Was ist das Problem?

Erschaffung Adams

Nach „Was ist Gott?“ und „Was ist der Mensch?“ kommt nun „Was ist das Problem?“
Predigt, gehalten am 21. Oktober in St. Markus

 

Was ist das Problem?

Liebe Gemeinde, manche wissen es ja: Im August habe ich eine Mini-Predigtreihe gehalten aus zwei Predigten. Die Titel: „Was ist Gott?“ und „Was ist der Mensch?“

Und jetzt also: „Was ist das Problem?“

Ich will ganz kurz die Kernaussagen meiner August-Predigten noch einmal aufgreifen. Gott, so glaube ich, ist kein höheres Wesen, das irgendwo in einem Jenseits thront. Gott ist vielmehr die Tiefe des Lebens, das Geheimnis der Welt, das Sein selbst. Und der Mensch? Wir Menschen sind Gottes Kinder, das heißt, in der Tiefe unseres Seins sind wir eins mit Gott.

Wenn das stimmt, wenn wir wirklich eins sind mit Gott, was ist dann das Problem? Dann sollte uns doch nichts auf der Welt irgendetwas anhaben können, nichts sollte uns Angst machen, und außerdem sollte es zwischen uns keinerlei Probleme geben, denn dann sollten wir doch lauter Liebe sein, denn es heißt doch: „Gott ist die Liebe.“

Aber so ist es bekanntlich nicht, wir brauchen ja nur in den Spiegel zu schauen, oder wir brauchen uns ja nur umzusehen in der Welt. Und da sind wir beim Problem.

Das Problem ist, dass wir eben nicht reine, lautere Liebe sind. Das Problem ist, dass wir nicht frei sind, dass uns oft genug die Angst beutelt, die Wut, der Hass. Das Problem ist, dass wir Menschen eben offenbar nicht in Frieden und Eintracht zusammenleben können und dafür sorgen, dass es allen gut geht. Wie kann das sein, wenn wir doch Gottes Kinder sind?

Die Bibel und die christliche Tradition haben auf diese Frage eine klare Antwort: Es ist etwas dazwischengekommen, und zwar – die Sünde.

Und jetzt vergessen Sie dieses Wort bitte ganz schnell wieder, denn das, was wir heute zu diesem Wort assoziieren, hat mit der ursprünglichen Bedeutung so wenig gemeinsam, dass wir es am besten gar nicht mehr verwenden.

Was damit gemeint ist, ist ganz einfach die Trennung, die Ent-zweiung. Wir sind nicht mehr eins mit Gott, wir sind ent-zweit. Wir erleben uns als abgetrennte, isolierte Individuen, herausgefallen aus der ursprünglichen Einheit in die Zweiheit. Wir erleben alles in Polaritäten, zu allem, was wir kennen, gibt es ein Gegenteil: warm und kalt, hoch und tief, nah und fern, groß und klein, Liebe und Hass und, ja: gut und böse.

Und das ist nicht unser individuelles Verschulden. Das, was die Bibel mit Sünde meint, also die Entzweiung, die Trennung, hat ursprünglich mit Verschulden, mit Schuld gar nichts zu tun, das sind zwei Paar Stiefel. Für die Entzweiung können wir nichts. Wir müssen einatmen und ausatmen, wir müssen schlafen und wachen, wir müssen uns öffnen und verschließen. Die Zweiheit gehört zu uns, solange wir auf dieser Erde leben. Allein die Tatsache, dass wir eingezwängt sind in drei beziehungsweise vier Dimensionen, allein diese Tatsache bedingt, dass wir uns nicht als das Eine, als das Große Ganze erleben können, das wir im tiefsten innersten Kern sind.

Ab und zu gibt es Menschen, die das doch erleben, diese Einheit. In Augenblicken der mystischen Verschmelzung, in Momenten der Erleuchtung, wie man das dann nennt. Manche dieser Menschen werden als Heilige bekannt oder als erleuchtete Meister, andere bleiben mit ihrer Erfahrung für sich, weil sich eine solche Erfahrung gar nicht gut in Worten ausdrücken lässt.

Für uns, die Mehrheit, bleibt die Erfahrung, dass wir getrennt sind. Individuen, die  überleben wollen und die sich deswegen oft genug gegen die anderen absetzen, die sich abspalten, die sich selbst der Nächste sind. Und eben nicht reine, lautere Liebe.

In unserem innersten Kern, in unserem tiefsten Sein, in unserem wahren Wesen, da sind wir Liebe, nichts als Liebe. Da sind wir eins mit Gott und mit all unseren Mitmenschen und mit der gesamten Schöpfung. Aber nur da.

Die Frage „Was ist das Problem?“ kann ich also in einem ersten Anlauf so beantworten: Das Problem ist, dass wir uns als abgetrennte Individuen erfahren, die in eine Welt der Zweiheit hineingeboren wurden, in eine Welt, in der es hoch und tief gibt, laut und leise, mich und dich, gut und böse, warm und kalt. Alles hat sein Gegenteil, und das Schöne daran ist: Zwar kann kein Mensch ganz und gar gut sein, wir sind immer auch böse. Es kann aber auch kein Mensch ganz und gar böse sein, wir sind immer auch gut. Und zu Gut und Böse werde ich später noch etwas mehr sagen.

Jetzt aber erst einmal die gute Nachricht: Das Problem besteht ja nur in der Welt der Zweiheit, der Ent-zweiung. Im tiefsten Kern sind wir gar nicht abgetrennt. Im tiefsten Kern gibt es also gar kein Problem.

Es gibt kein Problem zwischen Gott und uns.

Deswegen gibt es in der Bibel so viele wunderbare Zusagen. Etwa im Buch Jeremia: „Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ Oder ein Gedanke von Paulus, aus dem Römerbrief: „Ich bin überzeugt, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch (unsichtbare) Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges … weder Hohes noch Tiefes, noch sonst irgendetwas in der ganzen Schöpfung uns je von der Liebe Gottes trennen kann, die uns geschenkt ist in Jesus Christus, unserem Herrn.“ (Röm 8,38 NGÜ)

Von Gottes Seite her besteht kein Problem. Paulus kann sagen: „Lasst euch versöhnen mit Gott“ – denn Gott ist längst versöhnt, mehr noch: Gott war nie unversöhnt. Nur wir müssen uns versöhnen lassen, wir müssen es kapieren, dass Gott keinen Unterschied macht zwischen drinnen und draußen, zwischen geliebt und abgelehnt. Im Evangelium, diesem Abschnitt aus der Bergpredigt, haben wir es vorhin gehört: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Darin besteht die Vollkommenheit Gottes, dass er keinen Unterschied macht zwischen Guten und Bösen, zwischen Gerechten und Ungerechten.

Ja, aber!

Gibt es nicht in der Bibel auch ganz viele Sätze, in denen vom Zorn Gottes die Rede ist, von Strafe, von Verdammnis? Heißt es nicht in ebendem Kapitel aus der Bergpredigt: „Wer zu seinem Bruder sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig“? Und heißt es nicht auch in der Bergpredigt: „Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind’s, die auf ihm hineingehen. Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind‘s, die ihn finden“?

Ja, solche Sätze gibt es zuhauf, und sie scheinen ja geradewegs dem zu widersprechen, was ich eben gesagt habe. Da scheint es eben doch ein Problem zu geben, ein massives Problem zwischen Gott und den Menschen. Was machen wir denn mit all den Gerichtsworten, mit all dem Heulen und Zähneklappern, mit all den Strafandrohungen?

Ich glaube, hier müssen wir wirklich genau hinsehen, wie wir mit der Bibel umgehen. Und wie wir die Bibel heute verstehen können und müssen.

Ich verstehe es so: Die Bibel ist nicht in dem Sinn Heilige Schrift, dass der Heilige Geist den biblischen Autoren direkt ins Ohr gesagt hätte, was sie schreiben sollen. Die Bibel ist Heilige Schrift in dem Sinn, dass in ihr Menschen ihre Erfahrungen mit Gott aufgeschrieben haben. Und die Menschen, die die Bibel geschrieben haben, lebten in der Antike. Sie hatten ein Bewusstsein und eine Vorstellungswelt, wie sie heute vielleicht die Taliban haben, um es ganz drastisch zu sagen. Für sie gab es ganz klar dieses Drinnen und Draußen, dieses Gut und Böse, dieses Gerettet und Verloren. Und klar war: Drinnen sind wir, die andere sind draußen. Gut sind wir, die andere sind böse. Gerettet sind wir, verloren die anderen. Und so haben sie auch ihre Erfahrungen mit der tiefsten Wirklichkeit gedeutet, die wir Gott nennen.

Sie konnten das nicht anders. Sie lebten in einer Welt, in der die Todesstrafe eine Selbstverständlichkeit war, in der Eltern ihre Kinder selbstverständlich schlugen, in der Krieg eine ständige Realität war.

Wir haben heute andere Maßstäbe. Wir haben die Todesstrafe abgeschafft und verstehen den Justizvollzug nicht als Strafe oder Rache, sondern als Versuch der Resozialisierung. Wir haben einen Paragrafen im Strafgesetzbuch, der die körperliche Züchtigung von Kindern verbietet. Und wir denken heute anders über Gut und Böse. Die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft nicht zwischen uns und den anderen, sie verläuft mitten durch uns hindurch. Niemand von uns ist ganz gut, niemand ist ganz böse. Wo verläuft dann die Trennlinie? Wird die Person eingelassen zum Festmahl Gottes, die zu 51 Prozent Gutes getan hat – und wird derjenige ins ewige Höllenfeuer gesteckt, der nur 49 Prozent geschafft hat? Das ist doch absurd. Wir können Menschen nicht mehr so einfach einteilen in Schwarz und Weiß, wir sind doch alle mehr oder weniger grau-kariert.

Ich sage es noch einmal, etwas kühn: Wir haben die Todesstrafe abgeschafft aus ethischen Gründen. Wir haben die körperliche Züchtigung abgeschafft aus ethischen Gründen. Sollte Gott ethisch weniger hoch stehen als wir Menschen? Sollte unser ethisches Urteil differenzierter sein das das von Gott? Sollten wir Menschen davon, wie die Gene einen Menschen bestimmen, wie Erziehung und Lebensumstände den Charakter eines Menschen formen – sollten wir Menschen davon mehr verstehen als Gott?

Ehrlich gesagt: Ich traue es Gott durchaus zu, dass er noch sehr viel mehr Verständnis hat als ich, dass sein ethisches Urteil sehr viel differenzierter ist  und sehr viel höher steht als meins. Ich bin mir gewiss, dass Gott sehr genau sieht, wie es dazu kommt, dass der eine ein Massenmörder wird und der andere ein Wohltäter der Menschheit.

Mit anderen Worten: Ich glaube, die Vorstellung, dass Gott irgendeinen Menschen bestraft für ir-gend­etwas, und sei es das schlimmste Verbrechen – ich glaube, diese Vorstellung ist zeitgebunden. Und dass wir uns, wenn wir die Bibel verstehen wollen, klar machen müssen, unter welchen Umständen und in welchem Bewusstsein die Menschen lebten, die die Bibel aufgeschrieben haben.

Ich würde nicht sagen, dass wir es heute besser wissen. Ich würde sagen, wir haben heute ein differenzierteres und ein komplexeres Verständnis von Welt und Mensch, als es die Menschen damals hatten, und demzufolge ist für uns ein weiteres und offeneres Gottesbild angemessener.

Gott straft nicht. Gott weiß doch, dass wir in der innersten Tiefe nichts sind als lauter Liebe. Nein, Gott wird uns nicht strafen, wenn die Trennung einmal aufgehoben ist und wir heimkehren zu ihm, wenn wir eingehen ins Große Ganze. All unsere Angst, all unsere Egozentrik, ja: all unsere Bosheit wird einfach wegschmelzen wie Schnee in der Sonne, wenn wir in die Gegenwärtigkeit von Gottes Liebe eingetaucht sind.

Was als ist das Problem? Solange wir in dieser Welt der Entzweiung leben, können wir die lautere Liebe, die wir sind, nur in Ansätzen verwirklichen. Wir sind immer wieder gebeutelt von Angst, wir grenzen uns ab, wir schauen auf unseren Vorteil, wir unterscheiden zwischen Freund und Feind. All das ist unvermeidlich. Aber in der tiefsten Tiefe, im innersten Kern, in unserem wahren Sein und Wesen gibt es kein Problem. Gott ist uns gut, immer und unter allen Umständen. Und je mehr diese Gewissheit unser Leben und Empfinden bestimmt, desto eher sind wir vielleicht in der Lage, diese reine, lautere Liebe, die wir im Innersten sind, hinausstrahlen zu lassen in die Welt. Nie ganz  und rein, aber immer wieder mal ein bisschen mehr.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in  Christus Jesus, unserem Bruder, dem Herrn.

