Das Kamel und das Nadelöhr

Predigt in St. Markus München, 11. Oktober 2020

Liebe Gemeinde,

diese Geschichte, die wir gehört haben, von dem Kamel und dem Nadelöhr, die hat es in sich. Sie enthält mindestens dreimal eine wunderbare Zusage von Freiheit und Ermutigung, pures Evangelium, gute Nachricht.

Vielleicht erstaunt Sie das. Ich habe auch gestaunt, als mir das aufgegangen ist. Lange Zeit habe ich mit dieser Geschichte gehadert. Sie hat mir ein schlechtes Gewissen gemacht, Schuldgefühle geweckt. Ich habe sie als nahezu unerträglichen Anspruch gehört, als eine riesige Anforderung, die ich unmöglich erfüllen kann. Wer kann das schon, was Jesus dem Mann sagt, der nach dem Weg zu Leben fragt: „Verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben – und dann komm, folge mir nach!“

Was nützt mir dieses Versprechen, einen Schatz im Himmel zu haben, wenn ich es nicht schaffe, meinen Besitz wegzugeben! Ja, leichter geht ein Kamel durchs Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Himmelreich kommt.

So habe ich diese Geschichte lange gehört, und es hat einen guten Teil eines langen Theologenlebens gebraucht, bis ich gemerkt habe, was ich in dieser Geschichte alles überhört habe.

Mindestens drei klare Zusagen von Freiheit, von Trost, von Evangelium. Fangen wir an.

Die erste Zusage kommt als Frage daher. „Was nennst du mich gut?“, fragt Jesus zurück, als der Mann ihn anspricht: „Guter Meister, was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“

„Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als der eine Gott“, sagt Jesus. Nachdem mir Ohren gewachsen waren, um zu hören, hörte ich: Niemand ist gut, nicht einmal Jesus will sich als gut bezeichnen lassen. Selbst Jesus kennt anscheinend in sich Regungen, die man nicht als gut bezeichnen würde, selbst Jesus hat anscheinend Dinge getan, Worte gesagt, Gedanken gehegt, die nicht gut waren. Ich finde das sehr entlastend. Es  nimmt mir den Anspruch, ich müsste gut sein – immer und in allen Dingen. Es entlastet mich, wenn ich Böses in mir vorfinde. Egoistisches und Egozentrisches, wenn ich gehässig bin oder feige oder gemein.

Bitte verstehen Sie das jetzt nicht falsch – man kann diesen Gedanken sehr leicht falsch verstehen, ich weiß. Ich meine nicht, dass es egal ist. Dass ich mir keine Gedanken machen muss um mein Tun und Lassen, um mein Reden und Denken. Nein, ich bemühe mich schon, Gutes zu tun, Gutes zu denken, Hilfreiches und Aufbauendes zu reden. Aber wenn ich daran scheitere, wenn ich dann eben doch fies bin oder gemein oder gedankenlos – dann kann ich mir das eher verzeihen. Niemand ist gut als der eine Gott, und solange ich als Mensch auf dieser Erde lebe, werde ich niemals durch und durch gut sein können.

Noch einmal: Ich will mich trotzdem bemühen und ich bitte euch alle, euch auch zu bemühen, so gut ihr könnt, Gutes zu tun, zu reden und zu denken. Aber das ist ja gar nicht immer so eindeutig, was eigentlich in einer bestimmten Situation gut ist und was nicht, manchmal wissen wir erst hinterher, dass wir es vermasselt haben, dass wir jemand verletzt haben, dass wir den falschen Weg gewählt haben. Und selbst wenn wir es wissen, schaffen wir es eben allzu oft nicht. Und mir hilft diese Geschichte, mir diese Schwäche und Inkonsequenz zu verzeihen.

Das ist also das Erste: Niemand ist gut als der eine Gott. Und du brauchst nicht den Anspruch an dich zu haben, immer und in jeder Lage gut zu sein.

Zweitens. Der Mann fragt ja, was er tun muss, um das ewige Leben zu haben. Und Jesus antwortet erst einmal sehr einfach. „Halte die Gebote“, und er zählt einige der Zehn Gebote auf. Das reicht. Um das ewige Leben zu ererben, sagt Jesus, reicht es aus, die Zehn Gebote zu halten.

Nicht dass das so einfach wäre! Aber auf jeden Fall erscheint es mir einfacher als meinen ganzen Besitz herzugeben und – ja, wie könnte ich heute Jesus buchstäblich nachfolgen? Heimatlos durch die Gegend streifen? Oder ins Kloster gehen beziehungsweise eine Kommunität gründen mit Menschen, die in Armut leben und alles, was sie trotzdem noch haben, miteinander teilen? Vielleicht keine schlechte Idee, aber ich habe es nicht fertiggebracht, als ich jung war, und jetzt, wo ich alt werde, werde ich es höchstwahrscheinlich auch nicht mehr schaffen. Und ehrlich gesagt, das will ich auch nicht.

Aber die zehn Gebote einhalten, das kann ich zumindest versuchen. Wenn ich dann noch die entlastende Botschaft habe, dass ich nicht so gut sein muss wie Gott, dann sieht es noch besser aus. Übrigens, nicht dass Sie jetzt meinen, ich will es mir zu einfach machen: Ich beziehe mich hier – so gut ich kann – auf Jesus selbst. Denn auch das ist mir im Lauf eines langen Theologenlebens aufgegangen, dass Jesus zwar immer wieder von der Sünde spricht. Aber bis auf ganz wenige Ausnahmen immer im Zusammenhang mit der Vergebung. Er sagt nie: „Du böser Sünder!“ Dagegen sagt er sehr oft: „Dir sind deine Sünden vergeben.“ Jesus weiß, dass wir Menschen nicht vollkommen sind. Nur Gott ist vollkommen.

Gut, also die Zehn Gebote einhalten, das kann ich versuchen. Aber das reicht ja nicht, oder?

Da ist es wichtig, wieder einmal genau hinzuhören. Der Mann sagt: „Ja, ja, Jesus, schon klar. Das tue ich ja, das habe ich schon immer getan. Aber das kann’s doch nicht sein. Da muss es doch noch mehr geben. Einfach nur die Gebote halten – ich bitte dich! Sag mir: Was fehlt noch?“

Dieser Eifer, diese Unzufriedenheit mit dem, was zu einfach erscheint, die gefällt Jesus. „Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb.“ Die Geschichten in der Bibel sind sehr knapp formuliert, da ist kein Wort überflüssig. Wenn da also steht, dass Jesus den Mann ansah, dann hat das eine Bedeutung. Ich denke, damit ist gesagt: Jesus erkannte ihn, er erkannte seine Sehnsucht nach mehr, seine Bereitschaft zur Hingabe, sein Streben danach, eben doch vollkommen zu sein. Das gefällt Jesus, es heißt: „Er gewann ihn lieb.“

Und nun erst sagt Jesus: „Dir fehlt eins.“ „Dir“ – nicht allen. Im Matthäusevangelium wird diese Geschichte ganz ähnlich erzählt, und da sagt Jesus: „Wenn du vollkommen sein willst, dann … (verkaufe alles was du hast und so weiter).“ Diese Einladung betrifft also ganz speziell diesen Mann. Jesus hat nicht alle, die sich von seiner Botschaft angesprochen wussten, dazu aufgefordert. Maria, Marta und Lazarus etwa, die Geschwister, die mit Jesus befreundet waren: die hatten ein Haus und gaben es nicht auf. Und das war auch gut so, dann Jesus konnte bei ihnen Station machen, sie luden ihn ein zum Essen, zum Übernachten. Oder Josef von Arimathäa, ein reicher Ratsherr, auch er gab nicht seinen ganzen Besitz auf, auch nicht das Grab, das er hatte anlegen lassen und in dem er den Leichnam Jesu bestatten konnte nach der Kreuzigung.

Das ist also das Zweite: Es genügt, die Zehn Gebote zu halten – so gut ich kann.

Aber was ist dann mit dem Kamel und dem Nadelöhr? Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt, das sagt Jesus doch. Und bin ich nicht reich? Auf jeden Fall im Vergleich zu einem ganz, ganz großen Teil der Weltbevölkerung. Im Vergleich zu Menschen im Sudan oder in den Slums von Kalkutta sind war alle, wie wir hier sitzen, superreich. Selbst wenn wir von Hartz IV leben sollten.

Also, können wir nicht ins Reich Gottes kommen? Kommen wir – in die Hölle?

Nun, das Rech Gottes ist bei Jesus nicht das, was uns nach dem Tod erwartet. Das meinen viele, und das kommt daher, dass das Reich Gottes im Matthäusevangelium Himmelreich heißt, und der Himmel, der wartet eben auf die Frommen nach deren Tod. So haben wir es irgendwann einmal gelernt.

Aber wenn Jesus vom Reich Gottes spricht und auch wenn er vom Reich der Himmel spricht – das ist übrigens dasselbe –, dann meint er etwas, das sich hier und jetzt ereignet. „Das Reich Gottes ist mitten unter euch, inwendig in euch.“ Das Reich Gottes, das ist eine Haltung, ein Zustand in uns und unter uns, der geprägt ist von Liebe und Versöhnung, von Gemeinschaft, von Rücksicht und Zuwendung.

Und es ist wohl leider oft so, dass wir Menschen, je mehr wir besitzen, desto weniger abgeben wollen oder können. Besitz macht uns ängstlich und abhängig. Wer nichts hat, braucht seine Tür nicht abzusperren. Wer reich ist, muss sich schützen, sich und seinen Reichtum. Ich glaube, dass Jesus diese Haltung meint. Der Mann, dem es nicht reichte, die Gebote einzuhalten, konnte den nächsten Schritt nicht mehr tun, den Jesus ihm vorschlägt. Er geht traurig weg, weil ihm sein Besitz eben doch wichtiger ist.

Nun gut, in diesem Mann erkenne ich mich durchaus auch wieder. Mir ist mein Besitz auch wichtig. Ich tue mir mit dem Teilen oft schwerer als ich es selbst für richtig halten würde. Und es ist nicht nur der materielle Besitz – da bilde ich mir etwas auf mein Wissen ein, auf meinen guten Geschmack, da rümpfe ich vielleicht heimlich oder offen die Nase über jemand, der nicht so gebildet ist wie ich. Aber ich will vom materiellen Besitz auch nicht ablenke. Ich denke, Jesus meint schon den Reichtum an Geld und Gütern, wenn er vom Reichtum spricht. Puh, da haben wir alle schlechte Karten.

Deswegen ist vielleicht die wichtigste, auf jeden Fall aber die tröstlichste Stelle in der Geschichte der letzte Satz. Da heißt es: Jesus sah sie an – sieh da, schon wieder! Schon wieder steht da, dass Jesus jemand ansieht, in diesem Fall also seine ratlosen Jünger. Der sieht ihre Ratlosigkeit, er sieht ihr Zögern, ob sie selbst radikal genug sind, ob ihre Leistung ausreicht. „Wer kann dann selig werden?“, fragen sie sich. Jesus sieht das alles, und dann sagt er: „Bei den Menschen ist’s unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.“

Da höre ich die Steine von den Herzen poltern. Gott verlangt nichts Unmögliches, und wenn uns doch etwas unmöglich ist, dann kann Gott eingreifen und nachhelfen. Bei ihm ist nichts unmöglich. Du und du und du bist nicht unmöglich. Denn Gott ist allein gut. Gott ist gut und nicht böse, das heißt für mich auch und als Wichtigstes: Gott ist dir und mir gut, er ist dir und mir nicht böse.

Das ist entscheidend. Man könnte dieses Wort ja auch so auffassen: Gott allein ist gut, und alle andern sind schlecht oder böse, und deswegen will Gott mit ihnen nichts zu tun haben. Aber nein! Dann wäre Gott nicht wirklich gut. Denn zum Gutsein Gottes gehört auch, dass er Verständnis hat für unsere Schwachheit. Dass er vergibt und uns lockt, es noch einmal zu versuchen. Dass er uns die Versöhnung anbietet, Versöhnung mit uns selbst und unseren unmöglichen Ansprüchen, und Versöhnung mit sich – mit Gott, dem Grund und Geheimnis der Welt.

Gott gibt niemand verloren. Auch nicht den reichen Mann mit dem großen Anspruch, an dem er selbst dann scheitert. Auch nicht dich und auch nicht mich. Das ist für mich die Quintessenz dieser Geschichte, und was mit einem Kamel anfängt, das ratlos vor dem Nadelöhr steht, endet mit der großen Einladung Gottes, bei dem nichts unmöglich ist, dafür alles möglich.

Und deswegen schließe ich mit dem Wunsch: Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus, dem Christus, dem großen Ermöglicher.

Amen.

Was ist Liebe?

Vincent van Gogh, Der barmherzige Samariter

Am 16. August 2020 ging es schon einmal um das Doppelgebot der Liebe.
Am 30. August jetzt die Themenpredigt zu meiner kleinen privaten Predigtreihe: „Was ist Liebe?“

Ja, die Liebe… Viel besungen, unendlich oft verfilmt – die Liebe scheint das Wichtigste im Leben zu sein. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – ist es gar nicht so leicht zu sagen, was das denn ist, die Liebe.

Einen Punkt, denke ich, können wir relativ rasch abhandeln. Unser Bild von Liebe ist unwillkürlich von der romantischen Liebe geprägt, vom Schmachten, von der Leidenschaft, vom Herzklopfen… Diese Liebe, die dann im ersten Kuss oder der Traumhochzeit ihre Erfüllung findet, dem Happy End, nach dem im Kino, um mit Kurt Tucholsky zu sprechen, „für jewöhnlich abjeblendt“ wird. Diese romantische Liebe ist wunderschön, wenn man sie denn erleben darf, und ohne sie wäre die Menschheit schon längst ausgestorben. Aber sie ist nicht beständig. So schade das ist: Große Gefühle kommen und gehen, Leidenschaft kommt und geht, Erotik kommt und geht – und wenn das alles war, was zwei Menschen aneinander bindet, dann war’s das über kurz oder lang, die Beziehung scheitert und beide machen sich auf die Suche nach dem neuen ultimativen Liebes-Kick.

Ich denke, es ist ziemlich klar, dass die Bibel etwas anderes im Sinn hat, wenn sie von der Liebe spricht. Zwar kennt sie auch große Liebesgeschichten – Jakob und Rahel, David und Batseba, vielleicht auch Jesus und Maria Magdalena, wer weiß… – aber hier geht es um etwas anderes. Wenn der Gesetzeslehrer fragt, wie er ins ewige Leben kommt, und auf die Rückfrage von Jesus – „Was steht dazu in der Bibel?“ aus dem Glaubensbekenntnis Israels zitiert: „Du sollst den Ewigen, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst“, dann versteht es sich von selbst, dass es nicht um diese Art romantische Liebe gehen kann, um das rosarote Gefühl oder die flammende Erotik – obwohl manche Mystikerinnen und Mystiker auch eine solche flammend erotische Liebe zu Gott empfunden haben. Aber das ist eher die Ausnahme.

Was meint die Bibel, was meint Jesus dann mit Liebe?

Ich glaube, die Liebe, um die es hier geht, ist etwas sehr Nüchternes. Sie hat viel mit Respekt zu tun, mit Achtung. Das ist übrigens noch mal eine Brücke zur romantischen Liebe. Die Frage, die ich bei einer Trauung den Brautleuten stelle, lautet ja: Willst du, Lieschen Müller, diesen Franz Huber als deinen Ehemann lieben, ehren und achten und so weiter… Wenn die romantische Liebe sich allmählich verflüchtigt hat, wird es immer wichtiger, dass die Liebenden einander ehren und achten.

Und was heißt das nun schon wieder, ganz konkret?

Ich denke, es hat mit Folgendem zu tun: Ich erkenne – und anerkenne –, dass der andere Mensch mir gegenüber eben ein Mensch ist, ein geliebtes Kind Gottes, genauso wie ich selbst auch. Hass und Angst entmenschlichen den anderen. Wen ich hasse, dem spreche ich allzu leicht das Menschsein ab. Das merkt man dann unter anderem daran, dass ich ihn dann auch gern mit Tiernamen belege.

Hass ist das Gegenteil von Liebe, und Angst ist es noch mehr. Wenn ich vor einem anderen Menschen Angst habe, macht meine Phantasie ihn zum Monster, zum Unmenschen.

Liebe, das heißt, ich sehe hinter der Fassade, die mir Angst einflößt oder die meine Abneigung erregt, den Menschen. Dieser Mensch hat eine Geschichte, wie ich, er oder sie hat Gefühle, wie ich, hat oder hatte einen Vater und eine Mutter – und vielleicht hatte er oder sie mit Vater und Mutter nicht so viel Glück wie ich. Wenn ich denn Glück hatte mit meinen Eltern. Dieser Mensch lacht und weint, liebt und wird geliebt, er hat Freuden und Ängste und ein Herz – auch wenn ich dieses Herz vielleicht nicht spüren kann. Aber kann ich denn mein eigenes Herz immer spüren – und kann das Gegenüber mein Herz immer spüren?

