Was ist die Hölle?

Hölle zugeschnitten

Predigt am 31. März 2019

 

Was ist die Hölle?

Liebe Gemeinde, wenn es nach Dante Alighieri geht, ist die Hölle ein riesiger, trichterförmiger Krater, der bis zum Erdmittelpunkt reicht. Entstanden ist er, als Luzifer vom Himmel auf die Erde stürzte. Er, der einstmals Oberste der Engel, war von seiner Macht so besoffen, dass er sich an Gottes Stelle setzen wollte. Daraufhin wurde er gestürzt, und er schlug auf der Erde mit solcher unglaublicher Wucht auf, dass er sich bis zum Erdmittelpunkt rammte. Das dabei verdrängte Erdreich kam dann auf der anderen Hemisphäre der Erde wieder heraus und bildet den Berg der Läuterung, an dessen Spitze das Paradies liegt. So viel zur mittelalterlichen Höllengeografie.

Der Krater zieht sich in zehn Ringen oder Kreisen hinab. Der oberste Kreis ist noch die Vorhölle. Da sind die zu finden, die in ihrem Leben lau und unentschieden waren. Die Saft- und Kraftlosen, die nicht selbst gelebt haben, sondern sich haben leben lassen von anderen. Der erste Kreis der Hölle ist dann für die reserviert, die zwar anständige und auch weise Menschen waren, aber Christus nicht kannten, so dass sie nicht durch den Glauben an ihn erlöst werden konnten. Dazu gehören zum Beispiel die Kinder, die ungetauft gestorben sind, dazu gehören aber auch die antiken Dichter und Philosophen. Selbst wenn sie noch so edel und weise waren – sie haben keine Chance, ins Paradies eingelassen zu werden. Verzehren müssen sie sich In ewiger, vergeblicher Sehnsucht nach dem Heil und danach, in Gottes Gegenwart sein zu dürfen.

Und dann beginnt die eigentliche Hölle. Stufe für Stufe, Kreis für Kreis geht es weiter hinab ins Inferno, weiter hinab in die höllischen Phantasien des Autors. Für jede Sorte von Sündern gibt es eine eigene Abteilung, und alle werden mit ausgesuchten Qualen und Foltern gepeinigt, die jeweils zu ihrer Sünde passen. Nur drei Beispiele: Mörder und Räuber stecken in einem kochenden Strom von Blut und wenn sie versuchen zu entkommen, werden sie von Dämonen wieder zurückgetrieben. Gotteslästerer liegen ausgestreckt auf glühend heißem Sand und werden von Feuerflocken berieselt. Die Verräter dagegen stecken erstarrt fest im ewigen Eis.

Im untersten Kreis der Hölle steckt Luzifer selbst im eisigen Boden. Mit seinen drei Mäulern zermalmt und frisst er unaufhörlich die drei größten Verräter der Geschichte: Judas, der Jesus ausgeliefert hatte, sowie Brutus und Cassius, die beiden verräterischen Mörder Cäsars.

Die Bilder erinnern an die Gemälde von Hieronymus Bosch, Ausgeburten einer wahrhaft höllischen Phantasie, die entweder von Angst zeugt – Angst vor so schlimmen Strafen, die noch dazu ewig andauern. Oder sie ist getrieben von Hass und Schadenfreude: Seht ihr, so ergeht es denjenigen, die sich nicht anständig benehmen.

Im Mittelalter mag das vielleicht seine Berechtigung gehabt haben. Die Menschen lebten in einer Welt, die von Gewalt und Krieg geprägt war, von Mord und Totschlag, sie wurden heimgesucht von Feinden, ohne zu wissen weshalb, und es ist verständlich, dass sie auf einen gerechten Ausgleich ihres Leidens im Jenseits hofften.

Außerdem hatten sie keine Ahnung von den Abgründen des Unbewussten. Ich als heutiger Mensch tue mir schon schwer, so eindeutig zu unterscheiden zwischen Bösen und Guten, zwischen Sündern und Gerechten. Läuft die Grenze denn wirklich zwischen den Menschen – hier die Bösen, da die Guten? Du bist gut, du bist böse? Ich meine, die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft doch vielmehr mitten durch mich hindurch, durch jeden einzelnen Menschen. Wie kann ich sagen: Dieser Mensch ist eindeutig böse, und der dagegen ist ganz klar gut und gerecht!?

Ich will damit nicht sagen, dass es das Böse nicht gibt. Aber wo beginnt es und wo endet es? Wer kommt in die Hölle und wer in den Himmel? Was ist mit dem, der zu 49 Prozent gut ist und zu 51 Prozent böse – und umgekehrt: Was ist mit dem, der ein ganz klein wenig mehr Böses in sich hat als Gutes? Sie sehen, schon diese Überlegung ist absurd. Abgesehen davon, dass es nahezu unmöglich ist, genau zu unterscheiden, was nun wirklich gut ist und was echt böse, wissen wir heute doch auch einiges darüber, woraus böse Motive und Absichten und Handlungen entstehen. Welche unbearbeiteten Traumata beispielsweise einen Menschen zum Mörder machen können. Wer wollte entscheiden?

Gut, natürlich, es heißt: Gott entscheidet, und Gott kennt die Seele der Menschen bis in ihre tiefsten, geheimsten Regungen. Aber gerade wenn Gott uns so gut kennt – kann er einen Menschen wirklich verurteilen, kann er eines seiner Kinder, die er doch aus Liebe geschaffen hat, der ewigen Folter, der niemals endenden Peinigung überantworten? Was wäre das für eine Liebe?

Der Gott, den Dantes Vision voraussetzt, ist der unerbittlich gerechte Patriarch, der majestätische König, der Gesetze gegeben hat, die unbedingt einzuhalten sind – ansonsten drohen eben diese unendlichen Qualen. Ein strenger, männlicher Gott, ein Vater, dessen Gerechtigkeit weit größer ist als seine Barmherzigkeit und Liebe. An einen solchen Gott kann und will ich nicht glauben und einen solchen Gott kann und will ich nicht predigen. Natürlich, in der Bibel gibt es viele Worte und Bilder, die ebenfalls einen solchen Gott zeigen. Auch von Jesus sind Aussprüche überliefert wie: „Den aber werft hinaus in die äußerste Finsternis, da wird sein Heulen und Zähneklappern!“ Oder: „Da wirst du in die Hölle geworfen, wo dein Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt.“ Auch Jesus scheint so gedacht und gesprochen zu haben, jedenfalls in manchen seiner Predigten. In anderen sagt er aber etwa: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Sollte Gott von uns verlangen, unsere Feinde zu lieben, um dann selbst seine eigenen Kinder so unerbittlich zu strafen?

Ich halte es hier mit Martin Luther, der sinngemäß gesagt hat: „Wenn ich ein biblisches Wort nicht verstehe und damit nicht leben kann, dann fliehe ich mich zu einem anderen biblischen Wort, das mir die Liebe und Gnade Gottes in Christus zusagt. Das tröstet mich.“

In der Tat, es ist eine Entscheidung, welchen der oft widersprüchlichen Worte der Bibel ich mein Vertrauen schenke. Den Gerichtsdrohungen oder den Bildern von der überschwänglichen Liebe und Großzügigkeit Gottes.

Und es ist eine Frage, wie ich mir Gott vorstelle. Ist Gott ein höchstes Wesen, das Gefühle hat, das Zorn und Rache kennt? Oder ist Gott die Tiefe des Seins, das Geheimnis der Welt, ist Gott die Quelle und Urkraft des Lebens und der Liebe? Wer schon einmal eine meiner Predigten gehört hat, wird wissen, dass ich zu diesem zweiten Bild neige. Der Gott, an den ich glaube, dieser Gott ist keiner, vor dem man Angst haben müsste. Er wird nicht „böse“, wenn man ihn nicht kennt oder wenn man ihn mit dem falschen Namen anruft. Er wird auch niemanden in die ewige Verdammnis schicken, weil es – und jetzt kommt’s: weil es eine ewige Verdammnis gar nicht gibt. Zwar kann ein Mensch sein Leben verfehlen, er kann an der Aufgabe scheitern, das in ihm angelegte Potenzial zur Entfaltung zu bringen, er kann an moralischen Ansprüchen oder selbst gesteckten Zielen scheitern. Das ja. Aber so wenig wie es irgendwo auf der Erde einen heißen Krater namens Hölle gibt, so wenig gibt es eine ewige Verdammnis, die einem ein Gott auferlegt, den wir durch unser Verhalten oder unseren Unglauben verärgert hätten. Gott ist Grund und Quelle des Lebens, Gott wird das Leben auch wieder zu sich nehmen, Gott wird uns bergen im Schoß des Lebens, aus dem wir gekommen sind, und uns nicht in irgendeine Finsternis hinausstoßen.

Und was ist mit den ganz schlimmen Menschen, die millionenfaches Leid und Millionen von Toten auf dem Gewissen haben? Was ist mit Hitler? Was ist mit Stalin und Mao und Pol Pot und wie sie alle heißen?

Diese Frage ist berechtigt. Aber ich frage mich dann gleich zurück: Wo ist die Grenze? Was unterscheidet einen, der Millionen Menschen ermordet hat, von dem, der einen einzigen Menschen ermordet hat? Für uns scheint die schiere Zahl das Verbrechen größer zu machen. Aber wird das Verbrechen denn wirklich geringer, wenn jemand „nur“ einen einzigen Menschen auf dem Gewissen hat? Und was ist mit dem, der andere durch psychische Gewalt quält? Und wo ist die Grenze zwischen dem, der in der Phantasie mordet, und dem, der es wirklich tut? Jesus sagt in der Bergpredigt: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: »Du sollst nicht töten«; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein. Ich aber sage euch: Wer auch nur mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig, … und wer sagt: Du Idiot!, der ist des höllischen Feuers schuldig.“ Wer hätte dann noch eine Chance?

So einfach ist das alles nicht, auch nicht mit den Tyrannen und Massenmördern. Ich jedenfalls kann mir nicht vorstellen, dass es im Himmel sehr gemütlich ist, wenn ich weiß, dass an einem anderen Ort Menschen wie ich in Ewigkeit gepeinigt werden. Das unterscheidet uns heutige vielleicht auch von den Menschen des Mittelalters. Thomas von Aquin, der berühmteste und wichtigste Theologe des Mittelalters, soll gesagt haben: Es erhöht den Genuss der Seligen noch, dass ihnen der freie Ausblick auf die Peinigung der Verdammten gewährt wird. Na, danke. Mir würde das himmlische Manna im Hals stecken bleiben, wenn ich unaufhörlich Schmerzensschreie hören müsste, sobald ich das Himmelsfenster aufmache.

Gibt es also keine Hölle?

Doch, es gibt die Hölle. Es gibt die Hölle, die wir uns bereiten, hier auf Erden. Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre sagte: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Aber ich denke, nein, Monsieur, die Hölle, die machen wir schon selbst. Wir machen uns oft selbst das Leben zur Hölle, und wir sind Großmeister darin, anderen das Leben zur Hölle zu machen. Wir sind durch unseren Konsum und durch unsere Lebensweise mit dafür verantwortlich, dass Millionen Menschen in der Hölle leben – in einer Hölle aus Armut, Krankheit, Ausbeutung, Hunger und Krieg, ohne Bildung, ohne Perspektiven. Wir sind dafür verantwortlich durch unseren Lebensstil und unseren Konsum, wenn diese Erde zu einer Gluthölle wird, weil das Klima kippt und die Temperaturen auf unerträgliche Werte steigen. Und auch im kleinen Maßstab schaffen wir uns die Hölle selbst, uns und anderen. Es gibt die wohlbekannte Ehehölle, es gibt die Hölle einer lieblosen und von Gewalt geprägten Kindheit. Es gibt die Hölle aus Minderwertigkeitsgefühl und Versagensangst und Lebensangst, in die wir uns selbst immer wieder werfen. Es gibt so vielfältige Höllen schon in diesem Leben, dass es keine Hölle nach dem Tod mehr braucht. Das ist meine tiefste Überzeugung. Und es ist mein tiefstes Vertrauen, dass Gott uns nicht in die Hölle schickt, sondern dass es sein einziges Anliegen ist, uns aus der Hölle zu befreien.

Jeden Sonntag sprechen wir im Glaubensbekenntnis aus, dass Jesus hinabgestiegen sei ins Reich des Todes. Früher, in meiner Kindheit, hieß es noch: Niedergefahren zur Hölle. Wenn ich mich auf diesen Mythos einlasse, frage ich mich: Was wird Christus dort gemacht haben? Er hat dieses Reich durchquert und ist am anderen Ende wieder herausgekommen, am dritten Tag. Wird er die Menschen dort in ihren Qualen gelassen haben? Oder wird er sie nicht vielmehr alle befreit und mitgenommen haben? Werden sie ihn nicht spätestens dort, im Reich des Todes, erkannt haben? Werden sie sich nicht spätestens dort geöffnet haben für seine Liebe? Und wird Jesus Christus, der von Liebe und Barmherzigkeit und Mitgefühl gepredigt hat, ungerührt an den gequälten und gepeinigten Menschen vorbeigegangen sein und gesagt haben: Selber schuld!?

Nein und nochmals nein. Ich glaube fest daran, dass nach dem Tod keine Hölle auf uns wartet, für niemanden, und wenn es eine Hölle gibt, dann ist sie leer. Denn Gottes Liebe und Barmherzigkeit, sein Mitgefühl und Verständnis sind größer als alles, was wir Menschen uns vorstellen können. Er wird alles Böse wegschmelzen von denen, die Böses getan haben, und er wird die Wunden aller Opfer heilen. Er wird den Frieden schenken, den die Welt nicht geben kann. Ist das nicht eine wunderbare Aussicht?

