Ich glaube; hilf meinem Unglauben

Regenschirm beschnitten

 

Predigt an Silvester 2019 in St. Markus über die Jahreslosung 2020

 

Was wäre das Leben ohne Widersprüche?

Liebe Gemeinde, auch wenn wir uns oft nach Eindeutigkeit sehnen, das Leben ist oft widersprüchlich. Und das ist gut so. Finde ich jedenfalls. Und es kann auch gar nicht anders sein. Die ganze Schöpfung ist ungenau und widersprüchlich. Das geht schon los mit den kleinsten Bausteinen der Materie, den Elementarteilchen. So ein Elektron scheint sich nicht entscheiden zu können, ob es ein materielles Partikel ist oder nicht doch eher eine Welle, eine immaterielle Bewegung im leeren Raum. Da gibt es keine Eindeutigkeit.

Und im größeren Maßstab, bei uns Menschen, zeigt sich die Widersprüchlichkeit auch. Besonders da, wo es um die Gefühle geht. Wer kennt nicht die sogenannten gemischten Gefühle, den Gefühlswirrwarr, die zwei Herzen, ach! in der Brust?

Ich möchte so gerne… aber es macht mir Angst. Ich verabscheue etwas zutiefst, und doch übt es eine ungeheure Faszination auf mich aus – vielleicht gerade wegen der Abscheu! Ich liebe jemand, und gerade deswegen kann diese Person auch Angst, Abwehr oder sogar Hass auslösen.

Sosehr wir uns Eindeutigkeit wünschen mögen, wir bekommen sie nicht. Und ich denke, das ist auch ganz gut so. Denn wir selbst sind nicht eindeutig. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, heute so, morgen anders, und doch sind und bleiben wir derselbe Mensch.

Was wäre das Leben ohne Widersprüche? Einfacher vielleicht, aber doch sicher auch langweilig. Eindimensional. Platt.

Was für die Gefühle gilt, gilt nach allem, was ich weiß, auch und erst recht für den Glauben. „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ Ja, in diesem Satz kann ich mich wiederfinden. Ehrlich gesagt, dieser Satz gehört zu meinen Lieblingssätzen in der Bibel. Und ich freue mich, dass er als Jahreslosung für das Jahr ausgewählt wurde, das in wenigen Stunden beginnt.

Ich glaube, hilf meinem Unglauben.

Was heißt das eigentlich, glauben?

Glauben heißt nicht wissen, das ist klar. Wie spät ist es? Ich glaub, ungefähr halb sechs oder so. Das heißt, ich weiß es nicht genau, ich nehme es halt mal an.

Wann lebte Goethe? Ach ich glaube, das war so im 18. oder 19. Jahrhundert. Ich glaube, er ist so um 1830 rum gestorben. Naja, nicht schlecht geraten, er starb 1832 – das kann man wissen.

Ich denke, es ist klar, dass es bei dem Glauben, von dem hier die Rede ist, um etwas anderes geht als dieses Ungefähre, dieses Raten.

Was dann? Ich kann glauben, dass etwas wahr ist. Ein Bekannter kommt zu spät zur Verabredung und entschuldigt sich damit, dass sein Fahrrad einen Platten hatte und er es erst reparieren musste. Das kann ich glauben oder nicht, ich kann es ihm abkaufen oder ich bin misstrauisch. Ach, diese Ausreden kenne ich, und dass mein Bekannter irgendwelche Ausreden erfindet, habe ich schon öfter erlebt. Ich glaube ihm das also eher nicht. Oder: Ich kenne ihn als zuverlässigen Menschen, als grundehrliche haut. Dem glaube ich alles.

Das heißt zum einen: Ich gehe davon aus, dass die Information, die mein Bekannter mit gibt, wahr ist – oder eben nicht wahr. Glauben heißt in diesem Fall: Ich halte etwas für wahr. Wenn ich sage: Ich glaube, dass Jesus übers Wasser gelaufen ist, das würde dann heißen: Wenn die Jünger damals schon Handys gehabt hätten, hätten sie es filmen können, wie Jesus über die Wellen geht. Das ist eine Bedeutung des Wortes „glauben“, Ich halte etwas für wahr. Aber meiner Meinung nach ist das eine eher schwache Bedeutung. Darum geht es nicht wirklich, ob etwas tatsächlich so geschehen ist oder nicht. Mein Glaube hängt nicht daran, dass alles in diesem buchstäblichen Sinn wahr ist, was in der Bibel steht. Dass die Welt in 6 x 24 Stunden erschaffen wurde vor gut 6000 Jahren. Und dass die Sonnen  gut einen ganzen Tag lang stillstand über Gibeon, bis die Israeliten ihre Feinde geschlagen hatten.