 

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Nachts

Von meiner Freundin und (Ex-)Kollegin Christiane. Mein einziger Kommentar: Amen.

"Ich werde nicht sterben, sondern leben und des HERRN Werke verkündigen."

„Ich bin alles und alles ist Ich.“

ICH BIN ALLES

ER ist alles

Alles ist ER.

ER ist ICH.

ICH BIN

das Licht

der Weg

die Wahrheit

das Leben

Nicht mein Ego ist ER. Sondern mein SEIN.

ICH BIN

alles ist

durch IHN

ER in Allem

ICH in Allem

Alles in mir

ER in mir

ICH BIN der Kosmos

(9.6.21015, nachts)

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Steh auf und geh

Gichtbrüchig beschnitten

 

Vor kurzem habe ich eine Predigt unter dem Titel “Erwählt” hier gepostet. Manche haben dazu bemerkt, das sei so etwas gewesen wie Gott 9.0 als Predigt. Ja, immer wieder versuche ich das, was wir in Gott 9.0 geschrieben haben, auch in der Predigt anzuwenden.

Hier wäre ein weiteres Beispiel, vom 26. Oktober 2014, über Markus 2, 1 – 12

 

Und nach etlichen Tagen ging Jesus wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war.  Und es versammelten sich viele, sodass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort. Und es kamen einige, die brachten zu ihm einen Gelähmten, von vieren getragen. Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, gruben es auf und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag. 

Da nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. 

Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen: Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein? Und Jesus erkannte alsbald in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in euren Herzen? Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin? Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden – sprach er zu dem Gelähmten: Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim! 

Und er stand auf und nahm sogleich sein Bett und ging hinaus vor aller Augen, sodass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben solches noch nie gesehen.

 

Was für eine Geschichte, liebe Gemeinde, was für eine Geschichte! „Die Heilung des Gichtbrüchigen“, so hieß sie früher, und ich muss sagen, ich kenne sie seit über fünfzig Jahren, aus dem Religionsunterricht, aus dem Kindergottesdienst, aus der Kinderbibel. Und wie hat sie mich fasziniert, diese Geschichte. Allein schon das Wort „gichtbrüchig“! Das klang ganz schrecklich, viel stärker als das modernere Wort „gelähmt“. Und dann: wie die Männer aufs Dach steigen und ein Loch ins Dach machen, um ihren Freund auf seiner Trage herunterzulassen, Jesus direkt vor die Füße. Diese Energie, die vor keinem Hindernis zurückscheut! Und dann Jesus, wie er sich mit großer Souveränität als der Gesandte Gottes erweist, mehr noch: als der Sohn Gottes, der vollmächtig an Gottes Stelle handelt.

Als Kind habe ich diese Geschichte ganz wörtlich genommen, und das ist auch gut so. Denn es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie wir mit biblischen Geschichten umgehen können, und dies ist eine der Möglichkeiten: Sie ganz schlicht und einfach wörtlich zu nehmen. So ist es passiert, so hat Jesus damals einen gelähmten Menschen geheilt. Das ist eine Möglichkeit, und für viele Menschen ist es wichtig, daran festzuhalten: So und nicht anders ist es geschehen. Aber dieses historische Verständnis ist nicht die einzige Möglichkeit, mit so einem Bibeltext, mit so einer Heilungsgeschichte umzugehen.

Für mich bleibt auch eine wichtige Frage offen, wenn ich diese Geschichte wie einen objektiven Bericht betrachte. Die Frage nämlich: Was hat das nun mit mir zu tun, mit uns, hier und heute, im Jahr 2014 in München, zweitausend Jahre später? Gut, Jesus hat damals diesen Kranken geheilt. Und weiter? Was bedeutet das für uns heute?

Hier sehe ich wieder zwei mögliche Antworten. Die eine: Jesus heilt heute auch noch. Und es werden ja tatsächlich immer wieder Heilungsgeschichten erzählt, wundersame Heilungen, vor allem aus jungen, wachsenden Kirchen, aus Afrika und aus Korea oder China, oder aus den Pfingstkirchen in Brasilien. Wo die Kirchen jung sind, wo sie sich ausbreiten und täglich neue Mitglieder hinzukommen, da wird eigentlich immer auch von Wundern erzählt, von Heilungen und anderen Ereignissen, die sich nicht restlos mit den Gesetzen des Alltags in Einklang bringen lassen. Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, was daran ist. Ich halte es für möglich, dass sich spontane Heilungen ereignen, dass Dinge passieren, die eigentlich unmöglich sind. Und es ist wunderbar, wenn eine Gemeinde solche Ereignisse erleben darf. Nur: Solche Geschichten werden nicht nur im christlichen Raum erzählt. Es gibt sie in allen Religionen. Wo Menschen mit glühendem Eifer dabei sind, wo der Glaube sie mitreißt – egal welcher Glaube –, da ist die Rede von Wundern, von Heilungen, von Erscheinungen, von Prophezeiungen, die sich erfüllen und und und.

Wenn ich nun die biblischen Wundergeschichten wörtlich nehme, wenn ich die Berichte aus jungen, missionarisch sich ausbreitenden Kirchen wörtlich nehme, dann muss ich eigentlich auch die Berichte aus anderen Religionen für bare Münze nehmen. Und das wirft dann ein eigenes Licht auf den Satz, den Jesus oft sagt, wenn ein Mensch in seiner Nähe gesund wurde: Dein Glaube hat dir geholfen. Das könnte dann ja für jeden Glauben gelten, und das wirft ein ganz wichtiges Licht auf das, was hier mit GlauSünde Vergebungben gemeint ist. Es kommt nicht so sehr darauf an, was jemand glaubt, sondern auf den Glaubensakt, das Vertrauen. Das Vertrauen, dass es Heilung gibt, Heilung durch Gott und durch Menschen, die Gott besonders nahe stehen.

Das ist also die eine Möglichkeit, mit dieser Geschichte umzugehen. Eine andere Möglichkeit ist, tiefer zu bohren, unter die Oberfläche dessen, was damals vielleicht geschehen ist. Und zu fragen: Was bedeutet es denn für uns heute, dass Jesus a) Sünden vergibt und b) Menschen heilt, sie aus ihrer Lähmung befreit?

Und – wie kommt es überhaupt, dass Jesus von Sünde spricht? Man muss sich das einmal vorstellen: Da nehmen die Freunde dieses Mannes diese Mühen in Kauf, um ihn zu Jesus zu bringen, und es ist ja offenkundig, was von Jesus erwartet wird. Aber er sagt nicht etwa: Sei gesund! Er sagt: Dir sind deine Sünden vergeben. Ich kann mir vorstellen, wie verblüfft und auch enttäuscht die Freunde sind, die da oben auf dem Dach liegen und durch das Loch hinunterlugen, was jetzt passiert. Sie hoffen, sie glauben: Gleich macht er unseren Freund gesund. Und dann sagt dieser Jesus: Dir sind deine Sünden vergeben. Na so was. Davon war doch gar nicht die Rede. Sie wollten doch, dass ihr Freund wieder gehen kann. Stattdessen redet Jesus von Sünde. Thema verfehlt, werden sie sich gedacht haben.

Aber ich glaube nicht, dass Jesus das Thema verfehlt hat. Nicht nur, weil ich als Pfarrer sozusagen sowieso davon ausgehen muss, dass Jesus immer Recht hat. Nein, ich denke, es gibt tatsächlich einen Zusammenhang zwischen dem, was in der Bibel Sünde heißt, und dem Gelähmt-Sein. Aber Vorsicht! Dieser Zusammenhang heißt ganz bestimmt nicht: Wer buchstäblich nicht gehen kann, wer im Rollstuhl sitzt oder nicht aus dem Bett kann, weil ihn die Beine nicht tragen, der wird irgendwie für seine Sünden bestraft. Nein, ganz bestimmt nicht.

Um den Zusammenhang zu erläutern, den Jesus hier feststellt, möchte ich erst einmal etwas zum Begriff Sünde sagen. Das, was die Bibel mit dem Wort Sünde meint, hat nur sehr wenig zu tun mit dem, wie wir heute dieses Wort gebrauchen. In unserem heutigen Sprachgebrauch sieht es ungefähr so aus: Sünde, das ist etwas, was verboten ist, aber weil es Spaß macht, ist es auch nicht so schlimm, wenn man trotzdem sündigt. Kaloriensünder, Parksünder, die kleinen Sünden des Alltags, das sündige Weib… eben, alles, was Spaß macht, aber nicht erlaubt ist. Weil es als unmoralisch gilt oder weil es dick macht. Aber eigentlich… eigentlich ist das alles nicht so schlimm.

Die Bibel meint etwas ganz anderes. Wenn in der Bibel von Sünde die Rede ist, geht es gar nicht um bestimmte Handlungen oder Unterlassungen. Es geht darum, dass die Grundausrichtung des Lebens verkehrt ist.

Wir Menschen sind an sich als offene Wesen gemeint und angelegt. Offen für unsere Mitmenschen, offen für neue, vollkommenere Versionen unser selbst, offen für das, was wir „oben“ nennen, obwohl wir natürlich genau wissen, dass Gott nicht „dort oben“ wohnt. Offen sein, das heißt neugierig sein auf das Leben. Offen sein heißt, vertrauensvoll mit den anderen umgehen. Offen sein heißt, immer die Möglichkeit mit einbeziehen, dass es neue, unerwartete, überraschende Wendungen gibt im Leben, und sich daran zu freuen.

So werden wir geboren. Und so sind wir gemeint. Nun ist das so eine Sache mit dieser Offenheit. Wer so lebt, wird ziemlich rasch die Erfahrung machen, dass seine Offenheit ausgenutzt wird, oder missbraucht wird. Und so machen wir zu. Wir richten uns nicht mehr auf die anderen aus und auf die vielen Möglichkeiten, die das Leben bietet, sondern wir ziehen uns zurück, richten uns auf uns selbst aus, verkrümmen uns in uns selbst, wie Augustinus sagt und in seiner Folge Martin Luther. Statt offen und liebevoll auf unsere Mitmenschen zuzugehen und uns alles von Gott zu erwarten, bleiben wir bei uns, kreisen um uns, um uns selbst als Zentrum – wir werden ego-zentrisch, misstrauisch, ängstlich.

Das ist unvermeidlich. Es ist kein moralischer Makel, den manche haben und manche nicht. Wir alle sind so. Deswegen spricht die Tradition von der Erbsünde. Wir können nicht so sein, wie wir gemeint sind, weil wir in Verhältnisse hineingeboren werden, die es nicht zulassen, dass wir immer und in jeder Gelegenheit offen und liebevoll sind. Das ist nicht unser individuelles Versagen, sondern gehört zum Menschsein in dieser Welt. Das meint das seltsame Wort „Erbsünde“.

Und so verfehlen wir unser Ziel. Wir halten fest an alten Verletzungen, machen uns selbst und den anderen Vorwürfe, ausgesprochene und unausgesprochene, wir bleiben weit unter unseren Möglichkeiten, weil wir nicht herausgehen aus dem Schneckenhaus, weil wir meinen, uns schützen zu müssen.

Das ist die Sünde. Nicht eine einzelne dumme oder böse oder unmoralische Tat, sondern die falsche Ausrichtung unseres Lebens.

Und diese Sünde lähmt. Nicht körperlich. Sie lähmt unsere Liebe. Unsere Kraft. Unsere Initiative. Sie lähmt unsere Fähigkeit, die zu werden, die wir sind. Diese Sünde macht uns unbeweglich, so dass wir in unserem Schneckenhaus sitzen und unseren Nabel betrachten aus Angst, wieder verletzt zu werden. Diese Sünde trennt uns vom Leben, und so stimmt es durchaus, wenn Paulus sagt: Der Tod ist der Sünde Sold, das heißt, die angemessene Entlohnung. Wer nicht lebt, ist tot. Wer sich in sich selbst verkriecht und mehr sich selbst im Sinn hat als die anderen, lebt nicht.

Gottseidank ist das nicht die ganze Wahrheit. Es stimmt zwar, dass wir alle in dieser Weise gelähmt sind. Aber es gibt ja unsere Freundinnen und Freunde, die uns tragen können. Und es gibt die Vergebung.

Vergebung heißt: Du bist nicht festgelegt auf deine alten Verletzungen. Du kannst von vorn anfangen, jeden Tag, jede Minute. Du hast die Wahl: Du kannst aus deinen schlechten Erfahrungen lernen und sagen: nie wieder. Nie wieder wage ich es mit der Liebe, mit der Offenheit.

Oder du kannst sagen: Jetzt erst recht.

Dazu ruft Jesus den Gelähmten. Er sagt: Dir ist vergeben. Deine Vergangenheit bestimmt dich nicht. Du kannst aufstehen und gehen, ja mehr noch: du kannst aufstehen und nach Hause gehen, dorthin, wo du so sein kannst, wie du gemeint bist. Du darfst zu dir selbst kommen.