Ein letzter Gedanke, ein Einwand: Braucht es nicht die Angst vor Strafe, um Menschen vom Bösen abzuhalten? Nein, dieser Mechanismus funktioniert nicht. Nirgends gibt es so viele Gewaltverbrechen wie in Gesellschaften, die die Todesstrafe kennen. Wir werden nicht durch die Angst vor Strafe zum Guten gebracht, sondern nur durch die Liebe. Und damit durch Gott, der die Liebe ist. Nicht Angst macht uns zu besseren Menschen, sondern Vertrauen.

Das lasst uns üben. Vertrauen, Liebe, Zuwendung. Um die Höllenfeuer dieses Lebens auszulöschen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle
Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, der Hölle, Tod und Teufel über­wunden hat durch seine Liebe.

Amen.

 

 

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Was ist Gnade?

Vogel vor rotem Himmel beschnitten

 

Predigt am 3. Februar 2019

 

Was ist Gnade?

Liebe Gemeinde, eine Antwort auf diese Frage haben wir vorhin gemeinsam gesungen: Wechselnde Pfade, Schatten und Licht – alles ist Gnade, fürchte dich nicht.

Gut, das war’s dann, die Frage ist beantwortet, die Predigt ist zu Ende. Oder, naja, vielleicht doch noch nicht ganz. Vielleicht gibt es ja doch noch den einen oder anderen Satz zu sagen.

Nun denn, noch mal von vorn: Was ist Gnade?

Die erste Reaktion dürfte bei vielen Menschen sein: Gnade, das ist ein Wort, das ich nicht mag. Gnade vor Recht, Begnadigung, gnädiger Herr… was schwingt für Sie mit in solchen Ausdrücken? Ich will Ihnen sagen, wie es bei mir ist. Es schwingt mit: ein ganz deutliches Gefälle. Da ist einer, der hat die Macht, und da ist einer, der ist ohnmächtig und abhängig. Und der Mächtige verzichtet großmütig und herablassend auf etwas, was ihm der Ohnmächtige und Abhängige eigentlich schuldet. Er erlässt ihm eine Schuld oder eine Strafe. Wer lebenslänglich eingesperrt ist, kann ein Gnaden­gesuch an den Bundespräsidenten stellen, und wenn es gut geht, wird er erhört und darf vorzeitig das Gefängnis verlassen. Es geht irgendwie immer um Schuld und darum, dass jemand, der eigentlich bestraft gehört, das unverdiente Glück hat, ungeschoren davonzukommen.

Ehrlich gesagt, ich will mir Gott nicht so vorstellen wie einen Gläubiger, bei dem ich in der Kreide stehe, bei dem ich mich verschuldet habe. Und ich will mir mein Verhältnis zu Gott nicht vorstellen wie das eines armen Schuldigen gegenüber dem großmächtigen Herren, der mit einem Fingerschnipsen darüber entscheiden kann, ob ich loskomme und frei bin oder ob ich für meine Schuld büßen muss bis in alle Ewigkeit.

Meine Schuld, meine Schuld, meine übergroße Schuld – diese Formel stammt aus dem christlichen Gottesdienst, glücklicherweise verwenden wir sie meistens nicht mehr. Glücklicherweise müssen wir uns Gott nicht mehr als den strengen Richter vorstellen, der uns eigentlich zum ewigen Tod und Höllenfeuer verurteilen muss und uns „allein aus Gnaden“ am Leben lässt.

Ein solches Bild von Gott würde auch gar nicht zu dem Wort „Gnade“ passen, wie es in der Bibel gebraucht wird. Ja, das Wort „Gnade“ gehört zu denen, die man heute eigentlich besser gar nicht mehr gebrauchen sollte, weil sie so falsche Assoziationen wecken. In der Bibel schwingen zumindest eine Menge anderer Bedeutungen mit, wenn das Wort gebraucht wird, das wir mit „Gnade“ übersetzen.

Im Neuen Testament kommt es vor allem in den Paulusbriefen vor. Paulus, der ja Griechisch geschrieben hat, verwendet das Wort charis, und das hat drei Hauptbedeutungen. Erstens: Anmut oder Lieblichkeit. Hört, hört! Wie hört sich das denn an, wenn wir statt von Gottes Gnade von Gottes Anmut sprechen würden! Gottes Anmut, Gottes Lieblichkeit. Passt das zu unserem Bild von Gott? Wenn nein, müssen wir vielleicht an unserem Bild von Gott etwas ändern.

Im Lateinischen ist das übrigens ähnlich: Das griechische Wort charis wird im Lateinischen mit gratia wiedergegeben. Und im Lehnwort „Grazie“ schwingt das ja noch mit. Gottes Grazie. Gott ist graziös – das scheint auf ganz ungewohnte Seiten an Gott zu verweisen. Aber so steht es in der Bibel.

Grazie, das wissen viele, heißt auf Italienisch „danke“. Das ist die zweite Bedeutung von gratia und von charis – der Dank. Und schließlich gibt es noch die Bedeutung „Gunst, Wohlwollen, Fürsorge“.

Das, was wir beim Wort Gnade hören, passt gar nicht so gut zu dem Verständnis, wie es aus dem Urtext hervorgeht. Das gilt übrigens auch für das Hebräische, die Sprache des sogenannten Alten Testaments. Dort werden zwei Wörter verwendet, die die deutschen Bibelübersetzungen meist als „Gnade“ übersetzen: Das eine – chesed – bedeutet so viel wie „Liebe, Gunst, Güte, Wohlwollen, Barmherzigkeit“, das andere – chen – hat ebenfalls die Bedeutung „Anmut, Schönheit“ und daneben „Geneigtheit“ oder „Gunst“.

Unser Verständnis von Gnade ist, glaube ich, stark bestimmt durch das mittelalterliche germanische Denken, das Gott als den mächtigen Lehensherrn und König betrachtete und die Menschen als die abhängigen Leibeigenen, die eigentlich gar keine Rechte haben. Noch einmal: Glücklicherweise ist die Zeit vorbei, in der das der alltäglichen Wirklichkeit der Menschen entsprach. Gott sei Dank. Für Menschen, deren alltägliche Lebenserfahrung so aussah, dass sie der Willkür und den Launen eines mächtigen Fürsten ausgesetzt waren, der nach Gutdünken mit ihnen umspringen konnte, über Leben und Tod entscheiden konnte – für solche Menschen hatte der Begriff Gnade einen anderen Klang als für uns heute. Die einfachen Menschen hatten keine Rechte gegenüber den Fürsten, sie waren auf die Gnade der hohen Herren angewiesen. Auf die unberechenbare, unverdiente Herablassung der Mächtigen.

Wir leben in anderen Zeiten, Gott sei Dank. Wir sind nicht mehr abhängig von der herablassenden Gnade der Mächtigen. Wir haben Rechte, Menschenrechte und bürgerliche Rechte und wir können gegen die Mächtigen vor Gericht gehen, wenn wir ungerecht behandelt wurden. So können wir uns öffnen für die anderen Bedeutungen, die in dem Wort oder den Wörtern mitschwingen, die die deutschen Bibelübersetzungen meist mit „Gnade“ übersetzen.

Bedeutungen, die uns Gott näher bringen, die ihn herunterholen von seinem himmlischen Thron, die ihn uns auf Augenhöhe bringen, so dass wir mit Gott umgehen können wie mit einer Freundin. Einer anmutigen, graziösen Freundin, die uns wohlgesonnen ist und nur das Beste für uns will. Klingt das nach Ketzerei? Genau das ist doch das Grundbekenntnis von uns Christen: Gott ist nicht in seinem fernen Thronsaal, in einem seligen Jenseits. Gott ist heruntergekommen zu uns. Er ist Mensch geworden. Nicht wir müssen uns zu ihm aufschwingen, Gott ist uns nahe, ganz nahe, näher als unser eigenes Herz.

Einer meiner Lieblingsfilme ist Bruce Allmächtig, gedreht im Jahr 2003. Ich mag den Film nicht nur wegen der anmutigen Jennifer Aniston, die die weibliche Hauptrolle spielt, nicht nur wegen Morgan Freeman, der Gott als einen älteren, schwarzen Mann darstellt, und nicht nur wegen der umwerfenden komödiantischen Leistung von Jim Carrey alias Bruce, der für ein paar Tage lang Gottes Allmacht bekommt und damit natürlich nichts als Unfug anstellt. Eine meiner Lieblingsszenen in dem Film ist eigentlich gar nicht komisch. Am Ende seiner einwöchigen Laufbahn als Allmächtiger wird Bruce nämlich von einem Lastwagen überfahren und ist eigentlich tot. Da begegnet er Gott wieder – dem „eigentlichen“ Gott. Und Gott fragt Bruce: „Was wünschst du dir?“ Bruce antwortet mit einem Wort: „Grace“. Das ist der Name seiner Freundin, es ist aber auch, und das kommt in der deutschen Synchronisation leider nicht zum Tragen, „Grace“ ist auch das englische Wort für Gnade. Amazing Grace, how sweet the sound…

Bruce wünscht sich nicht nur, bei seiner Freundin zu sein, die er mit seinen Allmachtsspielchen nicht beeindruckt, sondern so verschreckt hat, dass sie ihn verlassen hat. Er wünscht sich auch, das zeigt das unübersetzbare Wortspiel, Gnade. Im Zusammenhang des Films heißt das: Er wünscht sich, einfach so, wie er ist, geliebt zu werden. Als einfacher, nicht besonders erfolgreicher Lokalreporter für einen kleinen Fernsehsender, als schusseliger, versponnener Luftikus. Er wünscht sich die Liebe seiner Freundin gratis – gratis! Darin steckt auch das Wort gratia -, ohne dass er sie weiter beeindrucken muss.

Und ich glaube, damit kommen wir der Antwort auf unsere Frage näher: Was ist Gnade?

Gnade ist es, einfach so, um unserer selbst willen, geliebt zu werden. Gnade ist es, wenn ich mich nicht größer machen muss, als ich bin. Wenn ich mich nicht anstrengen muss, um geliebt zu werden. Sondern wenn mir die Liebe einfach geschenkt wird. Unverdient, weil man sich Liebe sowieso nicht verdienen kann.

Genau das war für Martin Luther so wichtig: Wir müssen uns Gottes Freundlichkeit, Gottes Wohlwollen, Gottes Liebe nicht verdienen, wir können es ja gar nicht. Liebe kann man sich nicht verdienen. Can‘t buy me love – so sangen die Beatles im Jahr 1964. Ja, ich kann mir Liebe nicht kaufen, ich kann sie gar nicht irgendwie erwerben oder eben verdienen. Liebe kann nur freiwillig geschenkt werden. Und die umwerfende gute Botschaft, die Jesus gebracht hat, die Paulus verkündigt und Luther neu wieder entdeckt hat, diese umwerfende gute Botschaft heißt: Gott ist uns sowieso gut. Er liebt uns und schenkt uns sein Wohlwollen, sola gratia, allein aus Liebe, aus Güte, aus Barmherzigkeit, aus Mitgefühl mit uns armen Tröpfen, die wir uns unser Leben lang abzappeln und abstrampeln für ein bisschen Liebe. Dabei brauchen wir uns gar nicht abzustrampeln – wir sind beschenkt. Ein volles, gerütteltes, gedrücktes und überfließendes Maß wird uns in den Schoß gegeben, wie Jesus in der Bergpredigt sagt.

Das ist gemeint mit der berühmten und ein bisschen berüchtigten Formulierung „Wir sind vor Gott gerecht allein aus Gnaden“ – gemeint ist nicht der herablassende Verzicht auf Strafe, sondern die überfließende Güte, Freundlichkeit und Liebe Gottes, das unendliche, unbedingte Ja zu uns, zu dir und zu dir und zu dir und zu mir. So wie ein kleines Kind nichts, aber auch gar nichts tun kann, um sich die Liebe seiner Eltern zu verdienen – es wird ganz einfach geliebt, allein weil es da ist –, so ist es mit Gott und uns. Wir werden geliebt, einfach weil wir da sind. Bedingungslos, unendlich, unauslöschlich.

Und wir können diese Liebe auch nicht verspielen. Das ist ja die Folge: Wenn wir die Liebe nicht verdienen können, können wir sie auch nicht verspielen. Das Einzige, was notwendig ist, damit wir die Liebe spüren, damit wir uns getragen wissen von dem großen Ja, ist: dass wir es uns sagen lassen. Dass wir den Widerstand gegen die überwältigende Liebe aufgeben, die uns umspült vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang und die ganze Nacht hindurch. Dass wir es glauben, dass Gott uns gut ist. Das ist das zweite „sola“ – sola fide, allein aus Glauben. Das heißt nicht, dass wir einen bestimmten Katalog von Lehrinhalten bejahen müssen. Es heißt einfach, dass wir uns Gottes Liebe gefallen lassen, sie annehmen. Gottes unverdiente, gratis erwiesene, unaussprechliche Liebe.

