hat? Und was ist mit dem, der andere durch psychische Gewalt quält? Und wo ist die Grenze zwischen dem, der in der Phantasie mordet, und dem, der es wirklich tut? Jesus sagt in der Bergpredigt: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: »Du sollst nicht töten«; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein. Ich aber sage euch: Wer auch nur mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig, … und wer sagt: Du Idiot!, der ist des höllischen Feuers schuldig.“ Wer hätte dann noch eine Chance?

So einfach ist das alles nicht, auch nicht mit den Tyrannen und Massenmördern. Ich jedenfalls kann mir nicht vorstellen, dass es im Himmel sehr gemütlich ist, wenn ich weiß, dass an einem anderen Ort Menschen wie ich in Ewigkeit gepeinigt werden. Das unterscheidet uns heutige vielleicht auch von den Menschen des Mittelalters. Thomas von Aquin, der berühmteste und wichtigste Theologe des Mittelalters, soll gesagt haben: Es erhöht den Genuss der Seligen noch, dass ihnen der freie Ausblick auf die Peinigung der Verdammten gewährt wird. Na, danke. Mir würde das himmlische Manna im Hals stecken bleiben, wenn ich unaufhörlich Schmerzensschreie hören müsste, sobald ich das Himmelsfenster aufmache.

Gibt es also keine Hölle?

Doch, es gibt die Hölle. Es gibt die Hölle, die wir uns bereiten, hier auf Erden. Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre sagte: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Aber ich denke, nein, Monsieur, die Hölle, die machen wir schon selbst. Wir machen uns oft selbst das Leben zur Hölle, und wir sind Großmeister darin, anderen das Leben zur Hölle zu machen. Wir sind durch unseren Konsum und durch unsere Lebensweise mit dafür verantwortlich, dass Millionen Menschen in der Hölle leben – in einer Hölle aus Armut, Krankheit, Ausbeutung, Hunger und Krieg, ohne Bildung, ohne Perspektiven. Wir sind dafür verantwortlich durch unseren Lebensstil und unseren Konsum, wenn diese Erde zu einer Gluthölle wird, weil das Klima kippt und die Temperaturen auf unerträgliche Werte steigen. Und auch im kleinen Maßstab schaffen wir uns die Hölle selbst, uns und anderen. Es gibt die wohlbekannte Ehehölle, es gibt die Hölle einer lieblosen und von Gewalt geprägten Kindheit. Es gibt die Hölle aus Minderwertigkeitsgefühl und Versagensangst und Lebensangst, in die wir uns selbst immer wieder werfen. Es gibt so vielfältige Höllen schon in diesem Leben, dass es keine Hölle nach dem Tod mehr braucht. Das ist meine tiefste Überzeugung. Und es ist mein tiefstes Vertrauen, dass Gott uns nicht in die Hölle schickt, sondern dass es sein einziges Anliegen ist, uns aus der Hölle zu befreien.

Jeden Sonntag sprechen wir im Glaubensbekenntnis aus, dass Jesus hinabgestiegen sei ins Reich des Todes. Früher, in meiner Kindheit, hieß es noch: Niedergefahren zur Hölle. Wenn ich mich auf diesen Mythos einlasse, frage ich mich: Was wird Christus dort gemacht haben? Er hat dieses Reich durchquert und ist am anderen Ende wieder herausgekommen, am dritten Tag. Wird er die Menschen dort in ihren Qualen gelassen haben? Oder wird er sie nicht vielmehr alle befreit und mitgenommen haben? Werden sie ihn nicht spätestens dort, im Reich des Todes, erkannt haben? Werden sie sich nicht spätestens dort geöffnet haben für seine Liebe? Und wird Jesus Christus, der von Liebe und Barmherzigkeit und Mitgefühl gepredigt hat, ungerührt an den gequälten und gepeinigten Menschen vorbeigegangen sein und gesagt haben: Selber schuld!?

Nein und nochmals nein. Ich glaube fest daran, dass nach dem Tod keine Hölle auf uns wartet, für niemanden, und wenn es eine Hölle gibt, dann ist sie leer. Denn Gottes Liebe und Barmherzigkeit, sein Mitgefühl und Verständnis sind größer als alles, was wir Menschen uns vorstellen können. Er wird alles Böse wegschmelzen von denen, die Böses getan haben, und er wird die Wunden aller Opfer heilen. Er wird den Frieden schenken, den die Welt nicht geben kann. Ist das nicht eine wunderbare Aussicht?