Dieser andere ist also ein menschliches Wesen, so wie ich. Und das heißt, er oder sie ist ein geliebtes Kind Gottes. So wie ich. Mehr noch: Auch auf dem Grunde seines oder ihres Herzens ist Gott zu finden, wie gut verborgen und zugemüllt auch immer, so wie in mir. Dieser andere Mensch ist mir im Innersten verwandt. Und das, was mich an ihm stört oder aufregt, ist meistens etwas, was ich an mir selbst nicht mag – so sehr nicht mag, dass ich es wegschiebe in den Schatten. Der Splitter im Auge das anderen ist aus demselben Holz wie der Balken in meinem.

Einmal habe ich eine Entdeckung gemacht: Der Satz „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ heißt auf Englisch: „Love your neighbour as yourself.“ Und dieses Wörtchen as hat es in sich. Es heißt nämlich nicht nur: wie, sondern auch als. Liebe deinen Nächsten als dich selbst. Das kann man also so verstehen: Liebe dich selbst in ihm. Liebe ihn, denn er und du, ihr seid ein und dasselbe – beide seid ihr ein Stück von Gottes Mensch gewordener Schöpferkraft, von Gottes Liebe und Phantasie.

Mehr noch. Seit Gott Mensch wurde in dem Menschen Jesus aus Nazareth, glauben wir Christen, dass uns Gott selbst begegnet in den anderen. Ich weiß, das ist oft schwer vorstellbar. Dass Gott mir in den Menschen begegnet, die ich sympathisch finde, die ich bewundere, geschenkt. Aber – in Donald Trump, oder wahlweise in Angela Merkel? In dem – bitte ankreuzen – in dem AfD-Wähler beziehungsweise dem linken Sponti?

Ja. Genau das mutet Jesus uns zu. „Was ihr einem meiner geringsten Geschwister getan habt, habt ihr mir getan – oder eben nicht getan.

Musikalisches Intermezzo –

Der Gesetzeslehrer, der Jesus befragt, ist sich mit Jesus einig: Die Liebe ist es, die Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen, die gibt das ewige Leben. Nichts anderes, nicht mehr und nicht weniger.

Und mit der Liebe zu Gott scheint der Gesprächspartner von Jesus kein Problem gehabt zu haben. Denn er fragt danach nicht weiter. Vielmehr fragt er: „Und wer ist das, mein Nächster?“ Das ist keine Fangfrage, sondern eine echte Frage, die die Bibelkundigen, die Rabbinen zur Zeit von Jesus diskutiert haben. Meine Nächsten – sind das nur meine Familie und meine Nachbarn? Oder sind es alle, die in meinem Dorf wohnen, in meiner Stadt, oder alle, die zu meinem Volk gehören?

Als Antwort erzählt Jesus die bekannte Geschichte von dem Mann, der unter die Räuber gefallen ist. Und diese Geschichte hat eine doppelte Pointe. Die erste: Jesus sprengt die Grenzen, wie so oft. Derjenige, der die Barmherzigkeit übt und der dem verwundeten Gewaltopfer zum Nächsten wird, ist ein Samaritaner. Würde Jesus das Gleichnis uns heute erzählen, wäre es vielleicht ein Flüchtling aus dem Kosovo oder aus Nigeria. Oder ein salafistischer Türke. Einer, bei dem man nicht so recht weiß, ob man ihn nur unmöglich findet, oder ob man nicht auch Angst haben muss vor ihm.

Diese Pointe ist für sich genommen schon revolutionär in einer Gesellschaft, die streng darauf achtet, dass getrennt bleibt, was getrennt gehört. Aber die andere Pointe hat es ebenso in sich, und sie hat etwas mit dem Zusammenspiel von Gottesliebe und Nächstenliebe zu tun.

Der erste Mann, der an dem Verwundeten vorbeigeht, ist ein Priester. Er kommt von Jerusalem, hat also vielleicht am selben Tag oder am Tag vorher noch einen Opfergottesdienst abgehalten. Einer, von dem man annehmen darf, dass er Gott liebt. Einer, von dem man annehmen könnte, dass Jesus ihm den Satz aus dem Propheten Hosea vorhalten würde: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer, spricht der Ewige.

Der zweite ist ein Levit, und ich stelle mir vor, dass dieser Levit nicht von Jerusalem herunterkommt, sondern nach Jerusalem hinaufgeht. Am Abend wird er im Tempel dienen. Als er den Verwundeten sieht, so stelle ich mir vor, erschrickt er: überall Blut! Und wer Blut berührt, wird unrein. Wenn er dem Mann hilft, kann er nicht im Tempel dienen, er müsste sich erst ausgiebig reinigen. Um seinen Einsatz im Tempel nicht zu gefährden, lässt er den Halbtoten liegen. Er stellt gewissermaßen die Gottesliebe und den Gottesdienst über den Dienst am Nächsten, die Liebe zum Nächsten.

Wir brauchen uns über diesen Mann nicht zu erheben. Ich weiß nicht, was ich tun würde – angenommen, ich wäre unterwegs hierher in die Markuskirche, weil ich um 11.15 meinen Gottesdienst habe, und da liegt jemand auf der Straße. Würde ich denken: Ach, der ist bloß besoffen, und außerdem wird sich bestimmt bald jemand um ihn kümmern? Ich kann und darf doch nicht zu spät zum Gottesdienst kommen! Ehrlich gesagt, ich bin mir nicht sicher.

***

Also: Was ist Liebe? Ich sage es einmal sehr überspitzt. Liebe ist kein Gefühl. Oder genauer: keine Emotion. Eine Emotion, das ist die Bewegung, die durch etwas von außen in mir hervorgerufen wird. Verliebtheit, das ist eine Emotion. Sie wird von der Frau oder dem Mann hervorgerufen, die wir so begehrenswert finden. Liebe wird nicht vom Gegenüber hervorgerufen. Wäre das so, wäre es völlig absurd, ein Gebot zu formulieren, das heißt: Du sollst lieben. Jeden x-beliebigen Menschen auf der Straße, ja sogar – wie Jesus an anderer Stelle sagt – meine Feinde.

Ich kann für viele Menschen keine herzliche Zuwendung empfinden. Aber ich kann mir inne werden – und das ist etwas, was nicht im Kopf geschieht, sondern im Herzen –, ich kann mir im Herzen innewerden, dass da mir gegenüber ein Mensch ist, ein Kind Gottes, mit mir im Innersten verwandt, ein Glied an demselben Leib, an dem auch ich hänge.

Und ich behandle ihn so, wie ich behandelt werden möchte. Das ist die andere Zusammenfassung, die Jesus gibt vom Gesetz und den Propheten, für den Weg zum ewigen Leben, die andere Formulierung für das, was es heißt zu lieben: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“

Denn der andere ist wie ich, und im Tiefsten ist er ich und ich bin er. Wenn ich ihn schlecht behandle, schneide ich mir ins eigene Fleisch. Darum geht es. Wir gehören zusammen, wir sind alle Kinder des einen Vaters, wir sind alle aus derselben göttlichen Liebe und Schöpferkraft gemacht.

Das zu lernen dauert ein Leben und länger. Und ich weiß, manchmal ist es schier unmöglich, einen anderen Menschen zu lieben – ihm Gutes wünschen, Gutes tun, Gutes schenken. Doch nur so kann etwas besser werden in der Welt. Und: Jeder kleinste Akt der Liebe zählt. Jedes Mal, wenn sich ein Mensch überwindet, die Hand reicht über Grenzen hinweg, jedes Mal, wenn ein Mensch in einem anderen sein eigen Fleisch und Blut erkennt und ihm das gibt, was er selbst gern von anderen bekäme, jedes Mal, wenn ein Mensch einem anderen Liebe erweist, freuen sich die Engel im Himmel, singen und jubeln und klatschen in die Hände.

So lasst uns nun hingehen, tun wir desgleichen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, dem großen Liebenden, unserem Bruder und Freund. Amen.

Das höchste Gebot – Israelsonntag 2020

Rabbi_Jesus_beschnitten

Einmal wieder eine „ganz normale“ Predigt, das heißt: die Auslegung eines Bibeltextes. Der Israelsonntag – ein Sonntag, an dem es in den christlichen Gottesdiensten um das Verhältnis der Christen zu den Menschen jüdischen Glaubens geht – hat mich dieses Jahr herausgefordert. Deswegen diesmal keine Themenpredigt, sondern eine zum Evangelium des Sonntags.

 

 

Was ist das Wichtigste am Christsein?

Liebe Gemeinde, ich denke, die allermeisten Christen würden, wenn sie eine Umfrage auf der Straße beantworten sollten, spontan sagen: die Nächstenliebe. Und das ist ja auch nicht verkehrt. Es ist aber nur die Hälfte.

Manche würden vielleicht antworten: Das Wichtigste ist das Doppelgebot der Liebe, und damit kämen sie der Sache schon näher.

Aber auch das ist noch nicht alles. Als Jesus gefragt wurde, welches Gebot das wichtigste von allen sei, antwortete er mit einem Glaubensbekenntnis, mit dem Glaubensbekenntnis seines Volkes, seiner Religion. Er zitierte damit aus der Bibel, aus dem hebräischen Teil der Bibel, der für die Juden wie für die Christen als heilige Schrift gilt, eine Stelle aus dem 5. Buch Mose. Es ist das sogenannte Schma Jisrael, das ist Hebräisch für „Höre, Israel!“ Schma Jisrael, adonaj elohejnu, adonaj ächad. Höre, Israel: Der Ewige ist dein Gott, der Ewige ist einer.

Wer mit dem Wortlaut der Bibel vertraut ist, dem wird vielleicht aufgefallen sein, dass ich nicht gesagt habe: Der Herr ist dein Gott. In der Bibel steht hier der Eigenname Gottes, den Gott dem Mose in der Wüste genannt hat, geschrieben mit den vier Hebräischen Buchstaben J, H, W und noch einmal H, das Tetragramm (also vier Buchstaben). Die Juden sprechen diesen Namen nicht aus und aus Respekt vor dem Glauben unserer jüdischen Geschwister möchte ich ihn auch nicht aussprechen. Wenn ein Jude aus der Bibel vorliest, sagt er statt des Gottesnamens Adonai, das das heißt der Herr. Oft sagen sie aber auch statt „der Herr“ „der Ewige“. Und ich muss sagen, mir gefällt „der Ewige“ besser. Denn das Wort „Herr“ weckt Assoziationen an weltliche Herren, und mit dem Machtgebaren eines Herrn Lukaschenko, eines Herrn Assad, eines Herrn Kim hat Gott keine Gemeinsamkeit. Gott ist der Ewige, der in Ewigkeit zu seiner Schöpfung steht, zu seinen Geschöpfen, zu dir und zu mir.

Das Glaubensbekenntnis, das Schma Jisrael, steht im Zentrum des jüdischen Glaubens. „Höre, Israel: Der Ewige ist dein Gott, der Ewige ist Einer. Und du sollst den Ewigen, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft.“

Mit seiner Antwort auf die Frage des Schriftgelehrten zeigt sich Jesus ganz als gläubiger Jude. Und das war er. Jesus hatte ja nicht vor, eine eigene Religion zu gründen, so wie Martin Luther nicht vorhatte, eine eigene Kirche zu gründen. Jesus wollte seinen jüdischen Mitmenschen helfen, den Glauben an den einen Gott konsequent und mit Hingabe zu leben.

Ja, Jesus war Jude durch und durch. Das mag manchen wie eine Binsenweisheit vorkommen, aber ich fürchte, man muss das heute wieder laut und deutlich sagen. Heute, wo in unserem Land gläubige Juden ihren Glauben verstecken, weil sie Angst haben müssen, deswegen angegriffen zu werden. Und ich muss sagen, ich finde es unerträglich, dass ausgerechnet in Deutschland der Antisemitismus seine hässliche Fratze wieder zeigen kann. Dass es Deutsche gibt, die meinen, etwas Besseres zu sein als ihre Mitmenschen jüdischen Glaubens, und, schlimmer noch, die meinen, „den Juden“ alle möglichen Verbrechen und Verschwörungen in die Schuhe schieben zu können. Wenn heute auf Demonstrationen in Deutschland von einer Weltverschwörung gefaselt werden kann und jeder, der den Code deuten kann, weiß, dass damit die sogenannte jüdische Weltverschwörung gemeint ist – eine böse Legende aus der Mottenkiste der Nazis und anderer antisemitisch denkender Menschen –, wenn das heute in Deutschland öffentlich gesagt werden kann, dann ist das eine ganz große Katastrophe. Und wir als Christen dürfen uns an diesem Geschwätz in keiner Weise beteiligen, im Gegenteil. Wo wir etwas derartiges hören, müssen wir dagegenhalten, energisch und kompromisslos. Nicht nur wegen der Geschichte unseres eigenen Volkes, sondern auch deswegen, weil wir als Christen eine ganz besondere Nähe zu unseren Geschwistern jüdischen Glaubens haben.

 

***

Zurück zu unserem Text. Ein Schriftgelehrter tritt zu Jesus und befragt ihn. Er tut damit etwas, was unter jüdischen Rabbis üblich war und bis heute ist. Er stellt eine Frage und eröffnet einen Dialog.

Das ist bis heute die übliche Weise, in der jüdische Theologen um die Wahrheit ringen. Es gibt im Judentum ja kein Lehramt. Es gibt niemand, der sagt, was ein frommer Jude zu glauben hat – so wie es das bei den Evangelischen ja auch nicht gibt. Die jüdische Theologie lebt aus der Überzeugung, dass sich die Wahrheit im Dialog erschließt. Und dabei können auch unterschiedliche Meinungen oder unterschiedliche Akzentsetzungen nebeneinander bestehen bleiben. Es gibt keine jüdische Dogmatik, in der steht, „wie es ist“. Vielmehr heißt es: „Rabbi Schlomo sagt dies, Rabbi Eliezer sagt das…“

Darüber gibt es sogar einen Witz: „Zwei Nachbarn liegen im Streit, und sie wenden sich an ihren Rabbiner. Der hört den einen an und sagt, du hast recht. Dann hört er den anderen an und meint, du hast recht. Da kommt die Frau des Rabbiners herein und meint, die können ja nicht beide recht haben. Sagt der Rabbi: Da hast du recht.“

Das heißt nicht, dass es bei solchen Lehrgesprächen nur um harmlose Spielerei geht, um l’art pour l‘art. Aber die Juden wissen, dass kein Mensch  die ganze Wahrheit für sich beanspruchen kann. Und damit machen sie Ernst.

Der Schriftgelehrte will Jesus also nicht hereinlegen, wie das manchmal dargestellt wird. Er hat mitbekommen, dass dieser Jesus ganz besonders gewitzte Antworten parat hat, und möchte mit ihm eine beliebte Streitfrage unter Rabbinern erörtern.

Und Jesus antwortet, wie gesagt, gut jüdisch, indem er aus der Bibel zitiert. Unser sogenanntes Doppelgebot der Liebe – du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst – stammt im Original also gar nicht von Jesus, es besteht aus zwei Bibelzitaten, und zwar aus dem 5. und aus dem 3. Buch Mose.

Der erste Teil ist das Glaubensbekenntnis der Juden. Er entspricht inhaltlich genau dem Ersten der Zehn Gebote: „Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten herausgeführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du wirst neben mir keine anderen Götter haben.“ Das ist nur eine etwas andere Formulierung für den Satz: „Der Ewige, dein Gott, ist Einer.“

Es heißt aber auch: Gott, der ewige Gott Israels, hat sein Volk befreit. Er ist ein Gott der Freiheit, und so sind auch seine Gebote zu verstehen: Sie wollen diejenigen frei machen, die sich daran orientieren. Und das gilt selbstverständlich auch für dieses höchste Gebot: Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft. Dieses Gebot will uns nicht knechten oder uns eine Last aufbürden. Im Gegenteil.

Denn: was heißt das denn, Gott lieben? Heißt das: Den korrekten Gottesdienst feiern, Gott mit dem korrekten Namen ansprechen, der Welt entsagen, den ganzen Tag beten, am besten ins Kloster gehen, um nur ja nicht abgelenkt zu werden von der Liebe zu Gott?

Nun, es gibt Menschen, die gehen ins Kloster, und das ist auch in Ordnung, wenn das ihrem Glauben entspricht. Aber Jesus hat so nicht gelebt. Ja, er ist in den Tempel gegangen wie alle frommen Juden zu seiner Zeit. Aber er hat darin nicht die Erfüllung der Gottesliebe gesehen.