Dieser Glaube kann dann so etwas sein wie das Vorzeichen vor der Klammer, in der sich unser Leben abspielt. Wenn wir das glauben, wenn wir uns darauf verlassen und unverdrossen davon ausgehen, dass Gott uns gut ist, dann mag es auch gelingen, Gottes Liebe und Gottes Wohlwollen in den Ereignissen zu entdecken, in denen wir sie zunächst gar nicht vermutet hätten. Auf unseren wechselnden Pfaden, die durch Schatten und Licht führen. Das leuchtet dem Verstand nicht immer ein, auch das Gefühl mag dagegen rebellieren. Aber fragen Sie sich einmal, wie oft es sich in Ihrem Leben herausgestellt hat, dass etwas, das sich anfühlte wie die ganz große Katastrophe, am Ende entpuppt hat als Chance, als Geschenk, als – Gnade. Das wird natürlich nicht immer gelingen. Manchen Ereignissen in unserem Leben können wir keinen positiven Sinn abgewinnen. Manches müssen wir einfach beklagen und betrauern. Aber wenn wir davon ausgehen, dass wir eingehüllt sind in Gottes Wohlwollen, dass wir getragen sind von seiner Liebe, dass uns Gottes anmutiges Gesicht freundlich ansieht, ganz gleich, was geschieht – dann können wir zumindest hoffen, dass auch unsere dunklen und leidvollen Erfahrungen Ausdruck von Gottes Liebe sind. Wir verstehen es jetzt vielleicht nicht. „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.“ So schreibt Paulus in seinem großen Lied über die Liebe in 1. Brief an die Korinther, Kapitel 13. Und er fährt fort: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Der Glaube – das Vertrauen, dass Gott uns gut ist, die Hoffnung, dass sich auch das Dunkle und Schwere in unserem Leben am Ende als gut und richtig herausstellt, und die Liebe, die am Ende alles überstrahlt. Wechselnde Pfade, Schatten und Licht: Alles ist Gnade, fürchte dich nicht.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, der anmutigen, Mensch gewordenen Liebe Gottes. Amen.

 

Fotonachweis: Pixabay

 

 

Was ist die (Er-)Lösung?

Höhle Licht beschnitten

Predigt am 4. Advent, 23. Dezember 2018, St. Markus

 

Gottes Sohn ist Mensch gebor’n, ist Mensch gebor’n, hat versöhnt des Vaters Zorn, des Vaters Zorn.

So, liebe Gemeinde, heißt es im Quempas, einem beliebten Weihnachtslied, das in den kommenden Tagen aller­orten wieder gesungen wird. Wir feiern die Geburt des Erlösers, und die Erlösung besteht darin – so sagt dieses Lied –, dass der Sohn Gottes stellvertretend für uns arme Sünder die Strafe seines zornigen Vaters auf sich nimmt. Damit versöhnt er den Vater, stillt seinen Zorn – und deswegen werden wir nicht bestraft, sondern Gott kann sich uns wieder in Liebe zuwenden.

Ist das unser Glaube? Ist das die Lösung, die Er-Lösung?

Nein, nein und nochmals nein! Diese Vorstellung von Erlösung war vielleicht in früheren Zeiten angemessen, in Zeiten des Feudalismus und Absolutismus, in Zeiten des ungebrochenen Patriarchats. Vielleicht. Ich kann und will und werde die Erlösung, die wir mit dem Namen Jesus Christus verbinden, so nicht verstehen und so nicht predigen.

Diese Theologie, noch einmal kurz gefasst: Wir Menschen handeln gegen Gottes Willen, und das erregt Gottes Zorn. Und Gottes Zorn ist so groß, dass er uns bestrafen muss, und zwar mit der Höchststrafe: ewige Verdammnis. Um das zu verhindern, wird Gott selbst zum Menschen in Jesus. Er nimmt stellvertretend für uns die Strafe auf sich, lässt sich am Kreuz töten und versöhnt Gott damit. Wir sind gerettet. Diese Theologie also ist in der Antike entstanden und speziell diese Erlösungslehre wurde im Hochmittelalter ausgearbeitet. Das waren Zeiten, in denen in allen damals existierenden Gesellschaften die Todesstrafe gang und gäbe war, ebenso die Sklaverei (bei uns hieß das Leibeigenschaft) und die körperliche Züchtigung als probates Mittel der Kindererziehung. All das war nicht nur gesellschaftlich salonfähig, sondern es wurde als Gottes Wille angesehen.

Die Gesellschaft war streng hierarchisch gegliedert, an der Spitze stand der König oder Kaiser – und so konnten die Menschen sich Gott vielleicht gar nicht anders vorstellen denn als einen König, einen absoluten Herrscher, wie sie ihn aus ihrer Lebenserfahrung kannten. Wir können von Gott ja nicht anders sprechen als in Bildern. Alles Reden über Gott ist metaphorisch und kann nicht anders sein. Wir können nicht über Gott sprechen, „wie er ist“, denn dazu reichen unser Verstand und unsere Einsicht nicht aus. Wir müssen Bilder verwenden. Und unsere Bilder, unsere Metaphern müssen wir aus unserer Erfahrungswelt nehmen, sonst nützen sie ja nichts – wir würden nicht verstehen, was sie ausdrücken sollen.

Die Menschen vor ein paar hundert Jahren stellten sich Gott also als König vor, das war für sie das Bild der höchsten Autorität. Wir heute leben unter ganz anderen Umständen. Wir leben in ganz anderen Verhältnissen und wir, jedenfalls die meisten von uns, betrachten die Verhältnisse, unter denen wir heute leben, auch als Fortschritt. Es ist besser, das heißt menschlicher, angemessener und für die große Mehrheit lebensfreundlicher, in einer freiheitlichen Demokratie zu leben und in einer sozialen Marktwirtschaft (auch wenn die durchaus noch ein bisschen sozialer sein dürfte), angemessener und lebensfreundlicher als eine Monarchie, in der alles dem König gehört und die große Mehrheit als Leibeigene, also als Sklaven, schuften müssen.

Da muss und darf sich auch unser Bild von Gott wandeln. Weshalb sollten wir uns Gott vorstellen wie einen orientalischen Despoten, der tödlich beleidigt ist, wenn seine Kinder  sich danebenbenehmen? Und das sind wir ja schließlich: Gottes Kinder!

Ich stelle mir Gott gar nicht vor wie einen Menschen, das habe ich hier schon öfters gesagt. Gott ist für mich eher die Tiefe der Wirklichkeit, das Geheimnis der Welt, der schöpferische Eros, der allem zugrunde liegt, der in allem wirkt und alles belebt. Trotzdem können wir natürlich auch menschliche Bilder für Gott verwenden – etwa der gute Vater -, und dann können wir Gott auch menschliche Gefühle zuschreiben.

Nehmen wir einfach einmal an, Gott könnte wirklich zornig sein. Anlass dazu bieten wir Menschen ihm ja genug. Wir zerstören mutwillig und sehenden Auges die Schöpfung, die Welt, in der unsere Kinder und Enkel werden leben müssen. Wir wissen, dass der Klimawandel im vollen Gang ist, und fahren trotzdem weiter Auto und essen Fleisch. Unsere Politiker beschäftigen sich mit allem Möglichen, zum Beispiel streiten sie darüber, ob die Bildungshoheit bei den Ländern liegen muss oder beim Bund – aber die wirklich lebenswichtigen, lebensentscheidenden Fragen gehen sie nicht an: Wie die Klimagase wirksam und radikal reduziert werden können. Wie die Plastikflut in unseren Meeren verhindert werden kann. Wie wir das Artensterben stoppen. Das sind die wirklich wichtigen Fragen. Ich möchte dabei aber nicht bloß mit dem Zeigefinder auf die Politiker zeigen. Ich fahre ja selber mit dem Auto und fliege im Urlaub tausende von Kilometern, und ich kaufe selber unnütze Dinge, die in viel zu viel Plastik verpackt sind. Und das sind nur ein paar kleine Beispiele.

Ja, es wäre verständlich, wenn Gott verzweifelt an uns und, ja,  wenn er zornig ist auf uns dumme, kurzsichtige, egoistische Menschen.

Aber was folgt daraus? Wird ein Vater sein Kind umbringen, weil es sich dumm und kurzsichtig und egoistisch verhält? Ich war auch manchmal zornig auf meine Kinder. Aber ich wäre doch nie im Traum darauf gekommen, sie umzubringen oder sie hinauszuwerfen, noch dazu in die äußerste Finsternis, wo Heulen und Zähneklappern herrscht, wie es in der Bibel gleich mehrfach heißt. Können wir uns wirklich vorstellen, dass Gott dazu fähig ist?

Jesus hat dazu in der Bergpredigt schon Einschlägiges gesagt: „Würde jemand unter euch seinem Kind einen Stein geben, wenn es ihn um Brot bittet? Würde er ihm eine Schlange geben, wenn es ihn um einen Fisch bittet? Wenn also ihr, die ihr doch böse seid, das nötige Verständnis habt, um euren Kindern gute Dinge zu geben, wie viel mehr wird dann euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn darum bitten!“ (Mt 7, 9–11, NGÜ)

Gut, hier scheint immer noch eine Bedingung zu sein: Wir müssen Gott bitten, damit er uns Gutes gibt. Aber es geht noch weiter. Ebenfalls in der Bergpredigt sagt Jesus: „Liebt eure Feinde, und betet für die, die euch verfolgen.“ (Mt 5, 44) Also, wenn schon wir unsere Feinde lieben sollen – wie sollte dann Gott, der die Liebe ist, seine Kinder hassen? Wie sollte er ihnen eine ewige Strafe aufbrummen? Sollte Jesus etwas von uns verlangen, woran Gott der Vater sich selbst nicht hält?

Die Vorstellung, dass Gott die Menschen straft, gar noch in Ewigkeit straft, dass Gott seine Kinder hinauswirft in die äußerste Finsternis, wo Heulen und Zähneklappern herrscht – diese Vorstellung gehört in andere Zeiten. Gott, der die Liebe ist und der uns dazu einlädt, unsere Mitmenschen zu lieben wie uns selbst, ja sogar unsere Feinde – den kann und will ich mir nicht so vorstellen, dass er unser Versagen und unsere Dummheit und unsere Egozentrik brutal und gnadenlos straft. Selbst wenn er allen Grund hat, zornig zu sein.

Wenn wir von Erlösung sprechen, dann kann es nach meiner Überzeugung nicht darum gehen, dass wir vor Gottes Zorn gerettet werden müssen und davor, dass wir auf ewig verloren gehen. Gott muss nicht versöhnt werden. Gott war nie unversöhnt, selbst wenn er manchmal zu Recht zornig sein sollte. Wir müssen versöhnt werden.

Und darin besteht die Erlösung und die Lösung des Problems, das ich in meiner letzten Predigt angesprochen habe: das Problem, dass wir uns von Gott entfernen und von uns selbst und von unseren Mitmenschen, dass wir uns ent-zweit haben und herausgefallen sind aus der ursprünglichen Einheit.

Und jetzt kommt Jesus Christus ins Spiel und das Fest seiner Geburt, das wir nächste Woche begehen. Denn hier, so glauben wir Christen, hebt Gott die Trennung auf und stellt die Einheit wieder her.

Oder vielmehr: Hier wird deutlich, dass wir nie wirklich getrennt waren.

Es ist ein tiefes Geheimnis um diesen Jesus. Er muss eine Art gehabt haben, eine Gabe, Menschen auf eine unmittelbare Weise so tief anzusprechen, dass ihnen deutlich wurde: In Jesus begegnet uns nicht nur ein Mensch. In Jesus begegnet uns unsere eigene tiefste Wahrheit. Und die heißt: Wir sind Gottes Kinder. Wir sind gar nicht getrennt, im tiefsten Grund sind wir nicht getrennt, wir waren nie getrennt, und deshalb muss Gott auch nicht versöhnt werden.

Diese Botschaft hat Jesus nicht nur mit Worten verkündigt. Er hat sie gelebt. Er war so eins mit dieser Botschaft, dass seine Freundinnen und Freunde sagten: In ihm ist uns der ewige Gott selbst begegnet. Zwar ist er ein Mensch wie du und ich, und doch ist er auch – gleichzeitig und im selben Maß – göttlich. In ihm sind Gott und Mensch vereint.

Das haben diese Menschen zunächst auf Jesus allein bezogen. Er ist Gottes Sohn, sagten sie. Er ist das einmalige Fleisch gewordene Wort Gottes.

Dann, als Jesus nicht mehr leibhaftig unter ihnen war, begannen die Menschen über die Erfahrungen nachzudenken, die sie mit dem Menschen Jesus gemacht hatten. Sie begannen diese Erfahrungen zu systematisieren. Drei-, vierhundert Jahre hat es gedauert, bis die Lehre ausformuliert war: Jesus ist, wie es in dem Weihnachtslied Es ist ein Ros entsprungen heißt: „wahr‘ Mensch und wahrer Gott“.

Und nun kommen wir. Ich glaube eben, das gilt nicht nur für diesen einen Menschen Jesus aus Nazareth. An ihm wurde exemplarisch deutlich, was für alle Menschen gilt. Denn auch wir sind Gottes Kinder, auch in uns wohnt Gott – aber bei uns ist er so tief versteckt, so sehr verdeckt durch unsere Persönlichkeit, unsere Macken, unsere Egozentrik, dass er nur sehr selten ein kleines bisschen durchscheint. Jesus dagegen war als Mensch so geklärt, dass ihm Gott sozusagen aus allen Poren schien. Und deswegen können wir an ihm sehen, was unsere wahre Natur und unsere wahre Bestimmung ist.