Jesus zeigt uns, wie wir leben können, im Jetzt, im Augenblick, im ewigen Nun. Nicht festgelegt und gelähmt durch die Vergangenheit, nicht gelähmt durch die Sorge, die Angst vor der Zukunft. Frei können wir sein für die Gegenwart, für den Menschen, den uns das Leben in dieser Minute über den Weg schickt.

Das geht natürlich nicht von jetzt auf gleich. Die Wundergeschichten zeigen uns, wie es sein könnte. Aber sie zeigen uns sozusagen das Ziel eines langen Weges. Denn unsere schlechten Erfahrungen können wir nicht so einfach ablegen. Sie haften uns an, sie verfolgen uns auf Schritt und Tritt und es kostet Mühe und Übung, sie loszulassen.

Deswegen ist es gut, von anderen das Wort zu hören: Dir ist vergeben, steh auf und geh. Die Schriftgelehrten in der Geschichte sagen: Das geht doch nicht. Nur Gott kann vergeben. Und Jesus zeigt ihnen, dass nicht nur Gott vergeben kann, sondern der Menschensohn.

Der Menschensohn. Wir sind es gewohnt, dieses Wort als Beinamen Jesu zu verstehen. So als ob Jesus immer von sich in der dritten Person redete, wenn er vom Menschensohn spricht. Es kann aber auch ganz anders sein. Das hebräische Wort „ben“ oder auf Aramäisch: „bar“ bedeutet zwar tatsächlich „Sohn“. Jeschua ben Josef, Jesus, Sohn des Josef. Aber das Wort heißt noch viel mehr. Das Hebräische denkt vieles in Familienbeziehungen, wo wir gar nicht an Familien denken würden. „Ben“ ist dann so etwas wie eine Gattungsbezeichnung. „Ben Jisrael“, „Sohn Israels“, heißt dann einfach: Israelit, Angehöriger des Volkes Israel. Oder der „Sohn der Fremde“ ist ein Ausländer. Dieses Wort „ben“ heißt also auch einfach „Angehöriger, Zugehöriger zu einer bestimmten Familie oder Gattung“.

Ben Adam, Sohn des Menschen, heißt also eigentlich ganz einfach „Mensch“, ein Angehöriger der Gattung Mensch.

Und wenn wir das jetzt anwenden auf das, was Jesus sagt, dann heißt das: „Damit ihr aber seht, dass der Mensch Vollmacht hat, Sündern zu vergeben auf Erden…“ Sünden zu vergeben wäre dann etwas, was allen Menschen möglich ist und – was allen Menschen aufgetragen ist.

Ja, wir dürfen und wir sollen einander das zusagen: Dir ist vergeben. Du darfst neu anfangen. Steh auf, geh. Nimm dein Bett, dein Krankenlager, nimm das, was dich bindet, heb es auf, nimm es in die Hand und geh. Benutze deine Kraft, benutze deine Liebe. Hab Vertrauen. Lebe.

Und wenn du dabei auf die Nase fällst, wenn du scheiterst, dann lass dich nicht entmutigen und lähmen. Lass das Vergangene los, so gut du kannst, und richte dich aus auf die Gegenwart, auf diesen Moment. Fang neu an. Dir ist vergeben. Geh, beweg dich, sei lebendig.

Da haben wir eine große Aufgabe, wenn wir das ernst nehmen. Uns und andere zu ermutigen, neu anzufangen. Nicht aufzugeben. Zu vertrauen.

Wo dieses Vertrauen wächst, das aus der Vergebung lebt, aus der Ermutigung und aus dem Zuspruch: du kannst es! – wo dieses Vertrauen wächst, da werden Wunder möglich. Wir müssen es uns nur sagen lassen und dann – aufstehen, gehen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder, dem Herrn. Amen.

Licht der Welt

Sonnenaufgang

Foto: Pixabay

 

Wie angekündigt, werde ich hier immer wieder auch ältere Predigten posten. Neulich hatte ich mehrere Taufen zu halten und der Taufspruch eines Täuflings war „Ihr seid das Licht der Welt.“ Ich wollte mal sehen, was ich zu diesem Abschnitt aus der Bergpredigt schon gesagt habe, und siehe da: In den letzten sieben Jahren habe ich dreimal über Matthäs 5, 13 – 16 gepredigt. Ich muss zugeben, ich war selbst ein bisschen erstaunt, dass mir tatsächlich immer wieder etwas Neues zu dem Text eingefallen ist 😉

Ich mache mir den Spaß, alle drei Predigten hier hintereinander einzustellen. Mal sehen, wer einen so langen Atem hat, sie alle zu lesen…

 

 

Zunächst der Bibeltext, dann als Erstes die Predigt vom 2. August 2009:

13 Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten. 14 Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. 15 Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.
16 So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

 

Liebe Gemeinde, kennen Sie den weißen Neger Wumbaba? Nein? Dann erzähle ich Ihnen die Geschichte: Die kleine Annalisa hat im Kindergarten das Lied „Der Mond ist aufgegangen“ gelernt, und im Brustton der Überzeugung singt sie zu Hause ihrer Mutter vor: „… und aus den Wiesen steiget der weiße Neger wunderbar.“ Da sagt die Mutter: „Aber Annalisa, es gibt doch keine weißen Neger.“ Worauf die Kleine, nicht im Geringsten erschüttert, antwortet: „Na, das ist doch grade das Wunderbare.“

Manche Kinder geben dem weißen Neger auch noch den so schön negerhaft klingenden Namen Wumbaba – und so kommt der Titel des Buches von Axel Hacke zustande: „Der weiße Neger Wumbaba“, in dem er eine ganze Menge solcher Verhörer gesammelt hat. Denn so wie es Versprecher gibt, gibt es auch Verhörer. Wenn uns etwas nicht plausibel erscheint, dann hören wir uns das eben zurecht.

Und meine Erfahrung mit vielen Bibeltexten ist die: Wir hören sie uns gern zurecht, weil sie so, wie sie da stehen, irgendwie nicht zu unserer Erfahrung passen. Das ist ganz natürlich und normal, aber es führt in die Irre. Denn es gibt viele Worte in der Bibel, und ganz besonders eine Menge von Worten, die Jesus gesagt hat, die nicht zu unserer Erfahrung passen. Weil sie uns über unsere übliche Erfahrung hinausführen wollen. Weil Jesus uns Dinge zumutet, die quer liegen zu dem, was unter Menschen gilt. Und damit stößt er uns sozusagen mit der Nase auf neue Möglichkeiten, auf neue, bessere Möglichkeiten, unser Leben zu verstehen und zu gestalten.

Unser heutiger Predigttext gehört meiner Erfahrung nach zu den Texten, die gern zurecht- oder besser: zufalschgehört werden. „Ihr seid das Licht der Welt. Ihr seid das Salz der Erde.“ Noch einmal, genau hinhören: „Ihr seid das Licht der Welt. Ihr seid das Salz der Erde.“ Wo liegt der Hörfehler? Es heißt nicht: Ihr müsst das Licht der Welt, das Salz der Erde sein. Es heißt auch nicht: Ihr sollt oder: Eigentlich solltet ihr das Licht der Welt und das Salz der Erde sein. Ihr seid es.

Wenn man sich verhört, hat das seinen Grund. Dass viele Menschen statt dieser klaren Aussage eine Aufforderung hören, hat seinen Grund wahrscheinlich darin, dass viele Menschen von der Kirche nichts anderes gewöhnt sind als ständig moralische Aufforderungen. Christsein, das heißt die Zehn Gebote einhalten – kennen Sie diese Einstellung? Sie ist sehr weit verbreitet, aber sie ist falsch.

Christsein heißt: Sich von Jesus sagen lassen, dass ich ein geliebtes Kind Gottes bin, und zwar so, wie ich bin. Nicht erst dann, wenn ich bestimmten moralischen Mindestanforderungen genüge.

Und hier schließt sich der Kreis. Weil wir diese gute Botschaft haben, deswegen sind wir das Licht der Welt. Also wir sind das Licht der Welt nicht, weil wir so anständig sind und so liebevoll und so reines Herzens. Das sind wir nicht. Na gut, Sie vielleicht. Aber ich jedenfalls nicht, ganz bestimmt nicht. Nicht wegen unserer unvergleichlichen moralischen Qualitäten sind wir Licht der Welt und Salz der Erde. Wenn das so wäre, hätte entweder Jesus sich bös getäuscht oder die Kirche hätte noch böser versagt. Gut, das hat sie ja vielleicht sogar, aber das ist eine andere Geschichte. Wenn die Kirche versagt hat, dann vor allem darin, dass sie diese gute Botschaft oft nicht verstanden und deswegen auch nicht richtig weitergegeben hat. Die gute Botschaft, die heißt: Egal, wie dein Leben verlaufen ist, egal, wie dreckig deine Weste ist, du bist ein geliebtes Kind Gottes. Egal, ob du wie der sogenannte verlorene Sohn im Schweinekoben gelandet bist – du bist ein geliebtes Kind Gottes. Du bist Erbin und Erbe des himmlischen Königreichs Gottes.

 

II.

Ja, aber. Natürlich gibt es auch noch ein Aber. Es ist schon mehrfach angeklungen. So, wie wir uns verhalten, so, wie wir handeln oder oft genug eben nicht handeln, so locken wir keine Menschen an, nicht einmal einen Hund hinter dem Ofen locken wir hervor mit unserer sogenannten Heiligkeit. Jesus sagt ja auch nicht: Eure Handlungen sind das Licht der Welt. Sondern: Ihr seid es. Damit spricht er unser tiefstes Wesen an, unseren innersten Kern, den Teil in uns, wo wir wirklich reine, unschuldige Kinder Gottes sind. Dieser Teil, unser eigentliches, wahres, innerstes Wesen, ist verdunkelt. Eigentlich immer. Aber er ist da, und er ist es, der in uns hört, wie Jesus uns anspricht. Er verhört sich nicht und hört sich nichts zurecht. Es ist die Seite an uns, die sich ansprechen lässt von der Guten Botschaft, und die aufblüht, wenn sie die Worte hört, die Jesus sagt: Du bist ein geliebtes Kind Gottes. Du bist heilig. Du bist gut, und schön, und stark, und Licht der Welt und Salz der Erde.

Weil wir diese Worte hören können, dem weißen Neger Wumbaba zum Trotz, weil wir diese Worte hören können, deshalb sind wir Licht der Welt und Salz der Erde.

Das Licht der Welt sind wir, aber wir haben unser Licht nicht selbst angezündet. Das Licht, das durch uns strahlt, ist die gute Botschaft, die beste Bot­schaft der Welt. Es ist die Botschaft, dass Gott uns gut ist, dass Gott unser Leben trägt, dass Leid und Not und Tod nicht das letzte Wort haben, wie ver­rückt sich diese Welt auch gebärden mag. Es ist die Botschaft, dass der Tod ausgespielt hat, und dass wir deshalb eine Zukunft haben, eine Zukunft jenseits der Beschränkungen dieses Daseins. Und deshalb können wir auch in der Gegenwart froh und gelassen leben.

Wir leuchten nicht aus uns selber. Wir ähneln dem Mond, der sein Licht von der Sonne hat. Er leuchtet auch nicht aus sich selbst, er gibt nur weiter, was er selbst empfängt.

Mir gefällt dieses Bild. Zum einen gibt es mir eine Erklärung, wie Jesus zu uns, zu mir sagen kann: Ihr seid das Licht der Welt. Wo doch in meinem Leben so oft so wenig Strahlendes und Helles ist.

Zum anderen aber: Der Mond hat auch seine Phasen. Manchmal ist er voll und hell, manchmal ist er nur eine schmale Sichel, und manchmal ist er überhaupt nicht zu sehen. Ja, das kenne ich auch von mir: Es gibt Zeiten in meinem Leben, da strahlt Gottes Liebe durch mich hindurch, und andere sehen es und werden angesteckt. Und dann gibt es Zeiten, da ist das Licht wie ausgelöscht, da strahlt nichts, und die Leute fragen sich vielleicht: Was hat er nur?

Und meistens ist es irgendwie dazwischen.

III.

Aber weil ich kein Himmelskörper bin, der ehernen Umlaufgesetzen gehorchen muss, möchte ich das Bild nun wieder ein bisschen verändern. Ich glaube, es ist so: In dem Maß, in dem ich mich selbst dem Licht aussetze, kann ich es weitergeben und weiterstrah­len. In dem Maß, wie ich mir selbst die gute Bot­schaft sagen lasse, geht sie auch durch mich hin­durch. Natürlich ist die gute Botschaft immer da, auch wenn ich selbst sie einmal nicht glauben kann. Und auch wenn es in mir dunkel ist, kann ein Wort, das ich weitersage, einem anderen das Leben hell machen.