 

***

Jesus steht in einer Traditionslinie mit den sogenannten kultkritischen Propheten, und sein Gesprächspartner anscheinend auch. Denn der Schriftgelehrte antwortet Jesus, als der das Doppelgebot der Liebe zitiert hat: „Ja, Rabbi, du hast recht geredet! Er ist einer, und ist kein anderer außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.“

Man muss wissen, dass es zur Zeit Jesu zwei Hauptströmungen im jüdischen Glauben gab: die Tempelfrömmigkeit und das, was ich die rabbinische Spiritualität nennen würde, die eher in den Synagogen zu  Hause war und auf den Marktplätzen. In diesen beiden Strömungen, die durchaus in Spannung zueinander standen, spiegelt sich der alte Konflikt des Volkes Israel: der Konflikt zwischen Priester und Prophet.

Die Priester, die waren für den Kult zuständig, für den Gottesdienst, und das hieß vor allem: für die Opfer im Tempel von Jerusalem. Brandopfer und Schlachtopfer, wie der Gesprächspartner Jesu sagt. Für diese Art der spirituellen Praxis war es wichtig, dass die Opfer auf die vorgeschriebene Weise dargebracht wurden, dass die Opfertiere makellos waren, die richtigen Gebete zur richtigen Zeit gesprochen wurden, und Jerusalem war der einzige wahre Ort für diese Art Gottesdienst.

Dem gegenüber steht die Spiritualität der Rabbinen, die draußen auf dem flachen Land lebten und sich in den Synagogen trafen, die es in jedem Dorf gab. Sie standen dem Tempelkult eher kritisch gegenüber, legten mehr Wert auf das gute Miteinander der Menschen. Mehr Wert auf einen Alltag, der Gottes Willen entspricht, als auf die richtigen Opfer. Darin folgen sie den Propheten Israels.

Unter den Propheten findet sich einiges an sehr herber Kritik am Tempelkult, und zwar deshalb, weil die Gefahr bestand, dass der Tempelgottesdienst und die Opfer als Ersatzhandlung missbraucht wurden. Es scheint zum Beispiel möglich gewesen zu sein, dass jemand den eigenen Eltern die finanzielle Altersversorgung entzog mit der Begründung, er habe die entsprechende Summe dem Tempel als Weihegabe gelobt – eine Praxis, die Jesus scharf kritisiert hat. Oder allgemein gesagt: Wenn es die Möglichkeit gibt, sich durch ein Opfer oder ein Ritual von Schuld zu befreien, besteht immer die Gefahr, diese Möglichkeit zu missbrauchen. Etwas karikiert: Ich kann machen, was ich will, am Versöhnungstag bringe ich das entsprechende Opfer und alles ist wieder gut.

Das hat mit Liebe zu Gott nichts zu tun. Zu einer derartigen Praxis sagt zum Beispiel der Prophet Amos:

„Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen, und an euren Speisopfern habe ich kein Gefallen, und euer fettes Schlachtopfer sehe ich nicht an. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!“ Das hat den Tempelsängern wahrscheinlich nicht gefallen, dass ihre Lieder als „Geplärr“ bezeichnet wurden, und den Priestern dürfte es nicht gepasst haben, dass Amos die Opfer so in Bausch und Bogen abtut. Aber Amos hat auch eine Alternative: „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“, fährt er fort. Darum geht es. Die Tempelgottesdienste sind nicht an sich schlecht, sie dürfen nur nicht zum Ersatz werden für Recht und Gerechtigkeit.

In genau diese Tradition stellt sich Jesus später, wenn er den Tempel „reinigt“, wie man so schön sagt. Er hat sich nicht über den Trubel der Devotionalienhändler aufgeregt, und er war auch nicht entsetzt und jähzornig wegen des Lärms. Der Lärm der Händler und Wechsler hat den Tempel nicht entheiligt, er gehörte zum Tempelkult dazu. Als Jesus sich seine Geißel aus Stricken machte, die Tische der Geldwechsler umstieß und die Opfertiere freiließ, war das eine wohl kalkulierte prophetische Zeichenhandlung, und die Priester haben diese Handlung sehr wohl verstanden – zumal Jesus während dieser Aktion einen anderen Propheten zitierte, nämlich Hosea: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer!“

Gott lieben, das heißt also etwas ganz anderes. Wir sollen Gott lieben, indem wir unsere Mitmenschen lieben. Die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Mitmenschen, das sind nicht zwei Paar Stiefel, sie gehören untrennbar zusammen, gewissermaßen wie die zwei Seiten einer Medaille. Der 1. Johannesbrief fasst es ein paar Jahrzehnte später so zusammen: „Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht.“

Das ist der Kern des Glaubens, das ist das höchste Gebot. Die Liebe zu Gott drückt sich in der Nächstenliebe aus. Jesus lehrte keine Entsagungsreligion und keine Erlösungsreligion, er lehrte eine Religion der Liebe. Und das entspricht ganz seinen jüdischen Wurzeln. Er hat das nicht erfunden. Er hat es allerdings radikalisiert, er hat die Liebe entgrenzt.

Die hebräische Bibel sagt: Gott liebt uns Menschen zuerst. Er hat sein Volk aus dem Sklavenhaus geführt. Er hat denen, die Fremdlinge waren, eine Heimat gegeben. Deswegen, weil sie es selbst erfahren haben, sollen sie andere befreien und nicht unterdrücken. Deswegen sollen sie Fremdlinge aufnehmen und gut behandeln. Und so sollen auch wir handeln, statt vermeintlich patriotisch unser sogenannt christliches Abendland gegen die angebliche Islamisierung abzuschotten.

„Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt“, so lesen wir ebenfalls im 1. Johannesbrief. „Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.“ Mehr braucht es nicht.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus, dem Christus, dem großen Liebenden. Amen.

 

Bildnachweis: Jesus, der Jude. Aus der Abeitshilfe „Die Wurzeln unseres Glaubens“, https://www.arbeitshilfe-christen-juden.de/themen/konfirmandenunterricht/wurzeln

 

 

 

Was ist heilig?

Sacred

 

Predigt in St. Markus München am Sonntag, 8. März 2020

 

Diese Predigt ist Teil einer Predigtreihe zum Thema „Begegnungsräume“ und trägt eigentlich den Titel: „Begegnung zwischen Gott und Welt“. Ich finde aber, sie passt sehr gut in meine „Was ist…?“-Reihe.

 

Vor vielen Jahren war es, in einer anderen Gemeinde. Wir feierten das Sommerfest und wie so oft beim Sommerfest war das Wetter nicht besonders schön. Unfreundlich und – wie der Wetterbericht zu sagen pflegt – für die Jahreszeit zu kühl. Nach dem Familiengottesdienst begann es leicht zu nieseln. Eine ganze Schar Kinder flüchtete sich in die Kirche und spielte Fangen zwischen den Kirchenbänken. Da kam ein älterer Herr zu mir und sagte streng: „Herr Pfarrer, ich dachte immer, die Kirche sei das Haus Gottes!“ Ich war verblüfft, allerdings nicht so verblüfft, dass mir nicht noch die Antwort eingefallen wäre: „Ja, und mein Gott mag spielende Kinder.“

Was hat diesen Herrn zu seiner kritischen Bemerkung bewegt? Anscheinend hat er Anstoß genommen an dem Lärm, den spielende Kinder nun einmal verursachen, und vielleicht auch an der Fröhlichkeit, die sie ausstrahlen. Sein Gott ist anscheinend streng und ernst. Und heilig. In seiner Nähe muss man auf Zehenspitzen gehen und darf nur flüstern – und eins darf man ganz sicher nicht: lachen.

Diese Haltung ist weit verbreitet. Sie ist sicher religiös. Aber christlich? Christlich ist eine solche Haltung nicht. Denn für Christen hat die Heiligkeit Gottes nichts damit zu tun, dass man ängstlich jeden Anschein von Lebendigkeit vermeidet.

Aber noch einmal. Als religiös kann man diese Haltung wohl wirklich bezeichnen. Es ist geradezu ein Kennzeichen der meisten Religionen, dass sie heilige Bezirke kennen, in denen man sich nicht so verhalten darf wie im Rest des Lebens. In denen Stille zu herrschen hat, Ehrfurcht, ein bisschen Befangenheit. In denen laute Lebensäußerungen nicht erwünscht sind – Lachen eben, aber auch Niesen oder gar Gähnen…

Wie kommt das?

Ich glaube, das steckt von Anfang an in der DNA der Religion, dass es heilige Orte gibt, und auch heilige Handlungen, heilige Gegenstände und heilige Personen.

Ich glaube, so ist Religion überhaupt entstanden: Schon die allerersten Menschen, die gerade erst ein Bewusstsein für sich selbst entwickelt hatten, erlebten immer wieder Momente, in denen die Welt durchsichtig wurde für eine tiefere Dimension. Momente, in denen die Menschen eine Ahnung bekamen – oder auch eine Gewissheit –, dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde als das, was die Augen sehen. Die Menschen dachten damals sehr konkret, und so meinten sie: Wenn mir dieses Erlebnis hier widerfahren ist, dann muss das daran liegen, dass hier ein besonderer Ort ist – ein Ort, an dem die Wand zwischen dem Diesseits, zwischen der Welt der Menschen, und dem Jenseits, der Sphäre des Göttlichen, sehr dünn ist. Hier, an diesem Ort, kann man dem Göttlichen nahe sein. Hier ist ein heiliger Ort.

Eine Geschichte, die diesen Vorgang beschreibt, kennen manche vielleicht noch aus dem Religionsunterricht: Jakob, einer der Erzväter Israels, schläft unter freiem Himmel und träumt von einer Leiter, die da steht und an der Engel, Boten Gottes, hinauf und herunter steigen. Er erwacht und sagt: „Ja, wirklich, hier ist das Haus Gottes, und ich wusste es nicht.“ Er richtet einen Stein auf als Denk-Mal und als Altar, und fortan ist dieser Ort heilig: Beth-El, Gottes Haus.

So etwas gibt es aber nicht nur in der Bibel, es gibt diese Geschichten um heilige Orte in allen Religionen. Alle Religionen kennen heilige Berge, heilige Flüsse, heilige Felsen, heilige Bäume: Orte, an denen man Gott – angeblich – ganz besonders nahe kommt.

Und an solchen Orten wurden dann Heiligtümer gebaut. Tempel, oder in unserem schönen Oberbayern Kapellen, Klöster und Kirchen.

Im Tempel war alles anders. Um ihn zu betreten, musste man sich reinigen – so wie sich Muslime bis heute Hände, Füße und Gesicht waschen, bevor sie die Moschee zum Gebet betreten. Es gab und gibt besondere Bezirke in der Tempelanlage, die niemand betreten darf außer besonders geschulten und geweihten Menschen, Priesterinnen und Priester, Vestalinnen oder Tempeldiener. In vielen katholischen Kirchen gilt der Altarraum als besonderer Raum, den man gar nicht oder jedenfalls nicht ohne Weiteres betreten darf. Oft ist er abgetrennt mit einer Kordel. Denn da, am Altar, wird die heilige Handlung vollzogen, vom geweihten Priester, heiliger geht es kaum.

Dieses Prinzip der Heiligkeit spielte vor allem auch im Tempel in Jerusalem eine ganz entscheidende Rolle. Er war aufgebaut wie eine Zwiebel: In den äußersten Mauerring, den Vorhof der Heiden, durften alle Menschen. Dann kam der Vorhof der Frauen, den nur noch Angehöriger des jüdischen Volkes betreten durften, des Volkes Gottes, das mit Gott in inniger Verbindung steht, weil Gott es auserwählt hat unter allen anderen Völkern. Dann kam der Vorhof der Männer, den auch jüdische Frauen nicht betreten durften, denn Frauen galten von ihrem Wesen her als weniger rein und heilig als die Männer. Patriarchale Zeiten, die Gottseidank vorbei sind.

Schließlich gab es den Vorhof der Priester, den nur Tempeldiener und Priester betreten durften, in dem die Opfer abgehalten wurden. Dann erst kam das Heiligtum, das eigentliche Tempelgebäude. Da hinein ging eigentlich niemand, und in dem Heiligtum gab es eine innerste Kammer, das Allerheiligste, das von einem bodenlangen Vorhang verhüllt war. Dieser Raum war leer – anders als in den Tempeln anderer Religionen stand dort kein Götterstandbild. Denn der Gott Israels ist so heilig, dass man ihn nicht abbilden kann und darf. In diesen Raum ging ein einziges Mal im Jahr, am Versöhnungstag, ein einziger Mensch: der Hohepriester, zum Opfer. Einmal im Jahr, die übrigen 364 Tage stand der Raum immer leer – das heißt, nach Überzeugung der Juden war er natürlich nicht leer, sondern angefüllt mit Gottes Heiligkeit, mit Gottes Herrlichkeit, wie es auch hieß.

Gott, so wird es in der Hebräischen Bibel immer wieder dargestellt, Gott ist so heilig, dass man ihn nicht einmal ansehen kann, man würde auf der Stelle tot umfallen. Gott ist erhaben, riesig, unnahbar. Heilig, heilig, heilig.

Das heißt aber auch: Die Welt der Menschen ist nicht heilig. In ihr gelten andere Gesetze und Regeln. Zwar hat Gott auch für den Alltag der Menschen Gesetze gegeben, aber Gott selbst ist ja nicht da, er ist ja der Welt enthoben in seiner Heiligkeit. Und dieser Gedanke führte oft zu einem fatalen Missverständnis: Die Menschen benahmen sich in ihrem Bereich, der sogenannten profanen Welt (von pro-fanum, vor dem Heiligtum), die Menschen benahmen sich also nach ihren eigenen Regeln. Dann gingen sie am Versöhnungsfest in den Tempel zum heiligen Gott, brachten die vorgeschriebenen Opfer dar und alles war wieder gut.

Gegen dieses Missverständnis, oder auch: gegen diesen Missbrauch protestierten die Propheten heftig. Amos beispielsweise. „Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen, und an euren Speisopfern habe ich kein Gefallen, und euer fettes Schlachtopfer sehe ich nicht an. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!“ Der ganze Gottesdienst, der ganze Tempelkult nutzt nichts, wenn die Menschen sich nicht an Gottes Lebensregeln halten und einander lieben und achten: „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

Oder Jeremia: „So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels: Bessert euer Leben und euer Tun, so will ich euch wohnen lassen an diesem Ort. Verlasst euch nicht auf Lügenworte, wenn sie sagen: Der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn ist hier! Vielmehr: Bessert euer Leben und euer Tun, dass ihr recht handelt einer gegen den andern und gegen Fremdlinge, Waisen und Witwen keine Gewalt übt … Dann will ich euch immer und ewiglich wohnen lassen an diesem Ort, in dem Lande, das ich euren Vätern gegeben habe.“

Der Tempel, der Gottesdienst an sich nützt gar nichts, wenn das Leben der Menschen nicht von Liebe und gegenseitiger Achtung geprägt ist.

Und in diese Tradition stellt sich auch Jesus, wenn er den Tempel „reinigt“. Er geht in den Vorhof der Heiden, stößt die Tische der Wechsler um, lässt die Tauben frei und verhindert, dass irgendetwas durch den Tempel getragen wird. Viele meinen, es war ihm zu geschäftig, zu unruhig, zu „weltlich“, so als würden die Geschäfte der Händler und Wechsler Gottes heilige Ruhe stören.

Aber nein: Händler und Wechsler waren tief religiöse Einrichtungen. Sie waren unabdingbar, um den Opferbetrieb aufrecht zu erhalten. Sie verkauften Opfertiere und wechselten die heidnischen römischen Sesterzen in Tempelgeld um, damit man „reines“, „heiliges“ Geld in den Klingelbeutel werfen konnte.

Jesus zitiert den Propheten Jesaja, der Gott sagen lässt: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer.“ Auch Jesus sagt also: Den ganzen Tempelgottesdienst könnt ihr euch sparen, wenn ihr nicht mit euren Mitmenschen in Liebe und Achtung umgeht.

Mit einem anderen Bild: Gottesdienst, das ist nicht die Zeit am Sonntag zwischen 11.15 und 12.30 Uhr. Gottesdienst, das ist auch die Zeit von Sonntag 12.30 Uhr bis am nächsten Sonntag um 11.15 Uhr. „Euer ganzes Leben sei ein vernünftiger Gottesdienst“, so formuliert es Paulus. Euer ganzes Leben, nicht nur eine Stunde in der Woche.

 

***

Wo begegnen Menschen nun also Gott? Wir Christen glauben, dass es dazu keine besonderen Orte braucht. Gott begegnet uns in unseren Mitmenschen, besonders in denen, die leiden. Gott ist nicht in einem fernen Jenseits zu finden, in einem heiligen Bezirk, den man nicht betreten darf.

Und deswegen verlasse ich jetzt diesen fernen, hervorgehobenen Ort hier oben. So wie sich Gott unter den Menschen finden lassen will, so soll das Wort von Gott, so soll die Predigt unter die Menschen kommen.