Was ist die Erlösung? Die Erlösung besteht nach meiner Überzeugung darin, dass wir uns das sagen lassen: Wir werden nie und nimmer verloren gehen. Kein menschlicher Atemzug ist umsonst, kein Weinen, kein Stöhnen und kein Lachen. Alles ist aufgehoben in Gottes unendlicher Liebe.

Und das müssen wir jetzt „nur“ noch glauben. Das hört sich für manche vielleicht altmodisch und verzopft an: Man kann es zwar nicht verstehen, man muss es eben einfach glauben. Ich meine etwas anderes.

Stellen Sie sich einen Menschen vor, der seit Jahren im Gefängnis sitzt, ohne Aussicht auf Freiheit. Und eines Tages geht die Tür auf, der Gefängniswärter kommt herein und sagt: „Sie sind frei, sie können gehen.“ Dann verlässt er die Zelle und lässt die Tür sperrangelweit offen.

Der Mann denkt sich: „Das kann ja gar nicht sein. Das ist bestimmt eine Falle, ein grausamer Hohn. Wenn ich da jetzt rausgehe, werden sie mich wieder festsetzen und noch härter bestrafen.“ Und er bleibt auf seiner Pritsche sitzen. Er ist frei, aber wenn er es nicht glaubt, dann nützt ihm seine Freiheit nichts.

Wir sind erlöst, wir sind Gott recht, unser Leben hat Sinn und Ziel. Damit wir die erlösende Wirkung dieser Worte erfahren, müssen wir sie glauben. Ja, es stimmt, was Martin Luther sagt, im Anschluss an Paulus: Wir werden gerecht allein durch den Glauben. Wenn wir es nicht glauben, dass wir Gott recht sind, dass wir Gottes geliebte Kinder sind, dass wir eine Zukunft haben diesseits und jenseits des Todes – ja, wenn wir das nicht glauben, dann sitzen wir eben in Finsternis und Schatten des Todes. Wenn wir uns das aber sagen lassen und beginnen, darauf zu vertrauen, uns darauf zu verlassen: Dann kann sich das Licht, das wir sind, in uns ausbreiten. Dann brauchen wir keine Angst mehr zu haben, vor nichts und niemand. Und dann kann der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, unsere Herzen und Sinne bewahren in Jesus Christus, unserem großen Bruder, dem Erstgeborenen unter den vielen Kindern Gottes.

Amen.

Was ist das Problem?

Erschaffung Adams

Nach „Was ist Gott?“ und „Was ist der Mensch?“ kommt nun „Was ist das Problem?“
Predigt, gehalten am 21. Oktober in St. Markus

 

Was ist das Problem?

Liebe Gemeinde, manche wissen es ja: Im August habe ich eine Mini-Predigtreihe gehalten aus zwei Predigten. Die Titel: „Was ist Gott?“ und „Was ist der Mensch?“

Und jetzt also: „Was ist das Problem?“

Ich will ganz kurz die Kernaussagen meiner August-Predigten noch einmal aufgreifen. Gott, so glaube ich, ist kein höheres Wesen, das irgendwo in einem Jenseits thront. Gott ist vielmehr die Tiefe des Lebens, das Geheimnis der Welt, das Sein selbst. Und der Mensch? Wir Menschen sind Gottes Kinder, das heißt, in der Tiefe unseres Seins sind wir eins mit Gott.

Wenn das stimmt, wenn wir wirklich eins sind mit Gott, was ist dann das Problem? Dann sollte uns doch nichts auf der Welt irgendetwas anhaben können, nichts sollte uns Angst machen, und außerdem sollte es zwischen uns keinerlei Probleme geben, denn dann sollten wir doch lauter Liebe sein, denn es heißt doch: „Gott ist die Liebe.“

Aber so ist es bekanntlich nicht, wir brauchen ja nur in den Spiegel zu schauen, oder wir brauchen uns ja nur umzusehen in der Welt. Und da sind wir beim Problem.

Das Problem ist, dass wir eben nicht reine, lautere Liebe sind. Das Problem ist, dass wir nicht frei sind, dass uns oft genug die Angst beutelt, die Wut, der Hass. Das Problem ist, dass wir Menschen eben offenbar nicht in Frieden und Eintracht zusammenleben können und dafür sorgen, dass es allen gut geht. Wie kann das sein, wenn wir doch Gottes Kinder sind?

Die Bibel und die christliche Tradition haben auf diese Frage eine klare Antwort: Es ist etwas dazwischengekommen, und zwar – die Sünde.

Und jetzt vergessen Sie dieses Wort bitte ganz schnell wieder, denn das, was wir heute zu diesem Wort assoziieren, hat mit der ursprünglichen Bedeutung so wenig gemeinsam, dass wir es am besten gar nicht mehr verwenden.

Was damit gemeint ist, ist ganz einfach die Trennung, die Ent-zweiung. Wir sind nicht mehr eins mit Gott, wir sind ent-zweit. Wir erleben uns als abgetrennte, isolierte Individuen, herausgefallen aus der ursprünglichen Einheit in die Zweiheit. Wir erleben alles in Polaritäten, zu allem, was wir kennen, gibt es ein Gegenteil: warm und kalt, hoch und tief, nah und fern, groß und klein, Liebe und Hass und, ja: gut und böse.

Und das ist nicht unser individuelles Verschulden. Das, was die Bibel mit Sünde meint, also die Entzweiung, die Trennung, hat ursprünglich mit Verschulden, mit Schuld gar nichts zu tun, das sind zwei Paar Stiefel. Für die Entzweiung können wir nichts. Wir müssen einatmen und ausatmen, wir müssen schlafen und wachen, wir müssen uns öffnen und verschließen. Die Zweiheit gehört zu uns, solange wir auf dieser Erde leben. Allein die Tatsache, dass wir eingezwängt sind in drei beziehungsweise vier Dimensionen, allein diese Tatsache bedingt, dass wir uns nicht als das Eine, als das Große Ganze erleben können, das wir im tiefsten innersten Kern sind.

Ab und zu gibt es Menschen, die das doch erleben, diese Einheit. In Augenblicken der mystischen Verschmelzung, in Momenten der Erleuchtung, wie man das dann nennt. Manche dieser Menschen werden als Heilige bekannt oder als erleuchtete Meister, andere bleiben mit ihrer Erfahrung für sich, weil sich eine solche Erfahrung gar nicht gut in Worten ausdrücken lässt.

Für uns, die Mehrheit, bleibt die Erfahrung, dass wir getrennt sind. Individuen, die  überleben wollen und die sich deswegen oft genug gegen die anderen absetzen, die sich abspalten, die sich selbst der Nächste sind. Und eben nicht reine, lautere Liebe.

In unserem innersten Kern, in unserem tiefsten Sein, in unserem wahren Wesen, da sind wir Liebe, nichts als Liebe. Da sind wir eins mit Gott und mit all unseren Mitmenschen und mit der gesamten Schöpfung. Aber nur da.

Die Frage „Was ist das Problem?“ kann ich also in einem ersten Anlauf so beantworten: Das Problem ist, dass wir uns als abgetrennte Individuen erfahren, die in eine Welt der Zweiheit hineingeboren wurden, in eine Welt, in der es hoch und tief gibt, laut und leise, mich und dich, gut und böse, warm und kalt. Alles hat sein Gegenteil, und das Schöne daran ist: Zwar kann kein Mensch ganz und gar gut sein, wir sind immer auch böse. Es kann aber auch kein Mensch ganz und gar böse sein, wir sind immer auch gut. Und zu Gut und Böse werde ich später noch etwas mehr sagen.

Jetzt aber erst einmal die gute Nachricht: Das Problem besteht ja nur in der Welt der Zweiheit, der Ent-zweiung. Im tiefsten Kern sind wir gar nicht abgetrennt. Im tiefsten Kern gibt es also gar kein Problem.

Es gibt kein Problem zwischen Gott und uns.

Deswegen gibt es in der Bibel so viele wunderbare Zusagen. Etwa im Buch Jeremia: „Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ Oder ein Gedanke von Paulus, aus dem Römerbrief: „Ich bin überzeugt, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch (unsichtbare) Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges … weder Hohes noch Tiefes, noch sonst irgendetwas in der ganzen Schöpfung uns je von der Liebe Gottes trennen kann, die uns geschenkt ist in Jesus Christus, unserem Herrn.“ (Röm 8,38 NGÜ)

Von Gottes Seite her besteht kein Problem. Paulus kann sagen: „Lasst euch versöhnen mit Gott“ – denn Gott ist längst versöhnt, mehr noch: Gott war nie unversöhnt. Nur wir müssen uns versöhnen lassen, wir müssen es kapieren, dass Gott keinen Unterschied macht zwischen drinnen und draußen, zwischen geliebt und abgelehnt. Im Evangelium, diesem Abschnitt aus der Bergpredigt, haben wir es vorhin gehört: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Darin besteht die Vollkommenheit Gottes, dass er keinen Unterschied macht zwischen Guten und Bösen, zwischen Gerechten und Ungerechten.

Ja, aber!

Gibt es nicht in der Bibel auch ganz viele Sätze, in denen vom Zorn Gottes die Rede ist, von Strafe, von Verdammnis? Heißt es nicht in ebendem Kapitel aus der Bergpredigt: „Wer zu seinem Bruder sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig“? Und heißt es nicht auch in der Bergpredigt: „Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind’s, die auf ihm hineingehen. Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind‘s, die ihn finden“?

Ja, solche Sätze gibt es zuhauf, und sie scheinen ja geradewegs dem zu widersprechen, was ich eben gesagt habe. Da scheint es eben doch ein Problem zu geben, ein massives Problem zwischen Gott und den Menschen. Was machen wir denn mit all den Gerichtsworten, mit all dem Heulen und Zähneklappern, mit all den Strafandrohungen?

Ich glaube, hier müssen wir wirklich genau hinsehen, wie wir mit der Bibel umgehen. Und wie wir die Bibel heute verstehen können und müssen.

Ich verstehe es so: Die Bibel ist nicht in dem Sinn Heilige Schrift, dass der Heilige Geist den biblischen Autoren direkt ins Ohr gesagt hätte, was sie schreiben sollen. Die Bibel ist Heilige Schrift in dem Sinn, dass in ihr Menschen ihre Erfahrungen mit Gott aufgeschrieben haben. Und die Menschen, die die Bibel geschrieben haben, lebten in der Antike. Sie hatten ein Bewusstsein und eine Vorstellungswelt, wie sie heute vielleicht die Taliban haben, um es ganz drastisch zu sagen. Für sie gab es ganz klar dieses Drinnen und Draußen, dieses Gut und Böse, dieses Gerettet und Verloren. Und klar war: Drinnen sind wir, die andere sind draußen. Gut sind wir, die andere sind böse. Gerettet sind wir, verloren die anderen. Und so haben sie auch ihre Erfahrungen mit der tiefsten Wirklichkeit gedeutet, die wir Gott nennen.

Sie konnten das nicht anders. Sie lebten in einer Welt, in der die Todesstrafe eine Selbstverständlichkeit war, in der Eltern ihre Kinder selbstverständlich schlugen, in der Krieg eine ständige Realität war.

Wir haben heute andere Maßstäbe. Wir haben die Todesstrafe abgeschafft und verstehen den Justizvollzug nicht als Strafe oder Rache, sondern als Versuch der Resozialisierung. Wir haben einen Paragrafen im Strafgesetzbuch, der die körperliche Züchtigung von Kindern verbietet. Und wir denken heute anders über Gut und Böse. Die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft nicht zwischen uns und den anderen, sie verläuft mitten durch uns hindurch. Niemand von uns ist ganz gut, niemand ist ganz böse. Wo verläuft dann die Trennlinie? Wird die Person eingelassen zum Festmahl Gottes, die zu 51 Prozent Gutes getan hat – und wird derjenige ins ewige Höllenfeuer gesteckt, der nur 49 Prozent geschafft hat? Das ist doch absurd. Wir können Menschen nicht mehr so einfach einteilen in Schwarz und Weiß, wir sind doch alle mehr oder weniger grau-kariert.

Ich sage es noch einmal, etwas kühn: Wir haben die Todesstrafe abgeschafft aus ethischen Gründen. Wir haben die körperliche Züchtigung abgeschafft aus ethischen Gründen. Sollte Gott ethisch weniger hoch stehen als wir Menschen? Sollte unser ethisches Urteil differenzierter sein das das von Gott? Sollten wir Menschen davon, wie die Gene einen Menschen bestimmen, wie Erziehung und Lebensumstände den Charakter eines Menschen formen – sollten wir Menschen davon mehr verstehen als Gott?

Ehrlich gesagt: Ich traue es Gott durchaus zu, dass er noch sehr viel mehr Verständnis hat als ich, dass sein ethisches Urteil sehr viel differenzierter ist  und sehr viel höher steht als meins. Ich bin mir gewiss, dass Gott sehr genau sieht, wie es dazu kommt, dass der eine ein Massenmörder wird und der andere ein Wohltäter der Menschheit.

Mit anderen Worten: Ich glaube, die Vorstellung, dass Gott irgendeinen Menschen bestraft für ir-gend­etwas, und sei es das schlimmste Verbrechen – ich glaube, diese Vorstellung ist zeitgebunden. Und dass wir uns, wenn wir die Bibel verstehen wollen, klar machen müssen, unter welchen Umständen und in welchem Bewusstsein die Menschen lebten, die die Bibel aufgeschrieben haben.

Ich würde nicht sagen, dass wir es heute besser wissen. Ich würde sagen, wir haben heute ein differenzierteres und ein komplexeres Verständnis von Welt und Mensch, als es die Menschen damals hatten, und demzufolge ist für uns ein weiteres und offeneres Gottesbild angemessener.