Aber um sozusagen in eine vollere Mondphase zu kom­men, ist es als erstes wichtig, dass ich selbst mich dem Licht aussetze. Dass ich die Botschaft höre, dass ich sie verinnerliche, dass ich lerne, darauf zu vertrauen. Dass ich die Botschaft meditiere, immer wiederkäue. Mit anderen Worten: Dass ich mein Leben verändern lasse durch sie, dass ich mich heilen lasse. Jeder Mensch hat da seinen eigenen Weg. Die eine setzt sich hin und meditiert, der andere geht jeden Sonntag in den Gottesdienst, ein dritter liest Bücher oder hört Vorträge und geht auf Seminare. Wichtig ist allein, dass wir uns auf die Bot­schaft einlassen, dass wir uns die Angst nehmen las­sen, dass wir lernen zu vertrauen und loszulassen.

Das ist die erste von den guten Taten, von denen Jesus sagt: die Men­schen werden sie sehen, damit sie – ja, nicht sagen: Ach, wie bist du toll, sondern damit sie unseren Vater im Himmel prei­sen. Da sehen wir schon wieder, dass es nicht darum geht, dass wir besonders gut und toll und lieb sind. Unsere guten Taten tun zuerst uns selbst gut, auch wenn das jetzt ganz ketzerisch klingt.

Es geht bei den guten Taten, von denen Jesus hier spricht, nicht um fromme Leistungen, sondern darum, dass wir uns dem Licht aussetzen, der heilenden Zu­wendung Gottes, dass wir uns gut tun lassen. Das erfor­dert manchmal Konzentration, Übung, ja: Mühe. Es ist nicht leicht, all die Sicherungsmaßnahmen gegen die Liebe loszulassen, die wir um uns herum aufgebaut haben. All die Mechanismen, mit denen wir uns gegen das Leben abschirmen: unsere Ängste, unsere großen und kleinen Neurosen, die sind zäh. Ein Eisblock schmilzt nur langsam, wenn er der Sonne ausgesetzt wird. Aber er schmilzt. So schmel­zen auch unsere Blockaden, wenn wir uns dem Licht der Liebe Gottes aussetzen. Wenn wir uns sagen las­sen: Es ist egal, ob du schön bist oder hässlich, ob du klug bist oder dumm, stark oder schwach. Du bist ein geliebtes Kind Gottes, du darfst sein, wie du bist, du darfst du sein. Und du darfst wachsen, aber das ist erst der zweite Schritt. Zunächst einmal darfst du sein. Ohne Wenn und Aber.

Zum Schluss noch ein Blick auf das andere Bildwort: Ihr seid das Salz der Erde. Es braucht wenig Salz, damit eine Speise schmackhaft wird. Wenige glaubwür­dige Christen haben die Kirche immer wieder davor bewahrt, ganz und gar in Opportunismus, Anpassung und Machtstreben aufzugehen. Und wir selbst müssen keine übermenschlichen Anstrengungen bringen. Das Wenige, was wir geben können, ist genug. Wenn wir es geben. Es ist in Ordnung, auch wenn es wenig ist. Es ist allerdings notwendig, dass es aus dem Salzstreuer rauskommt. Es muss sich auflösen. Die Zeit zum Bei­spiel, die wir einem verzweifelten Nachbarn widmen, ist für uns verloren. Aber sie macht die Welt hel­ler, das Leben würziger. Machen wir uns also keine Sorgen um unser Leben und unsere Wirkung auf die anderen, sondern setzen wir uns der Liebe Gottes aus. Lassen wir es uns sagen, und es wird Wirklich­keit: Ihr seid das Licht der Welt. Ihr seid das Salz der Erde.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

Drei Jahre später, am 14. August 2011:

 

Liebe Gemeinde,

jeder Mensch hat mindestens zwei Paar Augen. Die Augen im Kopf, mit denen wir unsere physische Umgebung wahrnehmen. Und ein Paar Augen, das hinter die Dinge schauen kann. Die Augen der Liebe. Am deutlichsten wird mir das bei einer jungen Mutter. Egal, ob ihr Kind schielt oder abstehende Ohren oder einen schiefen Mund hat – oder ob es beim Baby-Contest einer Boulevardzeitung den ersten Preis gewinnen würde – für die Mutter ist ihr Kind das schönste auf der Welt. Denn sie kann hinter die Fassade schauen. Wenn wir Menschen dieses zweite Paar Augen nicht hätten, dann hätten 95 Prozent aller Menschen keine Chance, jemals einen Partner zu finden – in einer Welt, die immerzu nach Topmodels sucht.

Es gibt einen schönen Spruch, der das zusammenfasst. Er ist leider schon so oft zitiert worden, dass er für viele inzwischen unter die Kategorie „Kitsch“ fällt, aber er ist trotzdem wahr und enthält eine tiefe Weisheit. Vielleicht ahnen Sie es schon. Ich meine die Worte des kleinen Prinzen: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Genau darum geht es. Und in unserer bildersüchtigen Welt, wo und höchst unperfekten Menschen immer und überall Bilder von äußerlich perfekten Menschen entgegenschreien, in dieser Welt ist es umso wichtiger, die Augen des Herzen, die Augen der Liebe zu pflegen. Das Sehen mit den Augen der Liebe zu kultivieren.

Wenn Jesus zu seinen Jüngern sagt: „Ihr seid das Licht der Welt“, dann hat er sie auch mit den Augen der Liebe betrachtet. Die äußeren Augen – was sehen sie? Eine zusammengewürfelte Schar von armen Fischern, Kleinkriminellen, Huren, Desperados, psychisch Auffälligen, Spinnern und Träumern. Keine Elitetruppe, mit der man Staat machen könnte. Keine Ratsversammlung der Weisen und Gebildeten. Ganz normale Menschen mit ihren inneren und äußeren Verwundungen, Menschen wie du und du und ich.

Zu denen sagt er: „Ihr seid das Licht der Welt.“ Und er stellt sie damit auf eine Stufe mit sich selbst, er identifiziert diese ganz normalen Menschen geradezu mit sich. Denn an einer anderen Stelle sagt Jesus von sich: „Ich bin das Licht der Welt.“ Und hier dasselbe zu seinen Jüngerinnen und Jüngern: „Ihr seid das Licht der Welt.“

Damit wir besser verstehen, was das heißt, dieses: „Ihr seid das Licht der Welt“, um das besser zu verstehen, möchte ich erst einen Blick werfen auf das andere Wort, auf das, was Jesus über sich selbst sagt. „Ich bin das Licht der Welt.“

Dieses Wort gehört zu den sieben sogenannten Ich-bin-Worten, die von Jesus überliefert werden. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Ich bin die Auferstehung und das leben. Ich bin die Tür. Ich bin der gute Hirte. Ich bin der Weinstock. Ich bin das Brot des Lebens. Und eben: Ich bin das Licht der Welt.

Ich bin. Wir machen uns das heute gar nicht so bewusst in unserer egozentrischen Welt, was die Menschen damals wohl gehört haben, wenn sich Jesus vor sie hingestellt hat und sagt: „Ich bin.“ Er sagt diese Sätze nicht so dahin. Er zitiert. Er tut etwas, was ziemlich riskant ist, ziemlich anspruchsvoll. Er zitiert den Namen Gottes.

Denn der Gott Israels hat sich dem Mose vorgestellt mit dem Namen: Ich bin. Ich bin der, der ich bin. Ich werde der sein, als der ich mich erweisen werde. Ich bin.

In unserer heutigen Sprache würden wir sagen: Gott stellt sich vor als das Sein selbst.

In diesen Schuh schlüpft Jesus, wenn er sagt: Ich bin. Er sagt es an anderer Stelle ganz ausdrücklich: „Wer mich sieht, sieht den Vater.“ Und die Christen haben diese Aussage aufgegriffen und weitergeführt und sagen: Jesus Christus ist Gottes Sohn, mehr noch: Er ist Gott. In Jesus Christus begegnet uns Gott selbst.

„Ich bin das Licht der Welt.“ Damit geht Jesus zurück bin an den Anfang, bevor Himmel und Erde geschieden waren, das erste Wort, das Gott spricht nach dem großartigen Schöpfungsmythos: „Es werde Licht“. Und es ward Licht. Das Licht der Welt schien auf am Anfang. „Ehe Abraham war, bin ich“, sagt Jesus von sich. Ja, er ist das Wort, das Licht, das Wesen Gottes. In theologischer Sprache: die zweite Person der Gottheit. Gott selbst.

So. Und nun sagt Jesus zu seinen Jüngern: „Ihr seid.“ Ihr seid das Licht der Welt, so wie ich das Licht der Welt bin. Sagt er damit nicht im Grunde: Ihr seid genauso göttlich wie ich?

Ganz genau. Jesus hat uns gelehrt, Gott als unseren Vater anzusprechen. Wir sind Gottes Töchter und Söhne. Und wir haben gelernt, Jesus als Gottes Sohn anzusehen. Wenn wir nun beides zusammenbringen, kommt ganz klar heraus: Wir sind göttlichen Ursprungs. Wir sind Gottes Kinder, wie Jesus Gottes Kind war. Er ist unser älterer Bruder. Und wenn Jesus Gott ist, dann sind auch wir Gott.

Moment mal. Kann man das so sagen? Ist das denn nicht die Ur-Sünde, dass die Menschen sein wollen wie Gott? Ja, in der Tat. Ich würde sogar sagen: Wenn die Menschen sein wollen wie Gott, dann ist das schon die Folge der Ur-Sünde. Denn dann setzen sie schon voraus, dass sie nicht Gott sind, denn sie wollen werden wie Gott. Das ist die Ur-Sünde, dass wir Menschen vergessen haben, dass wir Gott sind, und deshalb versuchen wir alle Mögliche, um zu werden wie Gott. Wir spielen uns auf als kleine Göttlein, wollen bestimmen, wollen Macht und Einfluss, wollen geliebt und verehrt werden, wollen unangreifbar sein, sicher und mächtig. Alles nur, weil wir vergessen haben, dass wir Gott sind.

Jedenfalls, und das ist der wichtige Unterschied, die einzige Bedingung: Jedenfalls mit den Augen der Liebe gesehen, mit den Augen des Herzens gesehen, die hinter die Fassade schauen können, die das Wesentliche sehen. Unser Wesen, das ist göttlich, daran lässt Jesus keinen Zweifel. Unsere Fassade, die ist alles andere als göttlich. Unsere Persönlichkeit, unsere Abwehrmechanismen und Blockaden, unsere Strategien, um uns das Leben vom Leib zu halten, die sind nicht göttlich. Wie schwer tun sich die meisten Menschen schon, ein Kompliment anzunehmen oder eine ehrliche Anerkennung. Sagen Sie mal zu jemandem: „Das hast du wirklich gut gemacht.“ Oder: „Ich mag dich ganz einfach so, wie du bist.“ Dann werden Sie ganz oft eine abwehrende, ausweichende Antwort bekommen. Wir Menschen halten es nicht gut aus, wenn wir etwas Gutes über uns hören.

Dabei stimmt es. Mit den Augen der Liebe gesehen, sind wir alle – du und du und du und ich – wir alle sind gut und schön und stark und vollkommen. Nur müssen wir in unsere Vollkommenheit erst noch hineinwachsen. Und dieses Hineinwachsen, das bedeutet nicht, dass wir etwas dazunehmen müssen, dass wir mehr aus uns machen müssen, im Gegenteil. Es bedeutet, dass wir lernen müssen, wegzulassen, loszulassen. All unsere Selbstzweifel, unsere Abwehr, und all die Strategien, die wir entwickelt haben, weil wir es nicht glauben, dass wir gut und schön uns stark sind. All die Versuche, uns zu dem zu machen, durch Anstrengung und Konkurrenz uns zu dem zu machen, was wir längst sind: geliebte Menschen. Vollkommene Wesen, strahlend in Liebe und Lebendigkeit.

Das ist unsere Ur-Sünde, dass wir das nicht glauben wollen oder können. Und deshalb verstricken wir uns in Versuche, unser Leben zu sichern, unserer Existenz einen Sinn und eine Bedeutung zu geben. Das ist völlig überflüssig. Denn IHR SEID.

Jesus sagt ja nicht: Ihr sollt das Licht der Welt sein. Oder: Wenn ihr tut, was ich euch sage, dann seid ihr das Licht der Welt. Wenn ihr euch anstrengt, wenn ihr geistlich vorankommt, wenn ihr Askese treibt, eure Nächsten liebt, die Gebote haltet, wenn ihr gute Menschen seid – dann seid ihr das Licht der Welt. Nein. Das alles sagt Jesus nicht. Er sagt ganz einfach: Ihr seid es. Punkt. Die Stadt auf dem Berg kann nicht verborgen bleiben. Nicht weil sie so schön herausgeputzt ist, sondern einfach deswegen, weil sie dort oben liegt. Weil ihre Erbauer sie dort oben hingesetzt haben. Selbst wenn sie manchmal lieber unsichtbar wäre, sie kann nicht verborgen bleiben.