Wenn es beim Glauben nicht um die buchstäbliche Faktizität geht, worum geht es dann?

Gehen wir noch einmal zurück zu meinem verspäteten Bekannten. Ich glaube ihm seine Ausrede nicht, weil ich schon öfter erlebt habe, dass er sich mit einer Notlüge herauswindet. Das heißt, ich traue ihm nicht. Oder umgekehrt, ich traue ihm, weil ich ihn als ehrliche Haut kenne.

Damit sind wir bei einer weiteren Bedeutung des Wortes „glauben“: Es geht um das Vertrauen. Und damit sind wir beim Kern der Sache. Der Glaube, um den es in der Bibel und beim Christsein geht, ist weniger von der Sorte: Ich glaube, dass das wahr ist, sondern eher von der Sorte: Ich glaube dir. Ich vertraue dir. Da geht es nicht um Informationen, die eben wahr sein können oder nicht. Es geht um eine Beziehung. Darum, ob ich mich verlasse auf den anderen.

Das ist übrigens ein sehr sprechender Ausdruck. Ich verlasse mich. Das heißt, wörtlich: Ich gehe weg von mir. Ich verlasse mich auf dich – ich vertraue darauf, dass du mich nicht fallen lässt.

Ich glaube; hilf meinem Unglauben.

So ist das mit dem Glauben. Ja, ich möchte mich darauf verlassen, dass du es gut mit mir meinst, und manchmal gelingt es mir auch. Aber gerade wenn es um den Glauben geht, sind wir Menschen oft widersprüchlich. Ich glaube; hilf meinem Unglauben. Ich verlasse mich, und dann bekomme ich doch wieder Angst. Klassisch ist das ausgedrückt in der Geschichte, auf die ich eben schon kurz angespielt habe, in der Geschichte, in der Jesus übers Wasser geht. Die Jünger sind in einem Boot auf dem See Genezareth, das Boot gerät in einen Sturm, da sehen sie Jesus durch den Sturm auf dem Wasser zu ihnen kommen. Nach dem ersten Schrecken steigt Petrus, der Draufgänger unter den Jüngern, aus dem Boot. Er verlässt sich, und zwar auf das Wort von Jesus. Und siehe da: Auch er kann übers Wasser laufen. Doch dann sieht er plötzlich die hohen Wellen, spürt den Sturm sausen, und er denkt sich: Um Himmel willen, was mache ich da! Bin ich denn verrückt? Und in diesem Moment geht er unter. Das Vertrauen hat ihn verlassen, die Angst hat gesiegt.

Ich glaube; hilf meinem Unglauben.

Diesen Satz, der als Jahreslosung 2020 ausgewählt wurde, haben wir vorhin im Zusammenhang gehört. Da ist dieser Vater, dessen Sohn epileptische Anfälle hat – jedenfalls ist das wahrscheinlich die medizinische Diagnose, so würden wir es heute sagen. Damals sprach man von Dämonen, weil das in das damalige Weltbild passte.

Der Vater bringt sein krankes Kind zu dem berühmten Wunderheiler. „Hilf uns, wenn du kannst!“

Die Antwort von Jesus finde ich sehr bezeichnend. Er sagt nicht: Klar, ich kann das, ich bin der berühmte Wunderheiler und außerdem Gottes Sohn. Lass mich nur machen.

Jesus sagt: „Wenn du kannst? (Das heißt: Es geht nicht darum, ob ich etwas kann oder nicht, sondern:) Für den, der glaubt, ist alles möglich.“

Für den, der glaubt, ist alles möglich. Jesus kann nicht deswegen heilen, weil er so besondere Kräfte hat, sondern weil er selbst aus dem Vertrauen lebt, weil er selbst sich verlässt.

Und dann bricht es aus dem Vater heraus: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“

Darin ist dieser Vater uns allen wahrscheinlich sehr ähnlich. Manchmal ist alles klar, Gott ist nah, wir spüren seine Liebe und Nähe wie die Sonne auf dem Gesicht an einem schönen Tag. Das Leben ist schön und die Welt ist gut. Und manchmal ist alles weg, wir fühlen uns allein und verlassen und können gar nicht mehr verstehen, dass wir einmal dieses Vertrauen hatten.