Der Prediger verlässt die Kanzel und
begibt sich nach unten in den Kirchenraum

Die Evangelien bieten ein eindrückliches Bild. In dem Augenblick, in dem Jesus stirbt, so berichten Matthäus, Markus und Lukas, da zerreißt der Vorhang im Tempel, der das Allerheiligste abtrennt, entzwei, „von oben an bis unten aus“. Das Allerheiligste ist enthüllt, es ist nicht mehr abgetrennt. Die Trennung zwischen heilig und profan, sie ist aufgehoben und gilt nicht mehr. Gott ist nicht im Jenseits zu finden, sondern hier, mitten unter uns, inwendig in uns. Wir können Gott begegnen an allen möglichen Orten, wir können auf Gott treffen in der tiefsten Tiefe unseres Herzens, wir begegnen Gott in unseren Mitmenschen, besonders in denen, die leiden. „Was ihr einem der geringsten meiner Geschwister getan hat“, sagt der Mensch gewordene Gott, „das habt ihr mir getan.“

Gott ist nicht da oben, er ist hier unten. Deswegen werden wir das Abendmahl heute nicht am Altar feiern, denn der Altar ist kein besonders heiliges Möbelstück. Wir werden das Abendmahl hier feiern, wo wir den Kirchenkaffee teilen, wo wir normalerweise nach dem Gottesdienst zusammenstehen, um zu reden und beieinander zu sein. Denn heilig, das sind nicht irgendwelche ausgesonderten Bezirke oder Zeiten oder Menschen. Heilig, das seid ihr alle. Euer Leib, schreibt Paulus, ist ein Tempel des Heiligen Geistes. Ihr alle seid Gottes geliebte Kinder und habt damit Anteil an Gottes Heiligkeit. Ihr seid heilig. Alle. Ohne Ausnahme. Denn heilig sein, das heißt nicht: besonders gut oder moralisch sein. Heilig sein, das heißt ganz einfach: von Gott geliebt sein.

 

***

Natürlich mag es auch weiterhin Orte geben, an denen es Menschen leichter fällt, die Gegenwart Gottes zu ahnen. Orte, an denen die Welt leichter durchsichtig wird für die andere, tiefere Dimension der Welt. Das können sogenannte erhabene Orte sein in der Natur, das können auch Kirchen sein, die mit der Kraft vieler Gebete gleichsam aufgeladen sind. Und es mag auch sinnvoll sein, dass es in einer Kirche die meiste Zeit still ist – einfach weil die Menschen Orte der Stille brauchen, gerade hier in der Großstadt.

Aber wenn dann einmal Kinder jauchzend durch die Kirche rennen, wenn dann einmal hier in dieser Kirchenhalle ein Ball stattfindet und das Tanzbein geschwungen wird, wenn Menschen hier essen und trinken, diskutieren und streiten, feiern und lachen – dann stört das Gott nicht. Gott ist gegenwärtig, hier wie anderswo und überall, und Gott freut sich mit denen, die sich freuen. Gott trauert mit denen, die traurig sind. Gott lacht mit den Lachenden und weint mit den Weinenden und tröstet alle, die seinen Trost suchen, hier an diesem Ort und an jedem, an jedem anderen Ort der Welt. Kein Ort der Welt ist gottlos, kein Ort ist Gottes leer.

Begegnung zwischen Gott und Welt – die geschieht immer und überall, in jeder Sekunde, an jedem Ort. Auch hier und heute, in diesem Augenblick.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder, dem Gegenwärtigen, immer und überall – und das heißt: hier und jetzt. Amen.

 

Foto: Pixabay

Ich glaube; hilf meinem Unglauben

Regenschirm beschnitten

 

Predigt an Silvester 2019 in St. Markus über die Jahreslosung 2020

 

Was wäre das Leben ohne Widersprüche?

Liebe Gemeinde, auch wenn wir uns oft nach Eindeutigkeit sehnen, das Leben ist oft widersprüchlich. Und das ist gut so. Finde ich jedenfalls. Und es kann auch gar nicht anders sein. Die ganze Schöpfung ist ungenau und widersprüchlich. Das geht schon los mit den kleinsten Bausteinen der Materie, den Elementarteilchen. So ein Elektron scheint sich nicht entscheiden zu können, ob es ein materielles Partikel ist oder nicht doch eher eine Welle, eine immaterielle Bewegung im leeren Raum. Da gibt es keine Eindeutigkeit.

Und im größeren Maßstab, bei uns Menschen, zeigt sich die Widersprüchlichkeit auch. Besonders da, wo es um die Gefühle geht. Wer kennt nicht die sogenannten gemischten Gefühle, den Gefühlswirrwarr, die zwei Herzen, ach! in der Brust?

Ich möchte so gerne… aber es macht mir Angst. Ich verabscheue etwas zutiefst, und doch übt es eine ungeheure Faszination auf mich aus – vielleicht gerade wegen der Abscheu! Ich liebe jemand, und gerade deswegen kann diese Person auch Angst, Abwehr oder sogar Hass auslösen.

Sosehr wir uns Eindeutigkeit wünschen mögen, wir bekommen sie nicht. Und ich denke, das ist auch ganz gut so. Denn wir selbst sind nicht eindeutig. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, heute so, morgen anders, und doch sind und bleiben wir derselbe Mensch.

Was wäre das Leben ohne Widersprüche? Einfacher vielleicht, aber doch sicher auch langweilig. Eindimensional. Platt.

Was für die Gefühle gilt, gilt nach allem, was ich weiß, auch und erst recht für den Glauben. „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ Ja, in diesem Satz kann ich mich wiederfinden. Ehrlich gesagt, dieser Satz gehört zu meinen Lieblingssätzen in der Bibel. Und ich freue mich, dass er als Jahreslosung für das Jahr ausgewählt wurde, das in wenigen Stunden beginnt.

Ich glaube, hilf meinem Unglauben.

Was heißt das eigentlich, glauben?

Glauben heißt nicht wissen, das ist klar. Wie spät ist es? Ich glaub, ungefähr halb sechs oder so. Das heißt, ich weiß es nicht genau, ich nehme es halt mal an.

Wann lebte Goethe? Ach ich glaube, das war so im 18. oder 19. Jahrhundert. Ich glaube, er ist so um 1830 rum gestorben. Naja, nicht schlecht geraten, er starb 1832 – das kann man wissen.

Ich denke, es ist klar, dass es bei dem Glauben, von dem hier die Rede ist, um etwas anderes geht als dieses Ungefähre, dieses Raten.

Was dann? Ich kann glauben, dass etwas wahr ist. Ein Bekannter kommt zu spät zur Verabredung und entschuldigt sich damit, dass sein Fahrrad einen Platten hatte und er es erst reparieren musste. Das kann ich glauben oder nicht, ich kann es ihm abkaufen oder ich bin misstrauisch. Ach, diese Ausreden kenne ich, und dass mein Bekannter irgendwelche Ausreden erfindet, habe ich schon öfter erlebt. Ich glaube ihm das also eher nicht. Oder: Ich kenne ihn als zuverlässigen Menschen, als grundehrliche haut. Dem glaube ich alles.

Das heißt zum einen: Ich gehe davon aus, dass die Information, die mein Bekannter mit gibt, wahr ist – oder eben nicht wahr. Glauben heißt in diesem Fall: Ich halte etwas für wahr. Wenn ich sage: Ich glaube, dass Jesus übers Wasser gelaufen ist, das würde dann heißen: Wenn die Jünger damals schon Handys gehabt hätten, hätten sie es filmen können, wie Jesus über die Wellen geht. Das ist eine Bedeutung des Wortes „glauben“, Ich halte etwas für wahr. Aber meiner Meinung nach ist das eine eher schwache Bedeutung. Darum geht es nicht wirklich, ob etwas tatsächlich so geschehen ist oder nicht. Mein Glaube hängt nicht daran, dass alles in diesem buchstäblichen Sinn wahr ist, was in der Bibel steht. Dass die Welt in 6 x 24 Stunden erschaffen wurde vor gut 6000 Jahren. Und dass die Sonnen  gut einen ganzen Tag lang stillstand über Gibeon, bis die Israeliten ihre Feinde geschlagen hatten.

Wenn es beim Glauben nicht um die buchstäbliche Faktizität geht, worum geht es dann?

Gehen wir noch einmal zurück zu meinem verspäteten Bekannten. Ich glaube ihm seine Ausrede nicht, weil ich schon öfter erlebt habe, dass er sich mit einer Notlüge herauswindet. Das heißt, ich traue ihm nicht. Oder umgekehrt, ich traue ihm, weil ich ihn als ehrliche Haut kenne.

Damit sind wir bei einer weiteren Bedeutung des Wortes „glauben“: Es geht um das Vertrauen. Und damit sind wir beim Kern der Sache. Der Glaube, um den es in der Bibel und beim Christsein geht, ist weniger von der Sorte: Ich glaube, dass das wahr ist, sondern eher von der Sorte: Ich glaube dir. Ich vertraue dir. Da geht es nicht um Informationen, die eben wahr sein können oder nicht. Es geht um eine Beziehung. Darum, ob ich mich verlasse auf den anderen.

Das ist übrigens ein sehr sprechender Ausdruck. Ich verlasse mich. Das heißt, wörtlich: Ich gehe weg von mir. Ich verlasse mich auf dich – ich vertraue darauf, dass du mich nicht fallen lässt.

Ich glaube; hilf meinem Unglauben.

So ist das mit dem Glauben. Ja, ich möchte mich darauf verlassen, dass du es gut mit mir meinst, und manchmal gelingt es mir auch. Aber gerade wenn es um den Glauben geht, sind wir Menschen oft widersprüchlich. Ich glaube; hilf meinem Unglauben. Ich verlasse mich, und dann bekomme ich doch wieder Angst. Klassisch ist das ausgedrückt in der Geschichte, auf die ich eben schon kurz angespielt habe, in der Geschichte, in der Jesus übers Wasser geht. Die Jünger sind in einem Boot auf dem See Genezareth, das Boot gerät in einen Sturm, da sehen sie Jesus durch den Sturm auf dem Wasser zu ihnen kommen. Nach dem ersten Schrecken steigt Petrus, der Draufgänger unter den Jüngern, aus dem Boot. Er verlässt sich, und zwar auf das Wort von Jesus. Und siehe da: Auch er kann übers Wasser laufen. Doch dann sieht er plötzlich die hohen Wellen, spürt den Sturm sausen, und er denkt sich: Um Himmel willen, was mache ich da! Bin ich denn verrückt? Und in diesem Moment geht er unter. Das Vertrauen hat ihn verlassen, die Angst hat gesiegt.

Ich glaube; hilf meinem Unglauben.

Diesen Satz, der als Jahreslosung 2020 ausgewählt wurde, haben wir vorhin im Zusammenhang gehört. Da ist dieser Vater, dessen Sohn epileptische Anfälle hat – jedenfalls ist das wahrscheinlich die medizinische Diagnose, so würden wir es heute sagen. Damals sprach man von Dämonen, weil das in das damalige Weltbild passte.

Der Vater bringt sein krankes Kind zu dem berühmten Wunderheiler. „Hilf uns, wenn du kannst!“

Die Antwort von Jesus finde ich sehr bezeichnend. Er sagt nicht: Klar, ich kann das, ich bin der berühmte Wunderheiler und außerdem Gottes Sohn. Lass mich nur machen.

Jesus sagt: „Wenn du kannst? (Das heißt: Es geht nicht darum, ob ich etwas kann oder nicht, sondern:) Für den, der glaubt, ist alles möglich.“

Für den, der glaubt, ist alles möglich. Jesus kann nicht deswegen heilen, weil er so besondere Kräfte hat, sondern weil er selbst aus dem Vertrauen lebt, weil er selbst sich verlässt.

Und dann bricht es aus dem Vater heraus: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“

Darin ist dieser Vater uns allen wahrscheinlich sehr ähnlich. Manchmal ist alles klar, Gott ist nah, wir spüren seine Liebe und Nähe wie die Sonne auf dem Gesicht an einem schönen Tag. Das Leben ist schön und die Welt ist gut. Und manchmal ist alles weg, wir fühlen uns allein und verlassen und können gar nicht mehr verstehen, dass wir einmal dieses Vertrauen hatten.

Glaube und Unglaube, Glaube und Zweifel sind Geschwister.

Und das ist auch gut so. Stell dir einen Menschen vor, der fest und unerschütterlich an seinen Überzeugungen festhält. Der keinerlei Zweifel kennt – oder keinen Zweifel zulässt. Der immer genau weiß, was gut ist und was böse, was richtig ist und was falsch.

Ehrlich gesagt: Mit so einem Menschen möchte ich nicht zusammenleben.

Zweifel, dieses Schwanken zwischen Glaube und Unglaube, das heißt ja auch, dass ich mich immer wieder infrage stellen lasse. Dass ich immer mal wieder überprüfen muss, ob meine Grundannahmen noch stimmen, ob meine Überzeugungen noch zu meinem Leben passen. Denn die Welt ändert sich unaufhörlich, ich selbst ändere mich, ich werde älter, hoffentlich gescheiter, vielleicht auch nur desillusioniert, wie auch immer. Ich bleibe nicht derselbe Mensch, der ich war. Und manche Überzeugungen stellen sich als falsch heraus. Oder sie werden mir zu eng, so wie mein Konfirmationsanzug, den ich vor 50 Jahren bekam und den ich heute heftig sprengen würde.

Wichtig ist es nicht, unerschütterlich festzuhalten an immer demselben. Wichtig ist, dass ich mich immer wieder neu einlasse auf den, der mein Leben trägt und hält. Dass ich vertrauensvoll einen neuen Schritt wage. Das muss nicht so spektakulär sein, wie der Schritt von Petrus aus dem Boot aufs Wasser im Sturm.

Es gibt in unserem Leben ganz andere Herausforderungen. Und die Frage ist: Gehe ich meine Herausforderungen an mit ängstlichem Zaudern, weil man ja nie wissen kann, was herauskommt? Oder gehe ich sie an im Vertrauen? Vertraue ich in die Kraft des Lebens, in den Grund meines Seins – in Gott, der will, das ich lebe?

Das bedeutet dann noch keine Erfolgsgarantie. Jesus selbst hatte, menschlich gesehen, keinen Erfolg. Das Reich Gottes, von dem er gesprochen hat, ist nicht so gekommen, wie er selbst das möglicherweise erwartet hat. Er wurde nicht zum König gekrönt. Er wurde verraten und verkauft und aufgehängt.

Und doch ist er seinen Weg gegangen im Vertrauen auf den Gott, der das Leben will, der das Leben hält und trägt. Und an ihm können wir sehen, dass es weitergehen kann. Dass der Weg manchmal durch das Scheitern hindurch führt, durch das Leiden, durch die Niederlage. Denn wir Christen bekennen, dass Christus auferstanden ist. Damit sagen wir, dass Verrat und Folter, Leiden und Tod nicht das Letzte sind. Dass der Weg zu einem sinnvollen, erfüllten Leben nicht unbedingt über die Erfolgsstrecke läuft.

Das Vertrauen in Gott, der das Leben will, bedeutet nicht, dass wir vom Leiden verschont bleiben. Das Leben führt uns oft nicht ums Leiden herum, sondern mitten hindurch. Warum das so ist, wissen wir nicht. Aber wir können die Erfahrung machen, dass das Leiden uns vertiefen kann, dass es uns verändern kann. Dass wir menschlicher werden, wenn wir nicht nur die lichten Höhen kennen, sondern auch die finsteren Täler.

Wer alles Leid und jede Niederlage vermeiden will, bricht am besten gar nicht auf. Wer an ein Ziel kommen will, muss Schritte ins Unbekannte tun, in Neuland. Da kann es passieren, dass nicht alles nach Plan läuft. Dass ich nicht ans Ziel komme – oder an ein ganz anderes Ziel, als ich ursprünglich vorhatte.

Und dennoch breche ich auf. Weil ich vertraue, dass ich nicht allein unterwegs bin. Weil ich mich verlasse, mich verlasse darauf, dass mein Leben Sinn hat, und dass sich dieser Sinn manchmal gerade dann zeigt, wenn es so gar nicht danach aussieht.

Ich glaube; hilf meinem Unglauben. Ich nehme meinen Unglauben mit, meine Zweifel, meine Unsicherheit. Und mache trotzdem meinen nächsten Schritt. Ins neue Jahr, in den nächsten Tag.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus, dem Christus, der mit uns geht und uns begleitet auf dem Weg zum Leben. Amen.

 

Was ist der Christus?

Christus Pantokrator von Cefalú, Sizilien

 

 

Predigt am 8. September 2019

 

Was ist der Christus?

Liebe Gemeinde, vielleicht meint mancher, diese Frage sei falsch gestellt. Muss es nicht heißen: Wer ist der Christus? Und dann würde die Antwort etwa so lauten: Der Christus, das ist Jesus, Gottes Sohn.