Also stellt euer Licht nicht unter den Scheffel. Glaubt es, dass ihr gut seid. Dass ihr geliebt seid. Dass ihr göttlich seid. Glaubt das Evangelium, die gute Botschaft, dass ihr euer Leben nicht selbst machen müsst. Du musst nicht erst jemand werden. Du bist.

Wach auf aus deiner Alltagstrance, die dich davon abhält, dein wahres Wesen zu erkennen.

Und fall dann nicht auf der anderen Seite vom Pferd. Denn das ist vielleicht auch eine Gefahr und ein Grund, weshalb die Aussage: Du bist Gott in der Tradition eher abgelehnt wurde. Wer von sich sagt: Ich bin göttlich, muss immer gleich dazu sagen: Das ist ja gar nichts Besonderes. Denn du und du und du bist es auch. Die Hindus haben eine schöne Geste, wenn sie einander begrüßen. Sie legen die Hände vor dem Herzen zusammen, verneigen sich und sagen: Namasté. Das heißt: Das Göttliche in mir verneigt sich vor dem Göttlichen in dir. Wenn ich mir dessen inne bin, dass auch du göttlich bist, dass du und ich im Grunde, im tiefsten Kern eins sind, dann höre ich auch das Wort von der Nächstenliebe anders und neu: Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du, er ist eins mit dir. Wenn du deinem Nächsten schadest, schadest du der Menschheit und damit dir selbst.

„Ihr seid das Licht der Welt.“ Wer sich das sagen lässt, wer sich selbst und seine Mitmenschen, jeden Einzelnen, als göttlichen Wesens betrachtet, ist ein Licht für diese dunkle Welt. Wer danach lebt, wer sein Licht strahlen lässt und dem Mitmenschen hilft, auch sein Licht zu entdecken und strahlen zu lassen, der wird Dinge tun, die nicht verborgen bleiben können. Die die Leute sehen und dafür den himmlischen Vater preisen, der das Licht in die Welt gesandt hat: Jesus Christus, und dich, und dich, und dich. Ihr seid das Licht der Welt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, dem Licht, unserem Bruder.

Amen.

 

 

Und schleßlich noch einmal drei Jahre später, am 10. August 2014:

 

Liebe Gemeinde,

die Botschaft von Jesus lässt sich ganz einfach zusammenfassen mit einem einzigen Wort: Ja.

Ja, du darfst sein. Ja, du bist geliebt. Ja, du hast ein Recht, die zu sein, die du bist und der zu sein, der du bist. Und dieses Recht kann dir niemand nehmen, denn es kommt direkt von Gott, von dem Ursprung und der Quelle, dem Wesen und Ziel von allem, was ist.

Das heißt nicht, dass alles in Ordnung ist, was du tust. Dass dein Verhalten untadelig wäre. Da gibt es viel zu lernen und zu wachsen und zu tun. Und dazu sagt Jesus ja auch so manches. Aber es heißt, dass dein Recht zu leben, dein Recht zu sein, nicht dadurch verdunkelt wird, dass du etwas Falsches oder Dummes oder Böses tust.

Denn du bist ein Ebenbild Gottes. Du bist sein geliebtes Kind. Du bist nach deinem tiefsten Wesen nichts als Licht und Liebe, so wie Gott nichts ist als Licht und Liebe.

Das ist für uns nicht leicht zu akzeptieren, es ist vielleicht sogar schwer auszuhalten. Denn in uns hausen jede Menge Stimmen, die uns das Gegenteil sagen: Du bist nichts, du taugst nichts, du genügst nicht, du bist schwach, du bist faul, du bist schlecht, du bist böse, und wer bist du eigentlich, dass du dir einbildest, irgendetwas vom Leben zu wollen, wer bist du, dass du meinst, irgendetwas verdient zu haben!

Diese Stimmen kommen natürlich ursprünglich von außen. Aus der Erziehung, aus der Gesellschaft, aus der Schule. Denn so sehr wir uns bemühen, gute Eltern zu sein, es gelingt uns nie ganz. Immer vermitteln wir ungewollt auch die Botschaft: Es genügt nicht. Du bist nicht okay. Und manchmal habe ich den Eindruck, dass wir Menschen für solche niederdrückenden, klein machenden Botschaften besondere Antennen haben. Sie gehen oft viel tiefer als die aufbauenden, liebevollen Worte und Gesten. Warum das so ist, weiß ich nicht. Aber es bleibt wohl eine Tatsache, dass wir Menschen uns meistens nicht als gut und schön uns stark erleben, sondern als minderwertig. Oder, wenn wir das nicht aushalten, blasen wir uns auf und fühlen uns super-gut, super-schön oder super-stark. Und gehen damit auch an der Wirklichkeit vorbei, an der Wirklichkeit dessen, was wir sind.

Damit verdunkeln wir das Licht, das wir sind. Ich stelle mir das so vor: Wir sind dann wie eine Lichtquelle, auf die von außen dunkle Fetzen von Papier geklebt sind. An manchen Stellen kommt das Licht noch durch, dann sind wir liebevoll, freundlich, stark und realistisch. An anderen Stellen wird das Licht zurückgehalten. Da sind wir kalt, lieblos, gemein, unwissend. Und nun stellen Sie sich vor, was weiter passiert, wenn auf so eine Lichtquelle ein dunkler Fleck geklebt wird: An dieser Stelle entsteht ein Schatten. Und so ist es ganz oft mit uns: was wir an uns selbst als problematisch erleben, was wir nicht mögen, wovor wir uns fürchten bei uns selbst, das projizieren wir nach außen. Denn wir fürchten uns davor, uns als schwach zu erleben, als kalt oder lieblos. Denn wenn wir so wären, dann – das haben wir gelernt – dann sind wir nicht liebenswert. Dann werden wir nicht geliebt, sondern abgelehnt. Also projizieren wir: Nicht ich bin kalt, sondern du. Nicht ich bin lieblos, sondern der andere. Nicht ich bin böse, sondern der Feind. Und so kommt es, dass das Dunkel sich ausbreitet.

Aber das alles ändert nichts daran, dass wir im Grunde unseres Wesens Licht und Liebe sind. Noch der schlimmste Verbrecher ist ein Wesen aus Licht uns Liebe, nur ist dieses Licht verdunkelt, die Liebe ist gelähmt.

Und nun kommt Jesus und sagt: Ihr seid das Licht der Welt. Damit spricht er uns in unseren tiefsten Wesen an. Er sagt ja nicht: Ihr müsst das Licht der Welt sein. Oder: Eigentlich könntet ihr das Licht der Welt sein. Nein, er sagt: Ihr seid das Licht der Welt, ihr seid das Salz der Erde. Ihr gebt der Welt Würze und ihr bewahrt sie vor dem Verderben. Starke Worte.

Ja, starke Worte. Wenn wir sie doch nur glauben könnten.

Mit solchen Worten, in dieser Haltung ist Jesus den Menschen begegnet. Mit dieser Haltung hat er sie geheilt, aufgerichtet, getröstet, wieder hereingenommen in die Gemeinschaft. Du bist gesund, sagte er. Du bist geheilt. Und wenn die Lahmen dann ihre Krücken wegwarfen, wenn die Blinden sehen und die Gehörlosen hören konnten, dann sagte er ihnen: Dein Glaube hat dir geholfen. Nicht ich war es, der tolle Wundertäter. Ich habe dir nur gesagt, was deine Wahrheit ist, und du hast daran geglaubt. Das hat dich gesund gemacht.

Und zu anderen sagte Jesus: Deine Schuld ist dir vergeben. Du brauchst dich nicht mehr fesseln zu lassen von der Vergangenheit, von dem, was falsch gelaufen ist. Du brauchst dich nicht mehr lähmen zu lassen von deinen Schuldgefühlen und von dem Urteil deiner Mitmenschen. Steh auf, sei frei, geh!

Und zu Zachäus, dem Oberschurken, mit dem sich niemand an einen Tisch setzen wollte, sagte Jesus: He, ich muss heute bei dir zu Gast sein. Er hielt sich nicht lang damit auf, dem Zachäus die Leviten zu lesen und ihm zu sagen, was der alles falsch gemacht hatte. Er sah in ihm das geliebte Kind Gottes, das im tiefsten Wesen nichts ist als Licht und Liebe. So wie du und du und du und ich.

Und nun kommt das Interessante: Gerade weil Jesus ihn so ohne jeden Vorbehalt ansieht, gerade weil Jesus ihm das zuspricht, was Zachäus in Wirklichkeit ist, nämlich Licht und Liebe – gerade deswegen macht Zachäus in seinem Verhalten eine Kehrtwende. Er gibt zurück, was er anderen abgeluchst hat, und teilt seinen Besitz mit denen, die nichts haben.

So geht das bei Jesus. Deswegen stehen diese Worte am Anfang der Bergpredigt. Die Bergpredigt, das meinen viele, da geht es um steile Forderungen, um den unbedingten Anspruch. Liebe deine Feinde! Und wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. Und macht euch keine Sorgen, sondern trachtet zuerst nach Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit. Und so weiter.

Ja, das stimmt natürlich, all das steht in der Bergpredigt. Aber am Anfang, da stehen keine Forderungen. Da steht der Zuspruch. Die Seligpreisungen. Da heißt es: Glücklich schätzen können sich die, die arm sind vor Gott. Die Leidenden. Die Trauernden. Die sich verzehren nach Gerechtigkeit. Die mit dem reinen Herzen. Glücklich schätzen können sich nicht die, die bei uns als die Glücklichen gelten: die Reichen und Schönen, die von allen beneidet werden.

Glücklich schätzen dürfen sich nach Jesus die, die wissen, wer sie sind, die sich nicht überschätzen und nicht unterschätzen. Die, die wissen, dass sie arm sind. Die, die sich nichts einbilden, sondern ein reines Herz haben. Die Armen und Leidenden, die sich nichts vormachen. Die sind glücklich zu preisen. Und zu denen sagt Jesus: Ihr seid das Licht der Welt.

Und mit ihnen sagt er es zu uns. Auch wenn wir es nicht glauben, auch wenn wir selbst es nicht spüren und nichts davon merken: Wir sind das Licht. In dem, was wir sind. Nicht unbedingt in dem, was wir tun. Du darfst sein, sagt uns Jesus. Du darfst du sein. Du brauchst kein anderer zu sein, sondern sei du. Denn dich hat Gott gemacht als sein Ebenbild, das heißt: Der schöpferische Urgrund des Universums ist in dir zu sich selbst gekommen.

Vielleicht kennen Sie die kleine chassidische Geschichte, in der Rabbi Susja erzählt:

In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: „Warum bist du nicht Mose gewesen?“ Man wird auch nicht fragen: „Warum bist du nicht David gewesen?“

Man wird mich vielmehr fragen: „Warum bist du nicht Susja gewesen?“

Man wird also nicht fragen: „Warum hast du nicht das Maß erreicht, das der größte und gewaltigste Glaubende unserer Religion, der größte und berühmteste König des Volkes gesetzt hat?“ Sondern man wird mich fragen: „Warum hast du nicht das Maß erfüllt, das Gott dir ganz persönlich gesetzt hat? Warum bist du nicht das geworden, was du eigentlich bist?“

Das ist also die eigentliche Aufgabe, die uns durch den Zuspruch von Jesus gestellt wird: Glaube es, dass du Licht bist. Glaube es, dass du du selbst sein darfst. Glaube es, dass Gott dich, und genau dich, meint. Du darfst sein. Du genügst. Du bist okay. Du bist gewollt.

Für die meisten von uns dürfte das eine sehr schwierige Aufgabe sein, das zu glauben. So stark sind die Stimmen, die uns das Gegenteil sagen. Aber genau darum geht es.

Und so ist es wieder einmal beides, wieder einmal ein Paradox: Wir dürfen die sein, die wir sind. Das heißt: Wir dürfen die werden, die wir sind. Und je mehr wir uns dem annähern, je mehr wir verlernen und loslassen, was uns von unserem eigentlichen Wesen abhält, je näher wir uns selbst kommen – desto mehr können  wir auf die anderen zugehen.

Wer zu sich selbst ja sagen kann, der kann viel eher die andere Backe hinhalten als einer, der versucht, das aus Pflichtgefühl und Gehorsam zu tun. Und so können wir auch das Doppelgebot der Liebe verstehen, das höchste Gebot: Liebe Gott, und liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst. Das sagt es ja ganz deutlich: wie dich selbst – wer sich nicht lieben kann, kann auch den Mitmenschen nicht lieben.