Gott straft nicht. Gott weiß doch, dass wir in der innersten Tiefe nichts sind als lauter Liebe. Nein, Gott wird uns nicht strafen, wenn die Trennung einmal aufgehoben ist und wir heimkehren zu ihm, wenn wir eingehen ins Große Ganze. All unsere Angst, all unsere Egozentrik, ja: all unsere Bosheit wird einfach wegschmelzen wie Schnee in der Sonne, wenn wir in die Gegenwärtigkeit von Gottes Liebe eingetaucht sind.

Was also ist das Problem? Solange wir in dieser Welt der Entzweiung leben, können wir die lautere Liebe, die wir sind, nur in Ansätzen verwirklichen. Wir sind immer wieder gebeutelt von Angst, wir grenzen uns ab, wir schauen auf unseren Vorteil, wir unterscheiden zwischen Freund und Feind. All das ist unvermeidlich. Aber in der tiefsten Tiefe, im innersten Kern, in unserem wahren Sein und Wesen gibt es kein Problem. Gott ist uns gut, immer und unter allen Umständen. Und je mehr diese Gewissheit unser Leben und Empfinden bestimmt, desto eher sind wir vielleicht in der Lage, diese reine, lautere Liebe, die wir im Innersten sind, hinausstrahlen zu lassen in die Welt. Nie ganz  und rein, aber immer wieder mal ein bisschen mehr.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in  Christus Jesus, unserem Bruder, dem Herrn.

 

Steh auf und geh

Gichtbrüchig beschnitten

 

Vor kurzem habe ich eine Predigt unter dem Titel “Erwählt” hier gepostet. Manche haben dazu bemerkt, das sei so etwas gewesen wie Gott 9.0 als Predigt. Ja, immer wieder versuche ich das, was wir in Gott 9.0 geschrieben haben, auch in der Predigt anzuwenden.

Hier wäre ein weiteres Beispiel, vom 26. Oktober 2014, über Markus 2, 1 – 12

 

Und nach etlichen Tagen ging Jesus wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war.  Und es versammelten sich viele, sodass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort. Und es kamen einige, die brachten zu ihm einen Gelähmten, von vieren getragen. Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, gruben es auf und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag. 

Da nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. 

Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen: Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein? Und Jesus erkannte alsbald in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in euren Herzen? Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin? Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden – sprach er zu dem Gelähmten: Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim! 

Und er stand auf und nahm sogleich sein Bett und ging hinaus vor aller Augen, sodass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben solches noch nie gesehen.

 

Was für eine Geschichte, liebe Gemeinde, was für eine Geschichte! „Die Heilung des Gichtbrüchigen“, so hieß sie früher, und ich muss sagen, ich kenne sie seit über fünfzig Jahren, aus dem Religionsunterricht, aus dem Kindergottesdienst, aus der Kinderbibel. Und wie hat sie mich fasziniert, diese Geschichte. Allein schon das Wort „gichtbrüchig“! Das klang ganz schrecklich, viel stärker als das modernere Wort „gelähmt“. Und dann: wie die Männer aufs Dach steigen und ein Loch ins Dach machen, um ihren Freund auf seiner Trage herunterzulassen, Jesus direkt vor die Füße. Diese Energie, die vor keinem Hindernis zurückscheut! Und dann Jesus, wie er sich mit großer Souveränität als der Gesandte Gottes erweist, mehr noch: als der Sohn Gottes, der vollmächtig an Gottes Stelle handelt.

Als Kind habe ich diese Geschichte ganz wörtlich genommen, und das ist auch gut so. Denn es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie wir mit biblischen Geschichten umgehen können, und dies ist eine der Möglichkeiten: Sie ganz schlicht und einfach wörtlich zu nehmen. So ist es passiert, so hat Jesus damals einen gelähmten Menschen geheilt. Das ist eine Möglichkeit, und für viele Menschen ist es wichtig, daran festzuhalten: So und nicht anders ist es geschehen. Aber dieses historische Verständnis ist nicht die einzige Möglichkeit, mit so einem Bibeltext, mit so einer Heilungsgeschichte umzugehen.

Für mich bleibt auch eine wichtige Frage offen, wenn ich diese Geschichte wie einen objektiven Bericht betrachte. Die Frage nämlich: Was hat das nun mit mir zu tun, mit uns, hier und heute, im Jahr 2014 in München, zweitausend Jahre später? Gut, Jesus hat damals diesen Kranken geheilt. Und weiter? Was bedeutet das für uns heute?

Hier sehe ich wieder zwei mögliche Antworten. Die eine: Jesus heilt heute auch noch. Und es werden ja tatsächlich immer wieder Heilungsgeschichten erzählt, wundersame Heilungen, vor allem aus jungen, wachsenden Kirchen, aus Afrika und aus Korea oder China, oder aus den Pfingstkirchen in Brasilien. Wo die Kirchen jung sind, wo sie sich ausbreiten und täglich neue Mitglieder hinzukommen, da wird eigentlich immer auch von Wundern erzählt, von Heilungen und anderen Ereignissen, die sich nicht restlos mit den Gesetzen des Alltags in Einklang bringen lassen. Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, was daran ist. Ich halte es für möglich, dass sich spontane Heilungen ereignen, dass Dinge passieren, die eigentlich unmöglich sind. Und es ist wunderbar, wenn eine Gemeinde solche Ereignisse erleben darf. Nur: Solche Geschichten werden nicht nur im christlichen Raum erzählt. Es gibt sie in allen Religionen. Wo Menschen mit glühendem Eifer dabei sind, wo der Glaube sie mitreißt – egal welcher Glaube –, da ist die Rede von Wundern, von Heilungen, von Erscheinungen, von Prophezeiungen, die sich erfüllen und und und.

Wenn ich nun die biblischen Wundergeschichten wörtlich nehme, wenn ich die Berichte aus jungen, missionarisch sich ausbreitenden Kirchen wörtlich nehme, dann muss ich eigentlich auch die Berichte aus anderen Religionen für bare Münze nehmen. Und das wirft dann ein eigenes Licht auf den Satz, den Jesus oft sagt, wenn ein Mensch in seiner Nähe gesund wurde: Dein Glaube hat dir geholfen. Das könnte dann ja für jeden Glauben gelten, und das wirft ein ganz wichtiges Licht auf das, was hier mit GlauSünde Vergebungben gemeint ist. Es kommt nicht so sehr darauf an, was jemand glaubt, sondern auf den Glaubensakt, das Vertrauen. Das Vertrauen, dass es Heilung gibt, Heilung durch Gott und durch Menschen, die Gott besonders nahe stehen.

Das ist also die eine Möglichkeit, mit dieser Geschichte umzugehen. Eine andere Möglichkeit ist, tiefer zu bohren, unter die Oberfläche dessen, was damals vielleicht geschehen ist. Und zu fragen: Was bedeutet es denn für uns heute, dass Jesus a) Sünden vergibt und b) Menschen heilt, sie aus ihrer Lähmung befreit?

Und – wie kommt es überhaupt, dass Jesus von Sünde spricht? Man muss sich das einmal vorstellen: Da nehmen die Freunde dieses Mannes diese Mühen in Kauf, um ihn zu Jesus zu bringen, und es ist ja offenkundig, was von Jesus erwartet wird. Aber er sagt nicht etwa: Sei gesund! Er sagt: Dir sind deine Sünden vergeben. Ich kann mir vorstellen, wie verblüfft und auch enttäuscht die Freunde sind, die da oben auf dem Dach liegen und durch das Loch hinunterlugen, was jetzt passiert. Sie hoffen, sie glauben: Gleich macht er unseren Freund gesund. Und dann sagt dieser Jesus: Dir sind deine Sünden vergeben. Na so was. Davon war doch gar nicht die Rede. Sie wollten doch, dass ihr Freund wieder gehen kann. Stattdessen redet Jesus von Sünde. Thema verfehlt, werden sie sich gedacht haben.

Aber ich glaube nicht, dass Jesus das Thema verfehlt hat. Nicht nur, weil ich als Pfarrer sozusagen sowieso davon ausgehen muss, dass Jesus immer Recht hat. Nein, ich denke, es gibt tatsächlich einen Zusammenhang zwischen dem, was in der Bibel Sünde heißt, und dem Gelähmt-Sein. Aber Vorsicht! Dieser Zusammenhang heißt ganz bestimmt nicht: Wer buchstäblich nicht gehen kann, wer im Rollstuhl sitzt oder nicht aus dem Bett kann, weil ihn die Beine nicht tragen, der wird irgendwie für seine Sünden bestraft. Nein, ganz bestimmt nicht.

Um den Zusammenhang zu erläutern, den Jesus hier feststellt, möchte ich erst einmal etwas zum Begriff Sünde sagen. Das, was die Bibel mit dem Wort Sünde meint, hat nur sehr wenig zu tun mit dem, wie wir heute dieses Wort gebrauchen. In unserem heutigen Sprachgebrauch sieht es ungefähr so aus: Sünde, das ist etwas, was verboten ist, aber weil es Spaß macht, ist es auch nicht so schlimm, wenn man trotzdem sündigt. Kaloriensünder, Parksünder, die kleinen Sünden des Alltags, das sündige Weib… eben, alles, was Spaß macht, aber nicht erlaubt ist. Weil es als unmoralisch gilt oder weil es dick macht. Aber eigentlich… eigentlich ist das alles nicht so schlimm.

Die Bibel meint etwas ganz anderes. Wenn in der Bibel von Sünde die Rede ist, geht es gar nicht um bestimmte Handlungen oder Unterlassungen. Es geht darum, dass die Grundausrichtung des Lebens verkehrt ist.

Wir Menschen sind an sich als offene Wesen gemeint und angelegt. Offen für unsere Mitmenschen, offen für neue, vollkommenere Versionen unser selbst, offen für das, was wir „oben“ nennen, obwohl wir natürlich genau wissen, dass Gott nicht „dort oben“ wohnt. Offen sein, das heißt neugierig sein auf das Leben. Offen sein heißt, vertrauensvoll mit den anderen umgehen. Offen sein heißt, immer die Möglichkeit mit einbeziehen, dass es neue, unerwartete, überraschende Wendungen gibt im Leben, und sich daran zu freuen.

So werden wir geboren. Und so sind wir gemeint. Nun ist das so eine Sache mit dieser Offenheit. Wer so lebt, wird ziemlich rasch die Erfahrung machen, dass seine Offenheit ausgenutzt wird, oder missbraucht wird. Und so machen wir zu. Wir richten uns nicht mehr auf die anderen aus und auf die vielen Möglichkeiten, die das Leben bietet, sondern wir ziehen uns zurück, richten uns auf uns selbst aus, verkrümmen uns in uns selbst, wie Augustinus sagt und in seiner Folge Martin Luther. Statt offen und liebevoll auf unsere Mitmenschen zuzugehen und uns alles von Gott zu erwarten, bleiben wir bei uns, kreisen um uns, um uns selbst als Zentrum – wir werden ego-zentrisch, misstrauisch, ängstlich.

Das ist unvermeidlich. Es ist kein moralischer Makel, den manche haben und manche nicht. Wir alle sind so. Deswegen spricht die Tradition von der Erbsünde. Wir können nicht so sein, wie wir gemeint sind, weil wir in Verhältnisse hineingeboren werden, die es nicht zulassen, dass wir immer und in jeder Gelegenheit offen und liebevoll sind. Das ist nicht unser individuelles Versagen, sondern gehört zum Menschsein in dieser Welt. Das meint das seltsame Wort „Erbsünde“.

Und so verfehlen wir unser Ziel. Wir halten fest an alten Verletzungen, machen uns selbst und den anderen Vorwürfe, ausgesprochene und unausgesprochene, wir bleiben weit unter unseren Möglichkeiten, weil wir nicht herausgehen aus dem Schneckenhaus, weil wir meinen, uns schützen zu müssen.

Das ist die Sünde. Nicht eine einzelne dumme oder böse oder unmoralische Tat, sondern die falsche Ausrichtung unseres Lebens.

Und diese Sünde lähmt. Nicht körperlich. Sie lähmt unsere Liebe. Unsere Kraft. Unsere Initiative. Sie lähmt unsere Fähigkeit, die zu werden, die wir sind. Diese Sünde macht uns unbeweglich, so dass wir in unserem Schneckenhaus sitzen und unseren Nabel betrachten aus Angst, wieder verletzt zu werden. Diese Sünde trennt uns vom Leben, und so stimmt es durchaus, wenn Paulus sagt: Der Tod ist der Sünde Sold, das heißt, die angemessene Entlohnung. Wer nicht lebt, ist tot. Wer sich in sich selbst verkriecht und mehr sich selbst im Sinn hat als die anderen, lebt nicht.

Gottseidank ist das nicht die ganze Wahrheit. Es stimmt zwar, dass wir alle in dieser Weise gelähmt sind. Aber es gibt ja unsere Freundinnen und Freunde, die uns tragen können. Und es gibt die Vergebung.

Vergebung heißt: Du bist nicht festgelegt auf deine alten Verletzungen. Du kannst von vorn anfangen, jeden Tag, jede Minute. Du hast die Wahl: Du kannst aus deinen schlechten Erfahrungen lernen und sagen: nie wieder. Nie wieder wage ich es mit der Liebe, mit der Offenheit.

Oder du kannst sagen: Jetzt erst recht.