Ein letzter Gedanke, ein Einwand: Braucht es nicht die Angst vor Strafe, um Menschen vom Bösen abzuhalten? Nein, dieser Mechanismus funktioniert nicht. Nirgends gibt es so viele Gewaltverbrechen wie in Gesellschaften, die die Todesstrafe kennen. Wir werden nicht durch die Angst vor Strafe zum Guten gebracht, sondern nur durch die Liebe. Und damit durch Gott, der die Liebe ist. Nicht Angst macht uns zu besseren Menschen, sondern Vertrauen.

Das lasst uns üben. Vertrauen, Liebe, Zuwendung. Um die Höllenfeuer dieses Lebens auszulöschen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle
Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, der Hölle, Tod und Teufel über­wunden hat durch seine Liebe.

Amen.

 

 

Taufe

Nachdem ich nicht so oft mit Predigen dran bin, werde ich hier auch ältere Predigten einstellen. Die folgende ist nicht so furchtbar alt, sie ist vom 8. Juli 2018. Im Grunde auch eine Themenpredigt, diesmal über die Frage, was die Taufe eigentlich bedeutet.

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Was man so Zufall nennt…

Liebe Gemeinde, vor ein paar Wochen kam eine Mail bei mir an mit der Anfrage, ob ich den Nico am heutigen Sonntag taufen kann. Klar, warum nicht. Ich sagte zu, und dann sah ich mir die Texte für den heutigen Sonntag an. Tja, was soll ich sagen: Der 6. Sonntag nach Trinitatis hat als Thema: die Taufe. Das wussten die Eltern von Nico natürlich nicht – es ist uns allen einfach so zugefallen. Und es ist natürlich ausgesprochen sinnvoll, heute nicht nur über die Taufe zu reden, sondern auch eine Taufe praktisch zu vollziehen. Besser kann es nicht passen – was man eben so Zufall nennt.

Jetzt haben wir den Nico also getauft. Nachdem Nico kein Kleinkind mehr ist – er kommt im Herbst in die Schule –, habe ich nicht nur seine Eltern und Paten gefragt, ob er denn getauft werden soll und ob sie ihn begleiten wollen in seinem Aufwachsen in Glauben und Leben. Ich habe ihn auch selbst gefragt, ob er an Gott glaubt und an Jesus und ob er getauft werden möchte. Und er hat ja gesagt.

Nun könnte man natürlich fragen: Ist ein Junge mit sechs Jahren nicht noch viel zu klein dazu, weiß er denn überhaupt, was er da zugesagt hat?

Ich frage dagegen: Weiß denn eine 30-Jährige so genau, was das ist: aufwachsen im Glauben an den dreieinigen Gott? Weiß es ein 70-Jähriger, was er damit sagt, wenn er bekennt: Ich glaube an Gott!?

Wissen Sie das so genau? Wissen Sie, was das heißt: an Gott glauben? Ich muss sagen: Ich habe zwar eine gewisse Vorstellung davon, was ich meine, wenn ich das Wort Gott ausspreche. Aber das Einzige, was ich sicher weiß, ist dies: Gott ist immer noch ganz anders, viel größer, viel geheimnisvoller, als ich mir das jemals vorstellen kann. Und noch etwas ist ziemlich sicher: Wenn ich heute von Gott spreche, dann habe ich dabei ein anderes Bild vor Augen als mit 30 oder mit 18 oder mit sechs Jahren. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir sagen: Im Blick auf den Glauben sind wir immer auf dem Weg, und in diesem Leben werden wir nie den Punkt erreichen, an dem wir sagen könnten: Jetzt bin ich angekommen. Jetzt weiß ich alles über Gott. Im Prinzip unterscheiden wir „Großen“ uns da gar nicht von einem „Kleinen“. Im Blick auf Gottes Geheimnis bin ich im Prinzip genauso weit oder genauso am Anfang wie Nico.

Und darauf kommt es ja auch gar nicht an. Um getauft zu werden, braucht es kein ausgefeiltes, theologisch korrektes, fundiertes Wissen über Gott und Jesus und die allerheiligste Dreifaltigkeit. Es braucht im Grunde nichts als die Offenheit, die Bereitschaft, sich einzulassen auf das, was mir das Leben über Gott beibringen wird.

Deswegen können wir auch Säuglinge taufen, also Kinder, die noch gar nicht ja oder nein sagen können zu dem, was wir mit ihnen tun. Und damit, dass wir so ganz kleine Kinder taufen, sagen wir noch etwas anderes. Wir sagen damit: Gottes Ja ist
immer schon da, noch bevor ich selbst überhaupt
ja oder nein sagen kann. Gott achtet nicht darauf, dass ich mich für ihn entscheide – und dann erst sagt er auch ja. Gott sagt immer schon ja zu mir. „Da ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren“, heißt es in einem Weihnachtslied, „und hast mich dir, zu Eigen gar, eh ich dich kannt‘, erkoren.“ Genau. Lange bevor ich überhaupt wusste, was das Wort Gott bedeutet, hat Gott schon ja zu mir gesagt. Und zu Nico und zu euch allen, die ihr hier in der Kirche seid, und damit hört es lange nicht auf.