Wie Sie sich vielleicht denken können, habe ich die Frage mit Absicht nicht so formuliert. „Wer ist der Christus?“, das klingt ungefähr so wie: „Wer ist der Maier?“ So, als wäre „Christus“ der Nachname für Jesus, im Grunde austauschbar. In der Tat, wir gebrauchen das Wort „Christus“ ganz oft wie den Nachnamen. Jesus Christus, das ist so etwas wie Franz Maier.

Dabei wissen Sie wahrscheinlich, dass das so nicht stimmt. Zur Zeit von Jesus gab es in Palästina gar keine Nachnamen, und Jesus, Jeschua, war damals kein seltener Rufname. Wollte man diesen Jesus von anderen Jesussen unterscheiden, sagte man: Jesus, der Sohn des Joseph, aus Nazareth.

Und Christus, das ist gar kein Name. Christus ist ein Titel. Ein Ehrentitel. Auch das wissen wahrscheinlich die meisten, deswegen mache ich es jetzt hier ganz kurz: Christus ist die griechische Form des hebräischen Wortes Messias und heißt zu Deutsch: der Gesalbte. Gesalbt wurden nach der Hebräischen Bibel die Könige Israels. Heute würde man also vielleicht sagen: „der Gekrönte“.

Wenn die Juden zur Zeit Jesu vom Messias sprachen, dann meinten sie damit den König, der kommen sollte, um dem Volk seine frühere Größe und Macht zurückzugeben, die es unter dem legendären König David hatte, tausend Jahre vorher. Messias war ein politisch-militärischer Titel.

So gesehen, ist Jesus von Nazareth nicht der Christus, nicht der Messias, oder aber er ist grandios gescheitert. Denn er hat das Volk Israel nicht von den Römern befreit. Und als er Jerusalem im Sturm einnahm, ritt er nicht auf einem Schlachtross, sondern auf einem Esel, und seine „Soldaten“ hielten keine Schwerter in der Hand, sondern harmlose Palmwedel. Und das Ganze endete nicht mit der Machtergreifung. Jesus bestieg nicht den Thron, sondern das Schafott, beziehungsweise das Kreuz, das eine viel grausamere Hinrichtungsmethode war als Schafott oder Galgen.

Doch hier, am Tiefpunkt, beginnt sich alles zu wandeln. Seine Anhängerinnen und Anhänger machten eine neue, ungeheuerliche Erfahrung, und sogleich verbreiteten sie eine neue, ungeheuerliche Botschaft: „Jesus ist auferstanden von den Toten.“

Durch dieses Bekenntnis, durch die Botschaft von der Auferstehung,  bekam die Aussage: „Jesus ist der Christus“ eine ganz andere Bedeutung. Der
Titel „Christus“, Messias, bezieht sich auf ein-mal nicht mehr auf einen politisch-militärischen Führer.

Schon 25 oder 30 Jahre nach der Hinrichtung Jesu schreibt Paulus in einem Brief an die Gemeinde in Philippi in Griechenland: Er [Christus], der Gott in allem gleich war und auf einer Stufe mit ihm stand, nutzte seine Macht nicht zu seinem eigenen Vorteil aus. Im Gegenteil: Er verzichtete auf alle seine Vorrechte und stellte sich auf dieselbe Stufe wie ein Diener. Er wurde einer von uns – ein Mensch wie andere Menschen. Aber er erniedrigte sich ´noch mehr`: Im Gehorsam gegenüber Gott nahm er sogar den Tod auf sich; er starb am Kreuz ´wie ein Verbrecher`. Deshalb hat Gott ihn auch so unvergleichlich hoch erhöht und hat ihm ´als Ehrentitel` den Namen gegeben, der bedeutender ist als jeder andere Name.

„Er, der in göttlicher Gestalt war, der Gott gleich war.“ Das ist nun schon etwas anderes als ein König und Heerführer. Die Botschaft von der Auferstehung hat alles verändert. Nun bekennen die Anhängerinnen und Anhänger dieses Jesus, dass er Gott gleich ist. Nicht war, sondern ist. Denn seit der Auferstehung ist auch klar, dass Jesus lebt, in Ewigkeit, so wie Gott.

Und weitere zehn Jahre später, ungefähr im Jahr 70 nach Christus, schreibt Paulus oder einer seiner Schüler an die Gemeinde in der kleinasiatischen Stadt Kolossä: „Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene, der über der gesamten Schöpfung steht. Denn durch ihn wurde alles erschaffen, was im Himmel und auf der Erde ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, Könige und Herrscher, Mächte und Gewalten. Das ganze Universum wurde durch ihn geschaffen und hat in ihm sein Ziel. Er war vor allem anderen da, und alles besteht durch ihn.“

Christus ist Gott gleich, und durch ihn ist alles geschaffen. Das ist tatsächlich ein ziemlich anderes Bild als das von einem politisch-militärischen Führer des jüdischen Volks. Damit hat sich die junge Gemeinde aus dem Rahmen des Judentums hinausbewegt. Sie bekommen nun auch einen anderen Namen, man bezeichnet sie nun als Christen, Anhängerschaft des Christus. Eine neue Religion ist entstanden.

Denn die Christen nennen sich nach dem Christus, durch den – wie der Kolosserbrief schreibt – alles geschaffen wurde und in dem alles besteht, der Gott gleich ist, in göttlicher Gestalt.

Mit diesem neuen Bild entstand auf einmal ein ganz neues Problem. Die Christen wollten das Grundbekenntnis ihrer jüdischen Herkunftsfamilie nicht antasten, das Grundbekenntnis, das heißt: „Gott ist einer.“ Das ist ja übrigens das Grundbekenntnis, das Juden und Christen mit ihrer noch jüngeren Schwesterreligion, dem Islam, teilen: „Gott ist einer, es gibt keinen Gott außer Gott.“

Und nun ist da dieses Bekenntnis, dass durch Christus nicht nur alles geschaffen ist, wie es auch im Johannesevangelium heißt: „Alle Dinge sind durch ihn gemacht und ohne ihn ist nichts gemacht, was gemacht ist.“ Nun heißt es sogar, er ist Gott gleich.

Das war wirklich ein Problem. Da gibt es, so sagten die Christen, eine göttliche Kraft und eine göttliche Gegenwart, die unendlich ist, ewig und allmächtig, durch die die Schöpfung geschehen ist und auf die alles am Ende wieder zuläuft. Und diese göttliche Macht und Kraft und Gegenwart brachten sie mit dem Menschen Jesus aus Nazareth in Verbindung. Sie sagten: In diesem Jesus ist uns die Macht Gottes begegnet, die Liebe Gottes, die Gegenwart Gottes, und bestätigt wurde dies, indem Gott diesen Jesus von den Toten auferweckt hat. So warf die Erfahrung der Auferstehung Jesu auch ein Licht zurück auf sein Leben, sein Handeln, seine Worte als Mensch: Schon da, sagten sie, ist uns Gott begegnet. Jesus war ein Mensch wie du und ich, und er war Gott gleich.

Es hat dreihundert Jahre intensiver theologischer Diskussionen und Streitigkeiten gebraucht, bis diese beiden Aussagen unter ein Dach gebracht wurden. Diese beiden Aussagen, die so gegensätzlich scheinen: Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott. Jesus, der Christus, ist als Mensch über die Erde gegangen, hat gegessen und getrunken, geschlafen und debattiert und gepredigt, und er ist gestorben wie alle Menschen. Und Jesus, der Christus, lebt in Ewigkeit, er ist Gott in allem gleich. Er ist Gott.

Manche sprechen hier vom Kosmischen Christus. Von dem, der von Gott ausgehend den ganzen Kosmos durchweht und durchwaltet und belebt, durch den und auf den hin alles geschaffen ist. Er ist gegenwärtig in allem, was ist. Und er ist Fleisch geworden.

Der amerikanische Franziskanerpater Richard Rohr, für mich eine der wichtigsten christlichen Stimmen der Gegenwart, weist darauf hin, dass das Johannesevangelium nicht schreibt: Das Wort – damit ist niemand anders gemeint als dieser kosmische Christus –, das Wort wurde Mensch. Nein, es heißt: Das Wort wurde Fleisch – und Fleisch steht in der damaligen Welt einfach für das Materielle, Vergängliche, für all das, was wird und vergeht.

Das Wort wurde Fleisch. Dabei denken wir normalerweise wohl an die Geburt des Jesus aus Nazareth. Aber, so meint Richard Rohr, die erste Inkarnation des kosmischen Christus geschah bereits vor 13,8 Milliarden Jahren, als mit einem gewaltigen Urknall alles in die Existenz sprang, Energie und Materie, Raum und Zeit und die Naturgesetze. Das war die erste Inkarnation, die erste Fleischwerdung des kosmischen Christus.

Und dann wurde dieser kosmische Christus noch einmal Fleisch – als Menschenkind geboren von einer jungen Frau namens Maria, in einem abgelegenen Winkel des damaligen Römischen Weltreiches. Der kosmische Christus erschien seinen Anhängern in dem Menschen Jesus aus Nazareth. Dieser Mensch Jesus war so durchsichtig für den kosmischen Christus, der in ihm lebte, dass die Menschen in seiner Nähe zu ahnen begannen, dass ihnen da nicht nur ein gewöhnlicher Mensch gegenüberstand. Und dann, nach seiner Hinrichtung, machten sie die Erfahrung: Er ist nicht tot, er lebt, Jesus ist auferstanden. Da ging es ihnen allmählich auf: Jesus ist der Christus, der gesalbte Gottessohn, und das hieß nun: Er ist der kosmische Christus, der vor allem war, durch den alles geschaffen ist, was ist, der allem Bestand verleiht, zu dem alles zurückkehrt, der in allem lebt und webt, so wie wir in ihm leben und weben und sind.

Und wir sind seine Geschwister. Die ersten Christen begannen zu entdecken, dass Christus auch in ihnen lebt. Paulus schreibt an einer Stelle: Ich lebe, doch nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Und im Johannesevangelium spricht Jesus immer wieder davon, dass die Jüngerinnen und Jünger in ihm sind, wie er in ihnen ist, und er ist im göttlichen Vater, wie der göttliche Vater in ihm ist. Jesus nannte Gott seinen Vater und ermutigte seine Anhängerinnen und Anhänger, Gott ebenso als ihren Vater anzusehen und anzusprechen.

Das ist das tiefste Geheimnis und meine eigentliche Antwort heute auf die Frage: Was ist der Christus? Der Christus, das ist die Gegenwart des unendlichen Gottes in unserer Welt, in seiner Schöpfung, im ganzen Kosmos, in dir und in mir.

Wenn wir jetzt miteinander das Abendmahl feiern, dann geben wir diesem Bekenntnis bildhaften, symbolhaften, leiblichen Ausdruck. Wir sagen: Du, Christus, lebst in uns, und wir leben in dir. Wir sind dein Leib, du bist unser Leben. Du bist mitten unter uns, und du bist inwendig in uns.

Sie merken es vielleicht schon: Von diesem Geheimnis kann ich gar nicht mehr logisch und diskursiv reden. Davon kann man eigentlich nur noch poetisch reden, hymnisch, so wie es der Kolosserbrief tut:

„Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene, der über der gesamten Schöpfung steht. Denn durch ihn wurde alles erschaffen, was im Himmel und auf der Erde ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, Könige und Herrscher, Mächte und Gewalten. Das ganze Universum wurde durch ihn geschaffen und hat in ihm sein Ziel. Er war vor allem anderen da, und alles besteht durch ihn.“

Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus, dem Christus, dem kosmischen Gottessohn, dem irdischen Bruder. Amen.

Was ist die Schöpfung?

Schöpfung

Bild von Lolame auf Pixabay

 

Predigt am 18. August 2019

 

Liebe Gemeinde,

ich gebe es offen zu: Manche Atheisten gehen mir gehörig auf die Nerven. Und zwar vor allem dann, wenn sie mit einem mitleidigen Lächeln Dinge sagen wie: Das mit Gott ist doch Quatsch. Die Wissenschaft hat doch längst bewiesen, dass die Welt nicht von einem Gott in sechs Tagen erschaffen wurde, sondern in Jahrmilliarden aus einem Urknall entstanden ist.

Okay, sage ich. Und? Meint ihr etwa, das wüssten wir Christen nicht?

Natürlich, es gibt Christen, die meinen, es gehörte zu Christsein dazu, die Geschichte von der Schöpfung am Anfang der Bibel wortwörtlich zu nehmen, als eine Art Reportage. „Wie es damals wirklich zuging“, oder so ähnlich.

Aber diese Christen verwechseln etwas. Sie meinen, die Bibel biete eine Art naturwissenschaftlichen Bericht. Dabei übersehen sie, dass es in der Zeit, in der die Bibel geschrieben wurde, noch gar keine Naturwissenschaft gab. Und dass diese Geschichte eine ganz andere Absicht verfolgt als etwa ein Lehrbuch der Physik oder Biologie.

Die Geschichte, die ich Ihnen gerade vorgelesen habe, will kein wissenschaftlicher Bericht sein. Sie ist ein Bekenntnis, ein religiöses und politisches Statement.

Sie ist entstanden in einer Zeit, in der das Volk Israel so ziemlich am Ende war. Der König Nebukadnezar von Babel hatte nach einem verheerenden Krieg die Hauptstadt Jerusalem erobert und bis auf die Grundmauern zerstört. Und alle Überlebenden, die irgendwie von Nutzen sein konnten – also alle Handwerker, alle, die lesen und schreiben konnten, die sprichwörtlichen „oberen Zehntausend“, wurden in die Sklaverei fortgeführt, sie mussten Zwangsarbeit leisten und dem verhassten Eroberer dienen.

Nun stellten sich die Menschen damals vor, dass jedes Volk seinen eigenen Gott hatte, und ein Kampf von zwei Völkern gegeneinander war auch ein Kampf ihrer Götter. Der Gott des besiegten Volkes war dem Gott des siegreichen Volkes unterlegen. In dieser Sicht der Dinge war also der Gott Israels, der Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs, dem Gott Babels unterlegen. Dieser Siegergott trug den Namen Marduk und viele fromme Geschichten rankten sich um ihn. Eine davon ging ungefähr so: Am Anfang, als es noch keine Menschen gab, ja als es noch nicht einmal Himmel und Erde gab, sondern nur eine Handvoll Götter, da wurden diese Götter bedroht von einem schrecklichen Ungeheuer namens Tiamat. Tiamat ist so etwas wie die Urgewalt des Meeres, das Chaos, die Urflut, ein wässriges, schleimiges Ungeheuer, das auf Tod und Vernichtung aus ist. Da tritt Marduk auf, ein junger Gott. Er stellt sich Tiamat entgegen und tötet sie im Zweikampf. Er hackt sie in der Mitte entzwei und macht aus einem Teil ihres Körpers die Erde und aus dem anderen die Himmelskuppel.

Dann formt Marduk aus dem Blut eines weiteren erschlagenen Gottes die Menschen, und die Aufgabe der Menschen ist es, den Göttern zu dienen.

Diese Geschichte also, aufgeschrieben unter dem Namen Enuma Elisch, fanden die Israeliten vor, sie gehörte zur babylonischen Staatsreligion, die sie, als die Unterlegenen und Besiegten, nun gefälligst auch anzunehmen hatten.

Und nun geschieht etwas völlig Unerwartetes, ja geradezu Ungeheuerliches. Dieses besiegte Volk weigert sich, die Religion der Herrschenden anzunehmen. Und sie formulieren ihre eigene Schöpfungsgeschichte. Nicht Marduk hat Himmel und Erde aus dem Körper des erschlagenen Ungeheuers geformt, sondern der Eine Gott, der vermeintlich unterlegene Gott Israels. Er hat Himmel und Erde geschaffen. Durch sein Wort. Darum geht es. Um ein politisch-religiöses Statement. Nicht Marduk ist der Herr des Himmels und der Erde, und nicht Nebukadnezar ist der oberste Bestimmer. Sondern Gott, der Gott Israels, der Gott des kleinen, besiegten, verschleppten, zum Frondienst gezwungenen Volkes. Ich finde dieses Selbstbewusstsein phänomenal, das sich nicht einmal durch die militärische Niederlage und die nationale Katastrophe unterkriegen lässt.

Bei der Schöpfungsgeschichte geht es also eigentlich darum, wer in der Welt das Sagen hat. Und darum, dass unsere Welt nicht aus Krieg und Kampf und einem geschlachteten Monster entstanden ist, sondern aus Liebe und aus einem vollmächtigen Wort. Und darum, dass der Sinn des menschlichen Lebens nicht darin besteht, den Göttern und ihren irdischen Stellvertretern zu dienen. Vielmehr sind wir Ebenbilder Gottes, nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen als Männer und Frauen, fähig zu Liebe und Kreativität.

Das würde ich als Erstes einem dieser überlegen lächelnden Atheisten erwidern. Dann würde ich aber noch weitergehen.