Da stellt sich bei uns natürlich so manches auf. Sich selbst lieben, um Gottes willen! Ist die Selbstliebe nicht etwas ganz Schreckliches? Sind Menschen, die nur sich selbst lieben – aha! Da haben wir das Problem. Wir hören bei Selbstliebe ganz leicht: Da liebt jemand nur sich selbst, hält sich für etwas Besseres als die anderen und schaut auf alle anderen herab. Aber genau das ist nicht gemeint. Wer einen anderen liebt, sagt: Schön, dass du da bist. Ich fühle mich wohl in deiner Gegenwart. Übertragen heißt das, wer sich selbst liebt, sagt: Schön, dass ich da bin. Ich fühle mich wohl mit mir selbst. Ein Mensch, der das ehrlichen Herzens sagen und meinen kann, ist ein angenehmer Mensch, der sich nicht verbiegen muss, der sich nicht auf Kosten anderer profilieren muss, der sich nicht dadurch erhöhen muss, dass er andere erniedrigt. Wer sich liebt, braucht andere nicht kleinzumachen. Er kann sich und andere realistisch einschätzen.

Und je mehr wir in diese Selbstannahme hineinwachsen, je mehr wir die sein können, die wir sind, desto mehr können wir loslassen, was ungerecht und ungut ist. So wie Zachäus seine ergaunerten Reichtümer loslassen und abgeben konnte, weil er durch Jesus gelernt hatte, worauf es wirklich ankommt: Dass er sich selbst verstehen lernt als Gottes geliebtes Kind, als gewolltes, erwünschtes Wesen mit einem unendlichen Recht zu sein. Ihr seid das Licht der Welt. Wer das zu begreifen anfängt, dessen Licht strahlt, es kommt hervor unter dem Scheffel. Der wird gute Taten tun, unübersehbar, ohne große Anstrengung. Und die Menschen werden es sehen und den Vater im Himmel preisen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder, dem Licht der Welt. Amen.

 

 

 

Was ist der Mensch?

Fraktal bunt

 

Das Pendant zu meiner Predigt vom 5. August 2018 („Was ist Gott“), gehalten am 26. August 2018 in der Kreuzkirche München-Schwabing und in St. Markus, München-Maxvorstadt.

 

Was ist der Mensch?

Liebe Gemeinde, das ist eine Frage, sicher so alt wie die Menschheit selbst. Ich glaube, seit es Menschen gibt, stellen sie diese Frage. Vielleicht ist sogar das der entscheidende Unterschied zwischen Tier und Mensch: dass der Mensch nach sich fragen kann. Dass er nicht einfach selbstverständlich da ist, halt einfach so. Und die Urgeschichte der Bibel, aus der wir vorhin einen kurzen Ausschnitt gehört haben, geht genau dieser Frage nach: Was ist der Mensch denn eigentlich?

Zunächst einmal: Es gibt, wie viele wissen werden, am Anfang der Bibel nicht eine Schöpfungsgeschichte, sondern zwei. Nach der zweiten, der älteren, ging die Erschaffung des Mensch so: Gott der Ewige machte den Menschen aus Staub von der Erde – so wie ein Bildhauer, der seine Werke aus Lehm herstellt, aus Staub mit Wasser vermischt. Dann aber heißt es: Und Gott blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase, und so wurde der Mensch ein lebendiges Wesen.

Wir haben also Gottes lebendigen Odem in uns, Gottes Atemhauch. Was uns bewegt und was uns lebendig macht, kommt direkt von Gott. Der Körper ist aus Staub, aber das Leben, das den Körper bewegt, ist direkt von Gott.

Und im jüngeren Schöpfungsbericht, im ersten Kapitel der Bibel, steht: Gott sprach: Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei … und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn, und schuf sie als Mann und Frau. Wir Menschen sind also nach dieser Geschichte Gottes Ebenbild, ihm gleich, von seinem Atem belebt.

Und später, im Neuen Testament, sagt Jesus, wir sollen Gott unseren Vater nennen. Nicht nur Gottes Ebenbilder sind wir, wir sind Gottes Kinder. Söhne und Töchter Gottes.

Gottes Kinder. Seit langem schon frage ich mich, wieso die meisten Menschen eigentlich einen grundsätzlichen Unterschied machen zwischen dem Sohn Gottes – sprich: Jesus Christus – auf der einen Seite und den Töchtern und Söhnen Gottes auf der anderen Seite. Ich frage mich, ob Gott zwei Klassen von Kindern hat – hier der eine, der eingeborene Sohn, und da die anderen. Wir halt.

Was sagt die Bibel denn damit, dass sie uns Menschen als Gottes Kinder bezeichnet? Ich stelle mich einmal ganz naiv: Das „Kind“ eines Pferdes ist ein Pferd. Das „Kind“ eines Gorillas ist ein Gorilla. Das Kind eines Menschen ist ein Mensch. Und das Kind Gottes?

Warum sträuben sich eigentlich bei vielen Christen die Nackenhaare, wenn man sagt, dass wir Menschen göttlichen Ursprungs sind, dass wir – tief drin, in unserem wahren, eigentlichen, tiefsten Selbst – dass wir tief drin Gott sind?

Mir ist vor einiger Zeit ein schönes Bild begegnet. Sie haben wahrscheinlich schon mal den Begriff Hologramm gehört, wahrscheinlich haben Sie auch schon mal ein Hologramm gesehen. Das ist ein dreidimensionales Bild, das vor der Platte zu schweben scheint, auf der es gespeichert ist. Technisch funktioniert das Ganze mit Lasern und irgendwelchen Phasenverschiebungen von polarisiertem Licht – fragen Sie mich nicht. Aber so ein Hologramm ist faszinierend. Nicht nur, weil es plastisch ist, dreidimensional. Es ist auch so: Wenn Sie, sagen wir mal, eine Postkarte mit einem Baum drauf zerschneiden, haben Sie zwei halbe Postkarten, eine mit dem Stamm und eine mit der Krone. Wenn Sie ein Hologramm von einem Baum zerschneiden, haben Sie zwei kleinere Hologramme – und auf beiden ist jeweils der ganze Baum zu sehen. Nur eben kleiner und mit weniger Details. Und wenn Sie ein Hologramm in tausend kleine Fitzelchen zerschneiden, haben Sie tausend kleine Hologramme – jeweils den ganzen Baum, nur kleiner und mit weniger Details.

Und nun stelle ich mir vor, dass ich in meinem tiefsten Inneren ein klitzekleines holografisches Fitzelchen von Gott bin – ganz Gott, nur eben viel, viel kleiner und mit viel weniger Details.

Das ist natürlich nur ein Bild, aber wie sollten wir von Gott und unserem Verhältnis zu Gott anders sprechen als in Bildern? Wenn die Bibel uns als Töchter und Söhne Gottes bezeichnet, ist das ja auch ein Bild.

Was ist der Mensch? Ich sage einmal versuchsweise: Eine klitzekleine, holografische Ausgabe von Gott.

 

***

Jaaa – aber!

Ist das denn nicht die Ursünde schlechthin, dass die Menschen sein wollen wie Gott? Haben wir das nicht gerade vorhin in der Lesung gehört, in der Geschichte vom Sündenfall – hat da nicht die Schlange gesagt: „Ihr werdet sein wie Gott“, und damit hat sie die Menschen verführt, gegen Gottes Gebot zu verstoßen?

Hm.

Zunächst mal: Es ist etwas völlig anderes, ob ich sein will wie Gott – oder ob ich demütig und dankbar erkenne: Tief in meinem innersten, wahren Wesen bin ich göttlich. Das gibt ja keinerlei Anlass zur Überheblichkeit, diese Erkenntnis, zumal sie immer ergänzt werden muss durch die weitere Erkenntnis: Wenn ich selbst göttlich bin, dann bist du und du und du das auch – und selbst mein unsympathischer Kollege ist göttlich. Kein Grund, sich irgendetwas darauf einzubilden.

Wer nicht weiß, dass er oder sie im Kern göttlichen Ursprungs und göttlichen Wesens ist, will dann vielleicht werden wie Gott. Das ist etwas anderes. Damit sagt er: Ich bin getrennt von Gott, aber ich will so werden wie Gott. Ich will Anteil haben an seiner Macht und Herrlichkeit. Das ist tatsächlich etwas ganz anderes. Es behauptet gerade die Trennung von Gott und zementiert sie damit.

 

***

Aber lassen Sie uns doch einmal einen genaueren Blick auf die Geschichte werfen, diese Geschichte vom sogenannten Sündenfall.

Zunächst könnte einem auffallen, dass das Wort Sünde überhaupt nicht vorkommt in der Geschichte und auch nicht das Wort Strafe. Es kommt auch der Teufel nicht vor, wie das viele meinen. Es kommt eine Schlange vor, einfach ein Tier, allerdings das schlaueste, das listigste von allen Tieren.

Die Schlange weist Eva auf den Baum hin, von dem sie nicht essen soll. Das ist nun nicht ein x-beliebiger Apfelbaum. Es ist der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Und wer von dem Baum isst, wird wie Gott, das heißt, er kann zwischen Gut und Böse unterscheiden.

Adam und Eva können das noch nicht. Sie wissen den Unterschied zwischen Gut und Böse nicht. Sie leben sozusagen in paradiesischer Unschuld. Unbewusst, wie ganz kleine Kinder. Sollte das wirklich Gottes Plan mit seinen Menschen gewesen sein, mit seinen Ebenbildern? Dass sie immer unwissend bleiben, unbewusst, dass sie zwischen Gut und Böse nicht unterscheiden können? Dass sie immer Kinder bleiben?

Das kann ich mir irgendwie nicht vorstellen. Zumal ich mir auch nicht vorstellen kann, dass Gott nicht weiß, dass etwas, das verboten ist, erst so richtig interessant wird.

Könnte es sein, dass Gott sogar wollte, dass Adam und Eva von dem Baum essen?

Hm.

 

***

Ja, aber. Als sie gegessen haben, werden sie doch bestraft. Oder etwa nicht?

Wie gesagt, das Wort Strafe kommt in der Geschichte nirgends vor. Und ich finde auch sachlich nirgends eine Strafe. Sehen wir noch einmal genauer hin.

Gott hat den Menschen verboten, von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen. „An dem Tag, an dem ihr davon esst, werdet ihr sterben.“

Und, sterben sie? Mitnichten. Die Schlange behält Recht, die sagt: Ihr werdet keineswegs sterben, sondern euch werden die Augen aufgehen und ihr werdet zwischen Gut und Böse unterscheiden können, so wie Gott. Die Schlange sagt also die reine Wahrheit. Sie sterben nicht, aber: Ihnen gehen die Augen auf. Als Erstes sehen sie, dass sie nackt sind. Nicht dass Nackt-Sein etwas Böses wäre. Es ist einfach ein Bild dafür, dass sie ein Bewusstsein für sich selbst bekommen. Se werden erwachsen.

Ja, sie werden bewusst, jetzt können sie zwischen Gut und Böse unterscheiden, und sofort kommt das Gewissen ins Spiel. Das schlechte Gewissen in diesem Fall. Es den bringt Mann dazu, die Schuld auf die Frau zu schieben und es bringt die Frau dazu, die Schuld auf die Schlange zu schieben.

Und dann kommt die Strafe. Oder etwa nicht? Gott verflucht – ja, nicht die „bösen“ Sünder. Er verflucht die Schlange, das hat vermutlich einen tief reichenden religionsgeschichtlichen Hintergrund, den ich heute nicht aufdröseln kann. Und er verflucht den Acker und er kündigt der Frau an, dass sie unter Schmerzen gebären muss.

Ja, so ist das, wenn man erwachsen wird. Dann werden Frauen schwanger, und ein Kind zu gebären ist kein Kinderspiel. Und die Männer (es ist eine Geschichte aus der Zeit des ungebrochenen Patriarchats, deswegen arbeitet nur der Mann für den Lebensunterhalt), die Männer also müssen sich abmühen, um das tägliche Brot zu erwirtschaften im Schweiße ihres Angesichts. Aber das ist keine Strafe. Das ist einfach eine Konsequenz. Ungefähr so, wie wenn eine Mutter ihrem Kind sagt: „Fasse nicht auf die heiße Herdplatte!“ Und wenn das Kind es doch tut und sich Brandblasen holt, dann ist das keine Strafe, sondern eine Konsequenz aus seinem Handeln, seiner Neugier und seinem Forscherdrang, um es einmal positiv zu sagen.

Ich denke, so ist das mit dem Gebären und dem Schweiß des Angesichts. Die paradiesische, kindliche Unschuld ist verloren, es führt auch kein Weg mehr zurück – das beschreibt die Bibel mit dem Bild, dass ein Wächterengel mit Flammenschwert vor dem Eingang des Gartens Eden postiert wird.