Dazu ruft Jesus den Gelähmten. Er sagt: Dir ist vergeben. Deine Vergangenheit bestimmt dich nicht. Du kannst aufstehen und gehen, ja mehr noch: du kannst aufstehen und nach Hause gehen, dorthin, wo du so sein kannst, wie du gemeint bist. Du darfst zu dir selbst kommen.

Jesus zeigt uns, wie wir leben können, im Jetzt, im Augenblick, im ewigen Nun. Nicht festgelegt und gelähmt durch die Vergangenheit, nicht gelähmt durch die Sorge, die Angst vor der Zukunft. Frei können wir sein für die Gegenwart, für den Menschen, den uns das Leben in dieser Minute über den Weg schickt.

Das geht natürlich nicht von jetzt auf gleich. Die Wundergeschichten zeigen uns, wie es sein könnte. Aber sie zeigen uns sozusagen das Ziel eines langen Weges. Denn unsere schlechten Erfahrungen können wir nicht so einfach ablegen. Sie haften uns an, sie verfolgen uns auf Schritt und Tritt und es kostet Mühe und Übung, sie loszulassen.

Deswegen ist es gut, von anderen das Wort zu hören: Dir ist vergeben, steh auf und geh. Die Schriftgelehrten in der Geschichte sagen: Das geht doch nicht. Nur Gott kann vergeben. Und Jesus zeigt ihnen, dass nicht nur Gott vergeben kann, sondern der Menschensohn.

Der Menschensohn. Wir sind es gewohnt, dieses Wort als Beinamen Jesu zu verstehen. So als ob Jesus immer von sich in der dritten Person redete, wenn er vom Menschensohn spricht. Es kann aber auch ganz anders sein. Das hebräische Wort „ben“ oder auf Aramäisch: „bar“ bedeutet zwar tatsächlich „Sohn“. Jeschua ben Josef, Jesus, Sohn des Josef. Aber das Wort heißt noch viel mehr. Das Hebräische denkt vieles in Familienbeziehungen, wo wir gar nicht an Familien denken würden. „Ben“ ist dann so etwas wie eine Gattungsbezeichnung. „Ben Jisrael“, „Sohn Israels“, heißt dann einfach: Israelit, Angehöriger des Volkes Israel. Oder der „Sohn der Fremde“ ist ein Ausländer. Dieses Wort „ben“ heißt also auch einfach „Angehöriger, Zugehöriger zu einer bestimmten Familie oder Gattung“.

Ben Adam, Sohn des Menschen, heißt also eigentlich ganz einfach „Mensch“, ein Angehöriger der Gattung Mensch.

Und wenn wir das jetzt anwenden auf das, was Jesus sagt, dann heißt das: „Damit ihr aber seht, dass der Mensch Vollmacht hat, Sündern zu vergeben auf Erden…“ Sünden zu vergeben wäre dann etwas, was allen Menschen möglich ist und – was allen Menschen aufgetragen ist.

Ja, wir dürfen und wir sollen einander das zusagen: Dir ist vergeben. Du darfst neu anfangen. Steh auf, geh. Nimm dein Bett, dein Krankenlager, nimm das, was dich bindet, heb es auf, nimm es in die Hand und geh. Benutze deine Kraft, benutze deine Liebe. Hab Vertrauen. Lebe.

Und wenn du dabei auf die Nase fällst, wenn du scheiterst, dann lass dich nicht entmutigen und lähmen. Lass das Vergangene los, so gut du kannst, und richte dich aus auf die Gegenwart, auf diesen Moment. Fang neu an. Dir ist vergeben. Geh, beweg dich, sei lebendig.

Da haben wir eine große Aufgabe, wenn wir das ernst nehmen. Uns und andere zu ermutigen, neu anzufangen. Nicht aufzugeben. Zu vertrauen.

Wo dieses Vertrauen wächst, das aus der Vergebung lebt, aus der Ermutigung und aus dem Zuspruch: du kannst es! – wo dieses Vertrauen wächst, da werden Wunder möglich. Wir müssen es uns nur sagen lassen und dann – aufstehen, gehen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder, dem Herrn. Amen.

Licht der Welt

Sonnenaufgang

Foto: Pixabay

 

Wie angekündigt, werde ich hier immer wieder auch ältere Predigten posten. Neulich hatte ich mehrere Taufen zu halten und der Taufspruch eines Täuflings war „Ihr seid das Licht der Welt.“ Ich wollte mal sehen, was ich zu diesem Abschnitt aus der Bergpredigt schon gesagt habe, und siehe da: In den letzten sieben Jahren habe ich dreimal über Matthäs 5, 13 – 16 gepredigt. Ich muss zugeben, ich war selbst ein bisschen erstaunt, dass mir tatsächlich immer wieder etwas Neues zu dem Text eingefallen ist 😉

Ich mache mir den Spaß, alle drei Predigten hier hintereinander einzustellen. Mal sehen, wer einen so langen Atem hat, sie alle zu lesen…

 

 

Zunächst der Bibeltext, dann als Erstes die Predigt vom 2. August 2009:

13 Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten. 14 Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. 15 Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.
16 So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

 

Liebe Gemeinde, kennen Sie den weißen Neger Wumbaba? Nein? Dann erzähle ich Ihnen die Geschichte: Die kleine Annalisa hat im Kindergarten das Lied „Der Mond ist aufgegangen“ gelernt, und im Brustton der Überzeugung singt sie zu Hause ihrer Mutter vor: „… und aus den Wiesen steiget der weiße Neger wunderbar.“ Da sagt die Mutter: „Aber Annalisa, es gibt doch keine weißen Neger.“ Worauf die Kleine, nicht im Geringsten erschüttert, antwortet: „Na, das ist doch grade das Wunderbare.“

Manche Kinder geben dem weißen Neger auch noch den so schön negerhaft klingenden Namen Wumbaba – und so kommt der Titel des Buches von Axel Hacke zustande: „Der weiße Neger Wumbaba“, in dem er eine ganze Menge solcher Verhörer gesammelt hat. Denn so wie es Versprecher gibt, gibt es auch Verhörer. Wenn uns etwas nicht plausibel erscheint, dann hören wir uns das eben zurecht.

Und meine Erfahrung mit vielen Bibeltexten ist die: Wir hören sie uns gern zurecht, weil sie so, wie sie da stehen, irgendwie nicht zu unserer Erfahrung passen. Das ist ganz natürlich und normal, aber es führt in die Irre. Denn es gibt viele Worte in der Bibel, und ganz besonders eine Menge von Worten, die Jesus gesagt hat, die nicht zu unserer Erfahrung passen. Weil sie uns über unsere übliche Erfahrung hinausführen wollen. Weil Jesus uns Dinge zumutet, die quer liegen zu dem, was unter Menschen gilt. Und damit stößt er uns sozusagen mit der Nase auf neue Möglichkeiten, auf neue, bessere Möglichkeiten, unser Leben zu verstehen und zu gestalten.

Unser heutiger Predigttext gehört meiner Erfahrung nach zu den Texten, die gern zurecht- oder besser: zufalschgehört werden. „Ihr seid das Licht der Welt. Ihr seid das Salz der Erde.“ Noch einmal, genau hinhören: „Ihr seid das Licht der Welt. Ihr seid das Salz der Erde.“ Wo liegt der Hörfehler? Es heißt nicht: Ihr müsst das Licht der Welt, das Salz der Erde sein. Es heißt auch nicht: Ihr sollt oder: Eigentlich solltet ihr das Licht der Welt und das Salz der Erde sein. Ihr seid es.

Wenn man sich verhört, hat das seinen Grund. Dass viele Menschen statt dieser klaren Aussage eine Aufforderung hören, hat seinen Grund wahrscheinlich darin, dass viele Menschen von der Kirche nichts anderes gewöhnt sind als ständig moralische Aufforderungen. Christsein, das heißt die Zehn Gebote einhalten – kennen Sie diese Einstellung? Sie ist sehr weit verbreitet, aber sie ist falsch.

Christsein heißt: Sich von Jesus sagen lassen, dass ich ein geliebtes Kind Gottes bin, und zwar so, wie ich bin. Nicht erst dann, wenn ich bestimmten moralischen Mindestanforderungen genüge.

Und hier schließt sich der Kreis. Weil wir diese gute Botschaft haben, deswegen sind wir das Licht der Welt. Also wir sind das Licht der Welt nicht, weil wir so anständig sind und so liebevoll und so reines Herzens. Das sind wir nicht. Na gut, Sie vielleicht. Aber ich jedenfalls nicht, ganz bestimmt nicht. Nicht wegen unserer unvergleichlichen moralischen Qualitäten sind wir Licht der Welt und Salz der Erde. Wenn das so wäre, hätte entweder Jesus sich bös getäuscht oder die Kirche hätte noch böser versagt. Gut, das hat sie ja vielleicht sogar, aber das ist eine andere Geschichte. Wenn die Kirche versagt hat, dann vor allem darin, dass sie diese gute Botschaft oft nicht verstanden und deswegen auch nicht richtig weitergegeben hat. Die gute Botschaft, die heißt: Egal, wie dein Leben verlaufen ist, egal, wie dreckig deine Weste ist, du bist ein geliebtes Kind Gottes. Egal, ob du wie der sogenannte verlorene Sohn im Schweinekoben gelandet bist – du bist ein geliebtes Kind Gottes. Du bist Erbin und Erbe des himmlischen Königreichs Gottes.

 

II.

Ja, aber. Natürlich gibt es auch noch ein Aber. Es ist schon mehrfach angeklungen. So, wie wir uns verhalten, so, wie wir handeln oder oft genug eben nicht handeln, so locken wir keine Menschen an, nicht einmal einen Hund hinter dem Ofen locken wir hervor mit unserer sogenannten Heiligkeit. Jesus sagt ja auch nicht: Eure Handlungen sind das Licht der Welt. Sondern: Ihr seid es. Damit spricht er unser tiefstes Wesen an, unseren innersten Kern, den Teil in uns, wo wir wirklich reine, unschuldige Kinder Gottes sind. Dieser Teil, unser eigentliches, wahres, innerstes Wesen, ist verdunkelt. Eigentlich immer. Aber er ist da, und er ist es, der in uns hört, wie Jesus uns anspricht. Er verhört sich nicht und hört sich nichts zurecht. Es ist die Seite an uns, die sich ansprechen lässt von der Guten Botschaft, und die aufblüht, wenn sie die Worte hört, die Jesus sagt: Du bist ein geliebtes Kind Gottes. Du bist heilig. Du bist gut, und schön, und stark, und Licht der Welt und Salz der Erde.

Weil wir diese Worte hören können, dem weißen Neger Wumbaba zum Trotz, weil wir diese Worte hören können, deshalb sind wir Licht der Welt und Salz der Erde.

Das Licht der Welt sind wir, aber wir haben unser Licht nicht selbst angezündet. Das Licht, das durch uns strahlt, ist die gute Botschaft, die beste Bot­schaft der Welt. Es ist die Botschaft, dass Gott uns gut ist, dass Gott unser Leben trägt, dass Leid und Not und Tod nicht das letzte Wort haben, wie ver­rückt sich diese Welt auch gebärden mag. Es ist die Botschaft, dass der Tod ausgespielt hat, und dass wir deshalb eine Zukunft haben, eine Zukunft jenseits der Beschränkungen dieses Daseins. Und deshalb können wir auch in der Gegenwart froh und gelassen leben.

Wir leuchten nicht aus uns selber. Wir ähneln dem Mond, der sein Licht von der Sonne hat. Er leuchtet auch nicht aus sich selbst, er gibt nur weiter, was er selbst empfängt.

Mir gefällt dieses Bild. Zum einen gibt es mir eine Erklärung, wie Jesus zu uns, zu mir sagen kann: Ihr seid das Licht der Welt. Wo doch in meinem Leben so oft so wenig Strahlendes und Helles ist.

Zum anderen aber: Der Mond hat auch seine Phasen. Manchmal ist er voll und hell, manchmal ist er nur eine schmale Sichel, und manchmal ist er überhaupt nicht zu sehen. Ja, das kenne ich auch von mir: Es gibt Zeiten in meinem Leben, da strahlt Gottes Liebe durch mich hindurch, und andere sehen es und werden angesteckt. Und dann gibt es Zeiten, da ist das Licht wie ausgelöscht, da strahlt nichts, und die Leute fragen sich vielleicht: Was hat er nur?

Und meistens ist es irgendwie dazwischen.

III.

Aber weil ich kein Himmelskörper bin, der ehernen Umlaufgesetzen gehorchen muss, möchte ich das Bild nun wieder ein bisschen verändern. Ich glaube, es ist so: In dem Maß, in dem ich mich selbst dem Licht aussetze, kann ich es weitergeben und weiterstrah­len. In dem Maß, wie ich mir selbst die gute Bot­schaft sagen lasse, geht sie auch durch mich hin­durch. Natürlich ist die gute Botschaft immer da, auch wenn ich selbst sie einmal nicht glauben kann. Und auch wenn es in mir dunkel ist, kann ein Wort, das ich weitersage, einem anderen das Leben hell machen.

Aber um sozusagen in eine vollere Mondphase zu kom­men, ist es als erstes wichtig, dass ich selbst mich dem Licht aussetze. Dass ich die Botschaft höre, dass ich sie verinnerliche, dass ich lerne, darauf zu vertrauen. Dass ich die Botschaft meditiere, immer wiederkäue. Mit anderen Worten: Dass ich mein Leben verändern lasse durch sie, dass ich mich heilen lasse. Jeder Mensch hat da seinen eigenen Weg. Die eine setzt sich hin und meditiert, der andere geht jeden Sonntag in den Gottesdienst, ein dritter liest Bücher oder hört Vorträge und geht auf Seminare. Wichtig ist allein, dass wir uns auf die Bot­schaft einlassen, dass wir uns die Angst nehmen las­sen, dass wir lernen zu vertrauen und loszulassen.