Natürlich, in einer Zeit, in der die Menschen sich die Erde als flache Scheibe vorstellten, über die sich die Himmelskuppel wie eine Käseglocke wölbt, da konnte man sich auch vorstellen, dass Gott wie ein kosmischer Bastler Himmel und Erde, Pflanzen, Tiere und am Ende den Menschen geformt hat. Damals passte diese Vorstellung. Denn natürlich bauten die Menschen der damaligen Zeit ihre Geschichte auf dem damals gängigen Weltbild auf. Wie denn sonst!

Und nun machen wir einen großen Sprung, direkt hierher in die Gegenwart. Und unser Weltbild ist ein anderes. Wir gehen heute davon aus, dass das Universum unvorstellbar groß ist. Wikipedia gibt den Durchmesser des Universums mit 78 Milliarden Lichtjahren an. 78 Milliarden Lichtjahre. Und das Alter des Universums wird auf 13,8 Milliarden Jahre geschätzt. Angesichts dieser riesigen Zahlen erscheint das Bild von einem kosmischen Bastler
eher naiv. Wir müssen auch gar nicht an einen solchen Bastler glauben, wenn wir glauben, dass die Welt von Gott geschaffen wurde.

Wir können nämlich fragen: Was ist denn der Sinn dieser Aussage? Was meinen wir denn, wenn wir davon sprechen, dass Gott die Welt geschaffen hat?

Ich meine damit: Die Welt und damit mein Leben – und deins und deins und deins – ist nicht durch bloßen Zufall entstanden, sondern ist Ausdruck eines liebenden Willens. Damit sagen wir eigentlich genau dasselbe wie die alten Israeliten, nur mit heutigen Worten und Bildern: Wir sind nicht einfach in einen kalten, unpersönlichen Kosmos geworfen, sondern Kinder einer unendlichen Liebe.

Diese Liebe bezeichnen wir mit dem Namen Gott. Gott ist also kein alter Mann mit Bart auf der Wolke. Vielmehr ist Gott die Tiefe des Seins, das Geheimnis der Welt. Ursprung und Quelle von allem, was ist, die unendliche, unendlich schöpferische Kraft und Macht der Liebe, die fortwährend Neues gebiert, die in dir und in dir und in mir und allen Lebewesen und die den riesigen, endlosen Weiten des Universums den Atem gibt, und dir und dir und mir auch. Die Liebe, aus der wir geboren wurden, die uns trägt und in die wir wieder eingehen, wenn unsere Zeit auf der Erde abgelaufen ist.

Aus dieser Kraft, aus diesem guten, liebevollen Willen heraus ist die Welt entstanden. Und sie ist wahrhaft erstaunlich aufgebaut. Dass es dieses Universum überhaupt gibt, ist an sich höchst unwahrscheinlich. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass viele der physikalischen Fundamentalkräfte kein bisschen stärker oder schwächer sein dürften, als sie tatsächlich sind. Ein kleines Beispiel: Wäre das Verhältnis zwischen der Schwerkraft auf der einen Seite und der Expansionsgeschwindigkeit des Universums nach dem Urknall auf der anderen Seite nur um ein winzigstes bisschen anders, als es ist, wäre das Universum entweder gleich wieder in sich zusammengefallen – oder die Urmaterie hätte sich so rasch verdünnt, dass sich nicht einmal Atome hätten bilden können, geschweige denn unterschiedliche chemische Elemente, und damit Moleküle, und damit Leben. Dieses Verhältnis von Schwerkraft und Geschwindigkeit der Ausdehnung muss auf den Faktor von 1:1057 genau stimmen, sonst gäbe es dieses Universum nicht. Das entspricht, so habe ich es nachgelesen, „der Genauigkeit, die nötig ist, um einen Bleistift auf seiner Spitze so genau auszubalancieren, dass er auch nach zehn Milliarden Jahren immer noch auf seiner Spitze steht.“

Ist das nicht verrückt? Wir brauchen aber nicht bis zum Urknall zu gehen. Wir brauchen uns nur die Zusammensetzung der Atmosphäre unserer Erde anzuschauen. Das Kohlendioxid, um das sich in letzter Zeit alles dreht, macht einen Anteil von etwa einem halben Promille an der Atmosphäre aus. Und trotzdem bewirkt eine minimale Veränderung dieses minimalen Anteils den Klimawandel, den wir zurzeit mitbekommen. Nein: den wir verursacht haben und verursachen.

Die Erde, dieses Kind der kosmischen Liebe, die wir Gott nennen – die Erde und die Biosphäre, die sich darauf gebildet hat in der hauchdünnen Schicht dieser Atmosphäre, sie sind so unendlich schön und kostbar und fein abgestimmt und alles in ihr steht mit allem anderen in so inniger Verbindung, dass kleinste Abweichungen schon katastrophale Auswirkungen haben können. Wie bei einem höchst empfindlichen Mobile, wo man eins der Elemente nur leicht anhauchen muss, und schon gerät alles in Schwingung und Bewegung, die Elemente verändern ihren Ort und ihre Stellung zueinander, und nichts ist, wie es vorher war.

Wir Menschen sind zwar an sich auch nur ein winziger Teil dieser grandiosen Schöpfung, aber wir haben es geschafft, diese fatalen Abweichungen zu produzieren. Durch unser kurzsichtiges, egozentrisches Verhalten ist es uns in kürzester Zeit tatsächlich gelungen, das feinst austarierte Gleichgewicht des Lebens auszuhebeln und zu zerstören.

So gründlich ist uns das gelungen, dass es fast schon zynisch klingt, wenn wir das schöne Lied „Geh aus, mein Herz und suche Freud“ singen, mit schattenreichen Myrten, mit Glucken, Lerchen und Nachtigallen und Bienen.

Aber was können wir tun? Was können wir tun, um das Mobile wieder ins Gleichgewicht zu bringen? Natürlich sollten und müssen wir das tun, was die Klimaforscher seit Jahren sagen und was jetzt seit ziemlich genau einem Jahr von den jungen Leuten freitags auf die Straße gebracht wird. Ich brauche das hier nicht aufzuzählen.

Aber ich denke, es geht noch um mehr. Es geht um unsere Haltung, unsere Einstellung zur Schöpfung.

Und da glaube ich als Erstes, es täte uns gut, wenn wir das Staunen wieder lernen würden, das Staunen über die unfassbare Vielfalt, Buntheit und Lebendigkeit der Natur um uns herum, von der wir ein Teil sind. Ein solches Staunen, ja eine Ehrfurcht, stellt sich am ehesten ein, wenn wir uns in der freien Natur bewegen. Wenn wir in einer sternklaren Nacht den Himmel betrachten – an einem Ort, an dem es kein künstliches Licht gibt. Wenn wir am Meer sind oder am frühen Morgen in einem tiefen Wald. Und aus dem Staunen kann die Dankbarkeit kommen, die Dankbarkeit für die Schönheit und Fülle, die uns umgibt.

Als zweites aber, so glaube ich, braucht es die Hoffnung, dass die unendliche Kreativität der göttlichen Liebe das Neue schaffen kann, das nötig ist. Denn es ist ja schier zum Verzweifeln, wie wenig sich wirklich tut und wie gewaltig wir unseren Lebensstil verändern müssen, um unseren Enkeln eine lebenswerte Erde zu hinterlassen. Bei allem, was wir selbst tun können und tun müssen – und was wir lassen können und lassen müssen –, ist das Wichtigste vielleicht doch die Hoffnung und das Vertrauen, dass die unendliche Liebe, die dieses Universum hervorgebracht hat, die unseren Planeten entstehen ließ und die uns das Leben geschenkt hat, dass diese unendliche Liebe, die Kreativität Gottes, neue Möglichkeiten schafft, die wir uns heute noch nicht einmal vorstellen können.

Wer hätte es heute vor einem Jahr gedacht, dass aus der stillen Aktion eines einzelnen Mädchens eine weltweite Bewegung würde, die auch von den Regierenden gehört wird.

Bei allem, was wir im Blick auf unseren eigenen Lebensstil tun und lassen können, können wir als Christen also vor allem eins: Wir können uns an die unendliche, unendlich kreative Macht der Liebe wenden, die wir Gott nennen. Gott hat immer noch unendliche Möglichkeiten. Das heißt nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Mit Martin Luther würde ich sagen: Wir sollen beten, als ob alles Handeln nichts nützte, und handeln, als ob alles Baten nichts nützte.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne und seine ganze Schöpfung in Christus Jesus. Amen.

 

Tilmann Haberer

 

 

Was ist die Hölle?

Hölle zugeschnitten

Predigt am 31. März 2019

 

Was ist die Hölle?

Liebe Gemeinde, wenn es nach Dante Alighieri geht, ist die Hölle ein riesiger, trichterförmiger Krater, der bis zum Erdmittelpunkt reicht. Entstanden ist er, als Luzifer vom Himmel auf die Erde stürzte. Er, der einstmals Oberste der Engel, war von seiner Macht so besoffen, dass er sich an Gottes Stelle setzen wollte. Daraufhin wurde er gestürzt, und er schlug auf der Erde mit solcher unglaublicher Wucht auf, dass er sich bis zum Erdmittelpunkt rammte. Das dabei verdrängte Erdreich kam dann auf der anderen Hemisphäre der Erde wieder heraus und bildet den Berg der Läuterung, an dessen Spitze das Paradies liegt. So viel zur mittelalterlichen Höllengeografie.

Der Krater zieht sich in zehn Ringen oder Kreisen hinab. Der oberste Kreis ist noch die Vorhölle. Da sind die zu finden, die in ihrem Leben lau und unentschieden waren. Die Saft- und Kraftlosen, die nicht selbst gelebt haben, sondern sich haben leben lassen von anderen. Der erste Kreis der Hölle ist dann für die reserviert, die zwar anständige und auch weise Menschen waren, aber Christus nicht kannten, so dass sie nicht durch den Glauben an ihn erlöst werden konnten. Dazu gehören zum Beispiel die Kinder, die ungetauft gestorben sind, dazu gehören aber auch die antiken Dichter und Philosophen. Selbst wenn sie noch so edel und weise waren – sie haben keine Chance, ins Paradies eingelassen zu werden. Verzehren müssen sie sich In ewiger, vergeblicher Sehnsucht nach dem Heil und danach, in Gottes Gegenwart sein zu dürfen.

Und dann beginnt die eigentliche Hölle. Stufe für Stufe, Kreis für Kreis geht es weiter hinab ins Inferno, weiter hinab in die höllischen Phantasien des Autors. Für jede Sorte von Sündern gibt es eine eigene Abteilung, und alle werden mit ausgesuchten Qualen und Foltern gepeinigt, die jeweils zu ihrer Sünde passen. Nur drei Beispiele: Mörder und Räuber stecken in einem kochenden Strom von Blut und wenn sie versuchen zu entkommen, werden sie von Dämonen wieder zurückgetrieben. Gotteslästerer liegen ausgestreckt auf glühend heißem Sand und werden von Feuerflocken berieselt. Die Verräter dagegen stecken erstarrt fest im ewigen Eis.

Im untersten Kreis der Hölle steckt Luzifer selbst im eisigen Boden. Mit seinen drei Mäulern zermalmt und frisst er unaufhörlich die drei größten Verräter der Geschichte: Judas, der Jesus ausgeliefert hatte, sowie Brutus und Cassius, die beiden verräterischen Mörder Cäsars.

Die Bilder erinnern an die Gemälde von Hieronymus Bosch, Ausgeburten einer wahrhaft höllischen Phantasie, die entweder von Angst zeugt – Angst vor so schlimmen Strafen, die noch dazu ewig andauern. Oder sie ist getrieben von Hass und Schadenfreude: Seht ihr, so ergeht es denjenigen, die sich nicht anständig benehmen.

Im Mittelalter mag das vielleicht seine Berechtigung gehabt haben. Die Menschen lebten in einer Welt, die von Gewalt und Krieg geprägt war, von Mord und Totschlag, sie wurden heimgesucht von Feinden, ohne zu wissen weshalb, und es ist verständlich, dass sie auf einen gerechten Ausgleich ihres Leidens im Jenseits hofften.

Außerdem hatten sie keine Ahnung von den Abgründen des Unbewussten. Ich als heutiger Mensch tue mir schon schwer, so eindeutig zu unterscheiden zwischen Bösen und Guten, zwischen Sündern und Gerechten. Läuft die Grenze denn wirklich zwischen den Menschen – hier die Bösen, da die Guten? Du bist gut, du bist böse? Ich meine, die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft doch vielmehr mitten durch mich hindurch, durch jeden einzelnen Menschen. Wie kann ich sagen: Dieser Mensch ist eindeutig böse, und der dagegen ist ganz klar gut und gerecht!?

Ich will damit nicht sagen, dass es das Böse nicht gibt. Aber wo beginnt es und wo endet es? Wer kommt in die Hölle und wer in den Himmel? Was ist mit dem, der zu 49 Prozent gut ist und zu 51 Prozent böse – und umgekehrt: Was ist mit dem, der ein ganz klein wenig mehr Böses in sich hat als Gutes? Sie sehen, schon diese Überlegung ist absurd. Abgesehen davon, dass es nahezu unmöglich ist, genau zu unterscheiden, was nun wirklich gut ist und was echt böse, wissen wir heute doch auch einiges darüber, woraus böse Motive und Absichten und Handlungen entstehen. Welche unbearbeiteten Traumata beispielsweise einen Menschen zum Mörder machen können. Wer wollte entscheiden?

Gut, natürlich, es heißt: Gott entscheidet, und Gott kennt die Seele der Menschen bis in ihre tiefsten, geheimsten Regungen. Aber gerade wenn Gott uns so gut kennt – kann er einen Menschen wirklich verurteilen, kann er eines seiner Kinder, die er doch aus Liebe geschaffen hat, der ewigen Folter, der niemals endenden Peinigung überantworten? Was wäre das für eine Liebe?

Der Gott, den Dantes Vision voraussetzt, ist der unerbittlich gerechte Patriarch, der majestätische König, der Gesetze gegeben hat, die unbedingt einzuhalten sind – ansonsten drohen eben diese unendlichen Qualen. Ein strenger, männlicher Gott, ein Vater, dessen Gerechtigkeit weit größer ist als seine Barmherzigkeit und Liebe. An einen solchen Gott kann und will ich nicht glauben und einen solchen Gott kann und will ich nicht predigen. Natürlich, in der Bibel gibt es viele Worte und Bilder, die ebenfalls einen solchen Gott zeigen. Auch von Jesus sind Aussprüche überliefert wie: „Den aber werft hinaus in die äußerste Finsternis, da wird sein Heulen und Zähneklappern!“ Oder: „Da wirst du in die Hölle geworfen, wo dein Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt.“ Auch Jesus scheint so gedacht und gesprochen zu haben, jedenfalls in manchen seiner Predigten. In anderen sagt er aber etwa: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Sollte Gott von uns verlangen, unsere Feinde zu lieben, um dann selbst seine eigenen Kinder so unerbittlich zu strafen?

Ich halte es hier mit Martin Luther, der sinngemäß gesagt hat: „Wenn ich ein biblisches Wort nicht verstehe und damit nicht leben kann, dann fliehe ich mich zu einem anderen biblischen Wort, das mir die Liebe und Gnade Gottes in Christus zusagt. Das tröstet mich.“

In der Tat, es ist eine Entscheidung, welchen der oft widersprüchlichen Worte der Bibel ich mein Vertrauen schenke. Den Gerichtsdrohungen oder den Bildern von der überschwänglichen Liebe und Großzügigkeit Gottes.

Und es ist eine Frage, wie ich mir Gott vorstelle. Ist Gott ein höchstes Wesen, das Gefühle hat, das Zorn und Rache kennt? Oder ist Gott die Tiefe des Seins, das Geheimnis der Welt, ist Gott die Quelle und Urkraft des Lebens und der Liebe? Wer schon einmal eine meiner Predigten gehört hat, wird wissen, dass ich zu diesem zweiten Bild neige. Der Gott, an den ich glaube, dieser Gott ist keiner, vor dem man Angst haben müsste. Er wird nicht „böse“, wenn man ihn nicht kennt oder wenn man ihn mit dem falschen Namen anruft. Er wird auch niemanden in die ewige Verdammnis schicken, weil es – und jetzt kommt’s: weil es eine ewige Verdammnis gar nicht gibt. Zwar kann ein Mensch sein Leben verfehlen, er kann an der Aufgabe scheitern, das in ihm angelegte Potenzial zur Entfaltung zu bringen, er kann an moralischen Ansprüchen oder selbst gesteckten Zielen scheitern. Das ja. Aber so wenig wie es irgendwo auf der Erde einen heißen Krater namens Hölle gibt, so wenig gibt es eine ewige Verdammnis, die einem ein Gott auferlegt, den wir durch unser Verhalten oder unseren Unglauben verärgert hätten. Gott ist Grund und Quelle des Lebens, Gott wird das Leben auch wieder zu sich nehmen, Gott wird uns bergen im Schoß des Lebens, aus dem wir gekommen sind, und uns nicht in irgendeine Finsternis hinausstoßen.