Manche Kirchen sehen das anders. Die Baptisten und andere Kirchen taufen Menschen erst, wenn sie sich bewusst entscheiden können für den Glauben. Das kann man so sehen und kann es so machen. Wir Lutheraner aber und die Katholiken und die Orthodoxen, wir betonen, dass Gott immer den ersten Schritt macht. Und dass es nicht an unserer Entscheidung liegt, ob wir zu Gott gehören oder nicht.

Was weiß denn ein 30-Jähriger darüber, was es heißt, im Glauben zu leben? So habe ich vorhin gefragt. Dabei ist mir eine Geschichte eingefallen, eine Geschichte aus der Zeit, als ich ein junger Pfarrer in St. Lukas war. Es muss dreißig Jahre her sein oder länger. Wir hatten damals in St.
Lukas die Nachtkirche eingeführt, ein meditatives Nachtgebet, jeden Donnerstag um 22 Uhr, ja: jeden Donnerstag. Die Kirche ist nur von Keren erhellt, es gibt zwei, drei Taizé-Lieder, eine Lesung, ein bisschen Musik und vor allem die Stille, den
großen, stillen, fast stockdunklen Raum. Diese Nachtkirche gibt es übrigens bis heute, auch diese Woche wieder. Wenn Sie neugierig geworden sind, können sie ja mal hingehen.

Eines Donnerstags kam nach der Nachtkirche ein junger Mann auf mich zu, ungefähr 30 Jahre alt. Und er sagte: „Können Sie mich taufen?“

„Na klar“, sagte ich.

„Jetzt?“

„Wie, jetzt? Jetzt gleich?“

Ich war baff. Aber der junge Mann schien es ernst zu meinen. Und während ich noch zögerte, sagte er: „Was spricht denn dagegen?“

Und mit dieser Frage hatte er mich erwischt. Mir fiel eine Geschichte ein aus der Bibel, aus der Apostelgeschichte, und diese Geschichte ist für den heutigen Sonntag als Predigttext vorgesehen. Das war jetzt ein langer Anlauf, aber nun kommt er, der Predigttext, aus der Apostelgeschichte, Kapitel 8:

Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist. Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, ihr Schatzmeister, war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten. Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja.

Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen! Da lief Philippus hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest? Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen. Die Stelle aber der Schrift, die er las, war diese (Jesaja 53,7-8): »Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.«

Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem? Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Schriftwort an und predigte ihm das Evangelium von Jesus. Und als sie auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: Siehe, da ist Wasser; was hindert’s, dass ich mich taufen lasse? Und er ließ den Wagen halten und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn. Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich.

„Was hindert’s, dass ich getauft werde?“ Diese Frage des Kämmerers schoss mir sofort durch den Kopf. Und wie es der Zufall wollte – was man eben so Zufall nennt –, es waren zwei Kirchenvorsteherinnen in der Nachtkirche, die ich fragen konnte, was sie davon halten. Und gemeinsam beschlossen wir, den jungen Mann tatschlich zu taufen. Er war vor kurzem aus der DDR gekommen – über Ungarn oder Jugoslawien, es war noch vor dem Mauerfall. Er wusste nicht viel über den Glauben, aber er wollte getauft werden. Und so haben wir ihn gemeinsam auf diesen Weg, diese Straße gesetzt, auf der der Kämmerer aus Äthiopien unterwegs war und auf der wir alle unterwegs sind, in der Hoffnung, dass es auch für diesen jungen Mann gilt: Er zog aber seine Straße fröhlich.

Was ist da eigentlich geschehen, als wir diesen jungen Mann getauft haben? Natürlich, er wurde in die Kirche aufgenommen, in die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern und in die unsichtbare Kirche, den mystischen Leib Christi. In früheren Zeiten hätte man vielleicht noch gesagt: Der junge Mann wurde dadurch vor dem Verderben gerettet, er hatte jetzt die Aussicht auf das Ewige Leben, die er vorher nicht hatte, weil er vorher ja nicht zu Jesus Christus gehörte. Ja, früher hat man das so gesehen und auch heute noch sehen das manche so. In Zeiten oder an Orten oder in Gemeinden, in denen das Drinnen – Draußen eine Rolle spielt, die von dem Gegensatz zwischen Drinnen und Draußen geprägt sind, da hat man das so gesehen und sieht es heute noch so. Also so: In der Taufe hat Gott diesen jungen Mann als sein Kind angenommen, und dadurch ist er gerettet.