Die Menschen sind nun also erwachsen. Sie sind ausgetrieben aus dem Paradies – ich finde es übrigens sehr bemerkenswert, dass man bei einer Geburt auch sagt: Das Kind wird ausgetrieben aus dem Mutterleib. Aber das nur am Rande.

Und was macht Gott? Weit entfernt davon, die Menschen zu strafen, kümmert er sich liebevoll um sie. Höchstpersönlich macht er ihnen Kleider aus Fell, damit sie nicht frieren müssen, und er lehrt sie den Ackerbau, damit sie sich ernähren können, jenseits von Eden.

 

***

Was bleibt also: Die Menschen müssen sich abmühen, sich schützen gegen Kälte und Hunger und gegen Neid und Streit. Sie entwickeln Abwehrstrategien und Charakterpanzer, und mit der Zeit verschwindet der göttliche Kern hinter einer immer dickeren Kruste aus Gewohnheiten, aus Egozentrik und Neurosen. Die sind nicht göttlich, die sind allzu menschlich. Und doch: Der innerste göttliche Kern bleibt. Und manchmal blitzt ein kleines Stück unserer eigentlichen Wesens und unseres ursprünglichen Glanzes hervor: Dann, wenn wir wirklich in der Liebe sind. Denn Gott ist die Liebe.

Und deshalb verstößt Gott auch seine Kinder nicht. Im Gegenteil. Er liebt seine Kinder so, dass er selbst eins von ihnen wird. Und indem Gott Mensch wird, ist vollends klar, dass das Menschliche in Gott aufgehoben ist, seinen Platz hat im innersten Herzen Gottes. Und so beginnt die Geschichte der Versöhnung. Aber das ist eine andere Geschichte. Für heute soll es genug sein.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder, dem Erstgeborenen. Amen

 

Das Ammenmärchen vom Sündenfall

Sündenfall

 

Am kommenden Sonntag will ich also über das Thema „Was ist der Mensch“ predigen. Als Lesung habe ich die Geschichte vom „Sündenfall“ aus Genesis 3 ausgewählt – warum, das merkt ihr dann, wenn ihr die Predigt lest 😉 .

Zur Vorbereitung habe ich geschaut, was ich zu dieser Geschichte so auf der Festplatte habe, und festgestellt: Ich habe über diese Geschichte ein einziges Mal gepredigt, und zwar vor 16 Jahren. Heute würde ich zwar manche Sätze anders formulieren, aber im Großen und Ganzen kann ich noch gut dazu stehen. Hier als die Predigt über das Ammenmärchen vom Sündenfall.

 

Gen 3, 1–24    am 4. August 2002 in Grünwald

Sie kennen sie sicher: die Geschichte von Adam und Eva und dem Apfel. Es ist eine sehr wichtige Geschichte, die aber – so meine ich – allzu oft allzu falsch erzählt worden ist. Meistens wird sie nämlich als Ammenmärchen erzählt, das dazu dienen soll, Kinder brav und ruhig zu halten.

So geht das Ammenmärchen: Am Anfang, als Gott die ersten Menschen, Adam und Eva, gemacht hatte, war alles gut und in voller Harmonie. Sie lebten im Garten Eden, im Paradies. Aber in diesem Paradies gab es einen Baum, von dem die Menschen nicht essen durften. Gott hatte es verboten. Und meistens wird die Geschichte so erzählt, dass der Baum etwas mit Sex zu tun hat: So als würde einer, der einen der Äpfel dieses Baumes isst, plötzlich seine Sexualität entdecken.

Und dann kommt der Teufel und verlockt Eva, gegen das Verbot Gottes einen der Äpfel zu essen. Sie tut es und gibt ihrem Mann auch etwas davon ab. Jetzt ist also der Sex in der Welt und damit die Sünde (so jedenfalls ist die grundfalsche Version der Geschichte, die häufig erzählt wird). Gott kommt natürlich dahinter und schmeißt die beiden raus aus dem Paradies, weil sie gegen sein Verbot gehandelt haben.

Ich finde es sehr schade, dass diese Geschichte immer wieder als Ammenmärchen erzählt wird. Denn so wird völlig verdeckt, worum es in ihr eigentlich geht. Es geht nämlich darum, dass den Menschen die Augen aufgehen. Natürlich ist die Geschichte niemals so geschehen, wie sie in der Bibel steht. Trotzdem geschieht sie jeden Tag. Es ist nämlich eine von den Geschichten, die zeigen wollen, wie die Menschen sind. Deswegen heißen die Hauptpersonen auch Adam (das heißt auf Deutsch einfach „Mensch“) und Eva (zu Deutsch: „Mutter“).

Ursprünglich lebten die Menschen im Garten Eden. Sie mussten sich um nichts kümmern, alles war im Überfluss vorhanden. Ich sehe das als ein Bild für die Kindheit. Als ich klein war, musste ich mich  um nichts kümmern. Allenfalls musste ich mal schreien, um auf mich aufmerksam zu machen. Aber sonst war eigentlich immer alles da, was ich brauchte, ohne dass ich groß was unternehmen musste. Aber ich war eben auch noch ein Kind und hatte nicht viel Ahnung von der Welt und vom Leben.

Und nun wird erzählt, dass in der Mitte des Gartens ein besonderer Baum steht, der „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“. Es heißt, wer von diesem Baum isst, der weiß Bescheid, was gut ist und was nicht. Das ist eigentlich doch etwas Erstrebenswertes. Kleine Kinder wissen noch nicht, was gut und böse ist. Sie wissen nur, was sie wollen. Das ist für sie gut, egal, wie es sich für die anderen auswirkt. Je erwachsener ein Mensch wird, desto mehr muss er selbst entscheiden, und desto mehr muss er auch an die anderen denken. Ist das, was ich will, nur gut für mich, oder auch für andere? Für die Gemeinschaft? Und da muss ich für mich geklärt haben, was gut ist und was nicht.

Nun kommt die Schlange. Sie ist „das klügste von allen Geschöpfen, die Gott gemacht hatte“. In der Bibel ist keine Rede vom bösen Teufel, es geht nur um ein kluges Geschöpf. Die Schlange spricht Eva an, die noch nicht so klug ist, denn sie kann noch nicht einmal gut und böse unterscheiden. „Wenn ihr von den Früchten dieses Baums esst, werden euch die Augen aufgehen, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ Das will Eva natürlich ausprobieren, sie pflückt eine Frucht, isst sie und gibt ihrem Mann auch etwas davon (der wäre sonst dumm geblieben!).

Und tatsächlich: Ihnen gehen die Augen auf, und sie werden erwachsen (und weil zum Erwachsenwerden natürlich die Sexualität gehört, werden die beiden sich ihrer Sexualität bewusst – aber das ist keine Sünde). Die Frau wird Kinder bekommen, und das wird sehr schmerzhaft sein für sie. Der Mann muss arbeiten und sich abschuften, um die Brötchen ranzuschaffen. So ist es eben, wenn man groß wird (oder so war es damals, heute arbeiten die meisten Frauen ja auch und haben die doppelte Belastung). Hätten sie nicht von dem Baum der Erkenntnis gegessen, würden sie bis in alle Ewigkeit Kinder bleiben. So aber werden sie erwachsen und bekommen mit, dass das Leben nicht nur Zuckerschlecken ist. Dass es brutale Gesetze gibt in dieser Welt: ”Haste was, dann biste was”, oder ”Der Ober sticht den Unter”, oder ”Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben”.

Wäre es denn gut gewesen, wenn sie nicht von dem Baum gegessen hätten? Wenn sie nicht gelernt hätten, zwischen gut und böse zu unterscheiden? Wenn sie ewig Kinder geblieben wären? Ich glaube nicht, dass Gott das wollte.

Diese Erzählung hat den Namen: die Geschichte vom „Sündenfall“. Es scheint also um das Ereignis zu gehen, durch das die Sünde in die Welt gekommen ist. Aber das stimmt nur in einer Hinsicht: Wer nicht zwischen gut und böse unterscheiden kann, für den gibt es auch keine Sünde. Wer nicht weiß, was böse ist, kann nicht bewusst Böses tun. Erst wenn wir Menschen Maßstäbe haben für das, was richtig und falsch ist, können wir von Sünde, von Schuld, von Verfehlung reden. Einem Kleinkind kann man keine ernsthaften Vorwürfe machen, wenn es zum Beispiel etwas kaputtmacht. Das kann man erst, wenn es weiß, dass es einem anderen Menschen weh tut, wenn es so etwas macht.

Es ist absolut notwendig, dass ein Mensch lernt, zwischen gut und böse zu unterscheiden. Und dazu ist es sogar notwendig, auch mal etwas falsch zu machen. Das Kind kann nur lernen, dass es einem anderen weh tut, wenn es ihm tatsächlich mal ein Matchbox-Auto über den Schädel gehauen hat. Wir können die Grenzen, die wir beachten müssen, nur dann wirklich erkennen, wenn wir sie auch einmal überschritten haben.

Das Ammenmärchen sagt: Dadurch, dass die Menschen Gott ungehorsam waren und von der verbotenen Frucht gegessen haben, ist die Welt so schlecht geworden, wie sie heute ist. Ursprünglich war sie gut, ein Paradies eben, und jetzt gibt es Krieg und Gewalt und Hungersnöte – alles nur, weil die ersten beiden Menschen nicht folgsam waren. Aber so verhält es sich nicht. Die beiden – und das heißt: du und ich – haben eine Grenze überschritten, die Grenze von der Unbewusstheit zum Bewusstsein. Nun haben sie eine Ahnung von gut und böse. Ein Tier hat diese Ahnung nicht. Ein Tier kann Schmerz empfinden, aber es kann nicht darunter leiden, dass die Welt unvollkommen ist. In dem Moment, wo die Menschen Bewusstsein entwickeln (in der Geschichte: vom Baum der Erkenntnis essen), können sie unterscheiden. Sie beginnen, an den schlimmen Seiten der Welt – und an ihren eigenen – zu leiden. Das Paradies ist verloren, die Menschen leben jenseits von Eden. Und es gibt keinen Weg zurück. Wer einmal bewusst geworden ist, kann nicht wieder unbewusst werden. Es ist nicht alles so, wie es sein könnte, und vor allem wir Menschen sind nicht immer so, wie wir sein könnten. Das können wir nicht aus unserem Bewusstsein löschen.

So geht die Geschichte, wenn sie nicht als Ammenmärchen erzählt wird. In der ganzen Geschichte kommt kein einziges Mal das Wort „Sünde“ vor. Und kein Vorwurf. Und keine Strafe. Martin Luther hat in der Rede Gottes am Ende andauernd das Wörtchen „soll“ verwendet. Das gibt es im Hebräischen gar nicht. Korrekt übersetzt, heißt die Stelle: „Weil du von dem Baum gegessen hast, von dem ich gesagt habe: Iss nicht davon!, deswegen wird der Acker für dich zum Fluch werden. Du wirst dich mühsam ernähren. Dornen und Disteln wird dein Acker tragen. Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen müssen.“ So ist es. Keine Strafe, sondern die Konsequenz daraus, dass du kein Kind mehr bist. Und weil die Welt für die Menschen nun unwirtlicher geworden ist, versorgt Gott sie mit Kleidern und Ackerbautechnik. Er geht mit ihnen, und eines Tages wird er einer von ihnen, einer von uns Menschen. So dass wir eines Tages nicht mehr nur zwischen gut und böse unterscheiden können, sondern uns entscheiden können – für das Gute. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Erwählt

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Predigt über 2. Mose 19, 1–6

Ein Versuch, die Entwicklungsstufen aus „Gott 9.0“ auf einen Predigttext anzuwenden – ursprünglich gehalten am 20.August 2017 in St. Markus

Im dritten Monat nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, an diesem Tag kamen sie in die Wüste Sinai. Sie brachen auf von Refidim und kamen in die Wüste Sinai, und Israel lagerte sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge. Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der Herr rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.

 

Liebe Gemeinde,

Gott bleibt sich immer gleich, vermutlich. Aber wie wir Menschen von Gott reden, wie wir ihn uns vorstellen, was für Bilder wir von Gott haben, das ändert sich. Es ändert sich im Lauf eines Lebens und es ändert sich im Lauf der Geschichte der Menschen. Und in der Bibel können wir diese Veränderungen gut studieren.

Da ist am Anfang ein Mann, Abraham, der hatte etwas, was wir heute eine Gotteserfahrung nennen würden. Gott begegnet ihm, im Traum oder wie auch immer, das wissen wir nicht so genau. Jedenfalls berichtet Abraham, dass Gott zu ihm gesprochen habe und ihm viele Nachkommen und ein gutes Leben auf der Erde verspricht. An diesen Gott hält sich Abraham natürlich, und so gibt es also einen Gott Abrahams. Dieser Gott ist ganz auf den einen Mann bezogen, und wohl auch noch auf seine Familie. Es ist ein sehr persönliches und etwas enges Gottesbild. Die Nachbarn haben andere Götter, Abraham hat seinen eigenen. Die Menschen in den Städten beten viele Götter an, Abraham hat diesen einen. Den Gott Abrahams.