Das ist die erste von den guten Taten, von denen Jesus sagt: die Men­schen werden sie sehen, damit sie – ja, nicht sagen: Ach, wie bist du toll, sondern damit sie unseren Vater im Himmel prei­sen. Da sehen wir schon wieder, dass es nicht darum geht, dass wir besonders gut und toll und lieb sind. Unsere guten Taten tun zuerst uns selbst gut, auch wenn das jetzt ganz ketzerisch klingt.

Es geht bei den guten Taten, von denen Jesus hier spricht, nicht um fromme Leistungen, sondern darum, dass wir uns dem Licht aussetzen, der heilenden Zu­wendung Gottes, dass wir uns gut tun lassen. Das erfor­dert manchmal Konzentration, Übung, ja: Mühe. Es ist nicht leicht, all die Sicherungsmaßnahmen gegen die Liebe loszulassen, die wir um uns herum aufgebaut haben. All die Mechanismen, mit denen wir uns gegen das Leben abschirmen: unsere Ängste, unsere großen und kleinen Neurosen, die sind zäh. Ein Eisblock schmilzt nur langsam, wenn er der Sonne ausgesetzt wird. Aber er schmilzt. So schmel­zen auch unsere Blockaden, wenn wir uns dem Licht der Liebe Gottes aussetzen. Wenn wir uns sagen las­sen: Es ist egal, ob du schön bist oder hässlich, ob du klug bist oder dumm, stark oder schwach. Du bist ein geliebtes Kind Gottes, du darfst sein, wie du bist, du darfst du sein. Und du darfst wachsen, aber das ist erst der zweite Schritt. Zunächst einmal darfst du sein. Ohne Wenn und Aber.

Zum Schluss noch ein Blick auf das andere Bildwort: Ihr seid das Salz der Erde. Es braucht wenig Salz, damit eine Speise schmackhaft wird. Wenige glaubwür­dige Christen haben die Kirche immer wieder davor bewahrt, ganz und gar in Opportunismus, Anpassung und Machtstreben aufzugehen. Und wir selbst müssen keine übermenschlichen Anstrengungen bringen. Das Wenige, was wir geben können, ist genug. Wenn wir es geben. Es ist in Ordnung, auch wenn es wenig ist. Es ist allerdings notwendig, dass es aus dem Salzstreuer rauskommt. Es muss sich auflösen. Die Zeit zum Bei­spiel, die wir einem verzweifelten Nachbarn widmen, ist für uns verloren. Aber sie macht die Welt hel­ler, das Leben würziger. Machen wir uns also keine Sorgen um unser Leben und unsere Wirkung auf die anderen, sondern setzen wir uns der Liebe Gottes aus. Lassen wir es uns sagen, und es wird Wirklich­keit: Ihr seid das Licht der Welt. Ihr seid das Salz der Erde.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

Drei Jahre später, am 14. August 2011:

 

Liebe Gemeinde,

jeder Mensch hat mindestens zwei Paar Augen. Die Augen im Kopf, mit denen wir unsere physische Umgebung wahrnehmen. Und ein Paar Augen, das hinter die Dinge schauen kann. Die Augen der Liebe. Am deutlichsten wird mir das bei einer jungen Mutter. Egal, ob ihr Kind schielt oder abstehende Ohren oder einen schiefen Mund hat – oder ob es beim Baby-Contest einer Boulevardzeitung den ersten Preis gewinnen würde – für die Mutter ist ihr Kind das schönste auf der Welt. Denn sie kann hinter die Fassade schauen. Wenn wir Menschen dieses zweite Paar Augen nicht hätten, dann hätten 95 Prozent aller Menschen keine Chance, jemals einen Partner zu finden – in einer Welt, die immerzu nach Topmodels sucht.

Es gibt einen schönen Spruch, der das zusammenfasst. Er ist leider schon so oft zitiert worden, dass er für viele inzwischen unter die Kategorie „Kitsch“ fällt, aber er ist trotzdem wahr und enthält eine tiefe Weisheit. Vielleicht ahnen Sie es schon. Ich meine die Worte des kleinen Prinzen: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Genau darum geht es. Und in unserer bildersüchtigen Welt, wo und höchst unperfekten Menschen immer und überall Bilder von äußerlich perfekten Menschen entgegenschreien, in dieser Welt ist es umso wichtiger, die Augen des Herzen, die Augen der Liebe zu pflegen. Das Sehen mit den Augen der Liebe zu kultivieren.

Wenn Jesus zu seinen Jüngern sagt: „Ihr seid das Licht der Welt“, dann hat er sie auch mit den Augen der Liebe betrachtet. Die äußeren Augen – was sehen sie? Eine zusammengewürfelte Schar von armen Fischern, Kleinkriminellen, Huren, Desperados, psychisch Auffälligen, Spinnern und Träumern. Keine Elitetruppe, mit der man Staat machen könnte. Keine Ratsversammlung der Weisen und Gebildeten. Ganz normale Menschen mit ihren inneren und äußeren Verwundungen, Menschen wie du und du und ich.

Zu denen sagt er: „Ihr seid das Licht der Welt.“ Und er stellt sie damit auf eine Stufe mit sich selbst, er identifiziert diese ganz normalen Menschen geradezu mit sich. Denn an einer anderen Stelle sagt Jesus von sich: „Ich bin das Licht der Welt.“ Und hier dasselbe zu seinen Jüngerinnen und Jüngern: „Ihr seid das Licht der Welt.“

Damit wir besser verstehen, was das heißt, dieses: „Ihr seid das Licht der Welt“, um das besser zu verstehen, möchte ich erst einen Blick werfen auf das andere Wort, auf das, was Jesus über sich selbst sagt. „Ich bin das Licht der Welt.“

Dieses Wort gehört zu den sieben sogenannten Ich-bin-Worten, die von Jesus überliefert werden. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Ich bin die Auferstehung und das leben. Ich bin die Tür. Ich bin der gute Hirte. Ich bin der Weinstock. Ich bin das Brot des Lebens. Und eben: Ich bin das Licht der Welt.

Ich bin. Wir machen uns das heute gar nicht so bewusst in unserer egozentrischen Welt, was die Menschen damals wohl gehört haben, wenn sich Jesus vor sie hingestellt hat und sagt: „Ich bin.“ Er sagt diese Sätze nicht so dahin. Er zitiert. Er tut etwas, was ziemlich riskant ist, ziemlich anspruchsvoll. Er zitiert den Namen Gottes.

Denn der Gott Israels hat sich dem Mose vorgestellt mit dem Namen: Ich bin. Ich bin der, der ich bin. Ich werde der sein, als der ich mich erweisen werde. Ich bin.

In unserer heutigen Sprache würden wir sagen: Gott stellt sich vor als das Sein selbst.

In diesen Schuh schlüpft Jesus, wenn er sagt: Ich bin. Er sagt es an anderer Stelle ganz ausdrücklich: „Wer mich sieht, sieht den Vater.“ Und die Christen haben diese Aussage aufgegriffen und weitergeführt und sagen: Jesus Christus ist Gottes Sohn, mehr noch: Er ist Gott. In Jesus Christus begegnet uns Gott selbst.

„Ich bin das Licht der Welt.“ Damit geht Jesus zurück bin an den Anfang, bevor Himmel und Erde geschieden waren, das erste Wort, das Gott spricht nach dem großartigen Schöpfungsmythos: „Es werde Licht“. Und es ward Licht. Das Licht der Welt schien auf am Anfang. „Ehe Abraham war, bin ich“, sagt Jesus von sich. Ja, er ist das Wort, das Licht, das Wesen Gottes. In theologischer Sprache: die zweite Person der Gottheit. Gott selbst.

So. Und nun sagt Jesus zu seinen Jüngern: „Ihr seid.“ Ihr seid das Licht der Welt, so wie ich das Licht der Welt bin. Sagt er damit nicht im Grunde: Ihr seid genauso göttlich wie ich?

Ganz genau. Jesus hat uns gelehrt, Gott als unseren Vater anzusprechen. Wir sind Gottes Töchter und Söhne. Und wir haben gelernt, Jesus als Gottes Sohn anzusehen. Wenn wir nun beides zusammenbringen, kommt ganz klar heraus: Wir sind göttlichen Ursprungs. Wir sind Gottes Kinder, wie Jesus Gottes Kind war. Er ist unser älterer Bruder. Und wenn Jesus Gott ist, dann sind auch wir Gott.

Moment mal. Kann man das so sagen? Ist das denn nicht die Ur-Sünde, dass die Menschen sein wollen wie Gott? Ja, in der Tat. Ich würde sogar sagen: Wenn die Menschen sein wollen wie Gott, dann ist das schon die Folge der Ur-Sünde. Denn dann setzen sie schon voraus, dass sie nicht Gott sind, denn sie wollen werden wie Gott. Das ist die Ur-Sünde, dass wir Menschen vergessen haben, dass wir Gott sind, und deshalb versuchen wir alle Mögliche, um zu werden wie Gott. Wir spielen uns auf als kleine Göttlein, wollen bestimmen, wollen Macht und Einfluss, wollen geliebt und verehrt werden, wollen unangreifbar sein, sicher und mächtig. Alles nur, weil wir vergessen haben, dass wir Gott sind.

Jedenfalls, und das ist der wichtige Unterschied, die einzige Bedingung: Jedenfalls mit den Augen der Liebe gesehen, mit den Augen des Herzens gesehen, die hinter die Fassade schauen können, die das Wesentliche sehen. Unser Wesen, das ist göttlich, daran lässt Jesus keinen Zweifel. Unsere Fassade, die ist alles andere als göttlich. Unsere Persönlichkeit, unsere Abwehrmechanismen und Blockaden, unsere Strategien, um uns das Leben vom Leib zu halten, die sind nicht göttlich. Wie schwer tun sich die meisten Menschen schon, ein Kompliment anzunehmen oder eine ehrliche Anerkennung. Sagen Sie mal zu jemandem: „Das hast du wirklich gut gemacht.“ Oder: „Ich mag dich ganz einfach so, wie du bist.“ Dann werden Sie ganz oft eine abwehrende, ausweichende Antwort bekommen. Wir Menschen halten es nicht gut aus, wenn wir etwas Gutes über uns hören.

Dabei stimmt es. Mit den Augen der Liebe gesehen, sind wir alle – du und du und du und ich – wir alle sind gut und schön und stark und vollkommen. Nur müssen wir in unsere Vollkommenheit erst noch hineinwachsen. Und dieses Hineinwachsen, das bedeutet nicht, dass wir etwas dazunehmen müssen, dass wir mehr aus uns machen müssen, im Gegenteil. Es bedeutet, dass wir lernen müssen, wegzulassen, loszulassen. All unsere Selbstzweifel, unsere Abwehr, und all die Strategien, die wir entwickelt haben, weil wir es nicht glauben, dass wir gut und schön uns stark sind. All die Versuche, uns zu dem zu machen, durch Anstrengung und Konkurrenz uns zu dem zu machen, was wir längst sind: geliebte Menschen. Vollkommene Wesen, strahlend in Liebe und Lebendigkeit.

Das ist unsere Ur-Sünde, dass wir das nicht glauben wollen oder können. Und deshalb verstricken wir uns in Versuche, unser Leben zu sichern, unserer Existenz einen Sinn und eine Bedeutung zu geben. Das ist völlig überflüssig. Denn IHR SEID.

Jesus sagt ja nicht: Ihr sollt das Licht der Welt sein. Oder: Wenn ihr tut, was ich euch sage, dann seid ihr das Licht der Welt. Wenn ihr euch anstrengt, wenn ihr geistlich vorankommt, wenn ihr Askese treibt, eure Nächsten liebt, die Gebote haltet, wenn ihr gute Menschen seid – dann seid ihr das Licht der Welt. Nein. Das alles sagt Jesus nicht. Er sagt ganz einfach: Ihr seid es. Punkt. Die Stadt auf dem Berg kann nicht verborgen bleiben. Nicht weil sie so schön herausgeputzt ist, sondern einfach deswegen, weil sie dort oben liegt. Weil ihre Erbauer sie dort oben hingesetzt haben. Selbst wenn sie manchmal lieber unsichtbar wäre, sie kann nicht verborgen bleiben.

Also stellt euer Licht nicht unter den Scheffel. Glaubt es, dass ihr gut seid. Dass ihr geliebt seid. Dass ihr göttlich seid. Glaubt das Evangelium, die gute Botschaft, dass ihr euer Leben nicht selbst machen müsst. Du musst nicht erst jemand werden. Du bist.

Wach auf aus deiner Alltagstrance, die dich davon abhält, dein wahres Wesen zu erkennen.

Und fall dann nicht auf der anderen Seite vom Pferd. Denn das ist vielleicht auch eine Gefahr und ein Grund, weshalb die Aussage: Du bist Gott in der Tradition eher abgelehnt wurde. Wer von sich sagt: Ich bin göttlich, muss immer gleich dazu sagen: Das ist ja gar nichts Besonderes. Denn du und du und du bist es auch. Die Hindus haben eine schöne Geste, wenn sie einander begrüßen. Sie legen die Hände vor dem Herzen zusammen, verneigen sich und sagen: Namasté. Das heißt: Das Göttliche in mir verneigt sich vor dem Göttlichen in dir. Wenn ich mir dessen inne bin, dass auch du göttlich bist, dass du und ich im Grunde, im tiefsten Kern eins sind, dann höre ich auch das Wort von der Nächstenliebe anders und neu: Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du, er ist eins mit dir. Wenn du deinem Nächsten schadest, schadest du der Menschheit und damit dir selbst.