Glaube und Unglaube, Glaube und Zweifel sind Geschwister.

Und das ist auch gut so. Stell dir einen Menschen vor, der fest und unerschütterlich an seinen Überzeugungen festhält. Der keinerlei Zweifel kennt – oder keinen Zweifel zulässt. Der immer genau weiß, was gut ist und was böse, was richtig ist und was falsch.

Ehrlich gesagt: Mit so einem Menschen möchte ich nicht zusammenleben.

Zweifel, dieses Schwanken zwischen Glaube und Unglaube, das heißt ja auch, dass ich mich immer wieder infrage stellen lasse. Dass ich immer mal wieder überprüfen muss, ob meine Grundannahmen noch stimmen, ob meine Überzeugungen noch zu meinem Leben passen. Denn die Welt ändert sich unaufhörlich, ich selbst ändere mich, ich werde älter, hoffentlich gescheiter, vielleicht auch nur desillusioniert, wie auch immer. Ich bleibe nicht derselbe Mensch, der ich war. Und manche Überzeugungen stellen sich als falsch heraus. Oder sie werden mir zu eng, so wie mein Konfirmationsanzug, den ich vor 50 Jahren bekam und den ich heute heftig sprengen würde.

Wichtig ist es nicht, unerschütterlich festzuhalten an immer demselben. Wichtig ist, dass ich mich immer wieder neu einlasse auf den, der mein Leben trägt und hält. Dass ich vertrauensvoll einen neuen Schritt wage. Das muss nicht so spektakulär sein, wie der Schritt von Petrus aus dem Boot aufs Wasser im Sturm.

Es gibt in unserem Leben ganz andere Herausforderungen. Und die Frage ist: Gehe ich meine Herausforderungen an mit ängstlichem Zaudern, weil man ja nie wissen kann, was herauskommt? Oder gehe ich sie an im Vertrauen? Vertraue ich in die Kraft des Lebens, in den Grund meines Seins – in Gott, der will, das ich lebe?

Das bedeutet dann noch keine Erfolgsgarantie. Jesus selbst hatte, menschlich gesehen, keinen Erfolg. Das Reich Gottes, von dem er gesprochen hat, ist nicht so gekommen, wie er selbst das möglicherweise erwartet hat. Er wurde nicht zum König gekrönt. Er wurde verraten und verkauft und aufgehängt.

Und doch ist er seinen Weg gegangen im Vertrauen auf den Gott, der das Leben will, der das Leben hält und trägt. Und an ihm können wir sehen, dass es weitergehen kann. Dass der Weg manchmal durch das Scheitern hindurch führt, durch das Leiden, durch die Niederlage. Denn wir Christen bekennen, dass Christus auferstanden ist. Damit sagen wir, dass Verrat und Folter, Leiden und Tod nicht das Letzte sind. Dass der Weg zu einem sinnvollen, erfüllten Leben nicht unbedingt über die Erfolgsstrecke läuft.

Das Vertrauen in Gott, der das Leben will, bedeutet nicht, dass wir vom Leiden verschont bleiben. Das Leben führt uns oft nicht ums Leiden herum, sondern mitten hindurch. Warum das so ist, wissen wir nicht. Aber wir können die Erfahrung machen, dass das Leiden uns vertiefen kann, dass es uns verändern kann. Dass wir menschlicher werden, wenn wir nicht nur die lichten Höhen kennen, sondern auch die finsteren Täler.

Wer alles Leid und jede Niederlage vermeiden will, bricht am besten gar nicht auf. Wer an ein Ziel kommen will, muss Schritte ins Unbekannte tun, in Neuland. Da kann es passieren, dass nicht alles nach Plan läuft. Dass ich nicht ans Ziel komme – oder an ein ganz anderes Ziel, als ich ursprünglich vorhatte.

Und dennoch breche ich auf. Weil ich vertraue, dass ich nicht allein unterwegs bin. Weil ich mich verlasse, mich verlasse darauf, dass mein Leben Sinn hat, und dass sich dieser Sinn manchmal gerade dann zeigt, wenn es so gar nicht danach aussieht.

Ich glaube; hilf meinem Unglauben. Ich nehme meinen Unglauben mit, meine Zweifel, meine Unsicherheit. Und mache trotzdem meinen nächsten Schritt. Ins neue Jahr, in den nächsten Tag.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus, dem Christus, der mit uns geht und uns begleitet auf dem Weg zum Leben. Amen.