Aber dabei bleibt es nicht. Der Predigttext, den ich vorgelesen habe aus dem 2. Buch Mose, der zeigt den Beginn eines neuen Stadiums. Gott ist jetzt nicht mehr nur der Gott eines Einzelnen oder einer Sippe. Gott hat sich nun ein ganzes großes Volk erwählt. Er hat sie aus der Knechtschaft, aus der Sklaverei in Ägypten befreit und versprochen, sie in ein eigenes, wunderbares Land zu führen.

Mit dieser Geschichte werden wir Zeugen, wie Gott einen Bund schließt, wie es in der Bibel heißt. Gott erwählt sich das Volk, es ist sein Eigentum, das er beschützt, und im Gegenzug verpflichten sich die Menschen, bestimmte religiöse und ethische Regeln einzuhalten. Unmittelbar nach dem Kapitel, aus dem unsere heutige Geschichte stammt, wird erzählt, wie Mose die Zehn Gebote erhält, sozusagen das Grundgesetz des Volkes Israel.

Gott ist nun nicht mehr nur der Gott Abrahams, des Stammvaters. Gott ist der Gott Israels, eines großen Volkes, das aus zwölf Stämmen besteht. Andere Völker haben andere Götter. Die Bibel bestreitet in diesem Stadium überhaupt nicht, dass es diese anderen Götter wirklich gibt. Baal und Ischtar und Marduk, Isis und Osiris, die gibt es wirklich. Nur: Anbeten dürfen die Israeliten sie nicht. Anbeten dürfen sie nur ihren eigenen Gott, nur ihm dürfen sie dienen, nur ihm dürfen sie opfern, nur zu ihm dürfen sie beten und nur ihn dürfen sie um Hilfe bitten. Da ist er eigen. Umgekehrt hat niemand anders das Recht, sich an diesen Gott zu wenden. Er ist allein und ausschließlich Israels Gott. Man kann sagen, die Vorstellung von Gott ist nicht mehr egozentrisch, also auf das einzelne Individuum bezogen, sondern ethnozentrisch, also auf eine bestimmte Gruppe bezogen, auf ein Volk.

Allerdings ist es auch dabei nicht geblieben. Wenn das heute noch so wäre, dann würden wir hier in Deutschland immer noch Thor und Odin anbeten, oder vielleicht Jupiter und Mars, Venus und Diana, die Götter der Römer, die weiland dieses Land erobert haben.

Aber es kam anders. Schon im Alten Testament gibt es Geschichten, die darauf abzielen, dass Gott nicht nur der Gott dieses einen Volkes ist, sondern dass er auch die anderen Menschen meint und sich auch den anderen Menschen zuwendet.

Und dann, im sogenannten Babylonischen Exil, tritt ein Theologe auf, der einen ganz neuen Gedanken hat. Er sagt: Es gibt überhaupt nur einen Gott. Der Gott, den Israel anbetet und der sich Israel erwählt hat, ist der einzige, wahre Gott. Es gibt nur einen. Die anderen sind nichts als Stein und Metall und Holz, von Bildhauern gemacht. Unser Gott, den man nicht sehen kann, der im höchsten Himmel wohnt, der ist der einzige Gott. Dieser Theologe hat so eine neue, bahnbrechende Idee entwickelt: den Monotheismus, das heißt die Lehre, dass es überhaupt nur einen einzigen Gott gibt.

Dieser Gott ist der Gott, der mit Israel seinen Bund geschlossen hat. Sein Tempel ist in Jerusalem auf dem Berg Zion, und am Ende der Zeiten werden die Menschen aus aller Herren Länder in einer großen Wallfahrt zum Zion kommen und diesen einen Gott in seinem Tempel anbeten. Gott wird also schon sehr umfassend gedacht, trotzdem ist das Gottesbild noch sehr ethnozentrisch – auf das Volk Israel bezogen. Israel und vor allem Jerusalem, der Zion, das ist der Mittelpunkt.

In diesem Volk wird fünfhundert Jahr später Jesus geboren, und er wächst heran und lernt neben seinem Handwerk auch die Bibel zu lesen. Er ist ein Schriftgelehrter und wahrscheinlich gehört er auch der Schule der Pharisäer an.

Jesus hat ein ganz neues, ganz eigenes Verhältnis zu Gott. Ja, Gott ist der himmlische König, aber gleichzeitig ist er ganz nah und liebevoll. Abba, sagt Jesus zu ihm, Papi. Und die Liebe dieses Vaters ist nicht auf die Guten beschränkt und nicht auf ein bestimmtes Volk. Jesus sagt: „Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“, ohne Ansehen der Person, der Nation und der Religion. Jesus stellt den Samaritaner als Vorbild hin, den die frommen Juden als Ketzer und Ungläubigen bezeichnen, und er sagt von einem römischen Zenturio: „Einen so großen Glauben wie bei diesem Mann habe ich in ganz Israel nicht gesehen.“ Und er betont, dass bei Gott nicht die richtige Konfession und die richtige Liturgie zählt, sondern es zählt, ob ein Mensch etwas von der Liebe begriffen hat und sie umsetzt. Ganz so, wie wir es im Evangelium gehört haben: Das höchste Gebot, das besser ist als alle Opfer, das ist die Liebe: die Liebe zu Gott, dem Großen Ganzen, und die Liebe zu den Mitmenschen, und der liebevolle Umgang mit sich selbst.

Jesus bringt das weltzentrische Verständnis von Gott, und ein paar Jahre später reißt Paulus die Grenzen zwischen dem Volk Israel und dem Rest der Welt noch weiter ein, er bringt den Glauben an diesen Einen Gott aus dem Nahen Osten nach Europa.

Und heute verstehen viele, dass das Verständnis von Gott sich noch einmal erweitern muss. Wir sind heute so intensiv mit Menschen aus aller Herren Länder vernetzt, wir kennen andere Religionen nicht nur vom Hörensagen, sondern können ihnen jederzeit in unserem Alltag begegnen. Viele stellen fest, dass Menschen, die einer anderen Religion angehören, genauso ernsthaft nach Gott fragen, ihren Mitmenschen genauso mit Liebe und Respekt begegnen, manche vielleicht sogar mit mehr Liebe und Respekt als viele von uns Christen. Mögen sie andere Namen für Gott haben, entscheidend ist doch, dass sie die Liebe leben. Wenn ich Jesus beim Wort nehme, dann muss ich sagen: Ein Hindu oder Muslim oder Atheist, der seinen Mitmenschen in Liebe und Respekt begegnet, ist Gott näher als ein Christ, der andauernd den Namen Gottes im Mund führt, sich im Alltag aber rücksichtslos und lieblos verhält.

Und was ist nun mit der Erwählung? Ist Israel nicht mehr Gottes erwähltes Volk? Ich denke, wir Christen tun gut daran, unseren jüdischen Schwestern und Brüdern hohe Achtung und tiefe Liebe entgegenzubringen. Sie sind unsere älteren Geschwister, in diesem Volk sind zum ersten Mal in der Geschichte unserer Welthalbkugel die Gedanken aufgekommen, dass es nur diesen einen Gott gibt und dass man den Willen dieses Gottes mit einem Wort zusammenfassen kann: Liebe. Das ist die besondere Bedeutung des Volkes Israel und der Menschen jüdischen Glaubens. Aber Gottes Liebe geht viel weiter. Seine Erwählung funktioniert nicht so, dass er einige auswählt und die anderen hinten runterfallen lässt. Nein, Gott hat uns alle erwählt, allen Menschen dieser Welt gilt seine Liebe – wie könnte es auch anders sein! Alle Menschen dieser Welt sind noch lange nicht genug, um Gottes Liebe aufzusaugen, sie ist immer noch weiter und größer und will sich immer noch weiter verströmen, in alle Ecken der Erde, zu allen Menschen.

Damit, zugegeben, bürste ich große Teile der Bibel gegen den Strich. Gerade in der Hebräischen Bibel, im Alten Testament, wird sehr klar die Überzeugung ausgedrückt, dass Gott eben dieses Volk erwählt hat und die anderen nicht. Dass Gott dieses Volk – aus welchen Gründen auch immer – allen anderen Völkern und allen anderen Menschen vorzieht.

Und ich denke, die Bibel gegen den Strich bürsten, das muss ich auch tun. Ich folge damit Jesus, zum Beispiel in der Bergpredigt. „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten Lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde!“

Damit bürstet Jesus selbst schon die Hebräische Bibel gegen den Strich. Liebt eure Feinde. Damals, zur Zeit des Mose, waren Feinde eigentlich keine richtigen Menschen. Man konnte sie aus tiefstem Herzen hassen und sich freuen, wenn sie ins Verderben stürzten. „Singt dem Herrn, denn er ist hoch erhaben, Ross und Reiter warf er ins Meer“, singt Deborah, die Schwester des Mose, nach der Rettung am Schilfmeer, nach dem Auszug aus der Knechtschaft.

Bei aller Mitfreude darüber, dass das Volk aus der Sklaverei befreit wurde, fragen wir uns heute doch auch: Diese Tausende ägyptischen Krieger, die da jämmerlich ersoffen sind – waren das keine Menschen? Hatten sie nicht Frauen und Kinder, Eltern und Freunde? Können wir wirklich über einen Sieg in irgendeinem Krieg jubeln?

Der Gott des Alten Testaments ist über weite Strecken ein Kriegsgott. Er führt die Kinder Israel, sein erwähltes Volk, nicht nur aus der Sklaverei, er führt sie auch in ein neues Land, das er ihnen schenkt. Das Problem aus heutiger Sicht: In diesem Land lebten schon Menschen, die nicht begeistert waren, als da Fremde ankamen und ihnen ihre Äcker und Felder, ihre Städte und Dörfer wegnehmen wollten, um sie selbst zu bebauen und zu bewohnen. Doch der Gott des Alten Testaments fackelt nicht lang: Die Bewohner der Landes werden ausgerottet, entweder unterstützt Gott die israelischen Invasoren oder Gott erledigt das gleich selbst. Diese Kriegsgeschichten, diesen Gott, der befiehlt, die Gegner komplett auszurotten, niemand am Leben zu lassen – an den kann und will ich heute nicht mehr glauben.

Durch Jesus haben wir gelernt, dass es nicht darauf ankommt, den eigenen Vorteil zu suchen, sondern Versöhnung und Ausgleich. Wenn Erwählung heißt: Gott liebt die einen und die anderen sind ihm bestenfalls egal, dann passt das nicht zu dem liebenden Gott, zu dem Papi, von dem Jesus gesprochen hat.

Wir jemand der Überzeugung ist: Ich bin erwählt und die anderen sind egal, das hat fatale Folgen, egal welcher Religion die betreffenden angehören. Die Kämpfer des IS fühlen sich im Recht, wenn sie angeblich Ungläubige, die Gott angeblich verworfen hat, abschlachten. Weil Gott es ihrer Meinung nach so will.

Und ich weiß, es ist ein heikles Thema. Aber wenn sich ein moderner Staat Israel heute noch darauf beruft, dass Gott dem Volk Israel das Land geschenkt hat, wenn er daraus das Recht ableitet, andere Menschen zu unterdrücken und zu benachteiligen, dann führt das nicht zum friedlichen Zusammenleben der Menschen im Nahen Osten. Das hat damals schon nicht funktioniert. Wie soll es heute funktionieren, in einer hochkomplexen Welt mit Waffen, gegen die die damaligen Schwerter und Streitwagen sich ausnehmen wie Kinderspielzeug.

Ich glaube, wir haben nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, die Bibel nicht einfach wörtlich zu nehmen. Es geht darum, die Entwicklungslinien, die sich in der Bibel selbst abzeichnen, aufzugreifen und weiterzuführen: Von der Exklusivität einer Erwählung, die sagt: Wir sind erwählt, wir sind Gottes Kinder, und ihr nicht, ihr seid verworfen und verloren – von dieser Exklusivität müssen wir zu einer Inklusivität kommen. Zu der Überzeugung, dass Gott alle Menschen ohne Unterschied liebt und annimmt und das Beste für sie will. Da ist kein Platz mehr für eine Haltung, die andere ausschließt, auch wenn die Bibel in weiten Teilen von einer solchen Ausschließlichkeit geprägt ist.

So verstehe ich Jesus, so verstehe ich den Auftrag der Kirchen in der Welt: Einzutreten für Versöhnung und Ausgleich, weil Gott uns berufen hat zur Liebe.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, der Mensch gewordenen Liebe Gottes.