Und was ist mit den ganz schlimmen Menschen, die millionenfaches Leid und Millionen von Toten auf dem Gewissen haben? Was ist mit Hitler? Was ist mit Stalin und Mao und Pol Pot und wie sie alle heißen?

Diese Frage ist berechtigt. Aber ich frage mich dann gleich zurück: Wo ist die Grenze? Was unterscheidet einen, der Millionen Menschen ermordet hat, von dem, der einen einzigen Menschen ermordet hat? Für uns scheint die schiere Zahl das Verbrechen größer zu machen. Aber wird das Verbrechen denn wirklich geringer, wenn jemand „nur“ einen einzigen Menschen auf dem Gewissen hat? Und was ist mit dem, der andere durch psychische Gewalt quält? Und wo ist die Grenze zwischen dem, der in der Phantasie mordet, und dem, der es wirklich tut? Jesus sagt in der Bergpredigt: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: »Du sollst nicht töten«; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein. Ich aber sage euch: Wer auch nur mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig, … und wer sagt: Du Idiot!, der ist des höllischen Feuers schuldig.“ Wer hätte dann noch eine Chance?

So einfach ist das alles nicht, auch nicht mit den Tyrannen und Massenmördern. Ich jedenfalls kann mir nicht vorstellen, dass es im Himmel sehr gemütlich ist, wenn ich weiß, dass an einem anderen Ort Menschen wie ich in Ewigkeit gepeinigt werden. Das unterscheidet uns heutige vielleicht auch von den Menschen des Mittelalters. Thomas von Aquin, der berühmteste und wichtigste Theologe des Mittelalters, soll gesagt haben: Es erhöht den Genuss der Seligen noch, dass ihnen der freie Ausblick auf die Peinigung der Verdammten gewährt wird. Na, danke. Mir würde das himmlische Manna im Hals stecken bleiben, wenn ich unaufhörlich Schmerzensschreie hören müsste, sobald ich das Himmelsfenster aufmache.

Gibt es also keine Hölle?

Doch, es gibt die Hölle. Es gibt die Hölle, die wir uns bereiten, hier auf Erden. Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre sagte: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Aber ich denke, nein, Monsieur, die Hölle, die machen wir schon selbst. Wir machen uns oft selbst das Leben zur Hölle, und wir sind Großmeister darin, anderen das Leben zur Hölle zu machen. Wir sind durch unseren Konsum und durch unsere Lebensweise mit dafür verantwortlich, dass Millionen Menschen in der Hölle leben – in einer Hölle aus Armut, Krankheit, Ausbeutung, Hunger und Krieg, ohne Bildung, ohne Perspektiven. Wir sind dafür verantwortlich durch unseren Lebensstil und unseren Konsum, wenn diese Erde zu einer Gluthölle wird, weil das Klima kippt und die Temperaturen auf unerträgliche Werte steigen. Und auch im kleinen Maßstab schaffen wir uns die Hölle selbst, uns und anderen. Es gibt die wohlbekannte Ehehölle, es gibt die Hölle einer lieblosen und von Gewalt geprägten Kindheit. Es gibt die Hölle aus Minderwertigkeitsgefühl und Versagensangst und Lebensangst, in die wir uns selbst immer wieder werfen. Es gibt so vielfältige Höllen schon in diesem Leben, dass es keine Hölle nach dem Tod mehr braucht. Das ist meine tiefste Überzeugung. Und es ist mein tiefstes Vertrauen, dass Gott uns nicht in die Hölle schickt, sondern dass es sein einziges Anliegen ist, uns aus der Hölle zu befreien.

Jeden Sonntag sprechen wir im Glaubensbekenntnis aus, dass Jesus hinabgestiegen sei ins Reich des Todes. Früher, in meiner Kindheit, hieß es noch: Niedergefahren zur Hölle. Wenn ich mich auf diesen Mythos einlasse, frage ich mich: Was wird Christus dort gemacht haben? Er hat dieses Reich durchquert und ist am anderen Ende wieder herausgekommen, am dritten Tag. Wird er die Menschen dort in ihren Qualen gelassen haben? Oder wird er sie nicht vielmehr alle befreit und mitgenommen haben? Werden sie ihn nicht spätestens dort, im Reich des Todes, erkannt haben? Werden sie sich nicht spätestens dort geöffnet haben für seine Liebe? Und wird Jesus Christus, der von Liebe und Barmherzigkeit und Mitgefühl gepredigt hat, ungerührt an den gequälten und gepeinigten Menschen vorbeigegangen sein und gesagt haben: Selber schuld!?

Nein und nochmals nein. Ich glaube fest daran, dass nach dem Tod keine Hölle auf uns wartet, für niemanden, und wenn es eine Hölle gibt, dann ist sie leer. Denn Gottes Liebe und Barmherzigkeit, sein Mitgefühl und Verständnis sind größer als alles, was wir Menschen uns vorstellen können. Er wird alles Böse wegschmelzen von denen, die Böses getan haben, und er wird die Wunden aller Opfer heilen. Er wird den Frieden schenken, den die Welt nicht geben kann. Ist das nicht eine wunderbare Aussicht?

Ein letzter Gedanke, ein Einwand: Braucht es nicht die Angst vor Strafe, um Menschen vom Bösen abzuhalten? Nein, dieser Mechanismus funktioniert nicht. Nirgends gibt es so viele Gewaltverbrechen wie in Gesellschaften, die die Todesstrafe kennen. Wir werden nicht durch die Angst vor Strafe zum Guten gebracht, sondern nur durch die Liebe. Und damit durch Gott, der die Liebe ist. Nicht Angst macht uns zu besseren Menschen, sondern Vertrauen.

Das lasst uns üben. Vertrauen, Liebe, Zuwendung. Um die Höllenfeuer dieses Lebens auszulöschen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle
Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, der Hölle, Tod und Teufel über­wunden hat durch seine Liebe.

Amen.

 

 

Was ist Gnade?

Vogel vor rotem Himmel beschnitten

 

Predigt am 3. Februar 2019

 

Was ist Gnade?

Liebe Gemeinde, eine Antwort auf diese Frage haben wir vorhin gemeinsam gesungen: Wechselnde Pfade, Schatten und Licht – alles ist Gnade, fürchte dich nicht.

Gut, das war’s dann, die Frage ist beantwortet, die Predigt ist zu Ende. Oder, naja, vielleicht doch noch nicht ganz. Vielleicht gibt es ja doch noch den einen oder anderen Satz zu sagen.

Nun denn, noch mal von vorn: Was ist Gnade?

Die erste Reaktion dürfte bei vielen Menschen sein: Gnade, das ist ein Wort, das ich nicht mag. Gnade vor Recht, Begnadigung, gnädiger Herr… was schwingt für Sie mit in solchen Ausdrücken? Ich will Ihnen sagen, wie es bei mir ist. Es schwingt mit: ein ganz deutliches Gefälle. Da ist einer, der hat die Macht, und da ist einer, der ist ohnmächtig und abhängig. Und der Mächtige verzichtet großmütig und herablassend auf etwas, was ihm der Ohnmächtige und Abhängige eigentlich schuldet. Er erlässt ihm eine Schuld oder eine Strafe. Wer lebenslänglich eingesperrt ist, kann ein Gnaden­gesuch an den Bundespräsidenten stellen, und wenn es gut geht, wird er erhört und darf vorzeitig das Gefängnis verlassen. Es geht irgendwie immer um Schuld und darum, dass jemand, der eigentlich bestraft gehört, das unverdiente Glück hat, ungeschoren davonzukommen.

Ehrlich gesagt, ich will mir Gott nicht so vorstellen wie einen Gläubiger, bei dem ich in der Kreide stehe, bei dem ich mich verschuldet habe. Und ich will mir mein Verhältnis zu Gott nicht vorstellen wie das eines armen Schuldigen gegenüber dem großmächtigen Herren, der mit einem Fingerschnipsen darüber entscheiden kann, ob ich loskomme und frei bin oder ob ich für meine Schuld büßen muss bis in alle Ewigkeit.

Meine Schuld, meine Schuld, meine übergroße Schuld – diese Formel stammt aus dem christlichen Gottesdienst, glücklicherweise verwenden wir sie meistens nicht mehr. Glücklicherweise müssen wir uns Gott nicht mehr als den strengen Richter vorstellen, der uns eigentlich zum ewigen Tod und Höllenfeuer verurteilen muss und uns „allein aus Gnaden“ am Leben lässt.

Ein solches Bild von Gott würde auch gar nicht zu dem Wort „Gnade“ passen, wie es in der Bibel gebraucht wird. Ja, das Wort „Gnade“ gehört zu denen, die man heute eigentlich besser gar nicht mehr gebrauchen sollte, weil sie so falsche Assoziationen wecken. In der Bibel schwingen zumindest eine Menge anderer Bedeutungen mit, wenn das Wort gebraucht wird, das wir mit „Gnade“ übersetzen.

Im Neuen Testament kommt es vor allem in den Paulusbriefen vor. Paulus, der ja Griechisch geschrieben hat, verwendet das Wort charis, und das hat drei Hauptbedeutungen. Erstens: Anmut oder Lieblichkeit. Hört, hört! Wie hört sich das denn an, wenn wir statt von Gottes Gnade von Gottes Anmut sprechen würden! Gottes Anmut, Gottes Lieblichkeit. Passt das zu unserem Bild von Gott? Wenn nein, müssen wir vielleicht an unserem Bild von Gott etwas ändern.

Im Lateinischen ist das übrigens ähnlich: Das griechische Wort charis wird im Lateinischen mit gratia wiedergegeben. Und im Lehnwort „Grazie“ schwingt das ja noch mit. Gottes Grazie. Gott ist graziös – das scheint auf ganz ungewohnte Seiten an Gott zu verweisen. Aber so steht es in der Bibel.

Grazie, das wissen viele, heißt auf Italienisch „danke“. Das ist die zweite Bedeutung von gratia und von charis – der Dank. Und schließlich gibt es noch die Bedeutung „Gunst, Wohlwollen, Fürsorge“.

Das, was wir beim Wort Gnade hören, passt gar nicht so gut zu dem Verständnis, wie es aus dem Urtext hervorgeht. Das gilt übrigens auch für das Hebräische, die Sprache des sogenannten Alten Testaments. Dort werden zwei Wörter verwendet, die die deutschen Bibelübersetzungen meist als „Gnade“ übersetzen: Das eine – chesed – bedeutet so viel wie „Liebe, Gunst, Güte, Wohlwollen, Barmherzigkeit“, das andere – chen – hat ebenfalls die Bedeutung „Anmut, Schönheit“ und daneben „Geneigtheit“ oder „Gunst“.

Unser Verständnis von Gnade ist, glaube ich, stark bestimmt durch das mittelalterliche germanische Denken, das Gott als den mächtigen Lehensherrn und König betrachtete und die Menschen als die abhängigen Leibeigenen, die eigentlich gar keine Rechte haben. Noch einmal: Glücklicherweise ist die Zeit vorbei, in der das der alltäglichen Wirklichkeit der Menschen entsprach. Gott sei Dank. Für Menschen, deren alltägliche Lebenserfahrung so aussah, dass sie der Willkür und den Launen eines mächtigen Fürsten ausgesetzt waren, der nach Gutdünken mit ihnen umspringen konnte, über Leben und Tod entscheiden konnte – für solche Menschen hatte der Begriff Gnade einen anderen Klang als für uns heute. Die einfachen Menschen hatten keine Rechte gegenüber den Fürsten, sie waren auf die Gnade der hohen Herren angewiesen. Auf die unberechenbare, unverdiente Herablassung der Mächtigen.

Wir leben in anderen Zeiten, Gott sei Dank. Wir sind nicht mehr abhängig von der herablassenden Gnade der Mächtigen. Wir haben Rechte, Menschenrechte und bürgerliche Rechte und wir können gegen die Mächtigen vor Gericht gehen, wenn wir ungerecht behandelt wurden. So können wir uns öffnen für die anderen Bedeutungen, die in dem Wort oder den Wörtern mitschwingen, die die deutschen Bibelübersetzungen meist mit „Gnade“ übersetzen.

Bedeutungen, die uns Gott näher bringen, die ihn herunterholen von seinem himmlischen Thron, die ihn uns auf Augenhöhe bringen, so dass wir mit Gott umgehen können wie mit einer Freundin. Einer anmutigen, graziösen Freundin, die uns wohlgesonnen ist und nur das Beste für uns will. Klingt das nach Ketzerei? Genau das ist doch das Grundbekenntnis von uns Christen: Gott ist nicht in seinem fernen Thronsaal, in einem seligen Jenseits. Gott ist heruntergekommen zu uns. Er ist Mensch geworden. Nicht wir müssen uns zu ihm aufschwingen, Gott ist uns nahe, ganz nahe, näher als unser eigenes Herz.

Einer meiner Lieblingsfilme ist Bruce Allmächtig, gedreht im Jahr 2003. Ich mag den Film nicht nur wegen der anmutigen Jennifer Aniston, die die weibliche Hauptrolle spielt, nicht nur wegen Morgan Freeman, der Gott als einen älteren, schwarzen Mann darstellt, und nicht nur wegen der umwerfenden komödiantischen Leistung von Jim Carrey alias Bruce, der für ein paar Tage lang Gottes Allmacht bekommt und damit natürlich nichts als Unfug anstellt. Eine meiner Lieblingsszenen in dem Film ist eigentlich gar nicht komisch. Am Ende seiner einwöchigen Laufbahn als Allmächtiger wird Bruce nämlich von einem Lastwagen überfahren und ist eigentlich tot. Da begegnet er Gott wieder – dem „eigentlichen“ Gott. Und Gott fragt Bruce: „Was wünschst du dir?“ Bruce antwortet mit einem Wort: „Grace“. Das ist der Name seiner Freundin, es ist aber auch, und das kommt in der deutschen Synchronisation leider nicht zum Tragen, „Grace“ ist auch das englische Wort für Gnade. Amazing Grace, how sweet the sound…

Bruce wünscht sich nicht nur, bei seiner Freundin zu sein, die er mit seinen Allmachtsspielchen nicht beeindruckt, sondern so verschreckt hat, dass sie ihn verlassen hat. Er wünscht sich auch, das zeigt das unübersetzbare Wortspiel, Gnade. Im Zusammenhang des Films heißt das: Er wünscht sich, einfach so, wie er ist, geliebt zu werden. Als einfacher, nicht besonders erfolgreicher Lokalreporter für einen kleinen Fernsehsender, als schusseliger, versponnener Luftikus. Er wünscht sich die Liebe seiner Freundin gratis – gratis! Darin steckt auch das Wort gratia -, ohne dass er sie weiter beeindrucken muss.

Und ich glaube, damit kommen wir der Antwort auf unsere Frage näher: Was ist Gnade?

Gnade ist es, einfach so, um unserer selbst willen, geliebt zu werden. Gnade ist es, wenn ich mich nicht größer machen muss, als ich bin. Wenn ich mich nicht anstrengen muss, um geliebt zu werden. Sondern wenn mir die Liebe einfach geschenkt wird. Unverdient, weil man sich Liebe sowieso nicht verdienen kann.

Genau das war für Martin Luther so wichtig: Wir müssen uns Gottes Freundlichkeit, Gottes Wohlwollen, Gottes Liebe nicht verdienen, wir können es ja gar nicht. Liebe kann man sich nicht verdienen. Can‘t buy me love – so sangen die Beatles im Jahr 1964. Ja, ich kann mir Liebe nicht kaufen, ich kann sie gar nicht irgendwie erwerben oder eben verdienen. Liebe kann nur freiwillig geschenkt werden. Und die umwerfende gute Botschaft, die Jesus gebracht hat, die Paulus verkündigt und Luther neu wieder entdeckt hat, diese umwerfende gute Botschaft heißt: Gott ist uns sowieso gut. Er liebt uns und schenkt uns sein Wohlwollen, sola gratia, allein aus Liebe, aus Güte, aus Barmherzigkeit, aus Mitgefühl mit uns armen Tröpfen, die wir uns unser Leben lang abzappeln und abstrampeln für ein bisschen Liebe. Dabei brauchen wir uns gar nicht abzustrampeln – wir sind beschenkt. Ein volles, gerütteltes, gedrücktes und überfließendes Maß wird uns in den Schoß gegeben, wie Jesus in der Bergpredigt sagt.

Das ist gemeint mit der berühmten und ein bisschen berüchtigten Formulierung „Wir sind vor Gott gerecht allein aus Gnaden“ – gemeint ist nicht der herablassende Verzicht auf Strafe, sondern die überfließende Güte, Freundlichkeit und Liebe Gottes, das unendliche, unbedingte Ja zu uns, zu dir und zu dir und zu dir und zu mir. So wie ein kleines Kind nichts, aber auch gar nichts tun kann, um sich die Liebe seiner Eltern zu verdienen – es wird ganz einfach geliebt, allein weil es da ist –, so ist es mit Gott und uns. Wir werden geliebt, einfach weil wir da sind. Bedingungslos, unendlich, unauslöschlich.