„Ihr seid das Licht der Welt.“ Wer sich das sagen lässt, wer sich selbst und seine Mitmenschen, jeden Einzelnen, als göttlichen Wesens betrachtet, ist ein Licht für diese dunkle Welt. Wer danach lebt, wer sein Licht strahlen lässt und dem Mitmenschen hilft, auch sein Licht zu entdecken und strahlen zu lassen, der wird Dinge tun, die nicht verborgen bleiben können. Die die Leute sehen und dafür den himmlischen Vater preisen, der das Licht in die Welt gesandt hat: Jesus Christus, und dich, und dich, und dich. Ihr seid das Licht der Welt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, dem Licht, unserem Bruder.

Amen.

 

 

Und schleßlich noch einmal drei Jahre später, am 10. August 2014:

 

Liebe Gemeinde,

die Botschaft von Jesus lässt sich ganz einfach zusammenfassen mit einem einzigen Wort: Ja.

Ja, du darfst sein. Ja, du bist geliebt. Ja, du hast ein Recht, die zu sein, die du bist und der zu sein, der du bist. Und dieses Recht kann dir niemand nehmen, denn es kommt direkt von Gott, von dem Ursprung und der Quelle, dem Wesen und Ziel von allem, was ist.

Das heißt nicht, dass alles in Ordnung ist, was du tust. Dass dein Verhalten untadelig wäre. Da gibt es viel zu lernen und zu wachsen und zu tun. Und dazu sagt Jesus ja auch so manches. Aber es heißt, dass dein Recht zu leben, dein Recht zu sein, nicht dadurch verdunkelt wird, dass du etwas Falsches oder Dummes oder Böses tust.

Denn du bist ein Ebenbild Gottes. Du bist sein geliebtes Kind. Du bist nach deinem tiefsten Wesen nichts als Licht und Liebe, so wie Gott nichts ist als Licht und Liebe.

Das ist für uns nicht leicht zu akzeptieren, es ist vielleicht sogar schwer auszuhalten. Denn in uns hausen jede Menge Stimmen, die uns das Gegenteil sagen: Du bist nichts, du taugst nichts, du genügst nicht, du bist schwach, du bist faul, du bist schlecht, du bist böse, und wer bist du eigentlich, dass du dir einbildest, irgendetwas vom Leben zu wollen, wer bist du, dass du meinst, irgendetwas verdient zu haben!

Diese Stimmen kommen natürlich ursprünglich von außen. Aus der Erziehung, aus der Gesellschaft, aus der Schule. Denn so sehr wir uns bemühen, gute Eltern zu sein, es gelingt uns nie ganz. Immer vermitteln wir ungewollt auch die Botschaft: Es genügt nicht. Du bist nicht okay. Und manchmal habe ich den Eindruck, dass wir Menschen für solche niederdrückenden, klein machenden Botschaften besondere Antennen haben. Sie gehen oft viel tiefer als die aufbauenden, liebevollen Worte und Gesten. Warum das so ist, weiß ich nicht. Aber es bleibt wohl eine Tatsache, dass wir Menschen uns meistens nicht als gut und schön uns stark erleben, sondern als minderwertig. Oder, wenn wir das nicht aushalten, blasen wir uns auf und fühlen uns super-gut, super-schön oder super-stark. Und gehen damit auch an der Wirklichkeit vorbei, an der Wirklichkeit dessen, was wir sind.

Damit verdunkeln wir das Licht, das wir sind. Ich stelle mir das so vor: Wir sind dann wie eine Lichtquelle, auf die von außen dunkle Fetzen von Papier geklebt sind. An manchen Stellen kommt das Licht noch durch, dann sind wir liebevoll, freundlich, stark und realistisch. An anderen Stellen wird das Licht zurückgehalten. Da sind wir kalt, lieblos, gemein, unwissend. Und nun stellen Sie sich vor, was weiter passiert, wenn auf so eine Lichtquelle ein dunkler Fleck geklebt wird: An dieser Stelle entsteht ein Schatten. Und so ist es ganz oft mit uns: was wir an uns selbst als problematisch erleben, was wir nicht mögen, wovor wir uns fürchten bei uns selbst, das projizieren wir nach außen. Denn wir fürchten uns davor, uns als schwach zu erleben, als kalt oder lieblos. Denn wenn wir so wären, dann – das haben wir gelernt – dann sind wir nicht liebenswert. Dann werden wir nicht geliebt, sondern abgelehnt. Also projizieren wir: Nicht ich bin kalt, sondern du. Nicht ich bin lieblos, sondern der andere. Nicht ich bin böse, sondern der Feind. Und so kommt es, dass das Dunkel sich ausbreitet.

Aber das alles ändert nichts daran, dass wir im Grunde unseres Wesens Licht und Liebe sind. Noch der schlimmste Verbrecher ist ein Wesen aus Licht uns Liebe, nur ist dieses Licht verdunkelt, die Liebe ist gelähmt.

Und nun kommt Jesus und sagt: Ihr seid das Licht der Welt. Damit spricht er uns in unseren tiefsten Wesen an. Er sagt ja nicht: Ihr müsst das Licht der Welt sein. Oder: Eigentlich könntet ihr das Licht der Welt sein. Nein, er sagt: Ihr seid das Licht der Welt, ihr seid das Salz der Erde. Ihr gebt der Welt Würze und ihr bewahrt sie vor dem Verderben. Starke Worte.

Ja, starke Worte. Wenn wir sie doch nur glauben könnten.

Mit solchen Worten, in dieser Haltung ist Jesus den Menschen begegnet. Mit dieser Haltung hat er sie geheilt, aufgerichtet, getröstet, wieder hereingenommen in die Gemeinschaft. Du bist gesund, sagte er. Du bist geheilt. Und wenn die Lahmen dann ihre Krücken wegwarfen, wenn die Blinden sehen und die Gehörlosen hören konnten, dann sagte er ihnen: Dein Glaube hat dir geholfen. Nicht ich war es, der tolle Wundertäter. Ich habe dir nur gesagt, was deine Wahrheit ist, und du hast daran geglaubt. Das hat dich gesund gemacht.

Und zu anderen sagte Jesus: Deine Schuld ist dir vergeben. Du brauchst dich nicht mehr fesseln zu lassen von der Vergangenheit, von dem, was falsch gelaufen ist. Du brauchst dich nicht mehr lähmen zu lassen von deinen Schuldgefühlen und von dem Urteil deiner Mitmenschen. Steh auf, sei frei, geh!

Und zu Zachäus, dem Oberschurken, mit dem sich niemand an einen Tisch setzen wollte, sagte Jesus: He, ich muss heute bei dir zu Gast sein. Er hielt sich nicht lang damit auf, dem Zachäus die Leviten zu lesen und ihm zu sagen, was der alles falsch gemacht hatte. Er sah in ihm das geliebte Kind Gottes, das im tiefsten Wesen nichts ist als Licht und Liebe. So wie du und du und du und ich.

Und nun kommt das Interessante: Gerade weil Jesus ihn so ohne jeden Vorbehalt ansieht, gerade weil Jesus ihm das zuspricht, was Zachäus in Wirklichkeit ist, nämlich Licht und Liebe – gerade deswegen macht Zachäus in seinem Verhalten eine Kehrtwende. Er gibt zurück, was er anderen abgeluchst hat, und teilt seinen Besitz mit denen, die nichts haben.

So geht das bei Jesus. Deswegen stehen diese Worte am Anfang der Bergpredigt. Die Bergpredigt, das meinen viele, da geht es um steile Forderungen, um den unbedingten Anspruch. Liebe deine Feinde! Und wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. Und macht euch keine Sorgen, sondern trachtet zuerst nach Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit. Und so weiter.

Ja, das stimmt natürlich, all das steht in der Bergpredigt. Aber am Anfang, da stehen keine Forderungen. Da steht der Zuspruch. Die Seligpreisungen. Da heißt es: Glücklich schätzen können sich die, die arm sind vor Gott. Die Leidenden. Die Trauernden. Die sich verzehren nach Gerechtigkeit. Die mit dem reinen Herzen. Glücklich schätzen können sich nicht die, die bei uns als die Glücklichen gelten: die Reichen und Schönen, die von allen beneidet werden.

Glücklich schätzen dürfen sich nach Jesus die, die wissen, wer sie sind, die sich nicht überschätzen und nicht unterschätzen. Die, die wissen, dass sie arm sind. Die, die sich nichts einbilden, sondern ein reines Herz haben. Die Armen und Leidenden, die sich nichts vormachen. Die sind glücklich zu preisen. Und zu denen sagt Jesus: Ihr seid das Licht der Welt.

Und mit ihnen sagt er es zu uns. Auch wenn wir es nicht glauben, auch wenn wir selbst es nicht spüren und nichts davon merken: Wir sind das Licht. In dem, was wir sind. Nicht unbedingt in dem, was wir tun. Du darfst sein, sagt uns Jesus. Du darfst du sein. Du brauchst kein anderer zu sein, sondern sei du. Denn dich hat Gott gemacht als sein Ebenbild, das heißt: Der schöpferische Urgrund des Universums ist in dir zu sich selbst gekommen.

Vielleicht kennen Sie die kleine chassidische Geschichte, in der Rabbi Susja erzählt:

In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: „Warum bist du nicht Mose gewesen?“ Man wird auch nicht fragen: „Warum bist du nicht David gewesen?“

Man wird mich vielmehr fragen: „Warum bist du nicht Susja gewesen?“

Man wird also nicht fragen: „Warum hast du nicht das Maß erreicht, das der größte und gewaltigste Glaubende unserer Religion, der größte und berühmteste König des Volkes gesetzt hat?“ Sondern man wird mich fragen: „Warum hast du nicht das Maß erfüllt, das Gott dir ganz persönlich gesetzt hat? Warum bist du nicht das geworden, was du eigentlich bist?“

Das ist also die eigentliche Aufgabe, die uns durch den Zuspruch von Jesus gestellt wird: Glaube es, dass du Licht bist. Glaube es, dass du du selbst sein darfst. Glaube es, dass Gott dich, und genau dich, meint. Du darfst sein. Du genügst. Du bist okay. Du bist gewollt.

Für die meisten von uns dürfte das eine sehr schwierige Aufgabe sein, das zu glauben. So stark sind die Stimmen, die uns das Gegenteil sagen. Aber genau darum geht es.

Und so ist es wieder einmal beides, wieder einmal ein Paradox: Wir dürfen die sein, die wir sind. Das heißt: Wir dürfen die werden, die wir sind. Und je mehr wir uns dem annähern, je mehr wir verlernen und loslassen, was uns von unserem eigentlichen Wesen abhält, je näher wir uns selbst kommen – desto mehr können  wir auf die anderen zugehen.

Wer zu sich selbst ja sagen kann, der kann viel eher die andere Backe hinhalten als einer, der versucht, das aus Pflichtgefühl und Gehorsam zu tun. Und so können wir auch das Doppelgebot der Liebe verstehen, das höchste Gebot: Liebe Gott, und liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst. Das sagt es ja ganz deutlich: wie dich selbst – wer sich nicht lieben kann, kann auch den Mitmenschen nicht lieben.

Da stellt sich bei uns natürlich so manches auf. Sich selbst lieben, um Gottes willen! Ist die Selbstliebe nicht etwas ganz Schreckliches? Sind Menschen, die nur sich selbst lieben – aha! Da haben wir das Problem. Wir hören bei Selbstliebe ganz leicht: Da liebt jemand nur sich selbst, hält sich für etwas Besseres als die anderen und schaut auf alle anderen herab. Aber genau das ist nicht gemeint. Wer einen anderen liebt, sagt: Schön, dass du da bist. Ich fühle mich wohl in deiner Gegenwart. Übertragen heißt das, wer sich selbst liebt, sagt: Schön, dass ich da bin. Ich fühle mich wohl mit mir selbst. Ein Mensch, der das ehrlichen Herzens sagen und meinen kann, ist ein angenehmer Mensch, der sich nicht verbiegen muss, der sich nicht auf Kosten anderer profilieren muss, der sich nicht dadurch erhöhen muss, dass er andere erniedrigt. Wer sich liebt, braucht andere nicht kleinzumachen. Er kann sich und andere realistisch einschätzen.

Und je mehr wir in diese Selbstannahme hineinwachsen, je mehr wir die sein können, die wir sind, desto mehr können wir loslassen, was ungerecht und ungut ist. So wie Zachäus seine ergaunerten Reichtümer loslassen und abgeben konnte, weil er durch Jesus gelernt hatte, worauf es wirklich ankommt: Dass er sich selbst verstehen lernt als Gottes geliebtes Kind, als gewolltes, erwünschtes Wesen mit einem unendlichen Recht zu sein. Ihr seid das Licht der Welt. Wer das zu begreifen anfängt, dessen Licht strahlt, es kommt hervor unter dem Scheffel. Der wird gute Taten tun, unübersehbar, ohne große Anstrengung. Und die Menschen werden es sehen und den Vater im Himmel preisen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder, dem Licht der Welt. Amen.