Der Umkehrschluss würde dann heißen: Alle, die nicht getauft sind, gehen verloren. Alle, die nicht durch die Taufe zu Jesus Christus gehören, fahren, drastisch gesprochen, zur Hölle. Diese Vorstellung, dieser Glaube hat den ersten Christen diesen umwerfenden und unwiderstehlichen missionarischen Schwung gegeben, und auch heutige Gemeinden, die geprägt sind von diesem Gegensatz zwischen Drinnen und Draußen, zwischen gerettet und verloren, solche Gemeinden entwickeln auch heute oft einen ungeheuren missionarischen Drive und versuchen möglichst viele Menschen zu ihrem Glauben, zu ihrer Gemeinde zu bekehren. Um sie zu retten.

Um ehrlich zu sein: Ich glaube das nicht. Ich glaube nicht, dass all die Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – von meinem Gott nichts erfahren, dass die eben Pech gehabt haben. Ich glaube nicht, dass alle, die an etwas anderes glauben als an „meinen“ Gott, verloren gehen. Vielmehr bin ich der festen Überzeugung, dass Gott alle seine Menschen liebt, ob sie ihn kennen oder nicht, ob sie seine Liebe erwidern oder nicht. Was wäre das denn für ein Vater, der sein Kind verstößt, weil es ihn nicht wiedererkennt oder weil es bockt oder weil es sich wütend oder gelangweilt oder enttäuscht von ihm abwendet?

Ich glaube nicht, dass Nico heute durch die Taufe Gottes Kind wurde. Das war er schon immer. Schon von seiner Zeugung an war Nico nicht nur das Kind seiner Eltern, sondern auch das Kind Gottes. In der Taufe heute haben wir das allerdings öffentlich und persönlich bekanntgegeben: Nico B., ein Kind des ewigen Gottes. Was also schon längst und schon immer gegolten hat, haben wir heute für alle sichtbar und hörbar festgestellt.

Wozu braucht es das dann aber? Wenn Nico schon immer Gottes Kind war und schon immer zu Gott gehört hat wie eben ein Kind zu seinen Eltern gehört, wozu haben wir ihn dann noch getauft?

Ich glaube, das ist so wie beim Heiraten. Ein Mann und eine Frau (oder eine Frau und eine Frau, ein Mann und ein Mann) können zusammenleben, sie können einander lieben und das Leben teilen, und einander treu sein ein Leben lang, auch ohne verheiratet zu sein. Aber: In der Hochzeit geben sie es öffentlich bekannt. Sie bekennen sich zueinander, sie versprechen vor Familien und Freunden und vor Gott und seiner Gemeinde, dass sie beieinander bleiben wollen. Und viele Paare, die vorher schon lange zusammen waren, sagen: Es hat sich tatsächlich etwas geändert. Es fühlt sich anders an.

Und das hat dann auch institutionelle Konsequenzen – beim Erbrecht etwa, oder wenn eins von beiden im Krankenhaus liegt, darf die Ärztin den Ehemann und die Ehefrau informieren. Und auch das Finanzamt behandelt sie nun anders als vorher.

So ähnlich ist es auch mit der Taufe. Natürlich war der Nico auch bisher schon Kind Gottes – nicht nur Kind seiner Eltern. Aber jetzt ist es sozusagen offiziell. Bekanntgegeben und durch ein Ritual bekräftigt vor euch, der Gemeinde.

Und das hat dann ebenfalls institutionelle Konsequenzen. Nicolaus Bauer ist nun eingetragenes
Mitglied der Kirche. Er kann später bei der Kirchenvorstandswahl mitmachen, er kann wählen und gewählt werden. Und er muss Kirchensteuer zahlen, wenn er mal Geld verdient. Aber vor allem: Er
gehört dazu, er ist jetzt ein Mitglied dieser Gemeinde, die dieses Verständnis von Gott und seiner Liebe hat.

Gott hat Nico auch vorher geliebt, mit der unendlichen Liebe, mit der Gott alle seine Kinder liebt, die getauften wie die nicht getauften. Aber jetzt ist es ihm noch einmal auf den Kopf zugesagt worden. Sein Name ist mit dem Namen des dreieinigen Gottes in einem Atemzug genannt, in einen Zusammenhang gesprochen worden. Das hat sich geändert. Und wenn es gut geht, ist Nico, ja: Wenn es gut geht, sind wir alle, die wir getauft sind, auf einen Weg gesetzt, von dem es heißen kann: Er zog seine, sie zog ihre Straße fröhlich.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder, dem Erstgeborenen unter uns Kindern Gottes. Amen.

 

Bildnachweis: https://www.trinitatiskirche-loeningen.de/wir-fuer-sie/taufe.html