Und wir können diese Liebe auch nicht verspielen. Das ist ja die Folge: Wenn wir die Liebe nicht verdienen können, können wir sie auch nicht verspielen. Das Einzige, was notwendig ist, damit wir die Liebe spüren, damit wir uns getragen wissen von dem großen Ja, ist: dass wir es uns sagen lassen. Dass wir den Widerstand gegen die überwältigende Liebe aufgeben, die uns umspült vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang und die ganze Nacht hindurch. Dass wir es glauben, dass Gott uns gut ist. Das ist das zweite „sola“ – sola fide, allein aus Glauben. Das heißt nicht, dass wir einen bestimmten Katalog von Lehrinhalten bejahen müssen. Es heißt einfach, dass wir uns Gottes Liebe gefallen lassen, sie annehmen. Gottes unverdiente, gratis erwiesene, unaussprechliche Liebe.

Dieser Glaube kann dann so etwas sein wie das Vorzeichen vor der Klammer, in der sich unser Leben abspielt. Wenn wir das glauben, wenn wir uns darauf verlassen und unverdrossen davon ausgehen, dass Gott uns gut ist, dann mag es auch gelingen, Gottes Liebe und Gottes Wohlwollen in den Ereignissen zu entdecken, in denen wir sie zunächst gar nicht vermutet hätten. Auf unseren wechselnden Pfaden, die durch Schatten und Licht führen. Das leuchtet dem Verstand nicht immer ein, auch das Gefühl mag dagegen rebellieren. Aber fragen Sie sich einmal, wie oft es sich in Ihrem Leben herausgestellt hat, dass etwas, das sich anfühlte wie die ganz große Katastrophe, am Ende entpuppt hat als Chance, als Geschenk, als – Gnade. Das wird natürlich nicht immer gelingen. Manchen Ereignissen in unserem Leben können wir keinen positiven Sinn abgewinnen. Manches müssen wir einfach beklagen und betrauern. Aber wenn wir davon ausgehen, dass wir eingehüllt sind in Gottes Wohlwollen, dass wir getragen sind von seiner Liebe, dass uns Gottes anmutiges Gesicht freundlich ansieht, ganz gleich, was geschieht – dann können wir zumindest hoffen, dass auch unsere dunklen und leidvollen Erfahrungen Ausdruck von Gottes Liebe sind. Wir verstehen es jetzt vielleicht nicht. „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.“ So schreibt Paulus in seinem großen Lied über die Liebe in 1. Brief an die Korinther, Kapitel 13. Und er fährt fort: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Der Glaube – das Vertrauen, dass Gott uns gut ist, die Hoffnung, dass sich auch das Dunkle und Schwere in unserem Leben am Ende als gut und richtig herausstellt, und die Liebe, die am Ende alles überstrahlt. Wechselnde Pfade, Schatten und Licht: Alles ist Gnade, fürchte dich nicht.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, der anmutigen, Mensch gewordenen Liebe Gottes. Amen.

 

Fotonachweis: Pixabay

 

 

Was ist die (Er-)Lösung?

Höhle Licht beschnitten

Predigt am 4. Advent, 23. Dezember 2018, St. Markus

 

Gottes Sohn ist Mensch gebor’n, ist Mensch gebor’n, hat versöhnt des Vaters Zorn, des Vaters Zorn.

So, liebe Gemeinde, heißt es im Quempas, einem beliebten Weihnachtslied, das in den kommenden Tagen aller­orten wieder gesungen wird. Wir feiern die Geburt des Erlösers, und die Erlösung besteht darin – so sagt dieses Lied –, dass der Sohn Gottes stellvertretend für uns arme Sünder die Strafe seines zornigen Vaters auf sich nimmt. Damit versöhnt er den Vater, stillt seinen Zorn – und deswegen werden wir nicht bestraft, sondern Gott kann sich uns wieder in Liebe zuwenden.

Ist das unser Glaube? Ist das die Lösung, die Er-Lösung?

Nein, nein und nochmals nein! Diese Vorstellung von Erlösung war vielleicht in früheren Zeiten angemessen, in Zeiten des Feudalismus und Absolutismus, in Zeiten des ungebrochenen Patriarchats. Vielleicht. Ich kann und will und werde die Erlösung, die wir mit dem Namen Jesus Christus verbinden, so nicht verstehen und so nicht predigen.

Diese Theologie, noch einmal kurz gefasst: Wir Menschen handeln gegen Gottes Willen, und das erregt Gottes Zorn. Und Gottes Zorn ist so groß, dass er uns bestrafen muss, und zwar mit der Höchststrafe: ewige Verdammnis. Um das zu verhindern, wird Gott selbst zum Menschen in Jesus. Er nimmt stellvertretend für uns die Strafe auf sich, lässt sich am Kreuz töten und versöhnt Gott damit. Wir sind gerettet. Diese Theologie also ist in der Antike entstanden und speziell diese Erlösungslehre wurde im Hochmittelalter ausgearbeitet. Das waren Zeiten, in denen in allen damals existierenden Gesellschaften die Todesstrafe gang und gäbe war, ebenso die Sklaverei (bei uns hieß das Leibeigenschaft) und die körperliche Züchtigung als probates Mittel der Kindererziehung. All das war nicht nur gesellschaftlich salonfähig, sondern es wurde als Gottes Wille angesehen.

Die Gesellschaft war streng hierarchisch gegliedert, an der Spitze stand der König oder Kaiser – und so konnten die Menschen sich Gott vielleicht gar nicht anders vorstellen denn als einen König, einen absoluten Herrscher, wie sie ihn aus ihrer Lebenserfahrung kannten. Wir können von Gott ja nicht anders sprechen als in Bildern. Alles Reden über Gott ist metaphorisch und kann nicht anders sein. Wir können nicht über Gott sprechen, „wie er ist“, denn dazu reichen unser Verstand und unsere Einsicht nicht aus. Wir müssen Bilder verwenden. Und unsere Bilder, unsere Metaphern müssen wir aus unserer Erfahrungswelt nehmen, sonst nützen sie ja nichts – wir würden nicht verstehen, was sie ausdrücken sollen.

Die Menschen vor ein paar hundert Jahren stellten sich Gott also als König vor, das war für sie das Bild der höchsten Autorität. Wir heute leben unter ganz anderen Umständen. Wir leben in ganz anderen Verhältnissen und wir, jedenfalls die meisten von uns, betrachten die Verhältnisse, unter denen wir heute leben, auch als Fortschritt. Es ist besser, das heißt menschlicher, angemessener und für die große Mehrheit lebensfreundlicher, in einer freiheitlichen Demokratie zu leben und in einer sozialen Marktwirtschaft (auch wenn die durchaus noch ein bisschen sozialer sein dürfte), angemessener und lebensfreundlicher als eine Monarchie, in der alles dem König gehört und die große Mehrheit als Leibeigene, also als Sklaven, schuften müssen.

Da muss und darf sich auch unser Bild von Gott wandeln. Weshalb sollten wir uns Gott vorstellen wie einen orientalischen Despoten, der tödlich beleidigt ist, wenn seine Kinder  sich danebenbenehmen? Und das sind wir ja schließlich: Gottes Kinder!

Ich stelle mir Gott gar nicht vor wie einen Menschen, das habe ich hier schon öfters gesagt. Gott ist für mich eher die Tiefe der Wirklichkeit, das Geheimnis der Welt, der schöpferische Eros, der allem zugrunde liegt, der in allem wirkt und alles belebt. Trotzdem können wir natürlich auch menschliche Bilder für Gott verwenden – etwa der gute Vater -, und dann können wir Gott auch menschliche Gefühle zuschreiben.

Nehmen wir einfach einmal an, Gott könnte wirklich zornig sein. Anlass dazu bieten wir Menschen ihm ja genug. Wir zerstören mutwillig und sehenden Auges die Schöpfung, die Welt, in der unsere Kinder und Enkel werden leben müssen. Wir wissen, dass der Klimawandel im vollen Gang ist, und fahren trotzdem weiter Auto und essen Fleisch. Unsere Politiker beschäftigen sich mit allem Möglichen, zum Beispiel streiten sie darüber, ob die Bildungshoheit bei den Ländern liegen muss oder beim Bund – aber die wirklich lebenswichtigen, lebensentscheidenden Fragen gehen sie nicht an: Wie die Klimagase wirksam und radikal reduziert werden können. Wie die Plastikflut in unseren Meeren verhindert werden kann. Wie wir das Artensterben stoppen. Das sind die wirklich wichtigen Fragen. Ich möchte dabei aber nicht bloß mit dem Zeigefinder auf die Politiker zeigen. Ich fahre ja selber mit dem Auto und fliege im Urlaub tausende von Kilometern, und ich kaufe selber unnütze Dinge, die in viel zu viel Plastik verpackt sind. Und das sind nur ein paar kleine Beispiele.

Ja, es wäre verständlich, wenn Gott verzweifelt an uns und, ja,  wenn er zornig ist auf uns dumme, kurzsichtige, egoistische Menschen.

Aber was folgt daraus? Wird ein Vater sein Kind umbringen, weil es sich dumm und kurzsichtig und egoistisch verhält? Ich war auch manchmal zornig auf meine Kinder. Aber ich wäre doch nie im Traum darauf gekommen, sie umzubringen oder sie hinauszuwerfen, noch dazu in die äußerste Finsternis, wo Heulen und Zähneklappern herrscht, wie es in der Bibel gleich mehrfach heißt. Können wir uns wirklich vorstellen, dass Gott dazu fähig ist?

Jesus hat dazu in der Bergpredigt schon Einschlägiges gesagt: „Würde jemand unter euch seinem Kind einen Stein geben, wenn es ihn um Brot bittet? Würde er ihm eine Schlange geben, wenn es ihn um einen Fisch bittet? Wenn also ihr, die ihr doch böse seid, das nötige Verständnis habt, um euren Kindern gute Dinge zu geben, wie viel mehr wird dann euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn darum bitten!“ (Mt 7, 9–11, NGÜ)

Gut, hier scheint immer noch eine Bedingung zu sein: Wir müssen Gott bitten, damit er uns Gutes gibt. Aber es geht noch weiter. Ebenfalls in der Bergpredigt sagt Jesus: „Liebt eure Feinde, und betet für die, die euch verfolgen.“ (Mt 5, 44) Also, wenn schon wir unsere Feinde lieben sollen – wie sollte dann Gott, der die Liebe ist, seine Kinder hassen? Wie sollte er ihnen eine ewige Strafe aufbrummen? Sollte Jesus etwas von uns verlangen, woran Gott der Vater sich selbst nicht hält?

Die Vorstellung, dass Gott die Menschen straft, gar noch in Ewigkeit straft, dass Gott seine Kinder hinauswirft in die äußerste Finsternis, wo Heulen und Zähneklappern herrscht – diese Vorstellung gehört in andere Zeiten. Gott, der die Liebe ist und der uns dazu einlädt, unsere Mitmenschen zu lieben wie uns selbst, ja sogar unsere Feinde – den kann und will ich mir nicht so vorstellen, dass er unser Versagen und unsere Dummheit und unsere Egozentrik brutal und gnadenlos straft. Selbst wenn er allen Grund hat, zornig zu sein.

Wenn wir von Erlösung sprechen, dann kann es nach meiner Überzeugung nicht darum gehen, dass wir vor Gottes Zorn gerettet werden müssen und davor, dass wir auf ewig verloren gehen. Gott muss nicht versöhnt werden. Gott war nie unversöhnt, selbst wenn er manchmal zu Recht zornig sein sollte. Wir müssen versöhnt werden.

Und darin besteht die Erlösung und die Lösung des Problems, das ich in meiner letzten Predigt angesprochen habe: das Problem, dass wir uns von Gott entfernen und von uns selbst und von unseren Mitmenschen, dass wir uns ent-zweit haben und herausgefallen sind aus der ursprünglichen Einheit.

Und jetzt kommt Jesus Christus ins Spiel und das Fest seiner Geburt, das wir nächste Woche begehen. Denn hier, so glauben wir Christen, hebt Gott die Trennung auf und stellt die Einheit wieder her.

Oder vielmehr: Hier wird deutlich, dass wir nie wirklich getrennt waren.

Es ist ein tiefes Geheimnis um diesen Jesus. Er muss eine Art gehabt haben, eine Gabe, Menschen auf eine unmittelbare Weise so tief anzusprechen, dass ihnen deutlich wurde: In Jesus begegnet uns nicht nur ein Mensch. In Jesus begegnet uns unsere eigene tiefste Wahrheit. Und die heißt: Wir sind Gottes Kinder. Wir sind gar nicht getrennt, im tiefsten Grund sind wir nicht getrennt, wir waren nie getrennt, und deshalb muss Gott auch nicht versöhnt werden.

Diese Botschaft hat Jesus nicht nur mit Worten verkündigt. Er hat sie gelebt. Er war so eins mit dieser Botschaft, dass seine Freundinnen und Freunde sagten: In ihm ist uns der ewige Gott selbst begegnet. Zwar ist er ein Mensch wie du und ich, und doch ist er auch – gleichzeitig und im selben Maß – göttlich. In ihm sind Gott und Mensch vereint.

Das haben diese Menschen zunächst auf Jesus allein bezogen. Er ist Gottes Sohn, sagten sie. Er ist das einmalige Fleisch gewordene Wort Gottes.

Dann, als Jesus nicht mehr leibhaftig unter ihnen war, begannen die Menschen über die Erfahrungen nachzudenken, die sie mit dem Menschen Jesus gemacht hatten. Sie begannen diese Erfahrungen zu systematisieren. Drei-, vierhundert Jahre hat es gedauert, bis die Lehre ausformuliert war: Jesus ist, wie es in dem Weihnachtslied Es ist ein Ros entsprungen heißt: „wahr‘ Mensch und wahrer Gott“.

Und nun kommen wir. Ich glaube eben, das gilt nicht nur für diesen einen Menschen Jesus aus Nazareth. An ihm wurde exemplarisch deutlich, was für alle Menschen gilt. Denn auch wir sind Gottes Kinder, auch in uns wohnt Gott – aber bei uns ist er so tief versteckt, so sehr verdeckt durch unsere Persönlichkeit, unsere Macken, unsere Egozentrik, dass er nur sehr selten ein kleines bisschen durchscheint. Jesus dagegen war als Mensch so geklärt, dass ihm Gott sozusagen aus allen Poren schien. Und deswegen können wir an ihm sehen, was unsere wahre Natur und unsere wahre Bestimmung ist.

Was ist die Erlösung? Die Erlösung besteht nach meiner Überzeugung darin, dass wir uns das sagen lassen: Wir werden nie und nimmer verloren gehen. Kein menschlicher Atemzug ist umsonst, kein Weinen, kein Stöhnen und kein Lachen. Alles ist aufgehoben in Gottes unendlicher Liebe.

Und das müssen wir jetzt „nur“ noch glauben. Das hört sich für manche vielleicht altmodisch und verzopft an: Man kann es zwar nicht verstehen, man muss es eben einfach glauben. Ich meine etwas anderes.

Stellen Sie sich einen Menschen vor, der seit Jahren im Gefängnis sitzt, ohne Aussicht auf Freiheit. Und eines Tages geht die Tür auf, der Gefängniswärter kommt herein und sagt: „Sie sind frei, sie können gehen.“ Dann verlässt er die Zelle und lässt die Tür sperrangelweit offen.

Der Mann denkt sich: „Das kann ja gar nicht sein. Das ist bestimmt eine Falle, ein grausamer Hohn. Wenn ich da jetzt rausgehe, werden sie mich wieder festsetzen und noch härter bestrafen.“ Und er bleibt auf seiner Pritsche sitzen. Er ist frei, aber wenn er es nicht glaubt, dann nützt ihm seine Freiheit nichts.

Wir sind erlöst, wir sind Gott recht, unser Leben hat Sinn und Ziel. Damit wir die erlösende Wirkung dieser Worte erfahren, müssen wir sie glauben. Ja, es stimmt, was Martin Luther sagt, im Anschluss an Paulus: Wir werden gerecht allein durch den Glauben. Wenn wir es nicht glauben, dass wir Gott recht sind, dass wir Gottes geliebte Kinder sind, dass wir eine Zukunft haben diesseits und jenseits des Todes – ja, wenn wir das nicht glauben, dann sitzen wir eben in Finsternis und Schatten des Todes. Wenn wir uns das aber sagen lassen und beginnen, darauf zu vertrauen, uns darauf zu verlassen: Dann kann sich das Licht, das wir sind, in uns ausbreiten. Dann brauchen wir keine Angst mehr zu haben, vor nichts und niemand. Und dann kann der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, unsere Herzen und Sinne bewahren in Jesus Christus, unserem großen Bruder, dem Erstgeborenen unter den vielen Kindern Gottes.

Amen.